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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Ein feiner Verlag macht zu: der Berenberg Verlag

„Wachs“ und „Eine Nebensache“

 Von Simone Hamm

Der kleine Berenberg Verlag stellt seinen Betrieb Ende März ein. Schöne Bücher sind dort herausgekommen im Leineneinband und mit Lesebändchen, etwa sechs bis acht in jedem Halbjahr. Verleger Heinrich von Berenberg sagte, es sei im deutschsprachigen Buchmarkt nie einfach gewesen, als kleiner Verlag über einen längeren Zeitraum hinweg zu bestehen, und daran habe sich nichts geändert. Und das, obwohl Berenberg große Namen unter seinen Autoren und Autorinnen hatte.

Der Verleger Heinrich von Berenberg gibt auf, Foto: privat

Ein Herbstprogramm hatte der Verlag schon nicht mehr aufgelegt, da gab es einen Best of-Katalog.  Maike Albaths Neapel-BuchBitteres Blau stand im vergangenen Jahr auf der Auswahlliste für den Preis der Leipziger Buchmesse.

Das Frühjahrsprogramm 2026 mit Michi Straussfelds „Kaiserin von Galapagos“, Katharina Hackers „Handbuch für Traurigkeiten“ und Christine Wunnicke, deren Buch „Wachs“ auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises stand, hat es in sich.

„An einem Abend im November 1733, lange nach Einbruch der Dunkelheit stapfte eine kleine Person durch die Wiese, welche die Rue des Felles Angolas von der Kaserne der Musketiere trennt“. So beginnt Christine Wunnickes „Wachs“. Die kleine Person, die da durch den Morast stapft, ist Marie und sie hat gehört, dass es in dieser Kaserne etwas gibt, was sie dringend braucht: Leichen.

 

Christine Wunnnicke : Wachs. Berenberg Verlag, Berlin.192 S. 18.99 €.

In ihrem Roman „Die Dame mit der bemalten Hand“, der den Wilhelm Raabe Literaturpreis bekam und auch auf der shortlist stand, führt Christine Wunnicke uns auf eine Insel namens Elephanta, die 1764 indisches Territorium gewesen ist.

Auch „Wachs“ spielt in einer fernen, vergangenen Zeit, diesmal im vorrevolutionären Paris. Frauen dürfen nicht als Anatome arbeiten. Marie Biheron tut es trotzdem, macht Zeichnungen und Wachsmodelle von den schnell verwesenden Leichen. Sie verliebt sich in ihre 18 Jahre ältere Zeichenlehrerin Madelaine Basseport. Die beiden Frauen hat es wirklich gegeben. Madelaine Basseport (1701- 1780) schreibt Briefe an den Forscher Carl von Linné, in denen sie sich darüber beklagt, dass die Blumen und Pflanzenzeichnungen die sie mache, anschließend von Männern signiert werden. Die Tinte ist noch nicht trocken, da verbrennt sie die Briefe an Linné.

Marie Biheron ( 1719- 1795) hat schon mit 14 Jahren ihre erste Leiche seziert. Die Frau, die den menschlichen. Körper und all seine Organe so prächtig in Wachs nachbilden kann, weiß: „Ich bin der beste Anatom von Paris. Doch kein Beruf war mir daraus erwachsen.“ Sie kämpft sich unermüdlich nach oben, macht Wachsmodelle der Leichen und ihrer Organe. Sie stehen im Königshaus. Sie stellt Arbeiten an der Académie des sciences aus. Gustav III. von Schweden und Kaiserin Katharina II. von Russland sind begeistert, Denis Diderot besucht sie und diskutiert mit ihr über das Thema „Mensch und Maschine“.

„Wachs“ ist auch ein Roman über gesellschaftliche Verhältnisse, über Religion, raffiniert erzählt, mehrdeutig.

Edmé, der sie sich seit seiner Kindheit um Marie Biheron kümmert und sie pflegt, als sie eine alte bettlägerige Frau ist, hat das Talent, Männern in zerfallenen Häusern Lust zu bereiten und verdient sich so etwas hinzu. Die Guillotine ist erfunden worden. Terror breitet sich aus. Leichen gibt es genug.

In einer grandiosen Schlussszene zieht Edmé Marie in einem Wagen durch Paris. Sie findet einen Affen, von dem sie glaubt, er sei alt und habe nicht mehr lange zu leben. Ideal, um seine Leiche zu sezieren. Doch der Affe ist jung und überlebt. Er frisst, was er nicht fressen soll, Kohle, Mäusekot und Heiligenfiguren aus Wachs, er schaufelt alle Jünger des Herrn, die Marie geschaffen hat, in sein Mäulchen. Marie schließt ihn in die Arme.

