„Monets Küste. Die Entdeckung von Étretat“ im Frankfurter Städel
Die normannische Insta-Bucht unter wechselndem Licht (1)
Von Petra Kammann
Die Schau „Monets Küste. Die Entdeckung von Étretat“ ist mehr als eine Reise ins Städel wert. Das einstige Fischerdorf Étretat mit seiner Lage am Meer, das sich im 19. Jahrhundert in einen begehrten Badeort verwandelt hatte, zog zahlreiche Künstler in seinen Bann. Die im Städel ausgestellten rund 170 herausragenden Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen, Fotografien und historischen Dokumente aus führenden französischen, deutschen und internationalen Museen sowie aus Privatsammlungen dieses emblematischen Ortes öffnen uns die Augen für die Kunst, für das changierende Licht, für die Natur und deren Bedrohung durch die Erosion der Steilküste oder durch die alljährlich gewaltigen Besucherströme. Zu entdecken sind neben 24 Werken von Claude Monet, u.a. Gemälde von Eugène Delacroix, Gustave Courbet, Henri Matisse, Fotografien aus der Frühzeit um 1850 bis hin zu großformatigen Installationsansichten von Elgar Esser, des jüngsten Schülers der Becher-Klasse.
Eintauchen in „Monets Küste. Die Entdeckung von Étretat“ mittels eines 3D-Scans der spektakulären Felsformationen, Foto: Städel Museum – Norbert Miguletz
Heute ist Étretat mit Hotels, Restaurants, Souvenirläden sowie vielfältigen Freizeit- und Sportangeboten vor allem auf den Tourismus ausgerichtet. Was machte Étretat, das winzige abgelegene Fischerdörfchen an der normannischen Atlantiküste, zum Anziehungspunkt für Künstler mehrerer Generationen nur so attraktiv, zählten doch schon immer die Klippen wie auch das offene wilde Meer zu den beeindruckendsten Naturschauplätzen?
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war es wohl für eine neue Bürgerschicht die Erreichbarkeit von Paris aus. Die einzigartige Küstenlandschaft mit den historischen Austernbecken am Fuße der Klippen (nahe „La Manneporte“) war noch 1777 angelegt worden, um Königin Marie-Antoinette mit den geschätzten Delikatessen zu beliefern. Die Strukturen dieses Beckens sind noch heute bei Ebbe zu sehen und haben die maritime und touristische Geschichte des Ortes geprägt.

Wo Etretat an der Normandieküste liegt: Ausstellungsansicht, Foto: Petra Kammann
Die drei Felsentore – die Porte d’Amont, die Porte d’Aval und Manneporte wurden für die ersten Reisenden, sowohl für die wohlhabenden Pariser Bürger wie auch für die Künstler, die ein Bild der Erinnerung an den unachahmlichen Ort schufen, geradezu zum Mythos. Die Erosion des Kreidefelsens hat dort einen natürlichen Brückenbogen geformt: die Arche, auch Porte d’Aval (Elefantenrüssel) genannt, sowie die Felsnadel Aiguille. Die Manneporte (das große Tor) befindet sich südwestlich der Porte d’Aval und ist größer als sie und die Porte d’Amont das kleinste der drei Felsentore. Von Klippen umgeben lud der flache und gut gegen die vorherrschenden Winde geschützte Strand die ersten Badenden ein, sich dort frei und ungezwungen zu bewegen.

Zieht Parallelen zu zeitgenössischen Dokumentationen – Philipp Demandt, Foto: Petra Kammann
Im Ort selbst lebten in den höher gelegenen Villen zum Beispiel der Komponist Jacques Offenbach (1819–1880), der Schriftsteller Guy de Maupassant (1850–1893), der dort seine Kindheit verbrachte und Étretat literarisch zu einem Sehnsuchtsort erhob und der dem Schriftsteller Flaubert eine authentische Vorlage für die Besonderheit des Ortes lieferte. Dann Maurice Leblanc (1864–1941), Autor des charmanten Gentleman-Gauners Arsène Lupin, der inzwischen als Lupin in einer Netflix-Serie verewigt ist. Aber auch Alphonse Karr (1808 – 1890), der einen erfolgreichen Roman über den Ort schrieb und damit viel zu dessen Popularität beitrug. Der Maler Gustave Courbet (1819 – 1877), der wiederum der Barbizon-Schule zugeschrieben wird, malte hier vom Strand aus seine berühmten Wellenbilder.

