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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Der Magier in der Medienmanege: multivirtuos

Zum Tod des Filmemachers und Autors Alexander Kluge (1932 – 2026)

Von Uwe Kammann

Das offizielle Frankfurt flicht Alexander Kluge in Nachrufen Kränze. Natürlich, Frankfurt spielt im Leben dieses (letzten?) Universal-Gelehrten (besser: -Denkers) eine bedeutende Rolle. Hier studierte er (neben Freiburg und Marburg) eine für ihn typische Kombination von Rechtswissenschaft, Geschichte und Kirchenmusik, hier war er Adorno-Adept, hier lebte seine Schwester und Schauspielerin Alexandra, auch er selbst war zeitweilig in der Mendelssohnstraße Frankfurt-Bewohner. Hier sprach er später an der Universität gelehrt über Poetik und Narrationen, hier fixierte er Filmbilder über den baggerwütigen Wandel im Westend, hier leistete er sein juristisches Referendariat ab, beim das Denken so befügelnden Institut für Sozialforschung.

Alexander Kluge 2010 im Grimme-Institut, Foto: Petra Kammann

Doch all’ das – für sich genommen ein idealer Einstieg in die berühmte Frankfurter Kritische Schule – hatte kaum jene Bedeutung, die mit nichts anderem zu tun hatte als mit ihm selbst; so als ob die Namenverbindung des einstigen mächtigen Feldherrn der Antike mit der Bezeichnung hoher geistiger Fähigkeiten eine elterliche Vorgabe und eine verpflichtende Verheißung war. Wie auch die Firmierung seines ersten Filmunternehmens sicher nicht zufällig auf den günstigsten Augenblick zielt, den es handelnd zu ergreifen gilt: „Kairos-Film“.

Alles, was sich anschloss an die früheren Frankfurter Augenblicke, die auch durch eine Empfehlung/Vermittlung des jungen Kluge an den alten Film-Fahrensmann Fritz Lang durch Adorno ihre eigene fördernde Kraft entwickelten, war von jeder Schablone für eine wissenschaftliche/bürokratische/intellektuelle/künstlerische Karriere denkbar weit entfernt. Kluge erfand sich zigtausendfach neu, mit konsequenter Auf- und Auffächerung aller Wege und Nuancen. Was er der Oper – die er in sich lebte – in einem berühmten Diktum nachsagte, ein „Kraftwerk der Gefühle“ zu sein, das könnte ein Spiegelbegriff seines eigen Seins und Tuns und seiner ganzen Person sein: ein Kraftwerk der Reflexion und menschlicher Schöpfungen. Und zwar aller denkbaren – zumal auch jener, die noch in keinem Denkmuster vorgekommen sind.

Die Anfänge von Kluge: Adornos Haus im Frankfurter Westend im Kettenhofweg, Foto: Petra Kammann

Wer je die Zeit fände, all’ die Erzählungen, Essays, Bücher, Filme, Fernseharbeiten; Interviews, Unternehmenskonzepte zu studieren, der wäre immer wieder überwältigt von diesem Universum an Ideen, Überlegungen, Anschauungen, Beobachtungen und Beschreibungen, auch von diesem Geflecht an Deutungen und Schlussfolgerungen. Kluge, das ist ein sich ausgedehntes/ausdehnendes Gebilde aus kaleidoskopischen Bildern, die sich schneller verändern und zu neuen Formationen zusammenfügen, als man je folgen könnte. Bilder und Gedanken, die er selbst in jedem dritten gesprochenen Satz mit einem ‚Ja!?“ zusammenhält, ein „Ja“, das zugleich mit einem Ausrufezeichen und einem Fragezechen zu enden scheint: Der Alles- und Besserwisser stellt dieses ‚Alles‘ zugleich in Frage und rahmt es in raunende Skepsis ein. Nicht umsonst ist sein Filmtitel „Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos“ zu einer vielfach zitierten veritablen Legende geworden, zu einer Wahrheit, die sich auch in seinen eigenen, stets wachsamen – und oft leicht melancholischen – Augen spiegelt.

Frankfurter Fixpunkt, auch für Kluge: Adornos Schreibtisch als Denkmal auf dem Uni-Campus, Foto: Petra Kammann

Ohnehin, Wahrheit: Das war für Alexander Kluge nie eine Kategorie des Objektiven, des Fest-Stellbaren, sondern immer nur ein Reich des imaginierten Suchens und Findens, bei dem der Fiktion die gleiche Bedeutung zukommen konnte und auch beigemessen wurde wie die vermeintlich realitätsverpflichtete Beschreibung der Geschehnisse. Wobei er für alle Sichtweisen offen war. Das zeigt sich bestens im vor drei Jahren erschienenen Buch „Befreit die Tatsachen von der menschlichen Gleichchgültigkeit“ – ein oszillierendes, changierendes Vierhandspiel mit Stefan Aust, das die Kluge-Methodik formvollendet vor Augen führt. Denn im Gegensatz zur journalistischen Ratio des ehemaligen „Spiegel“-Chefredakteurs entfaltet Kluge Assoziationsketten, zieht Anekdotisches heran, vertraut auf die Überzeugungskraft von Anspielungen und ausgedehnten Zeitbezügen auch dann, wenn es um höchst Gegenwärtiges geht.

