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FeuilletonFrankfurt

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PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

„Was man in der Hölle, im Fegefeuer und im Paradies hört“ – Marie Jaëlls Kompositionen zu Dantes „Göttlicher Komödie“

Viviane Goergen über die französische Komponistin, die ihrer Zeit weit voraus war

Von Petra Kammann

Die in Paris geborene und an der École normale de musique u.a. bei dem brillanten Pianisten Thierry de Brunhoff ausgebildete luxemburgisch-schweizerische Pianistin Viviane Goergen hat sich intensiv mit der in Vergessenheit geratenen, hochbegabten Pianistin und Komponistin Marie Jaëll (1846- 1925) beschäftigt und dabei erstaunliche Funde gemacht. Die von Franz Liszt außerordentlich geschätzte Musikerin hat in „18 Pièces pour piano“ Passagen aus Dantes „Göttlicher Komödie“ vertont. Im Frankfurter Steinway Haus stellte die Autorin Goergen die Komponistin und Musikwissenschaftlerin vor, las aus ihrem kürzlich erschienenen Buch und spielte eindrückliche Passagen aus Jaëlls Dante-Klavierzyklus. Gerade wurde die Einspielung wiederentdeckter Kammermusikwerke von Jaëll von den „Victoires de la musique classique 2026“, der höchsten französischen Auszeichnungnominiert.

Viviane Goergen liest, erläutert und spielt aus den „Pièces pour pianos“ im Frankfurter Steinway Haus, Foto: Petra Kammann

Wer war Marie Jaëll? Sie ist zwar kaum bekannt, aber ganz vergessen ist sie nicht und wird gerade wiederentdeckt. Immerhin wurde in Straßburg inzwischen eine Straße in der Nähe vom Parc de la Petite Orangerie und der Rue David Richard und dem Chemin des Violettes nach der 1846 im elsässischen Steinseltz geborenen genialen Musikerin Marie Jaëll (1846 – 1925) benannt. Und in Frankreich wurden gerade Weltersteinspielungen ihrer wiederentdeckten Kammermusikwerke, die zwischen 1875 und 1886 entstanden, in einem der größten Säle Frankreichs, im Quartz de Brest, ausgezeichnet. Ein filmisches Porträt hätte Joëll heute verdient.

Doch erst einmal ganz von vorn. Ein Wunderkind war die kleine Marie, die damals noch Trautmann hieß. Bereits mit neun hatte sie ihre ersten pianistischen Auftritte. Und im zarten Alter von elf spielte sie schon der Queen Viktoria vor und füllte die Konzertsäle.

  

Marie Jaëll (1846-1925), die elegante junge Frau, wurde 1890 fotografiert, Bibliothèque nationale et universitaire de Strasbourg, Foto: Ganz, J.; Wikimedia Commons

1862 schrieb ein Kritiker über die 16-Jährige: „Viele Künstler möchten so enden, wie sie anfängt.“ 40 Konzerte spielte sie pro Jahr und ging dafür quer durch Europa auf Tournee bis nach Russland. Vierhändig spielte sie mit ihrem früh verstorbenen, 15 Jahre älteren Ehemann, dem österreichischen Klaviervirtuosen Alfred Jaëll (1832-1882), den sie mit 19 geheiratet hatte. Als dieser starb, war sie gerademal 36. Aber sie war stark und ließ sich in der Trauer über ihren verlorenen Partner nicht entmutigen weiterzumachen.

Mit dem gesamten Klavierwerk von Franz Liszt, den sie 1868 kennenlernte, und Robert Schumann brillierte sie ebenso wie mit den herausfordernden 32 Sonaten von Beethoven. Und sie wurde Professorin am Pariser Konservatorium, wo Albert Schweitzer ihr Schüler war.

Viviane Goergen las aus verschiedenen Kapiteln des von Salvador Dalì illustrierten Buchs. 

