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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Die erste Spielzeit von Kay Voges

Gekonnt und klug: Kay Voges krempelt das Schauspiel Köln um.

Von Simone Hamm

Fräulein Else ist in die Sommerfrische gefahren. Da erhält sie einen Brief von ihrer Mutter. Der  Vater sei in Schwierigkeiten, müsse dringend Gelder zurückzahlen. Else solle den Kunsthändler Dorsday um ein Darlehen bitten. Der will ihr die 30.000 Gulden, um die sie bittet, gern geben, knüpft das aber an eine Bedingung. Er wolle Else nackt sehen. Regissuerin Leonie Böhm bleibt nah am Original. Arthur Schnitzlers Novelle ist ein innerer Monolog. Julia Riedler ist Fräulein Else.

„Else“ mit Julia Riedler; Foto: Birgit Hupfeld

Sie liebe diesen Text, so sagt sie, Else sei wie eine Freundin. Sie steht allein auf der Bühne und kämpft mit sich. Wenn sie Dorsday nachgibt, verginge sie vor Scham. Täte sie es nicht, käme der Vater ins Gefängnis. Sie spricht mit Leuten aus dem Publikum. Sie ist verzweifelt, denkt an Suizid. Sie ist tapfer, mutig, widerständig. Für ihr bravouröses 90-minütiges Solo ist Julia Riedler  von den Kritikern von zur Schauspielerin des Jahres gewählt worden und wurde mit dem Nestroy Preis ausgezeichnet. Das Stück wurde zum Theatertreffen nach Berlin gefahren.

Kay Voges hat dieses Stück vom Wiener Volkstheater, an dem er Intendant war, mit nach Köln gebracht. Julia Riedler war Schauspielerin in Köln und verließ nach kurzer Zeit nach einem Skandal die Spielstätte. Wie das so ist: Die mächtigen Männer bleiben und erklimmen dann die nächste Stufe der Karriereleiter. Die jungen Frauen müssen gehen. Da war sie 23 Jahre alt. Jetzt ist sie mit 36 zurück gekehrt. Und spielt kokett auf die Affaire an:Ans Burgtheater hätte ich gehen sollen. Dann hätte ich schon drei Liebhaber und eine Affäre mit dem Direktor.“

„Requiem für eine marode Brücke“, Foto: Birgit Hupfeld

Irgendwie also auch ein Stück für Köln. Solche gibt es viele im Programm. In „Dat Wasser von Hölle is jot“ (von Calle Fuhr) geht es um  alte Mythen und Umweltverschmutzung, In „Requiem für eine marode Brücke“ (von Anna-Sophie Mahler und Viola Köster) um verfehlte Stadtplanung. Es ist eine gekonnte Mischung aus Recherche und Musik.

Viel Politisches gibt es zusehen, die Kölner Bühnen arbeiten mit dem investigativen Medienhaus CORRECTIV  zusammen. „Geheimplan gegen Deutschland, ein Nachspiel“(Regie: Calle Fuhr und Kay Voges). Für Stücke wie „Aufstieg und Fall des Herrn René Benko“ (Von und mit Calle Fuhr) interessiert sich vor allem ein junges Publikum.

„In the meantime. A play across to continents“ von Amineh Arani, Regie Amineh Arani und Stefan Otteni  hätte aktueller nicht sein können. Eine iranische  Frau im Exil versucht mit ihrem Mann in Teheran übers Internet zu kommunizieren.

„Faust“, , Foto: Birgit Hupfeld

Klassiker werden gezeigt, ein sehr statischer, intellektueller Onkel Wanja (Regie: Itay Tiran) und ein „Faust“ (Regie: Kay Voges), beide aus Wien. In diesem „Faust“ lässt Kay Voges die Psychologie außen vor. “Werd‘ ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch! Du bist so schön! ist heute zu einem profanen Selfie verkommen.

Das waren eindrückliche, herausfordernde und doch sehr unterhaltsame Abende.

„Berlin Alexanderplatz“- Ensemble, Foto: © Marcel Urlaub

Es gab aber auch völlig Misslungenes: „Berlin Alexanderplatz“ (Regie und Bühnenadaption: Hermann Schmidt-Rahmer) mit Instragrammkacheln auf, hinter und über der Bühne, mit gleich mehreren Franz Biberkopfs und Frauen, die jedwedem Klischees entsprechen, leider ohne jegliche ironische Distanz.

