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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Die Welt in einer Tasse Tee

Sri Lanka: Reiche Kultur, pure Natur, Teil V

Text und Fotos: Paulina Heiligenthal

Denn Teeismus ist die Kunst, Schönheit zu verhüllen, um sie zu entdecken, und etwas anzudeuten, was man nicht zu enthüllen wagt. Er ist das feine Geheimnis, leise und doch gründlich über sich selbst zu lachen, und ist somit die gute Laune selbst – das Lächeln der Philosophie. Kakuzo Okakura

Ein Hauch von Morgentau verschleiert die dichten Bergspitzen von Kandy und zaubert eine geheimnisvolle Stimmung hervor. Er breitet sich über den Kandy-See aus, der jetzt milchig wie ein matter Spiegel mutet. Nur Buddha, in meditativer Pose lächelt schimmernd golden von verhangener Höhe. Beim Abschied von der schönsten Königsstadt im kulturellen Dreieck.

Die zarte Blüte der Teepflanze – Camellia sinensis – blüht nur dann, wenn sie sich wohlfühlt

Zur Einstimmung auf das Hochland nehme ich an einer interessanten Führung durch eine traditionelle Tee-Manufaktur aus 1940 teil. Für Einblicke in das Herstellungsverfahren des berühmten Ceylon Tees. Vom Trocknen der Blätter, zur Wärmebehandlung des grünen bis zum Fermentieren des schwarzen Tees. Von der Pflanze bis zur Tasse. Anschließend, in entspannter Atmosphäre wird die Verköstigung von 12 Teesorten zelebriert. Tee in 12 Farben. Vom dunkelrötlichen bis zum hellgoldenen Aufguss. Das Ritual einer Tee-Degustation ist eine Einladung zur Achtsamkeit. Denn Tee ist eine Religion der Lebenskunst meint der bereits erwähnte japanische Gelehrte Okakura. Tee erleuchtet den Verstand, schärft die Sinne, verleiht Leichtigkeit und Energie, sagt das Tee- Lexikon.

Atemberaubende Landschaft aus naturgrünen Teppichen der Teeplantagen – die Höhenlage beeinflusst die Qualität

Ich entscheide mich für den Tee aus den Silberspritzen, den Ceylon Silver Tip. Ihm eilt der Ruf „Champagner der Tees“ voraus. Repräsentiert er doch die pure Reinheit der Natur, spiegelt er doch die Klarheit des Moments wider. Ein feiner weißer Tee von erlesener Qualität. Mit seidiger Textur. Leicht, zart und pur im Geschmack. Hochwertig und selten. Aus handgepflückten, ungeöffneten zarten Blattspitzen der Teepflanze: Camillia sinensis, der chinesischen Kamelie aus den besten Hochlagen Sri Lankas.

Alles beginnt mit einer kleiner grünen Blüte bis zu den schützenden Blättern des Bananenherzens – ein Wunder der Natur – mit einem magischen Inneren

Exotisch sieht sie aus, elegant und anmutig. Die auberginefarbene Bananenblüte. Auch Bananenherz genannt. Sie ist eine kegelförmige dichte Knospe – männlich – mit überlappenden, ineinander geschichteten Deckblättern, die am unteren Ende einer Bananenstaude pendelt. Sie spendet Schatten, schützt vor den Launen des Wetters. Die entfaltete Knospe bietet einen faszinierenden Anblick auf das magische Innenleben. Ein wahres Wunderwerk an filigranen Fruchtansätzen, wie kleine Fackeln. Die reihenweise heranreifenden Mini-Blüten der späteren Bananen.

Bananen gibt es in vielen Farben und mit unterschiedlichem Geschmack

Auf dem weitläufigen Central Market im quirligen Kandy herrscht ein buntes, geschäftiges Treiben in authentischer Atmosphäre. Ein visuelles Lustwandeln entlang üppig bestückter Marktstände mit köstlichem Obst und lokalem Gemüse. Ein Erlebnis für alle Sinne. Mitunter wird die Ware nicht nur angeboten, sondern lauthals angepriesen. Bekanntes und weniger Bekanntes. Wir kosten butterweiche Butterbananen, doppelt so groß wie die erfrischenden Limone-Bananen. Insgesamt gibt es mehr als 14 verschiedene Sorten. Von goldgelb über grün bis zu roten Bananen. Letztere sehen exotisch aus, kosten mehr und leisten mehr. Stimulieren sie doch die Potenz.

Das magische Innenleben einer Bananenblüte

Bananenschalen sind wahre Tausendsassas: Man kann sie als nährstoffreicher Kaliumdünger für Pflanzen verwenden. Als natürliche Pflege von Leder wie Schuhen, Taschen etc. Als Hausmittel gegen Insektenstiche. Silber wird die Oxidation genommen, es lässt sich anschließend hochpolieren. Bananenessig lässt sich aus Bio-Schalen herstellen.