Bei César Franck (1822 – 1890) und Camille Saint-Saëns (1835–1921) nimmt sie ab 1870 Kompositionsunterricht, doch war es vor allem der ihr zugetane Klaviervirtuose und Komponist Franz Liszt (1811–1886), der ihre außerordentliche Begabung intuitiv erkannte, sie förderte und ihre Stücke sogar im Konzert spielte. Sie wiederum bewunderte seine grandiosen pianistischen Fähigkeiten. Als Frauen in der Musikgeschichte noch kaum eine Rolle spielten, schrieb Liszt über sie: „Ein Männername über ihrer Musik, und sie wäre auf allen Klavieren.“

Und später, als sie ihn mehrfach in Weimar besucht, und über einen längeren Zeitraum gewissermaßen als Assistentin bei ihm arbeitet, korrigiert sie seine Kompositionen und vervollständigte sie. Da ist er voll der Bewunderung, die er sich nicht scheut auch öffentlich zu äußern: „Sie hat den Geist eines Philosophen und die Hände eines Künstlers“.

Sie komponiert an die 100 Werke für sämtliche Instrumente. So wird sie 1887 als erste Frau in die „Société Nationale des compositeurs“ in Paris aufgenommen. Ihr Inspirator Liszt widmet ihr 1883 seinen dritten Mephisto-Walzer. Nach dem Tod von Franz Liszt im Jahre 1886 findet sie als weibliche Komponistin keine Unterstützung mehr. Frauen wurde das Komponieren in dieser Zeit nicht zugestanden.

Das ungewohnte Notenbild der „Pièces pour piano“, wozu Goergen mit viel Aufwand die Dokumente recherchierte, Foto: Petra Kammann

1894 komponiert sie dann ihr letztes großes Werk, den Klavierzyklus der „18 Stücke. Was man in der Hölle hört. Was man im Fegefeuer hört. Was man im Paradies hört“, das zu einer Art musikalischem Vermächtnis wird. Eine gedruckte Partitur dieses Werks gibt es bislang nicht. Aufmerksam geworden darauf war Viviane Goergen aber auf die Komposition durch ein Gespräch mit ihrem früheren, in Frankreich hochrenommierten Piano-Professor Thierry de Brunhoff, der sich auf dem Höhepunkt seiner Pianistenkarriere in die Stille eines Kloster zurückgezogen hatte, wo Goergen ihn in der Zeit der Pandemie 2020 besucht hatte. So nutzte die Musikerin die konzertfreie Zeit und machte sich auf den Weg der Recherche in diverse Archive, um diese Komposition wieder ans Tageslicht zu befördern und mehr über die Komponistin zu erfahren.

Goergen erläutert vor dem Spiel das Besondere des jeweiligen vertonten Gesanges, Foto: Petra Kammann

Enttäuscht zog sich Jaëll nach dem für sie unverständlichen negativen Urteil ihres Lehrers Saint-Saëns zurück, dem sie ihren Dante-Zyklus anvertraut hatte. Ausgerechnet er, ihr Lehrer, der die Pianistin einst gefördert hatte? Doch er versteht ihre bisweilen atonale musikalische Sprache nicht, ist er doch noch eher dem Neo-Klassizismus verhaftet. Sie dagegen ist viel moderner und ihrer Zeit deutlich voraus…

Aber sie lässt sich nicht unterkriegen, gibt zwar das Komponieren auf, weil sie sieht, dass ihre Leistung torpediert wird, widmet sie sich in einem dritten Lebensabschnitt dann der Technik des Klavierspiels selbst, beginnt neue Studien. Ihre wissenschaftsbasierte gehirnphysiologische Auseinandersetzung mit dem Mediziner Charles Féré, (1852-1907), Leiter des Hospiz von Bicêtre, bekannt für die dort tätigen Pioniere der Psychiatrie, bringt ihr neue Erkenntnisse über die Technik des Klavierspiels. Sie entwickelt die „Méthode Jaëll“.