Ich hätte Christine Wunnicke den Buchpreis gegönnt. Es gelingt ihr meisterhaft, uns in andere ferne Welten, andere Zeiten zu führen. Und ganz nebenbei hätte ich auch der Autorin aus dem kleinen unabhängigen Berenberg Verlag diesen Preis gewünscht. Sozusagen als Abschiedsgruß.

Verdienter Literaturpreis

Auf der Buchmesse 2023  hatte man der Berenberg-Autorin Adania Shibli übel mitgespielt: Für ihren Roman „Eine Nebensache“ sollte ihr  dort der Literaturpreis für Texte aus dem globalen Süden verliehen werden. Die Jury attestierte Adania Shibli, dass sie «gleichsam präzise und behutsam» ein «formal wie sprachlich streng durchkomponiertes Kunstwerk» entwerfe, das von der Wirkmacht von Grenzen erzähle und davon, was gewalttätige Konflikte mit und aus Menschen machten. Der Termin der Preisvergabe lag nur wenige Tage nach dem entsetzlichen, brutalen Massaker der Hamas auf Israel am 7. Oktober. Er wurde abgesagt und auf unbestimmte Zeit verschoben. Shibli ist Palästinenserin.

Adania Shibli: Eine Nebensache. Aus dem Arabischen von Günther Orth. Berenberg Verlag, Berlin 117 S., geb. 22,– €. Als Taschenbuch beim Union Verlag. 128 S. 13 €.

1949 wurde ein Beduinenmädchen von mehreren israelische Soldaten in der Negevwüste gefangengenommen, gequält, vergewaltigt und dann ermordet.

„Eine Nebensache“ erzählt von einer jungen Frau, die Jahrzehnte später mehr über das Opfer herausfinden will. Das bezahlt sie letztlich mit ihrem Leben. „Eine Nebensache“ war für den amerikanischen National Book Award sowie für den International Booker Prize nominiert.

Von der Kritik wurde der Roman auch in Deutschland überaus positiv aufgenommen und hoch gelobt, als literarisches Ereignis, ja als Meisterwerk. Alle Personen im Roman sind namenlos. Es gibt grausame Israelis und es gibt hilfsbereite. An keiner einzigen Stelle ist dieser Roman antisemitisch.

Adania Shiblis Buch fußt auf einer wahren Geschichte. Israelische Soldaten töteten Beduinen und ihre Tiere, verschleppten ein Mädchen, vergewaltigten es tagelang in der flirrenden Hitze der Wüste, ermordeten es. Shibli schreibt aus der Perspektive des befehlshabenden Kommandeurs, kalt, emotionslos. Das ist der erste Teil ihres schmalen Buches.

Im zweiten Teil liest eine Palästinenserin viele Jahre später in der Zeitung von diesem Mord. Sie steigert sich mehr und mehr in diese Geschichte hinein, will alles wissen über das Beduinenmädchen. Shibli schreibt jetzt aus dem Blickwinkel dieser Frau, die Schwierigkeiten hat, nach Israel zu fahren und sich deshalb den Pass einer Israelin ausborgt. Zuletzt fährt sie in die Wüste Negev, will Zeitzeugen, alte Menschen befragen. Sie ahnt nicht, was es bedeutet, unerlaubt in israelisches Sperrgebiet zu fahren. Sie hat im doppelten Wortsinn die Grenze überschritten. Israelische Soldaten schießen sie nieder.

Adania Shiblis dichtes, sprachlich brillantes Buch ist zutiefst menschlich. Sie will erzählen, was siegreiche Besatzer so gern unter den Tisch kehren wollen. In der aufgeheizten Stimmung nach dem 7. Oktober wagte man auf der Buchmesse aber nicht, einer Palästinenserin, die einen Roman über ein von israelischen Soldaten vergewaltigtes und ermordetes Beduinenmädchen geschrieben hat, einen Preis zu überreichen.

Dass die Preisverleihung nicht auf der Buchmesse stattfinden sollte, mag angesichts der aufgeheizten Stimmung vielleicht verständlich gewesen sein, aber es war grundfalsch. Hunderte von Autorinnen kritisierten die vorläufige Absage der Preisverleihung, darunter neben Annie Ernaux und zwei weitere Nobelpreisträger, die wissen, wie wichtig die Freiheit des Wortes ist: Abdulrazak Gurnah und Olga Tokarczuk.

Shiblis Roman war sehr erfolgreich, erschien sogar als Taschenbuch. Die gebundene Ausgabe gibt es noch bei Berenberg, dem kleinen, großartigen Verlag, der Ende März endgültig schließen wird.

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