Eine Delikatesse sind die leicht herb schmeckenden gebratenen Bananenblütenblätter, deren Geschmack einer gerösteten Radicchio ähnelt. Sie sind eine Quelle von Antioxidantien. Jetzt nur noch eine Prise Chili für den antibakteriellen Effekt und für Endorphine. Für Glückshormone.

Der Bahnhof von Kandy ist im viktorianischen Art-Deco-Stil erbaut – am 15. April 1867 wurde das letzte Gleis verlegt

Mit Limone-Bananen in der Tasche für Energie unterwegs, trete ich eine Fahrt ins Grüne an. Von der reichen Kultur in die pure Natur. Vom Kandys Bahnhof im viktorianischen Art- Deco Stil ins zentrale Hochland nach Badulla. Von Gleis zwei. Dies zeigt der manuell betriebene Fahrplan an. Eine höchst originelle Holztafel aus vergangenen Zeiten. Auch wenn es längst ein Online-Portal gibt.

Es herrscht ein reges Treiben auf dem Bahnhofsgelände: erwartungsvolle Kindergesichter und entspannte Erwachsenengesichter, ein Riesenschwarm von taschenschleppenden Ankommenden, ein Mönch im orangefarbenen Gewand. Eine pfeifende Dampflokomotive, die rhythmisch seufzend davon fährt.

Eine fröhliche Kinderschar jubelt bei jeder Durchfahrt eines Tunnels

Und dann passiert „unser“ Zug die Einfahrweiche und fährt nahezu pünktlich in den Bahnhof ein. Für eine poetische Reise in die Tee Berge. Der legendäre blaue Zug Podi Menike etwa? Kleines Mädchen in der Übersetzung. Oder doch eher der blau-rot gestreifte Zug Udarata Menike, das Bergland Mädchen? Das fröhlich bemützte Mädchen aus der Kinderschar springt als Erstes jubelnd und voller ansteckender Ausgelassenheit ins Abteil. Bei jeder Durchfahrt der vielen dunklen Tunnel jauchzt es und mit ihr die ganze Kinderschar stimmgewaltig vor Aufregung. Bis alle den Himmel wieder sehen können. Auf der schwierigsten Strecke für Zugführer. Im Udarata Menike-Express Zug, der am 23. April 1956 seine Jungfernfahrt antrat.

Der blaue Zug fährt von Gleis 2 nach Badulla zeigt der übersichtliche Fahrplan an

Die Zugstrecke von Kandy nach Badulla, Hauptstadt der Provinz Uva erstreckt sich über ca. 170 km. Eine Ankunftszeit vermerkt die Holztafel nicht. Denn „der Weg ist das Ziel“ wusste schon Konfuzius. Das Wesentliche findet sich im Erleben und Entdecken unterwegs.

Ein Novum ist das Reisen in der dritten Klasse. In der Holzklasse. Inmitten von Einheimischen. Mit Blickkontakt und einem Lächeln. Nur, dass es dort keine Holzbänke gibt. Auch keine überflüssigen Klimageräte wie in der ersten Klasse. Hier kann man die großen Panoramafenster öffnen, um die prächtigen Plantagen fotografisch festzuhalten. Oder, um mutig vom sehr begehrten Stehplatz aus der Tür hängend zu fotografieren. Für Abenteurer*Innen der Reise Nostalgie trifft Exotik.

Die 1858 gegründete Ceylon Government Railway, jetzt Sri Lanka Railways, gab im August 1867 das Startsignal für den Personenverkehr auf der Bahnstrecke Colombo – Kandy. Als Teil der sogenannten „Main Line“. Ein Vermächtnis der britischen Kolonialmacht. Primär für den effizienten Transport von Erzeugnissen wie Kaffee, später Tee aus den Plantagen des Berglands in den Hafen von Colombo. Für den europäischen Markt.

Der blumengeschmückte Bahnhof von Takawalele – einer von 172 größeren Stationen im Schienennetz

Die Spurweite des Schienennetzes ist der indischen Breitspur von 1676 mm, einer der weitesten Breitspuren weltweit, zu Grunde gelegt. Ideal für Stabilität und Sicherheit auf den kurvenreichen, größtenteils eingleisigen Streckenabschnitten ins zentrale Hochland. Hier schnauft sich der gut gewartete Zug gemächlich nach oben. Naturnah. Über imperiale Schienen in spektakulärer, spiralförmiger Streckenführung. Steilen Berghängen, großen Höhenunterschieden, zahlreichen Tunneln und engen Serpentinen überwindend bergauf.