Blick auf die Literatur zu Ètretat, Foto: Petra Kammann
Während Claude Monet (1840 – 1926) von der einzigartigen Steilküste am Kreidefelsen derart fasziniert war, dass er ihr unter dem Eindruck der wechselnden Gezeiten ganze Motivreihen und Gemälde widmete. Seine Leidenschaft für die sich stets verändernden Licht- und Wetterverhältnisse am Meer faszinierten auch die frühen Pariser Touristen, welche die ersten Folgen der Industrialisierung in der Stadt zu spüren bekamen und sich sehnsüchtig an den neuen Bildern berauschten. Davon profitierten natürlich auch die Galeristen, die auf Nachschub drängten, immer verbunden mit der Hoffnung auf entsprechend guten Verkauf.
Ausstellungsansicht, Foto: Petra Kammann
„Étretat war so etwas wie die erste Insta-Bucht des 19. Jahrhunderts“, kommentierte Städel-Direktor Philipp Demandt schmunzelnd bei der Pressekonferenz das Phänomen des neuen Sehnsuchtsortes, der vor allem bei den Vertretern der Pariser Bourgeoisie sowohl mit den Ideen von Freiheit wie auch mit denen von Gesundheit und Natürlichkeit des Körpers einherging. Gerade war auch die Fotografie entstanden, deren Pioniere versuchten, mit den damals noch schweren und unbeweglichen Kameras, das bewegte Meer auf die Platten zu bannen.

Claude Monet, Das Mittagessen, 1868/69, Öl auf Leinwand, 231,5 x 151,5 cm, Städel Museum, Frankfurt am Main, Eigentum des Städelschen Museums-Vereins e.V.
Zwei herausragende Werke der Städel-Sammlung sind zudem auch in Étretat entstanden und bilden den Ausgangspunkt der Schau: Monets Mittagessen von 1868/69, eines der Hauptwerke der Städel-Sammlung, ein Bild, auf dem das Leben im Haus auf unprätenziöse Weise dargestellt ist, ebenso wie „Die Woge“ des Malers Gustave Courbet, welche nach seinen ersten Aufenthalten schon 1864 in Etretat entstanden war..,“eines der bedeutenden Wellenbilder Courbets in der Sammlung des Städel Museums“, befand Sylvia von Metzler, die Vorsitzende des Vorstands des Städelschen Museumsvereins. „Mit dem Gemälde ,Die Woge‘ von Gustave Courbet rückt eine frühe und wegweisende Erwerbung des Städelschen Museums-Vereins ins Zentrum dieser umfassenden Sonderausstellung“. Mit dieser Aussage schlug sie den Bogen zu den vorhandenen wertvollen Schätzen des Museums am Main, an denen man sinnvoll anknüpfen kann.

Ausstellungsansicht „Monets Küste. Die Entdeckung von Étretat“, Foto: Städel Museum – Norbert Miguletz
Kurz zur Entstehung des eindrucksvollen Wellen-Gemäldes: Gustave Courbet hatte 1869 in einem Atelier direkt am Strand von Étretat gearbeitet und habe lediglich durch „die Glasscheibe seines Ateliers“ – so die Städel-Kuratorin Eva Mongi-Vollmer – die Wucht eines sich entwickelnden Wirbelsturms beobachtet und die ungestüme Bewegung der Woge mit „dick und dramatisch aufgetragenen Farben geschaffen“ und sich damit von der traditionell klassischen Landschaftsdarstellung gelöst. Courbet ordnete die Landschaft nicht mehr der Natur und die Figur nicht mehr der Landschaft unter und war genau mit dieser neuen Naturauffassung im Pariser Salon von 1870 überaus erfolgreich. Dem Maler der Barbizon-Schule ist in der Ausstellung ein eigener Raum gewidmet, in dem eher – anders als bei Monet – die erdigen Töne dominieren.

