Pina Bauschs phänomenale Choreographie „Vollmond“ ist zurück
Vollmond über Wuppertal
Von Simone Hamm
Ein großer Felsen liegt am rechten Bühnenrand. Eine breite Wasserrinne zieht sich längs über die gesamte Bühne. Dunkelheit. Wasser, überall Wasser.
Vollmond – Ein Stück von Pina Bausch. Edd Arnold, Tsai-Chin Yu. Foto Evangelos Rodoulis
Aus dem künstlichen Bach schöpfen die Tänzer Wasser und schütten es über sich. Sie tanzen im Wasser. Eine Tänzerinn mit zieht ihr langes Haar durchs Wasser und schleudert es in weiten Bogen zurück. Tropfen sprühen.
Tänzer und Tänzerinnen gleiten durchs knöcheltiefe Wasser, robben sich durchs Wasser. Sie schwimmen, werfen ihre Oberkörper immer wieder zurück. Ein Mann steht hoch oben auf dem Felsen und schöpft Wasser aus einem Eimer, zieht den Eimer hoch zum Felsen und schüttet das Wasser rüber seinen Kopf. Wieder und wieder.
Vollmond – Ein Stück von Pina Bausch. Tsai-Chin Yu. Foto Agnese Barbarani
Ein anderer springt vom Felsen in die flache Rinne. Dann halten alle Tänzer weiße Eimer in den Händen, heben sie hoch, schütten sie in Fontänen über anderen Tänzern aus. Einzeln springen sie in die Rinne, dann sind alle zusammen im Wasser. Regen fällt. Wie ein Vorhang, silbern schimmernd.
Der Tanz, im Laufen, im Stehen, im Sitzen, im Rasen wird immer wilder.
Dann springt (bei der Uraufführung 2006 wie bei der Wiederaufführung 2026 ) Ditta Miranda Jasjfi in die Höhe, breitet die Arme aus, zieht den Kopf ein und zieht die Knie hoch. Das ist zum ikonographischen Bild aus dem Ballett „Vollmond“ geworden“, das Bild auf dem Filmplakat zu Wim Wenders Film: „Pina – tanzt, tanzt, sonst sind wir verloren“.
Vor zwanzig Jahren wurde Vollmond zum erstmal aufgeführt, choreografiert drei Jahre vor Pina Bauschs Tod. Es ist das erste Mal seit elf Jahren, dass es gezeigt wird. Das grandiose Bühnenbild hat Peter Papst konzipiert. Unterm kühlen Licht, im strömenden Regen spornt Pina Bausch die Tänzerinnen und Tänzer zu Höchstleistungen an.
Der Vollmond macht die Menschen verrückt, leidenschaftlich, irrational. Auf der dunklen Bühne bringen sie ihr Innenleben nach außen. „Vollmond“ das ist Gefahr, das sind tiefe Gefühle. Das ist Liebe, Zärtlichkeit, Verlassen werden, Streit.
Die zwölf Tänzer und Tänzerinnen kommen, gehen schnell wieder ab, wir können Ihnen jeweils nur für Minuten zusehen. Sie tuen ganz Banales, Alltägliches und dann wieder Hochaufregendes:
Eine Frau im schwarzen Pailletenkleid in hohen Schuhen trippelt herein, setzt sich auf eine Stuhl. (Kostüme: Marion Otto) Ein Mann springt sehr elegant auf die Stuhlkante. Aus einem Paar werden drei, die dieselben Bewegungen machen. Die Frauen tragen lange Kleider, neben rot auch aprikotfarben und mohnrot.
Eine verlassene Frau presst sich eine Zitrone auf der Haut aus. Die Soli haben oft etwas Verzweifeltes. Pina Bausch löst das gekonnt auf in witzigen Szenen, kurzen Texten. Eine andere Frau bittet verschiedene Männer, ihren BH ganz schnell zu öffnen. Paare tauschen zärtliche Küsse aus.
Vollmond – Ein Stück von Pina Bausch. Edd Arnold, Emily Castelli. Foto Bastian Hessler
Die Übergänge vom Heiteren ins Traurige, von einem Tanz zum anderen können fließend sein, manchmal auch völlig abrupt.
Der Soundtrack ist großartig. Jun Miyakes „Lilies of the Valley“erinnert an Buena Vista Social Club. „Maria T“ vom Balanescu Quartett ist eine leise und melancholische minimale Musik, aus der Geigenmelodien hervor steigen. Und der düstere Tom Waits singt auch.
Die Tänzer verausgaben sich völlig, geben sich der Musik, dem Wasser, dem Vollmond hin. Springen, trippeln, tanzen, schwimmen, lieben, leiden. Dieser „Vollmond“ hat auch viele Jahre nach seiner Premiere nichts von seiner Zauberkraft verloren.
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