Teepflückerinnen bewohnen zwei Zimmer mit ihren Familien in dieser barackenähnlichen Anlage

Einst gehörte der Inselstaat zu den größten Kaffee-Produzenten der Welt. Um 1860. Ein Kaffeeland – initiiert von den Niederländern – das dem Teeland fast ein halbes Jahrhundert vorausging. Bis der in Monokultur angebaute Kaffee durch einen Rostpilzbefall vollständig vernichtet wurde. Ein wirtschaftliches Desaster.

Blick in den Teeherstellungsprozess

1867 gelang es dem Schotten James Taylor die ersten Teepflanzen aus China zu kultivieren, um 5 Jahre später die erste Teefabrik Sri Lankas nahe Kandy zu eröffnen. Ein geglücktes Experiment. Dank der idealen klimatischen Bedingungen eines warmen, wolkenreichen Hochlands mit kühlen Nächten. In Zusammenarbeit mit dem schottischen Unternehmer Thomas Lipton wurden große Plantagen erworben und großflächig angelegt. Das Modell „ Vom Teegarten in die Teetasse“ entpuppte sich als revolutionär. Und nachhaltig. Also rekrutierten britische Kolonialherren an die 700.000 Teepflückerinnen und Arbeiter aus Tamil Nadu, Süd-Indien. Als vertragsgebundene Arbeitskräfte.

Eine Freundschaft ist wie eine Tasse Tee. Sie muss klar und durchscheinend sein, und man muss auf den Grund schauen können – Aus China

Die vielversprechenden Verträge bedeuteten de facto eine intensive Ausbeutung unter sklavenähnlichen Bedingungen. Isoliert von der Außenwelt in einer Behausung des sogenannten Line-Room Systems. In ärmlichen Reihen-Baracken. Eine marginalisierte Gruppe mit wenig Rechten und völlig abhängig von den Plantagebesitzern. Über Jahrzehnte hinweg waren sie staatenlos und als „vorübergehende Einwanderer“ eingestuft. Vielfach ohne Geburtsurkunde. Dies verwehrte ihnen der Zugang zu Bildung, Gesundheitsversorgung und Eigentumsrechten. Noch heute werden sie als „indische Tamilen“ bezeichnet. Im Gegensatz zu den Sri Lanka-Tamilen, die sich 200 v. Chr. im Norden der Insel ansiedelten.

Sachkundig führt die charmante Gastgeberin durch die Teemanufaktur von Kandy

Die meisten Teepflückerinnen sind gezwungen, die hohen Quoten von 18 bis 20 kg täglich in knochenharter Arbeit zu leisten. Also setzen bunte Saris weiter Tupfen ins satte Grün, um „Zwei Blätter, eine Knospe“ zu ernten. Für einen Mindestlohn, der zum Überleben kaum reicht. Die deutsche Caritas, im Rahmen der Misereor-Fastenaktion 2025 sowie internationale und VN nahe Menschenrechtsorganisationen machen auf ihre desolate Situation aufmerksam, indem sie Projekte zur Selbsthilfe in den Siedlungen entwickeln. Immer mit der Wahrnehmung der Rechte der Pflücker*Innen im Fokus.

Welch ein überwältigendes Grün im Herzen der Insel

Jenseits von Kandys Mittelgebirge fährt der Zug durch ein gefächertes Grün des Dschungels in tropischer Vegetation von Bananenstauden, Farnen, Palmenhainen. Um in höheren Lagen an tiefen Schluchten, Wasserfällen, gezackten Wolkenwäldern mit Eukalyptus und Kiefern vorbei in endlose Teeplantagen überzugehen. In harmonischer Landschaftsgestaltung mit skulptural geschwungenen Linien schmiegen sie sich den Steilhängen an. Den natürlichen Konturen der Hügel des Hochlands folgend.

Eine Teepflanze kann erst nach drei Jahren geerntet werden und wird nach nur zehn Jahren ersetzt

Hohe Schattenbäume schützen vor intensiver Sonneneinstrahlung. Nebelschwaden quellen aus dem Nichts empor, umhüllen die Baumspitzen wie weiße Schleier und lösen sich wieder auf. Es scheint, als würde der Zug am Rande der Welt fahren, die Zeit und Atem anhält. Und sprachlos macht. Vor lauter atemberaubenden Einblicken in die pure Schönheit der Natur, die mit grandiosen Panoramen für Augen und Seele aufwartet. Und ein grünes Gedicht schreibt – fast 5 Stunden lang. Auf einer der schönsten Eisenbahnstrecken der Welt.

