Vielschichtige Perspektiven auf KI, Ökologie und gesellschaftliche Verantwortung
„Neue Allianzen zwischen lebendigen und künstlichen Systemen“ im Giersch-Museum
Der Mensch als Teil komplexer ökologischer Gefüge
Die historische Villa des Museums Giersch der Goethe-Universität (MGGU) wird zum Multispezies-Club: einem offenen Zusammenschluss von Menschen, Pflanzen, Tieren, Pilzen, Bakterien und technischen Systemen – verstanden als gleichberechtigte Akteur:innen.

Nadine Kolodziey: „Quelle“, 2023–2025, AR-Installation; © Nadine Kolodziey
In den holzvertäfelten Räumen entsteht ein Ort der Begegnung, der tradierte Machtverhältnisse hinterfragt und neue Formen des Zusammenlebens erprobt. Wie kann eine technologisierte Gesellschaft auf Fürsorge und Teilhabe statt auf Konkurrenz bauen? Diese Frage steht im Zentrum des „Multispezies Members Club“ im Rahmen der World Design Capital 2026. Die interaktive Schau entwirft ein zukunftsweisendes Modell des Zusammenlebens, in dem Menschen, Tiere, Pflanzen und Maschinen gleichberechtigt agieren.
Die Beiträge von Künstler:innen eröffnen vielschichtige Perspektiven auf Künstliche Intelligenz, Ökologie und gesellschaftliche Verantwortung. Wissenschaftler:innen der Goethe-Universität Frankfurt ergänzen das Programm mit Perspektiven aus der KI-Forschung, Bioinformatik, Kunstpädagogik, Anthropologie sowie Erziehungs-, Kultur- und Literaturwissenschaften. „Die Ausstellung verbindet Kunst, Wissenschaft und Nachhaltigkeit und lädt dazu ein, über ein mehr-als-menschliches Zusammenleben nachzudenken sowie die Möglichkeiten und Grenzen algorithmischer Prozesse kritisch zu reflektieren“, sagt Kuratorin Ina Neddermeyer, Direktorin des Giersch-Museums.
Künstlerische Positionen untersuchen, wie sich der Mensch als Teil komplexer ökologischer Gefüge begreifen lässt und wie Fürsorge über Artgrenzen hinweg neu gedacht werden kann. „Technologien wie Künstliche Intelligenz (KI), Blockchain und algorithmische Systeme können diesen Austausch unterstützen, indem sie nichtmenschlichen Akteur:innen erstmals eine Stimme verleihen und demokratische Teilhabe erweitern“, so Neddermeyer weiter. „Gleichzeitig sind diese Technologien ressourcenintensiv und können die Lebensräume gefährden, die sie schützen sollen. KI bleibt zudem menschengemacht und beruht auf programmierten Wahrscheinlichkeiten, während natürliche Kreisläufe in ihrer Komplexität kaum nachahmbar sind“.

Bei der Presseführung erläutert Ina Neddermeyer, wie ein zukunftsweisendes Modell des Zusammenlebens aussehen könnte; Foto: Hans-Bernd Heier
Besucher:innen sind eingeladen, Fürsorge, Kooperation und Teilhabe nicht nur zu betrachten, sondern aktiv mitzuerleben und zu reflektieren, wie Technologie Kommunikation zwischen unterschiedlichen Spezies ermöglichen kann. Gleichzeitig macht die Ausstellung deutlich, dass Technik nicht neutral ist: Sie verbraucht Ressourcen, kann bestehende Machtverhältnisse verstärken und stößt dort an Grenzen, wo natürliche Systeme zu komplex sind, um sie vollständig zu steuern.
Eine zentrale Rolle in der anspruchsvollen Präsentation übernimmt Andreas Greiner, der als Künstler und Kurator arbeitet. Greiner (*1979, Aachen, lebt in Berlin) verbindet in seiner Praxis Kunst, Wissenschaft und ökologische Fragestellungen. Mit lebenden Skulpturen, digitalen Medien und KI untersucht er die Wechselwirkungen von Umwelt, Technologie und Klimawandel.
Seine Werke wurden international gezeigt, unter anderem auf der Yokohama Triennale (2020) und der Vienna Biennale for Change (2021). 2019 erhielt er das Kaiserring-Stipendium, seit 2022 ist er Professor für Medienkunst an der Muthesius Kunsthochschule Kiel.