Auffällig, dass immer wieder Militärisches eine Rolle spielt. Stalingrad wird zur festen Formel, der innere Fluchtmechanismus eines Pferdes ist dauernder Bezugspunkt eingeschliffener Verhaltensweisen, die Opernlinien von „La Traviata“ gehören zum ehernen Deutungsmuster. Letztlich ist trotz der theoretischen Verfestigungen wie jener in der Buch-Zusammenarbeit und den Interviewfolgen mit dem Soziologen Oskar Negt (Hauptwerke: „Öffentlchkeit und Erfahrung“, „Geschichte und Eigensinn“) die Wahrnehmungsoffenheit eher dem Grundmuster der Verwirbelung verpflichtet; was – pars pro toto – bestens in seiner auch in einer Laudatio bezeugten Nähe zum Künstler Anselm Kiefer zum Ausdruck kommt. „Der mit den Bildern tanzt“, darf die theoretische Annäherung dann heißen, verbal verwandt mit einem anderen Titel:„Ballett der Macht“ (hier kommt wieder Stefan Aust ins Autorenspiel).

Blick in die Tiefe des Treppenhauses im Institut für Sozialforschung mit den Plakaten der Denker der „Frankfurter Schule“, Foto: Petra Kammann

Allein der Blick auf diese Arbeiten könnte schon schwindlig machen. Wie lassen sich dann noch die nahezu fünf Dutzend Spielfilme einordnen, die ja alle auch mit dem Credo vom Tod des Opa-Kinos zu tun haben? Es war ein Abgesang, der seinen verfestigenden Grund im Oberhausener Manifest rebellischer junger Filmemacher  fand, 1962 bei den Oberhausener Kurzfilmtagen verfasst und der Öffentlichkeit entgegengehalten von lauter jungen Männern mit schmalen Krawatten, Kluge prominent postiert.

Und dann kommen ja noch – seit den 80er Jahren – unzählige Filmbeiträge dazu, die für die Kultur-, besser: Kluge-Fenster in den großen privaten Fernsehsendern (RTL, Sat.1, Vox) entstanden sind, produziert von der eigens gegründeten Firma dctp (steht für: development company for television program). „Ten to Eleven“ und „News&Stories“ standen als Titel exemplarisch für das Unterfangen, den in der Entstehungsgeschichte so umstrittenen Sendern am späten Abend Beiboote folgen zu lassen, die ganz anderes im Sinn hatten als die tragende Unterhaltung.

Das Ganze war eine listige Erfindung von Kluge, die er der regierenden SPD in Nordrhein-Westfalen angetragen hatte, damit sie (nach langen Debatten) besseren Gewissens den Privaten die damals notwendigen Sendelizenzen ausstellen konnte. Das mediale Bündnis, zu dem auch der regionale Zeitungsriese WAZ gehörte, wurde auf einem SPD-Kongress in Düsseldorf geschlossen. Sehr zum Missfallen von Kluge wurde das Bild der neuen Kooperation nach außen getragen. Aber sie hatte natürlich auch mit der Losung des damaligen Medienchefs der Sozialdemokraten zu tun, Klaus von Dohnany: „Man muss den Tiger in der Manege reiten“.

Das eingeschmuggelte Fensterunternehmen, zu dem auch „Spiegel TV“ gehörte, wurde vom damaligen RTL-Chef Helmut Thoma bespöttelt und (vergeblich) bekämpft, weil es den spätabendlichen Einschaltquoten erwartungsgemäß nicht zuträglich war. Die auch über eine japanische Werbefirma gut aufgestellte dctp (und damit auch Kluge selbst) konnte sich hingegen freuen, weil über die Verträge feste Werbeeinnahmen gesichert waren: buchstäblich eine Win-Win-Situation, die auch zeigte, welche Raffinesse und welch’ unternehmerisches Können im medialen Tausendsassa Kluge steckten – und wie sich dies mit seinem kulturkritischen Ehrgeiz verbinden ließ.

Wer die Beiträge sah, wird vor allem ihre Machart kaum vergessen: mit (Zwischen-)Titeln und Einblendungen, deren Schriftart und Typologie an den russischen Futurismus erinnerten; alles immer grundiert mit der leicht sanft-rauen, immerzu auch raunend-suggestiven Stimme Kluges, die im deutschen Fernsehen nur einen Gegenpart hatte: die unverkennbare Tonlage des Dokumentarfilmers Georg Stefan Troller.