Stadt in den Wolken ist die liebevolle Bezeichnung für Nuwara Eliya im Hochland auf 2000 m Höhe

Nuwara Eliya bedeutet „Stadt des Lichts“. Wegen ihrer Lage auf 1900 m über Meereshöhe wird sie auch „Stadt über den Wolkengenannt. Eine Kleinstadt mit Grandeur, eingebettet in bildhübscher Berglandschaft, oft von Nebeln umhüllt. Sie ist das Herz des Teeanbaugebietes mit dem Ceylon- Tee der besten Qualität, der „High Grown Tea“, der langsamer wächst und komplexere Aromen entwickelt.

Entdeckt wurde der fruchtbare Ort vom britischen Naturforscher, Schriftsteller, Ingenieur und Großwildjäger Sir Samuel Baker, Mitte des 19. Jahrhunderts. Zunächst kultivierte er die Erde in luftiger Höhe für eine kleine, gepflegte landwirtschaftliche Siedlung. Die kühlen Durchschnittstemperaturen von 16° mit Nebel und Niederschlag kamen dem britischen Naturell entgegen. Sie erlaubten den Anbau von Erzeugnissen wie Kartoffeln, Kohl und Äpfel aus der Heimat, die prächtig auf den Äckern des Tropenlandes gediehen.

Typisch britsch – die Architektur und das Regenwetter in Little England

Aufgrund seiner veröffentlichten Bücher wurden britische Emigranten in die idyllische Berglandschaft angelockt. Viktorianische Villen, Sommerresidenzen, Gästehäuser und Grand Hotels im Kolonialstil entstanden an den Wolkenhängen. Dem Himmel nah. Ein 18-Loch-Golfplatz, einer der schönsten Asiens, eine Pferderennbahn als höchstgelegene weltweit, sowie ein bezaubernder, botanischer Victoria Garten wurden angelegt. Eine malerische Oase. Eine britische Enklave. Ein edler, legendärer Luftkur- und Lifestyle Ort mit exklusiven Clubs für die damalige britische High Society, der bald den dritten Namen „Little England“ erhielt. Heutzutage tummeln sich Colombos Upper Class und Hochzeitspärchen mit gehobenem Anspruch in Nuwara Eliya. Für eine einmalige Reise zurück in die viktorianische Vergangenheit.

Am Tag als der Monsunregen im Yala-National-Park kam, malte die Landschaft ein einmaliges Bild

Wegen der Wettbegeisterung der Einheimischen musste das Hippodrom als solches geschlossen und in ein Kricketfeld für Mädchen, den beliebtesten Sport des Landes, umgestaltet werden.

Am Tag, als der Regen kam, brachen wir zur unüblich frühen Morgenstunde um 5.30 Uhr auf, um den ältesten Yala National Parkim Süd-Osten des Landes per Jeep zu erkunden. Das Gebiet nahe der Stadt Tissamaharama – im Küstenbereich des ehemaligen Königreichs Ruhuna – war bereits im 2. Jahrhundert v. Chr. von buddhistischen Mönchen bewohnt, die sich als „Beschützer von Mensch und Tier“ erklärten.

Der Yatala-Stupa war der erste und einzige Stupa in Ruhana, der von einer Elefantenmauer eingefasst ist. Er wurde von König Mahanaga im 3 Jh. v. Chr. zu Ehren seines erstgeborenen Sohnes errichtet. Leider konnte das buddhistisch-ethische Ideal nicht verhindern, dass die Kolonialmacht durch exzessive Groß Jagd und massive Abholzung, den Tier- und Baumbestand der Insel dermaßen drastisch dezimierte, dass sich der britische Waldschützer Colonel Clark 1889 gezwungen sah, bei seiner Regierung zu intervenieren. Erst mehr als 10 Jahre später wurde der Yala-Park, zusammen mit dem Wilpattu-Nationalpark als schützenswert eingestuft. Zutritt zum Park hat man nur per Jeep mit lizenzierten Führern. Zum Tagesanbruch und in der Abenddämmerung.

Die Yahara-Stupa – vor über 2.000 Jahren von König Mahanaga von Ruhuna errichtet – ist eine der ältesten archäologischen Stätten in Süd-Ost Sri Lanka

Der offiziell 1938 gegründete Yala-Park erstreckt sich über eine Fläche von über 125.000 Hektar. Dies entspricht 125 km². Er gehört zum größten Schutzgebiet des Landes, der berühmt ist für seine hohe Leopardendichte mit einer Population von über 200 Individuen. Wenn sich die scheuen schönen Großkatzen denn mal blicken lassen.

