Was Simone gerade liest …
Unter dem Titel „Was Simone gerade liest …“
stellt unsere Theater-, Opern- und Tanzkritikerin
← Simone Hamm, die auch eine begeisterte Leserin ist,
Neuerscheinungen vor, wie zum Beispiel diesmal
den Erzählband „ Die elfte Stunde “ des großen
Storytellers Salman Rushdie, der gerade auf der
auf der litCologne zu Gast war
In seinem Memoir „Knife“ erzählt Rushdie von den Tagen und Wochen nach dem Messerattentat 2022. Ein junger Mann wollte die Fatwa des Ajatollah Chomeini aus dem Jahre 1989 umsetzen, die dieser in dem Roman „Die satanischen Verse“ gegen den Schriftsteller wegen angeblicher Gotteslästerung ausgesprochen hatte. Rushdie erlitt schwerste Verletzungen. Auf dem rechten Auge ist er seitdem blind.

Salman Rushdie auf der Frankfurter Buchmesse 2023, Foto: Petra Kammann
Siebenundzwanzig Sekunden dauerte der Angriff, den Rushdie nur ganz knapp überlebt hatte, siebenundzwanzig Sekunden, an die Rushdie sich kaum erinnert. Genau deshalb will er sie zurück haben, will sein Leben zurückgewinnen. Die Liebe seiner Frau und seiner Söhne habe ihn gerettet, schreibt er ganz unprätentiös. Den Attentäter nennt er nur A. wie Arschloch. Erinnerungen kommen herbei, Träume unter den starken Drogen, die er nehmen musste.
Er zeigt sich verletzlich, doch er schreibt lakonisch, humorvoll. Er versteht nicht, wie Leute, die für ihn beten, ernsthaft glauben könnten, er sei von Gott gerettet worden. Er wisse aber, wie sie dazu kämen. Denn es sei schon merkwürdig, dass er, der Atheist, doch sein ganzes Leben lang fantastische Geschichten geschrieben habe, Menschen vom Himmel hat fallen lassen, Menschen zu Teufel hat werden lassen.
Auf der LitCologne stellt er jetzt seinen Erzählband mit drei Novellen und zwei kleinen Stücken vor. Es sind Geschichten vom Alter und vom Tod. Und deswegen heißen sie „Die elfte Stunde“. Moderator und Rushdie-Übersetzer Bernhard Robben will wissen, ob Rushdie sich gefragt habe, warum er den Angriff überlebt habe. „Natürlich“ , antwortet Rushdie. Er mache einfach weiter. Er könne nicht aufhören, zu schreiben.
Er habe sich ganz gut von diesem Attentat erholt. Er habe keine Albträume mehr und er sehe es auch nicht immer und immer wieder vor sich. Er habe seinen Therapeuten gefragt, warum das so sei. „Because you are a badass motherfucker“, antwortete der. Freundlich übersetzt heißt das: „Weil Du ein verdammt cooler Typ bist“.
Ihr Sitarspiel hat Zauberkraft
„Im Süden“ ist eine Geschichte von zwei alten indischen Männern, die nebeneinander wohnen. Obwohl der eine nur 14 Tage älter ist als der andere, nennen Sie sich Senior und Junior. Senior ist stets schlecht gelaunt und ärgert Junior ununterbrochen. Doch als Junior ganz plötzlich stirbt, gerät Seniors Welt aus den Fugen. Ulrich Noethen liest daraus, unaufgeregt und unangestrengt, süffisant und trifft damit genau den Ton der Erzählung.
„Die Musikerin von Kahani“, Chandni ist um Mitternacht geboren worden, der Zeit für wundersame Geburten. Chandni hat eine unglaubliche musikalische Gabe. Sie spielt perfekt Star und Klavier und wird ein Star, nicht nur in Indien, sondern in der ganzen Welt. Ein Sohn aus reichem Hause, der sich weder für Kunst noch für Musik interessiert, möchte sie heiraten. Sie stimmt zu und heiratet im Bollywoodstil: neureich und protzig. Und schon bald mischt sich die Familie in ihr Leben ein. Prächtiger noch als die Hochzeit soll die Geburt des ersten Kindes gefeiert werden. Drei Tage lang. Gekrönte Haupthäupter und Popstars aus aller Welt sollen anreisen. Doch das Kind stirbt, bevor es zur Welt kommt. Die Familie will das nicht publik machen, sondern ihre Feste feiern.
Salman Rushdie
Die elfte Stunde
Aus dem Englischen von Bernhard Robben
288 Seiten
Penguin. 26 €
Chandni aber hat übersinnliche Fähigkeiten. Ihre Kunst ist mächtiger als alle Mächtigen. Ihre Rache ist kalt, süß und unbarmherzig. Eine Musik wie sie nie jemand gehört hat, steigt auf wie eine Rauchsäule über Chandnis Elternhaus, in das sie zurückgekehrt ist, und beginnt ein tödliches Werk, zieht alles in den Abgrund, das gesamte Firmenimperium der superreichen Familie. Die Steuerfahndung wird auf den Plan gerufen, eine Seuche rafft den Vater des Bräutigams hinweg. Chandni erinnert an die Sitarspielerin Anoushka Shankar, die Tochter Ravi Shankars, die Protzhochzeit an die millionenschwere Milliardärshochzeit zwischen zwei indischen Unternehmerfamilien im letzten Jahr.
Chandni rächt sich auch an einem Guru, der Oscho, der dem Begründer der Bagwan-Bewegung, nachempfunden ist. Ein Scharlatan, der mit vielen Anhängern und vielen Ferraris im Norden Indiens lebt, eine willfährige amerikanische Frau an seiner Seite, die alles organisiert und der sich Sex in allen Variationen für sich und seine Jünger auf die Fahnen geschrieben hat.
