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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Artikulierte Stimmen in Bachs h-Moll-Messe in der Alten Oper unter der Leitung von Hans-Christoph Rademann

Schlanker Klang mit erstklassigen Solisten

Anders als die Bach-Passionen, die in der Vor-Osterzeit landauf landab in Kirchen und Konzerthäusern gespielt werden, wirkt die h-Moll-Messe, bedingt durch den lateinischen Text, abstrakter. Das vielstimmige, höchst raffiniert konzipierte Vokalwerk von Johann Sebastian Bach, das von 1724 bis zwei Jahre vor Bachs Tod 1750 entstand, beschäftigt sich mit so existentiellen Themen wie Einsamkeit und Verzweiflung angesichts des Todes Jesu bis hin zur lebensbejahenden Freude. Für Sänger und Sängerinnen wie auch für Instrumentalisten sowohl technisch als auch emotional eine gewaltige Herausforderung. Die Gaechinger Cantorey, das Ensemble der internationalen Bachakademie Stuttgart, führte unter der äußerst kundigen Leitung von Hans-Christoph Rademann die liturgische Messe, die Missa tota, im prall gefüllten Großen Saal der Alten Oper Frankfurt auf.

Eingeladen wurde die Gaechinger Cantorey mit Hans-Christoph Rademann von den Frankfurter Bachkonzerten, Foto: Mart in Forster

Nach seinem Tod wurde das Bachsche Werk zunächst – wenn überhaupt – allenfalls  in Teilen aufgeführt, zu anspruchsvoll galten bis dahin vor allem die Chorteile. Eine komplette Aufführung gelang wohl erst im 19. Jahrhundert. So fand in Frankfurt 1856 die erste öffentliche Gesamtaufführung dieser außergewöhnlichen Vertonung eines katholischen Messtextes des lutherischen Komponisten Bach durch den dortigen – schon 1818 gegründeten Cäcilienverein statt. 2015 schließlich wurde die umfangreiche Originalpartitur der h-Moll-Messe (BWV 232) wegen der darin nachzuvollziehenden außerordentlichen Kompositionskunst Bachs zum UNESCO-Weltkulturerbe ernannt.

Kaum ein anderes Werk der Musikgeschichte besteht aus so heterogenen Einzelteilen wie diese h-Moll-Messe. So wurde der größte Teil der Sätze nicht etwa neu von ihm komponiert, sondern vielmehr aus früheren seiner Vokalwerke neu zusammengestellt, die Bach dann in einem Prozess des Neu-Komponierens auf geniale Weise zu einer außerordentlichen Einheit verschmolz. Gibt es daher die allgemeingültig vorbildliche Interpretation? Vielleicht hat jede einzelne, auch von großen Könnern, individuelle Schwachstellen.

Natürlich ist es nicht so leicht, eine Gesamtarchitektur entstehen zu lassen, in der Tempo, Stil und Charakter der Einzelsätze in gleichem Maße zum Tragen kommen und dabei auch noch ein eigener Interpretationsstil entwickelt wird. Von den historischen Aufnahmen bleibt mir am ehesten die beseelte Aufnahme von Nikolaus Harnoncourts von 1968 erinnerlich. Ebenso schwingt noch die lebendige von John Eliot Gardiner mit dem Monteverdi Choir und den English Baroque Soloists von 1985 nach, vor allem aber die mitreißende von Thomas Hengelbrock mit dem von ihm gegründeten Balthasar-Neumann-Chor und den Solisten des Freiburger Barockorchesters von 1996, die  er während der Pandemie noch einmal in der leeren Hamburger Elbphilharmonie aufnahm.

Und jüngst entdeckte ich die frisch-nervöse und begeisternde Aufnahme des französischen Dirigenten Raphaël Pichon, der im Bach-fernen, katholisch geprägten Frankreich mit seinem Ensemble Pygmalion dort im Lande geradezu einen Bach-Hype auslöste. Natürlich ist es etwas anderes, wenn man ausschließlich mit Profi-Orchestern und Chören arbeitet statt mit musikalisch aus- und -gebildeten Laien…

Hans-Christoph Rademann, Photo: Marco Borggreve

So auch teilweise die renommierte Gaechinger Cantorey, die in dem Sinne kein stehendes Berufsensemble ist, unter dem als Sänger durch den Dresdner Kreuzchor und den Leipziger Thomanerchor geschulten Dirigenten und großen Bach-Spezialisten Hans-Christoph Rademann besonders hervorzuheben. Projektbezogen werden da die Chor- und Orchestermitglieder aus einem festen Stamm von freischaffenden Musikern aus ganz Deutschland besetzt, überwiegend mit Absolventen eines Musikstudiums. Rademanns Ziel ist es auch, ein möglichst „ästhetisches Klangideal der Barockzeit“ zu erreichen und damit Bach möglichst nahe zu kommen, nicht zuletzt, indem die Orchestermusiker auf Originalinstrumenten der Barockzeit oder auf deren Nachbauten spielen.