Der Binderwaran badet in der Sonne von Galle – der Karnivore kann bis zu 3 Meter lang werden

Die äußeren Bereiche der Naturlandschaft werden von Monsunwäldern, Buschvegetation, Lagunen- und Sumpfflächen mit einer lebhaften Vogelpopulation von Pelikanen, Ibissen, Reihern, Störchen und Kormoranen dominiert. Fischadler schweben schon zur frühen Morgenstunde in den Lüften. Stolze blaue Pfaue halten aus den höchsten Baumwipfeln Ausschau oder picken an den Brackwässern. Wie auch das Gelbkammhuhn. Der schöne, elegante grüne Bienenfresser, trivial Smaragdspint genannt, schillert im grün-türkisfarbenen Fiederkleid auf Sichthöhe im Baumbereich. Perfekt der Umgebung angepasst. Perfekt posierend. Seine Kopfbedeckung ist rot-braun, die Augen rot, der Schnabel schwarz, lang und spitz.

Am Größenspornkuckuck perlt alles an Niederschlag ab.

Von den Krokodilen in der Lagune ist nur der geschuppte, widerstandsfähige Rückenbereich sichtbar. Ein knöcherner Panzer, nahezu unverändert seit Dinos-Zeiten.

Und dann sind da Herden von Wasserbüffeln unterwegs. Sie besitzen keine Schweißdrüsen und scheuen daher den Regen nicht, der wie ein Vorhang aus dem Himmel auf sie niederprasselt. Auch die wunderschöne Großfamilie der Axishirsche mit den Polka-Dots lässt sich vom Grasen im Fußbad nicht abhalten. Etwas später auch die Schakale nicht, die im Doppelpack auftreten. Um rasch wieder zu verschwinden.

Die schönen gepunkteten Rehe sind bekannt für ihre gesellige Lebensweise

Da das Wetter im Laufe der Jeep-Safari an Feuchtigkeit zulegt, gibt es kein Frühstückspicknick am Strand. Die Küstenregion mit dem goldenen Sand lässt sich nur noch erahnen. Auch die Fahrwege zurück zum Ausgangsbereich drohen zu verschwinden. Für den Fahrer ist jetzt geschicktes Manövrieren angesagt. Das Wasser mäandert durch die terrakotta-farbene Erde und malt ein prächtiges Gemälde. Ein Original mit organischer Struktur.

Der Monsunregen lässt die Natur leuchten und wechselt sich meistens mit sonnigen Morgenstunden ab

Die Nachmittags-Safari fällt wegen des sintflutartigen Regens, eines heranrasenden Monsuns, wortwörtlich ins Wasser.

Der Strand von Mirissa wirkt verlassen, melancholisch. Auch rau und ursprünglich. Das Meer ist aufgewühlt, die Luft ist grau. Der Tropensturm Ditwah hat Strandfrüchte wie Kokosnüsse, Palmwedel, Blüten des Fischgiftbaumes – Sea Poison Fruit oder Mudilla –und anderes strukturiertes Naturmaterial an den Spülsaum abgelagert. Ein nicht zu unterschätzender Lebensraum für sandliebende, salztolerante Pflanzen und Gräser.

Am endlosen Strand sind nur einheimische Fischer zu sehen

Auch Pandanus – Schraubenbäume entwickeln sich aus diesem „Strandgut“. Und Fischgift- oder Putatbäume, die sich in Küstennähe wohl fühlen und eine beachtliche Höhe von bis zu  25 Metern erreichen können. Auffällig sind ihre birnenförmigen Blüten, die während der Dunkelheit ihre volle Schönheit entfalten. Ein filigranes Kunstwerk, aufgefächert wie ein Malerpinsel, das einen magischen Duft verströmt. In den Samen befindet sich die Substanz Saponin, die pulverisiert ins Meereswasser gestreut, kurzzeitig die Fische narkotisiert. Zur Optimierung des Fischfangs für die Fischer, deren Ausleger–Boote hoffnungsvolle Namen wie Tomorrow Land oder Freedom tragen.

Wellen und Winde agieren hier als botanische Akteure am Meeresstrand. Surfer üben ihre ersten Wellenritte im wilden Wasser.

Ein Fels in der Brandung wartet auf ein sich besänftigendes Meerwasser

Eine weltweit einzigartige Fangmethode praktizieren die berühmten Stelzenfischer von Sri Lanka. Entlang des 30 km langen südlichen Küstenabschnitts, zwischen Koggala und Weligama, harren Fischer auf unbequemen Holzgestellen aus. Bewegungslos. Stundenlang. Um Sardinen und Makrelen bei auflaufender Flut zu angeln. Ein Balanceakt, der viel Geschick erfordert. Die Stelzenkonstruktion – ritipana – wurde nach entbehrungsreichen Jahren des Zweiten Weltkrieges heraus geboren.

