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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Gifte faszinieren — sie töten, heilen, warnen und schützen

Museum Wiesbaden präsentiert „GIFT – Tödliche Gaben“

Von Hans-Bernd Heier

„Vorsicht: giftig!“ Nahezu jedes Kind dürfte diesen alarmierenden Mahnruf von besorgten Eltern oder Erwachsenen noch im Ohr haben, mit dem diese vor den Gefahren von giftigen Stoffen, Tieren, Pflanzen oder Pilzen warnten. Doch Gifte können nicht nur tödlich sein, sie können auch schützen und sogar heilen. Das Museum Wiesbaden – Hessisches Landesmuseum für Kunst und Natur – beleuchtet in der großen Sonderausstellung „GIFT – Tödliche Gaben“ die vielen Facetten des Giftigen.

Der Blaue Baumsteiger speichert das Gift von giftigen Insekten zum Schutz vor Fressfeinden in seiner Haut; Foto: Museum Wiesbaden ⁄ Bernd Fickert

Die großartige Familienschau nimmt die kleinen und großen Besucher nicht nur mit auf einen spannenden Streifzug durch die beindruckende Vielfalt giftiger Organismen, sondern beleuchtet auch den menschlichen Umgang mit giftigen Substanzen — von historischen und aktuellen Giftmorden über die Wirkung von Umweltgiften auf Mensch und Natur bis hin zur medizinischen Nutzung toxischer Substanzen. Ein Blick in die Medizin verdeutlicht, dass Gifte nicht nur töten, sondern auch heilen können. Zahlreiche Arzneimittel basieren auf ursprünglich toxischen Substanzen – etwa das Digitoxin aus dem Fingerhut.

„Als Gift (mittelhochdeutsch für „Schadstoff“, althochdeutsch für „Gabe“) oder Giftstoff, fachsprachlich auch Toxikum, bezeichnet man einen Stoff, der Lebewesen über ihre Stoffwechselvorgänge, durch Eindringen in den Organismus ab einer bestimmten, geringen Dosis einen Schaden zufügen kann“, so Wikipedia. „Mit der Zunahme der Expositionsmenge eines Wirkstoffes steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Gesundheitsschädigungen durch eine Vergiftung auftreten. Ab einem bestimmten Dosisbereich ist somit nahezu jeder Stoff als giftig (toxisch) einzustufen“. Das wusste auch schon der berühmte Arzt Theophrast von Hohenheim, genannt Paracelsus (1493 – 1530): „Alle Ding sind Gift und nichts ohn Gift; allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist“. Seine Erkenntnis ist bis heute gültig.

Das Gift des Roten Fingerhuts wird bei Herzinsuffizienz eingesetzt; Foto: Foto: Museum Wiesbaden ⁄ Dirk Uebele

Die Schau im Wiesbadener Museum ist in zwei Bereiche gegliedert: Im ersten Teil – „Gift und Natur“ – finden sich bekannte, giftige Lebewesen wie Kobra, Skorpion oder Pfeilgiftfrosch aus Südamerika. In der Natur übernehmen Gifte unterschiedliche Funktionen: Sie dienen dem Schutz vor Fressfeinden wie bei den Baumsteigerfröschen oder ermöglichen den Beutefang wie bei der Kobra. Zudem sind hier Organismen zu entdecken, deren Giftigkeit überraschen mag.

So gibt es nur wenige giftige Säugetiere. Der Plumplori, der einzige giftige Primat, schützt seine Jungtiere indem er sein Gift in ihr Fell reibt. Auch das Schnabeltier besitzt einen Giftsporn, allerdings ist dieser nur bei den Männchen zu finden, die diesen bei Kämpfen mit konkurrierenden Männchen einsetzten. Hier erhalten Besucher auch Antworten auf Fragen wie: Was ist Gift überhaupt? Wie sind Gifte evolutionär entstanden? Welchen Vorteil hat es giftig zu sein? Und hat es auch Nachteile?

„Gift ist eine Strategie. Manche Arten nutzen Gift wie ein Schwert, um Beute schnell zu überwältigen. Andere nutzen es wie ein Schild, um nicht gefressen zu werden“, wie beispielsweise der Clownfisch, der Schutz zwischen den Tentakeln der giftigen Seeanemone sucht, erklärt Kuratorin Katriina Ott. Auch der Mensch versteht die Gifte aus seiner Umwelt für seine Zwecke zu nutzen. „In der Ausstellungkonzeption war es uns wichtig nicht nur giftige Organismen zu präsentieren, sondern dabei auch die dahinterstehende Funktion des Giftes zu erläutern.“

Kuratorin Katriina Ott neben dem Super-Modell einer Seewespe; Foto: Hans-Bernd Heier

Eigens für die Ausstellung wurden unter anderem ein lebensgroßes Modell einer Seewespe, eine präparationstechnische Meisterleistung, und ein Abguss eines Komodowarans angefertigt. Die Seewespe steht für die Superlative unter den giftigen Tieren. Ihr potentes Gift kann bei Kontakt mit den Tentakeln innerhalb weniger Minuten zum Tode führen. Der Komodowaran hingegen gab lange Rätsel auf. Sein Biss galt als Ursache einer bakteriellen Infektion. Heute weiß man: Drüsen im Unterkiefer beherbergen ein Gift.