Der Mediziner und Psychologe Charles Féré, (1852-1907), Leiter des Hospiz von Bicêtre, Foto: Wikimedia Commons

Dabei erkennt sie die Wechselwirkung von Hand und Hirn und zieht aus den aus eigener Konzerterfahrung erworbenen Erkenntnissen wie auch aus der unmittelbaren Beobachtung der Lisztschen Spieltechnik Schlüsse über das dezidierte Spiel der jeweiligen Hand.

Der Anschlag der rechten Hand kommuniziert mit der linken Gehirnhälfte, während der Anschlag der linken Hand mit der rechten Gehirnhälfte korrespondiert.  So widmet sie sich zusätzlich der Erforschung des für die Klaviertastatur so wichtigen Anschlags. Sicher ist, dass der Anschlag Emotionen herbeiführen kann. Auch mit dieser Erkenntnis ist sie Pionierin.

Als Marie Jaëll 1925 im Alter von 79 Jahren in der Nähe von Paris stirbt, hinterlässt sie weitaus mehr als ihre musikalischen Kompositionen. Zu ihrem Nachlass gehören daneben allein elf Bücher über Klaviertechnik und zur pädagogischen Arbeit mit Schülern.

In dem Gesprächs- und Lesungskonzert bot die Pianistin Goergen zur Begeisterung des Publikums eine Auswahl von vier ihrer Einzelkompositionen aus dem Danteschen Klavierzyklus, die ihre Erläuterungen veranschaulichten bzw. durch ihr Spiel hörbar machten: zwei Passagen aus dem „Fegefeuer“, die Pressentiments“ und „Maintenant et Jadis“ („Jetzt und einst“), eines aus dem „Paradies“, die„Souvenance“ („Erinnerung“) und eine aus der „Hölle“ („Dans les flammes“).

Durch die gesamte Komposition zieht sich das Motiv der auf die ersten beiden Noten, respektive vier ersten Noten reduzierten mittelalterlichen Hymnus „Dies irae“ („Tag des Zorns“), der zum Jüngsten Gericht führt.

Vertrackt-raffiniertes Spiel der rechten und linken Hand, Foto: Petra Kammann 

In der „Göttlichen Komödie“ haben alle Seelen den Wunsch, aus dem Fegefeuer ins Paradies zu kommen, aber sie werden auf die Probe gestellt, müssen erst ihre Strafen im Fegefeuer abbüßen, in dem sie sisyphosähnlich immer wieder dasselbe tun müssen. Da hört man andeutungsweise die „Vorahnungen“, die „Pressentiments“, die für einen kurzen Moment das Paradies geradezu überirdisch aufscheinen lassen.

Nach Dante werden die Seelen über einen sehr schmalen und steilen Weg auf den Läuterungsberg geschickt, was schwer und leicht zugleich klingt. Sie lässt hier die linke Hand zwei Töne stumm herunterdrücken, die dann als Bassstimme weiterklingen.

Im 5. Stück des Fegefeuers „Maintenant et Jadis“ („Jetzt und einst“) muss Dante, nachdem ihm im elegischen Mittelteil seine geliebte Beatrice fatamorganahaft erschienen ist, wieder zurück ins Fegefeuer. Diese Passagen sind durch chromatische Läufe und irritierende Zweierphrasierungen charakterisiert, die schon ausgesprochen modern klingen.

Aus „Was man im Paradies hört“ spielte Goergen dann die „Souvenance“, sprich: die „Erinnerung“ Dantes an bessere Zeiten. Der Florentiner Dichter hatte viele Jahre  – sogar bis zu seinem Tod – im Exil leben müssen, weil er den Papst kritisiert hatte und bei einer Rückkehr mit dem Tod zu rechnen hatte. Da blickt er voller Wehmut zurück auf seine einst so glückliche Heimatstadt Florenz, als er seinen Urahnen Caciaguida im Paradies trifft. Da war die Stadt noch nicht von Korruption gezeichnet.