Ein Holzpfahl wird einen halben Meter tief in das Korallenriff getrieben und ragt 3-4 Meter aus dem Wasser heraus. Eine Querholme Petta dient dem Fischer als schmaler Sitzplatz. Seine linke Hand umarmt den Pfosten, während die rechte Hand den Angel im Wasser hält. Anglerlatein? Im Morgen- und im Mondlicht sind die meisten Fischschwärme unterwegs. Dann geben die Stelzenfischer in glitzernder Brandung fantastische Fotomotive ab. Zum Beispiel auf einem älteren 20-Rupien- Geldschein.

Die Stelzenfiischerei ist harte Arbeit – sie mutet archaisch an

Mittlerweile inszenieren sie ihre Arbeit als Fotomodell in Sachen Fischerromantik. Eine lukrative Geschäftsidee. Mit Hilfe verlangen sie Geld von Touristen für Fotoaufnahmen. Beißen diese doch eher an als kleine Fische. Doch Achtung: Vorher ist Verhandeln angesagt. Das klassische Missverständnis sollte man ausschließen. Unser Kopfschütteln von links nach rechts, ein eindeutiges Nein, bedeutet in Sri Lanka ein klares Ja! Eine Zustimmung, die ein warmes Lächeln entlockt.

Löst die Pracht der wiegenden Palmen bei Reisenden Exotik aus, für Einheimischen ist die Palme der Baum des Lebens oder „Kapruka“ der himmlische Baum. Palmen sind das Maß aller Dinge. Sie bestimmen die Höhe der umliegenden Architektur und spenden alles Lebensnotwendige. Sie sind ein mineralstoffreiches Grundnahrungsmittel mannigfaltiger Produkte. Von Kokosmilch, Kokosöl und Flocken für das traditionelle Sambol, bis Palmzucker – Jaggery – mit dem karamellartigen Geschmack. Über Blütensaft für „Toddy“, der fermentiert ein alkoholisches Getränk ergibt oder destilliert zu Arak wird.

Kokos wird sowohl in der Medizin als auch in der Kosmetik eingesetzt. Es lassen sich Matten, Tau und Bürsten daraus herstellen. Auch Möbel wie Betten. Reste sind brauchbares Brennmaterial. Die Kokospalme ist verwendbar von der Wurzel bis zum Wedel. Eine nachhaltige lokale Ressource, die sich ganzjährig ernten lässt. Mit einer tiefverwurzelten Symbolik in der Kultur. Landschaftsprägend in der Natur und an der Küste. Hier säumen Palmenhaine einsame Buchte und Traumstrände. Und schützen vor Sonne und Erosion.

„Ein kleines Reisfeld, ein Wasserbüffel und einige gute Kokospalmen. Das ist alles, was man zum Leben braucht.“, besagt ein sri-lankisches Sprichwort.

Ein historisches Juwel ist die Stadt Galle an der Südküste des Landes. Sie vereint Geschichte, Kultur und koloniale Architektur mit tropischer Lebensfreude. In einem magischen Spiel, in der atmosphärischen Altstadt, die erhaben auf einer ins Meer ragenden Landzunge liegt. Basierend auf einem Erdwall, der ursprünglich 1588 von Portugiesen angelegt wurde.

Teil der Festungsanlage – Dutch Fort – ein erhaltendswertes Kulturgut

Als diese 1649 kapitulierten, baute die niederländische Kolonialmacht den Wall eindrucksvoll zur größten europäischen Festigung in Südostasien aus. Zum Schutz der Seeseite. In Form einer sternförmigen Anlage mit 14 Bastionen aus massivem Korallen- und Granitgestein: das Galle Fort. Ein Paradebeispiel  altniederländischer Befestigungskunst, die Ähnlichkeit mit der gut erhaltenen Naarden-Vesting/Niederlande aus dem 14. Jahrhundert aufweist. Seit 1988 ist das Galle Fort ein schützenswertes UNESCO-Weltkulturerbe.

Wie aus mehreren antiken Schriften hervorgeht, war Galla Fels auf Singhalesisch – bereits vor über 2.000 Jahren ein bedeutender Handelsplatz. Wohlhabend und kosmopolitisch. Hier begegnete sich die Welt: Arabische Seefahrer vom Roten Meer, Händler vom Persischen Golf trafen auf Malaien des Sunda-Archipels und auf Chinesen aus dem fernen Osten. Griechen und Römer priesen die klimatisch und topografisch günstige Lage und steuerten das prächtige Hafenbecken für ihren Zimthandel an. Oder waren es etwa Gold und Edelsteine? Das östlich gelegene Tarsis, die sagenreiche Stadt aus den Schriften der alten Phönizier und Hebräer, kann nur die Felsenspitze „Punto Galla“ gewesen sein.