Der zweite Bereich der Ausstellung – „Mensch und Gift“ – beleuchtet die Kulturgeschichte des Giftes und zeigt an eindrucksvollen Beispielen, wie die Menschheit schon in der Antike mit dieser Substanz umgegangen ist, zum Beispiel beim „Schirlingsbecher“ oder die legendäre Kleopatra, die sich durch einen Schlangenbiss das Leben genommen haben soll. Das Thema Giftmord zieht sich wie ein roter Faden durch die Weltgeschichte. Gezeigt wird auch, wie indigene Völker, toxische Substanzen zur Jagd, zu rituellen Zwecken oder zur Berauschung einsetzen.

Die interaktive Schau thematisiert ebenfalls die Wirkung von Arsen in Tapeten, Pestiziden auf Feldern und von Wirkstoffen in Tabletten. Pestizide schädigen Insekten und dezimieren das Bodenleben erheblich und doch tragen sie auch dazu bei, die Menschen ausreichend und zu günstigen Preisen zu ernähren. Doch wie lange noch?

Auffallend grell ist die Farbe der südamerikanischen Giftfrösche; mit dem Gift des kleinen roten Frosches (links oben) soll der russische Systemkritiker Alexej Nawalny neusten Erkenntnissen zufolge ermordet worden sein; Foto: Hans-Bernd Heier

Ein besonderes Augenmerk wurde in der Ausstellung auf den pharmazeutischen Einsatz von giftigen Substanzen gelegt: Tollkirsche, Fingerhut, Krustenechse und Kegelschnecken. Ihre toxischen Inhaltsstoffe dienten als Ausgangspunkt für die Entwicklung von Medikamenten wie einem Schmerzmittel aus dem Gift der Kegelschnecke oder im Fall der Krustenechse in einem Diabetes-Medikament.

Für die Pharmazie steht sinnbildlich der gut gefüllte historische Apothekerschrank: Er lädt mit seinen 45 Schubladen Besucher zur Entdeckung ein, welche Substanzen in der Vergangenheit in Apotheken zur Wiedererlangung der Gesundheit zu erwerben waren. Die Multimedia-Station „Giftwirkung“ bietet die Möglichkeit, die Auswirkungen unterschiedlicher Gifte auf den Körper zu untersuchen.

Museumsdirektor Dr. Andreas Henning verschafft sich Einblick in das damalige Arzneimittel-Angebot; Foto: Hans-Bernd Heier

Die grandiose Schau belegt spannend und überzeugend: Gifte sind äußerst vielschichtig; von sich aus weder gut noch böse. Gifte mögen bedrohlich wirken und doch können sie auch schützen oder gar heilen – es kommt eben auf die Dosis an und wie wir Menschen damit umgehen.

Der Besuch der vielseitigen, interaktiven Jahresausstellung ist für alle Altersgruppen, insbesondere für Familien und Schulklassen, empfehlenswert. Einig Vermittlungsstationen wie das Quiz wurden speziell für junge Menschen konzipiert. Zudem steht eine kostenlose Mediatour zur Verfügung. Der begleitende Katalog zur Ausstellung wird voraussichtlich Mitte April 2026 erscheinen.

Der Fliegenpilz ist durch seinen auffälligen roten, weiß gepunkteten Hut leicht zu erkennen; Foto: Museum Wiesbaden ⁄ Bernd Fickert

Ein umfangreiches Programm begleitet die Ausstellung: beispielsweise Filme zum Thema Gift im Caligari am 18. August 2026 und am 18. Januar 2027.

Der Schlachthof Wiesbaden veranstaltet am 25. April eine Party zu dem Ausstellungsthema.

Weitere Informationen unter:

www.museum-wiesbaden.de/kalender

Unterstützt wird die Schau, die noch bis zum 4. April 2027 zu erkunden ist, durch die Alfred Weigle Stiftung, den Nassauischen Verein für Naturkunde e.V. und die Freunde des Museums Wiesbaden e.V.

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