Chandnis Vater hatte sich diesem Guru zugewandt und die Familie verlassen. Auch im Guru Retreat erschallt unheimliche Musik, auch hier kommt die Steuerfahndung, auch der Guru muss fliehen. Da ist er wieder: Salman Rushdie, der in eine ganz normale Welt phantastische Elemente einfügt, die größer und größer werden und schließlich die ganze Erzählung bestimmen.
Rushdie hat seinen Humor nicht verloren. Es ist üblich geworden, bei vielen Lesungen sowie auch in Talkshows, den Interviewten Fragen zu stellen, die nichts mit Literatur zu tun haben. Und auch nichts mit Politik, was bei Salman Rushdie ja durchaus spannend gewesen wäre. Auf die Frage: „Als was würden Sie gern wieder geboren werden?“ antwortet Rushdie „Als Ferrari“ und zielt damit auch auf die Ferraris in der Garage von Oscho, dem Guru.

Der in New York lebende Daniel Kehlmann, ein Freund Salman Rushdies. hielt auch beim Friedenspreis die Laudatio für Rushdie, Foto: Petra Kammann
„Oklahoma „ist eine Hommage an Franz Kafka. Dessen Manuskripte hatte Rushdie zusammen mit Daniel Kehlmann in einer Ausstellung in der Morgan Library in New York gesehen. Kafkas Roman „Der Verschollene“ oder „Amerika“ ist unvollendet. Ein junger Mann, der nach Amerika geschickt wird, weil er eine Dienstmagd geschwängert hat, versucht, sich in Amerika durchzuschlagen. Es gibt Fragmente des Romans, die damit enden, dass er eine lange Zugreise nach Oklahoma macht. In Rushdies „Oklahoma“ gibt es einen Schriftsteller, der dieses Werk vollenden will und dann merkt, dass die Stiefel zu groß und er ihrer nicht würdig ist.
Am beeindruckendsten ist „Late – saumselig“ , die Geschichte von dem Schriftsteller S.M. Arthur, der in Cambridge am Kings College lehrt und dort lebenslanges Wohnrecht hat. Diese Figur ist E.M. Forster, sowie dem Kryptoloanalytikers Alan Turing nachempfunden. Nach seinem ersten Roman hat er, wie die E.M. Forster nach „A Passage to India“ nie wieder einen Roman geschrieben. Wie die E.M.Forster hatte er einen indischen Liebhaber, wie Alan Turing wurde er als Homosexueller dazu gezwungen, Tabletten zu nehmen, die seinen Sexualtrieb ausschalteten. In „Late“ zwingt ihn Lord Emmemm dazu, der Provost der Universität, also einer der wichtigsten akademischen Angestellten.
S.M. Arthur erhält den Auftrag, an der Entschlüsselung der Enigma und der Lorenz Codes mitzuarbeiten, jenen Codes der Nazis, die, nachdem die Britten sie geknackt hatten und so die geheimen deutschen Nachrichten entschlüsselt hatten, höchstwahrscheinlich dazu beigetragen hat, dass der zweite Weltkrieg um zwei bis drei Jahre verkürzt wurde, so Salman Rushdie.
S.M. Arthur und seine Kollegen dürfen dreißig Jahre lang nichts über ihre Vergangenheit beim Geheimdienst erzählen. Er stirbt in seiner Wohnstube, ohne sein Geheimnis je gelüftet zu haben. Aber so ganz tot ist er nicht. Denn er geht auf dem Campus der Universität hin und her, er wird ein Geist. Es gibt eine, die ihn sehen kann, die sogar mit ihm kommunizieren kann, die junge indische Studentin Rosa. Gemeinsam schmieden sie einen Plan, wie sie Rache nehmen können am Prevost des Kings College, wie S.M. Arthur endlich Gerechtigkeit widerfahren kann. Und ihr Plan geht auf.
Salman Rushdie sagte in Köln, dass er immer etwas Britisches habe schreiben wollen, und dass er fasziniert gewesen sei, von der König Artus Sage. Am Ende dieser Geschichte sitzen all die, die an der Entschlüsselung von Enigma mitgearbeitet haben, um einen runden Tisch. Das ist Salman Rushdies König Arthur Tafel, das sind seine Ritter der Tafelrunde. Sie haben sich, so sagt er, in „Late“ eingeschlichen.
Die letzte Geschichte „Der alte Mann auf der Piazza“ handelte vom Verlust der Sprache. Sie spielt auf einer Piazza, aber sie könnte überall spielen. Menschen hören auf, miteinander zu kommunizieren. Sie hören auf, einander zuzuhören. Sie hören auf, miteinander zu sprechen. Ulrich Noethen liest wieder zurückhaltend und eindringlich zugleich. Der letzte Satz in Salman Rushdies zuletzt veröffentlichen Roman „Victory City“ lautet: „Worte sind die einzigen Sieger“. Der letzte Satz von „Der alte Mann auf der Piazza“ klingt weniger optimistisch: „Uns fehlen die Worte.“
Doch der Schriftsteller Salman Rushdie will es in der Realität, anders als in seiner Erzählung, nicht dazu kommen lassen. Politiker, so Rushdie in Köln, benutzen die Sprache, um etwas zu verbergen, Schriftsteller benutzen Sprache, um zu zeigen, was wirklich vor sich geht.
Auch deshalb wolle er immer weiter schreiben und kann nicht verstehen, dass Philipp Roth das Schreiben sein gelassen hat. Er könne und werde nicht aufhören.
Salman Rushdie
Knife
Aus dem Englischen von Bernhard Robben
256 Seiten.
Penguin. 25 €