Anne Duk Hee Jordan: „Clapping Clams“, 2018; Ausstellungsansicht Multispezies Members Club; Foto: Thomas Keydel
Ein Highlight der vielseitigen Schau ist Andreas Greiners neue Installation „Garden Protocol“. Diese verbindet Pflanzen auf dem Balkon, Menschen und technische Systeme über Wasser als gemeinsame Ressource und fungiert als lebendiges Versuchsfeld für neue Formen des Zusammenwirkens von Natur und Technologie.
Greiner agiert dabei sowohl als Künstler wie auch als Mit-Kurator. Im Multispezies Café knüpft er an die Tradition des Salons an und bringt aktuelle Diskurse über Künstliche Intelligenz in den Raum, während im Klangkunstwerk „Conspiracy Theory“ (2023) drei KI-Systeme – „Grok, DeepSeek und Mistral“ – in einen Trialog treten und globale Machtverhältnisse sowie politische und gesellschaftliche Modelle reflektieren.
Weitere künstlerische Positionen hinterfragen die Grenzen zwischen Mensch, Natur und Technologie auf vielfältige Weise: Xenia Snow zeigt mit „Cyber Chimären“ (2025) fiktive Mischwesen aus biologischen und technologischen Systemen; allapopp präsentiert die Installation „Songs of Cyborgeoisie“, in deren Rahmen Computerspiel, Tarotdeck und Soundinstallation zu einer interaktiven Auseinandersetzung mit KI und Robotik einladen. Laleh Khabbazy Oskouei und Farhang Rafiee führen mit „Arih Baji“ (2026) einen Dschinn aus der islamischen Kosmologie in digitale und visuelle Räume ein. Interaktiv ist „Tree and Rockets Truth Gate“ (2026), das Besucher:innen über umgebaute Arcade-Spielautomaten in die Analyse und Korrektur von Online-Inhalten einbindet.

Baltic Raw Org: What do birds tweet about? A Birdtranslator; Installationsansicht 2025; © Goethe Institut Hanoi
In der sich über alle drei Etagen der ehemaligen Holzmann-Villa erstreckenden Schau wird auch der Museumsgarten Teil des Multispezies-Clubs: Mit der Klanginstallation „What do birds tweet about? A Birdtranslator“ (2025, Neukonzeption 2026, Baltic Raw Org) werden Vogelstimmen live erfasst und als eigenständige, nichtmenschliche Stimme in übersetzten Essays erfahrbar.
„Der Convivial Commons Congress“ (2025) von Matthias Einhoff (ZK/U Proxylab) lässt symbolisch nichtmenschliche Akteure wie ein Gewässernetz, einen Regenbaum, eine indische Python, eine Braunkopfmöwe oder einen Perlfleckbuntbarsch an Entscheidungsprozessen teilnehmen und erforscht so neue Formen ökologischer Gerechtigkeit.
Ein vielfältiges Vermittlungsprogramm begleitet das „Ausstellungsprojekt, das eindrucksvoll zeigt, wie wissenschaftliche Forschung und künstlerische Strategien gemeinsam neue Perspektiven auf Technologie, Ökologie und gesellschaftlichen Wandel eröffnen“, so Prof. Dr. Enrico Schleiff, Präsident der Goethe-Universität Frankfurt am Main. „Die enge Zusammenarbeit unserer Einrichtungen – vom C3S über studiumdigitale bis zum Institut für Kunstpädagogik – steht exemplarisch für diesen interdisziplinären Anspruch“..
Die Ausstellung „Multispezies Members Club – Neue Allianzen zwischen lebendigen und künstlichen Systemen“ ist noch bis zum 6. Sept. 2026 im Museum Giersch der Goethe-Universität (MGGU) zu erkunden. Besucher aller Altersgruppen sind zur aktiven Teilhabe eingeladen; weitere Informationen unter: www.mggu.de
Mit dem Preis „Ausgezeichnet Ausgestellt“ würdigt die „Dr. Marschner Stiftung“ eine herausragende kuratorische Leistung. Für 2025 hat die Stiftung die Schau „SOLASTALGIE. Spaziergänge durch veränderte Landschaften“ im MGGU – Museum Giersch der Goethe-Universität (s. Bericht „Beeindruckende Landschaftsbilder im historischen und zeitgenössischen Kontext“ in FeuilletonFrankfurt vom 18. Okt. 2025) mit der mit 25.000 Euro dotierten Auszeichnung geehrt. (hbh)