Zimt, dessen Wurzeln des englischen Namens Cinnamon im Hebräischen Ki-na-mo liegen, wurde bereits 1400 v. Chr. aus Sri Lanka exportiert.

König Salomon, Sohn Davids, der während einer goldenen Ära des Wohlstands und des Friedens regierte, soll Gewürze, Elfenbein und Edelsteine, Pfauen, exotische Tiere und andere hochwertige Güter aus dem antiken Seehafen von Tarshish/Tarsis importiert haben. Huldigte er doch dem Luxus und schwelgte er in Sinnlichkeit zu 700 ehelichen Frauen (Fürstinnen) und 300 verbotenen Nebenfrauen.

In der Altstadt-Idylle von Galle wohnt es sich wunderbar

Das Dutch Fort lädt zu ausgedehnten Spaziergängen entlang der 3 km langen begrünten Festungsmauern am Indischen Ozean ein, welche die schachbrettartig angelegte Altstadt aus dem 17. Jahrhundert fast vollständig umrahmen. Frische Meeresbrise, gesunde Luft und spektakuläre Panoramablicke inklusive. Auf das leuchtend weiße Wahrzeichen zu, dem 26, 5 Meter hohen markanten Leuchtturm aus 1938, der stolz auf der nordöstlichen Point Utrecht Bastion thront. Umschmeichelt von wedelnden Palmen. Umgeben vom endlosen Türkisblau.

Oberhalb der Altstadt von Galle, die mit einer unvergleichlichen Kolonialarchitektur von restaurierten weißen Häusern, Villen, Kunstgalerien, kleinen Cafés  im niederländischen Stil verzaubert. An deren Ecken majestätische Regenbäume wie Banyan Feigen, Tropeneibische, Frangipani und Bougainvillea das Stadtbild und die malerischen Gässchen zieren. Auch Malvenbäume mit glänzend grünen Blättern und prächtig roten Blüten spenden Schatten. Auf Englisch unter dem Namen Schuhblumen/Shoeflowers bekannt. Nicht etwa wegen der Blütenform, sondern, weil die abgekochten Blütenblätter zum Schwarzfärben von Schuhen dienten.

Das Wahrzeichen in Galles Altstadt ist der alles überragende Leuchtturm – immer noch im Dienste der Schifffahrt

Von schönen Bäumen ist auch das gewölbte Gebetshaus auf dem höchsten Punkt des hügeligen Forts Dutch Reformed Church – Groote Kerk – aus 1754 umgeben. Die älteste protestantische Kirche des Landes, die mit einer charakteristischen Giebelkonstruktion, einem kreuzförmigen Grundriss, kunstvollen Buntglasfenstern und schweren Bodengrabsteinen beeindruckt. Der Kirchenbau wurde vom Kommandeur Caspar de Jong und seiner Frau Geertruyda Le Grand zur Feier der Geburt ihrer Tochter initiiert.

Nach vielen Jahren der Kinderlosigkeit. Die anglikanische All Saints Church aus 1871 besticht durch Schönheit. Auch die majestätische Meera-Jumma-Masjid-Moschee imponiert mit einem kirchenähnlichen portugiesischen Duktus. Sie strahlt im weißen Glanz dem Leuchtturm gegenüber. Vor ca. 120 Jahren wurde sie für die Nachfahren arabischer Händler errichtet, die 36% der dichtbesiedelten Altstadt von Galle ausmachen. Am Rande der Altstadt befindet sich der feine Sri Sudharmalaya Tempel mit einem buddhistischen Meditationszentrum. Eine Oase der Stille.

Im Innenhof der Heilig-Geist Kirche von Wadduwa wird gemeinsam gesungen- getanzt und gelacht

Architektonisch betrachtet, spiegelt das berühmteste Old Dutch Hospital die traditionelle Baukultur des 17. Jahrhundert wider: dicke Wände, hohe Decken, große Fenster und lange Veranden gegen die Tropenhitze. Das sehenswerte Gebäude, bedeutendes Symbol der kolonialen Geschichte umfasst wunderschöne Bögen Galerien und Wandelkorridore, die Eleganz und Harmonie ausstrahlen. Es wurde sorgfältig denkmalgerecht restauriert und beherbergt im kühlen Inneren feine Restaurants mit stilvoller Gastronomie, kleine Kunsthandwerklädchen, Buchhandlungen und gehobene Geschäfte mit schickem Design aus Sri Lanka. Ein beliebter Ort zum Stöbern und zum  Entspannen. Bevorzugt des Abends im stimmungsvollen Licht der untergehenden Sonne.