Begonnen hatte Kay Voges mit einem ganz außergewöhnlichen Abend, der noch lange nachklingt: „Imagine“.

Früher wurde Peter Handkes „Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten“, gern als Auftaktstück zu Beginn einer neuen Intendanz gegeben, um das neue Ensemble vorzustellen. Das Schauspiel Köln begann ebenfalls mit einem Stück, in dem nichts gesagt wurde: „Image mit neunzehn Schauspielern.

Schon der Titel läßt aufhorchen: Wird uns etwas vorgestellt? Oder stellen wir uns etwas vor?

Zwei Kameras fahren in immer gleicher Geschwindigkeit auf einer Schiene im Kreis in einem kleinen Dorf herum: eine Kirche, drei Häuser, riesige Strassenlaternen. Die  Kameras fahren durch die Häuser hindurch, zeigen die Räume auf und hinter der Bühne. Auf zwei Großleinwänden werden die Kamerabilder projiziert. Hyperreale Bilder. Das ist wichtig, denn es gibt viel zu sehen, zu interpretieren. Denn die Geschichte entwickelt sich nicht auf der Bühne, sondern im Kopf der Zuschauer.

Jeder Tag beginnt in einem düsteren Schlafzimmer mit bunt gemusterter Tapete. Ein dicker alter Mann (Andreas Beck) gibt einem Freier (Thomas Dannemann) Geld. Gerade hat der noch zwischen seinen Beinen gehockt.

Oder: Ein Schulmädchen kniet vor einem anderen Mann. Dem Vater? Was auf den ersten Blick an die andere Szene erinnert und wie ein Missbrauch wirkt, löst sich auf. Sie cremt den Hausausschlag des sich ständig kratzenden Mannes ein.

Eine alte Frau (Anke Tillich) sitzt im Sessel und blickt auf die Straße, wenn sie nicht schläft.

Eine Frau (Lawinia Novak) tritt aus einem Häuschen, überquert die Bühne, geht in ein kleines Büro. Immer begleitet von der Kamera. Assoziationen an Edward Hopper, David Lynch kommen auf.

Es gibt drei Wiederholungsschleifen. Dreimal singen the Cure „Alone. This is the end of every song“. Und doch ist die Handlung jedes mal ein kleines bisschen anders. Und das wirft Fragen auf. Ist der grimmig dreinblickende Mann mit dem Messer (Frank Genser) Metzger oder Mörder?

Bei der ersten Kamerafahrt fällt ein Mann (Uwe Schmieder) fällt tot um. Niemand schaut nach ihm. Man geht über ihn hinüber.

Bei der zweiten Kamerafahrt wacht er wieder auf, wird in der Kirche zum Messias gekürt, alle tanzen zu „Alors on dance“ von Stromae (Choreografie: Berit Jentzsch). Die Pilze aus dem Glashaus werden zu magic mushrooms, die Videobilder verzerren sich.

Bei der dritten Kamerafahrt tragen alle Uniformen, Camouflage Kleidung. Die Frau im Büro konnte eine KZ -Aufseherin sein. Jemand wird gefoltert – eine albtraumhafte Horrorszene. Bomben fallen. Krieg.

„Imagine“, Foto: Marcel Urlaub

Die alte Frau (Anke Tillich) spuckt ein Stück Apfel aus und wird zum Schneewittchen. Sie singt „Imagine“ im Gewächshaus, das man vom Zuschauerraum aus nicht sehen kann. Man sieht sie nur auf dem Videoscreen.Damit aber weder Pathos noch Sentimentalität aufkommen, singen zwei Zwerge mit roten Knollnasen mit ihr.

„Imagine“ ist großartig gemacht. Die Zuschauer, die sich gerade noch so wohl fühlten, sehen plötzlich eine Dystopie, dann wieder eine rasant komische Szene. Der Soundtrack ist perfekt. Wie sich da den ganzen Abend über Musik in Musik, Regen in Bombenhagel schiebt, das ist großartig.

Es lohnt sich, „Imagine“ zweimal anzugucken. Vieles wird ganz neu und ganz anders wahrgenommen.

33 Premieren sind für diese erste Spielzeit von Kay Voges angesagt, davon neun vom Volkstheater Wien und vier aus anderen Städten. Ein Rausch an Inszenierungen. 27 davon bis jetzt waren zu sehen. Etliche stehen noch auf dem Spielplan. Sehr oft sind die Vorstellungen des  Schauspiel Köln ausverkauft. Kay Voges ist angekommen.

 

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