Hier erzeugt Goergen durch ein zart angeschlagenes Pianissimo eine berührend schwebend-melancholische Stimmung, wobei die rechte und linke Hand – entsprechend den beiden Gehirnhälften, die jeweils für die Vernunft bzw. das Gefühl stehen, zu den im Spiel versetzten Händen führen, die ein hoch raffiniertes fragiles klangliches Gewebe entstehen lassen.

Technisch sind Jaells Kompositionen außerordentlich herausfordernd, Foto: Petra Kammann

Und „Was man in der Hölle hört“: „Dans les Flammes“, „In den Flammen“,  was dann zu einem grandiosen pianistischen Feuerwerk gerät.

Der Ich-Erzähler Dante hat sich in einem dunklen Wald verirrt und gerät in die Hölle. Als er sich dessen bewusst wird, will er sie sofort verlassen. Aber drei wilde Tiere bewachen den Eingang und verfolgen ihn. Besonders die ausgehungerte Wölfin hat es auf ihn abgesehen. Eine Hetzjagd  beginnt. Seine angebetete Beatrice schickt den Seelenführer Virgil zu Hilfe. Er wird Dante von nun an auf seinem Weg begleiten.

Hier überträgt Marie Jaëll die bedrohliche Szenerie auch musikalisch, indem sie ihrer kompositorischen Vorstellung nach einem  vorantreibendem Rhythmus freien Lauf lässt. Für Interpreten – für die Pianisten allgemein – bedeutet dieses Inferno allein rein technisch eine höllische Herausforderung. Die Pianistin Viviane Goergen meisterte diese Passagen mit Bravour.

Auch hier beruht die Melodie auf den vier ersten Tönen des schon erwähnten Hymnus über das Jüngste Gericht  „Dies Irae, dem „Tag des Zorns“ Beide Hände spielen versetzt– so typisch für Marie Jaëlls eigenen Stil. Die Akzente kommen nie auf den starken Schlag, sondern immer auf den schwachen Schlag davor, jagen sich quasi hinterher. Da kündigt sich eine neue Zeit der Wahrnehmung an.

Marko Hartung, der Leiter des Frankfurter Steinway Hauses, dankt der Pianistin und Autorin Viviane Goergen für die ganz besondere Musiklesung, Foto: Petra Kammann

So weiten sich die anfänglich leicht zündelnden Flämmchen im Verlauf der Komposition zu einem allmählich überwältigenden Flammenmeer aus. Immer wieder unterlegt vom Dies Irae in ständig veränderter Phrasierung und Lage.

Hier zog Goergen alle Register der Klaviatur bis an die Grenzen, es würde auch mühelos einen großen Konzertsaal füllen. Die Verquickung in der besonderen Veranstaltung von Kennenlernen der couragierten so klugen wie kompromisslosen Person Jaëll verbunden mit ihrem Ringen um Anerkennung einer neuen musikalischen Sprache und die daraus hervorgehende Komposition live so unmittelbar und nah wie im Steinway Haus durch eine so kompetente Pianistin wie Viviane Goergen es ist, zu erleben, schreibt sich ins Gedächtnis ein.

Die Komplexität der ineinander verschränkten Geschichte(n) verlangt – nicht zuletzt für die Zukunft – geradezu nach einem anschaulichen Dokumentarfilm unter dem Thema: Die Vertonung der Göttlichen Komödie von Dante durch die französische Komponistin Marie Jaëll.

Viviane Goergens Buch „Marie Jaëll – Pièces pour piano und Dantes Göttliche Komödie“ ist mit 38 Notenbeispielen und einer beigelegten CD und Illustrationen von Salavador Dalí ausgestattet. Die begleitenden Texte kann man auf Deutsch, Französisch und Englisch lesen. Edition Signum, Wilfried Heid, Heidelberg und kostet 59,90 Euro.

Alle  18 „Pièces pour piano“ hat Viviane Goergen auf einer CD eingespielt, die zum 100. Geburtstag der Komponistin bei Haenssler Classic erschien.

 

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