Es gibt viele Plätzchen zum Entspannen im authentischen und charmanten Atrium des alten Dutch Hospital von Galle

Während das moderne Galle verheerend verwüstet wurde und etwa 3900 Menschenleben kostete, fungierten die jahrhundertealten Festungswälle als steinernes Schutzschild. Ein Wunderwerk, das eine Zerstörung der historischen Altstadt verhinderte. Am zweiten Weihnachtstag 2004. Da trotzen die mächtigen Mauern des Forts den Fluten eines wütenden Tsunami. Das alte Galle, innerhalb der Festung blieb völlig unversehrt.

Gilt Nuwara Eliya als „britische Stadt“ Sri Lankas, so ist Galle eindeutig die „niederländische Stadt“ der Gewürzinsel, die ihre Authentizität und ihren Charme nie verloren hat. sichtbar in jedem Straßenzug.

Die weissgetünchte Meena-Jumma-Masjid-Moschee ist eines der prägnantesten Gebäuden im Galle Fort

Im knallroten Tuk-Tuk fährt es sich rasanter als erwartet. Das Überholen im Straßenverkehr auf der Galle Road von Wadduwa – ein pittoreskes Küstenstädtchen – mutet abenteuerlich, gelingt aber gekonnt. Kein Wunder, wird der Fahrer doch von einer der vier Religionen, die hier verschmelzen, geschützt. In seinem Wagen tänzelt die hinduistische Gottheit Ganeesha neben einem Porträt von Che Guevara. Vor der Moschee radelt ein Fahrer im karierten Sarong einem Tuk-Tuk in Ozeanblau entgegen, der gleichen Farbe seines Fahrrads.

Die schönen Villen aus der Kolonialzeit sind jetzt schicke Boutique-Hotels

Während der Verkehr pulsiert, ragen die Kuppeln und Minarette in den stillen Himmel. An den Gleisen der Eisenbahn grast eine Herde Kühen, ein Kälbchen schaut erstaunt vom Schienenbereich hoch. Unweit der hübschen blumengeschmückten Kapelle, die Buddha geweiht ist. Inmitten eines Palmenhaines in Strandnähe liegt die wunderschöne Heilig- Geist- Kirche aus 1883. In zartgelber Farbe mit hellblauer Marienstatue, umgeben von jeweils vier posaunenden Engel auf zwei Türmen. Im Atrium studieren fröhliche Kinder und Jugendliche Tanzschritte ein. Andere Gruppen üben sich vereint im Singen. Kess-neugierige Jungs versuchen sich im Englischen.

 

Lange Zeit war Anne Ranasinghe, bedeutendste und vielfach ausgezeichnete Lyrikerin Sri Lankas, die einzige Person jüdischen Glaubens des Inselstaates. Geboren wurde sie als Anneliese Katz, 1925* in Essen und verstarb 2016† in Colombo. Ihre Gedichte – auf Englisch verfasst –wurden in 13 Sprachen übersetzt. Sie erhielt die Goldene Trophäe „The State Literary Award“ 2007, die höchste literarische Auszeichnung als Krönung ihres Lebenswerks. Einst entsprang sie als Einzige ihrer Familie den tödlichen Tanz des Nazi-Regimes, indem sie 13–jährig zu einer entfernten Tante nach London floh. Erinnerungen an die brennende Synagoge in Essen, in der Pogromnacht 1938 sind geblieben. Und an verbranntes Holz und Angst um Mitternacht.

Als einziger Band in deutscher Sprache erschien 1994: „Du fragst Mich, Warum Ich Gedichte Schreibe“. Er erhielt die Widmung „Den jungen Menschen in Deutschland – damit das Erinnern nicht aufhört“. Sie sagt „Inseln von Geborgenheit, das ist es“, was mir Sri Lanka bedeutet.

Ein Glücksfund von Wertvollem, ohne danach gesucht zu haben: Duftende Gewürzgärten und eine Tasse weißer Tee. Morgentau und atemberaubende Berglandschaften. Felsenstädte und antike Königsstädte. Wolkenjungfrauen. Und ein phänomenaler Sonnenuntergang zum Abschied am unberührten Strand der Fischer.

Der Teestrauch schließt seine feuchten Blätter

wie  müde Mädchen die Augen.

Als ob sie lachen,

so zeigen sie ihre hellen Knospen,

die Büsche.

Melodien summen die Bienen

als hätten sie Bambusflöten.

An die Jungen denken die Vögel

und fliegen heim zum Nest. 

Unbekannter Dichter aus Sri Lanka

Tempel,  Tee und  Traumlandschaften

Reiche Kultur, pure Natur in Sri Lanka, Teil III

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