Phantastisch ist seine Chorarbeit. Erstklassig durchgearbeitet klingen die Chorstimmen wie auch die hervorragenden Solist*innen wie Miriam Feuersinger (Sopran), Magdalene Harer (Sopran), Marie Henriette Reinhold (Alt), Patrick Grahl (Tenor) und Felix Schwandtke (Bass), die in der Frankfurter Aufführung wechselweise ohne jegliches Stargehabe an den Bühnenrand traten oder zurückgingen, um weiter im hervorragenden Chor mitzusingen. Als schwieriger stellte sich das Zusammenspiel von Stimmen und Instrumenten heraus.

Die Komplexität des Bachschen Werkes wurde schon im dreiteiligen Kyrie-Teil mit den drei Sätzen h-Moll, D-Dur und fis-Moll, deren Grundtöne einen h-Moll-Akkord ergeben, hörbar. Nach dem ersten ausladenden Kyrie mit der von ,,Erbarmen“- Seufzern durchdrungenen Fuge folgte das gelöste Duett Christe eleison, das Bach als Arie für zwei Stimmen im Opernstil konzipiert hatte, von Magdalene Harer (Sopran) und sowie Marie Henriette Reinhold mit ihrem warmen Alttimbre innig gesungen. Dennoch wirkte der Einstieg insgesamt nicht rund, auch wenn im Laudamus te Solosopran und Solovioline herrlich miteinander wetteiferten. Vielleicht lag es auch an dem akustisch trockenem Raum, dass sich vor allem im ersten Teil eine beseelte Stimmung nicht recht einstellen wollte.

Oder kam das Spielen auf Originalinstrumenten aus der Barockzeit oder deren Nachbauten an seine Grenzen, auf denen das Internationale Ensemble der Bachakademie musiziert wie etwa auf der Silbermann-Truhenorgel oder auf dem Silbermann-Cembalo, was zweifellos einen speziellen „Sound“ erzeugt und wodurch sich für heutige verwöhnte Ohren nicht immer so mühelos das Nachklingen einstellt. Zwangsläufig entstehen Pausen, weil – vor allem bei den exzellenten Bläsern  – aber auch bei den Streichern nachgestimmt werden muss. So ließen die Unterbrechungen keine fließende Bewegung entstehen, die ein Ganzes ergeben. Aber möglicherweise entfalten die empfindlichen Instrumente im ungedämmten Kirchenraum auch eine andere Aura. Dennoch klangen die subtilen solistischen Einlagen der bravourösen Bratschistin Yoko Tanaka-Tschenderlein oder die des Oboisten Daniel Lanthner äußerst geschmeidig.

Schlussapplaus für den Dirigenten Rademann (Mitte), die Solisten und Solistinnen, Foto: Petra Kammann

Sanft mit Cello und Holzbläsern umspielt, empfand ich die die Arie Benedictus, gesungen vom Tenor Patrick Grahl als sehr gelungen oder auch die Bassarie Quoniam tu solus sanctus (Denn Du allein bist heilig). 

Im Credo, dem Herzstück der Messe in der Mitte der insgesamt fünf Messteile, sang hier der Chor so überzeugend zurückgenommen, fast tonlos und sprachlos machend angesichts der bevorstehenden Kreuzigung, dann das Cruxifixus (Gekreuzigt auch für uns), und schließlich das Et incarnatus est (Und es ist Fleisch geworden) einsetzt.

Jesus, der durch die Geburt der Gottesmutter Maria gleichzeitig Mensch und Gott war, also vom Himmel herabkam, wurde in dieser Dualität in den deutlichen Abwärtsbewegungen des Chors wahrnehmbar. Da aber das irdische Dasein Jesu am Kreuz enden wird, spielen die Violinen zu diesem Zeitpunkt ein Kreuzmotiv, um bereits zu Beginn seiner Menschwerdung auf das unheilvolle Ende hinzuweisen. Schwebend erklang kurz vor dem über zweistündigen Ende dann das berührend gesungene und um Erlösung bittende Agnus Dei … Miserere nobis (Lamm Gottes … erbarme Dich unser )…vor dem trostspendenden Dona nobis pacem, (Gib uns Frieden), das die derzeitigen Hoffnung auf einen wahren Frieden umso ferner erscheinen ließ.

In der Aufführung gab es immer wieder hervorragende und ganz herausragende Passagen. Das Publikum honorierte die Leistung der Musiker inklusive der des Dirigenten zurecht mit großem Applaus. Es fehlte lediglich das Quäntchen innerer Zusammenhalt zwischen Chor und Instrumenten einerseits und eine durchgängig gestaltete Emotionalität, die dem Geheimnis der Inkarnation, der Hoffnung auf ein Jenseits angesichts des Todes stärkeren Ausdruck verliehen hätte. Vielleicht verlangt das auch nach einem gemäßigteren, den jeweiligen Situationen angepasstes Tempo. Die Voraussetzungen sind allemal gegeben.

www.frankfurter-bachkonzerte.de

 

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