Allein, gerade die Gesprächsführung war eine vollkommen andere. Während Troller aus seinen Gegenübern etwas bislang Verborgenes herausholen wollte, nahmen Kluges Fragen in den langen Gesprächen (oft am heimischen Küchentisch, oft mit Wissenschaftlern) die möglichen Antworten schon vorweg: indem sie die eigenen Einsichten und Ansichten schon einmodellierten. Und so wurden die an so unerwarteter Stelle zu sehenden Kulturfenster zur Ausweitung seines ganz speziellen Kosmos, mit den bekannten und auch immer wieder überraschenden Facetten, in stets neuen Verbindungen, die im Gesamten aber wieder vertraut wirkten.

Alexander Kluge im Gespräch mit dem Film- und Fernsehregisseur Dominik Graf im Grimme-Institut, Foto: Petra Kammann

Die Besondere Ehrung beim Grimme-Preis wurde 2010 folgerichtig mit Kluge „einem unermüdlichen Sinn-Arbeiter“ zugesprochen,„der mit einer immer wieder neuen Collage von Geschichten, Gesprächen, Bildern, Reflexionen, Anspielungen und Verknüpfungen einen ebenso eigensinnigen wie faszinierenden medialen Kosmos schafft, der als fortwährender Essay zu verstehen ist.“ Weiter hieß es in der Begründung: „Mit seinem tiefgehenden und facettenreichen Verständnis eines lebenslangen – und lustvollen – Lernens wertet Alexander Kluge das von laufender Selbstent­wertung bedrohte Alltagsmedium Fernsehen in überraschender und beglückender Weise auf.“

Sich in diese Fernseharbeiten immer wieder hineinzusehen ist ein Gewinn, so wie es natürlich auch ein ästhetisch-intellektuelles Vergnügen ist, seine in einer Kassette versammelten Filme wiederzusehen. Schon die Titel – nicht nur die viel zitierten wie „In Gefahr und großer Not bringt der Mittelweg den Tod“ oder „Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit“– setzen das neugierige Denken in Gang. Was versteckt sich hinter „Große Reiche muss man leiten wie man kleine Fischlein brät, was hinter „Auf der Suche nach einer praktisch-realistischen Haltung“ ? Wobei diese Fragestellung schon auf das politische Engagement Kluges verweist, das natürlich in einem Film wie „Deutschland im Herbst“ viel direkter aufscheint.

Was kann ein heutiger Medienmacher als einen zentralen Merksatz von Alexander Kluge, diesem unendlich vielseitigen Denker und Macher in vielfältig miteinander verflochtenen Lebens- und Werkebenen, in Leuchtfarbe markieren? Vielleicht diesen hier, zu finden in einem langen Interview, das 2019 Diemut Roether mit ihm für die Publikation „epd medien“ geführt hat und der diesen unergründlichen Schatz an eigensinniger Welterkundung und Weltvermittlung auf den Punkt bringt: „Eine Zielgruppe ist nichts wirkliches.“

Kluge beim Heine-Preis 2014 der Landeshauptstadt im Düsseldorfer Rathaus, Foto: Petra Kammann

Folgerichtig setzte der so listige wie umsichtige Netzwerker – dem immer auch seine juristischen Lehrsätze zugute kamen – allen simplen Marketing-Mustern eine schier überbordende Fülle an gedank­lichen Bezugskräften entgegen und verwandelte sie nachdrücklich und nachhaltig in mediale Wirklichkeiten. „Das vielleicht Erstaunlichste ist dabei“, so heiß es damals in der leicht auf alle Medienformen auszuweitenden Grimme-Begründung, „dass er einem scheinbar festgefügten deutschen Fernseh­system mit wacher Energie und samtig eingekleideter Beharrlichkeit“ eine von ihm selbst organisierte und etablierte „Neben- und Gegen­welt“ abtrotzen konnte.

Ja, es stimmt: eine Neben- und Gegenwelt, basierend auf einem einem schier unerschöpflichen Reichtum an Kenntnissen, Erinnerungsstücken und Nachdenklichkeiten; eine Welt, nein, besser: Welten, die Kluge Zeit seines Lebens in einem unendlichen Strom vermessen, erklärt und gedeutet hat, samt aller Phänomene des Lebens und der menschlichen Möglichkeiten.

Entstanden ist so eine staunenswerte Landkarte der stets offenen Horizonte – eben Kluges Welt. Jetzt, nach 94 Jahren, ist seine Reise zu Ende. Alle Nachfahren können seine Erkundungen für ihre eigenen Wege nutzen.

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