Ausstellungsansicht „Monets Küste. Die Entdeckung von Étretat“, Foto: Städel Museum – Norbert Miguletz
Kurzum: Die Gemälde von Claude Monet, den meisten eher als Maler von Giverny bekannt, bilden ein zentrales, wenn auch durchaus nicht das einzige Thema der Ausstellung, wie man dem Titel nach vermuten könnte. Aber er war der Maler, der sowohl das Sujet der Felsikonen als auch die Lichtstimmungen ausgesprochen seriell anging und sich hier als Maler der modernen Malerei empfahl… Im großen halbrunden Saal des Ausstellungshauses erlebt man gewissermaßen gelöst und hautnah die Dichte wie die Leichtigkeit seiner Werke mit dem flirrenden Licht, bei der sich selbst eine glatte Meeresoberfläche in Tupfen und Schwünge aufzulösen scheint…

Claude Monet, Étretat. Die Felsnadel und das Felsentor von Aval, 1885, Öl auf Leinwand 65,1 × 81,3 cm, Clark Art Institute, Williamstown, erworben von Sterling und Francine Clark, 1933, © The Clark Art Institute
Mindestens sechs Mal hatte sich zwischen 1864 und 1886 der Maler in Étretat aufgehalten, um dann rund 80 den Blick prägende Gemälde, mehrere Pastelle und eine Reihe von Zeichnungen entstehen zu lassen, die seine Eindrücke von der unbändigen Natur mit spontanen, rhythmischen Pinselstrichen ganz unmittelbar wiederzugeben.

Claude Monet Etretat, Falaise d’Aval, 1885 (W1018) Huile sur toile ; 65 x 81 cm, Hasso Plattner Collection
Bei Monet wirken die drei natürlichen Felsentore weniger bedrohlich und skulptural als bei Courbet. Er fängt das helle Morgen- und das glühende Spätnachmittagslicht ein, wenn sich der Himmel auf der Meeresfläche und den Felsen widerspiegelt und er bricht es je nach Landschaftsdetail. Bei ihm führt die Farbe selbst die Regie, wenn er die flüchtigen Stimmungen zu den verschiedenen Tageszeiten und deren atmosphärische Veränderungen nur so dahin tuscht und tupft, selbst mit der Ölfarbe, gleich ob in dem Gemälde Stürmisches Meer bei Étretat (1883), Étretat. Die Felsnadel und das Felsentor von Aval (1885), Steilküste von Aval (1885) oder Étretat. Die Manneporte (1885/86). Was für ein Glück, dass man dank der Leihgaben aus Lyon, Potsdam und aus dem New Yorker Metropolitan Museum in der Städelschau seine verschiedenen Ansichten wunderbarerweise für den Zeitraum der Ausstellung miteinander vergleichen kann. Die spätere Abstraktion der Malerei wird hier geradezu greifbar.

Claude Monet, Etretat, la Manneporte, 1886 (W1052), Huile sur toile ; 81,3 x 65,4 cm New York, The Metropolitan Museum of Art Legs de Lillie P. Bliss, 1931 31.67.11
Man kann sich vorstellen, dass diese neue lichte Wahrnehmung der Motive aus Étretat auch schon damals einen großen Käuferkreis ansprach. Sie verstärkten auch den Mythos um Étretat und trugen zudem zu Monets eigenem künstlerischen Erfolg bei, vor allem durch den Galeristen Durand-Ruel, der in dem frühen Massentourismus-Motiv eine sichere Einnahmequelle voraussah.

Eugène Delacroix, Étretat. Die Porte d’Aval, um 1840 oder 1846, Bleistift, Aquarell und Gouache auf Papier, 15 x 20 cm Musée Marmottan Monet, Paris, legs Michel Monet, 1966. Inv. 5034 © Musée Marmottan Monet
Obwohl Eugène Delacroix (1798 – 1863) vor allem für seine Historien- und Orientgemälde bekannt ist, hatte die Normandieküste eine andere Seite seines künstlerischen Schaffens in ihm schon einige Jahre früher hervorgerufen. Er wurde damit zum Vorbild für die impressionistische Malerei insgesamt, ebenso wie Eugène Boudin (1824 – 1898), Monets entscheidender Mentor und Lehrer aus dem benachbarten Honfleur, mit dem er sich in der kleinen Künstlerkolonie auf der Ferme Saint-Siméon oberhalb der Seinemündung mit Malern wie Gustave Courbet anfreundete und austauschte. Boudin war auch derjenige, der Monets Interesse für Licht, Atmosphäre und Küstenlandschaften geweckt und ihm die Pleinairmalerei, die Malerei an der frischen Luft, beigebracht hatte.
Interessant in der Schau auch die besonderen Werke von Künstlern wie Johann Wilhelm Schirmer (1807 – 1863), dem Mitbegründer der Düsseldorfer Malerschule und äußerst subtilen Landschaftsmaler, dann die des Marinemalers Eugène Isabey (1803 – 1886) oder das des bei uns weniger bekannten Eugène Le Poittevin (1806 – 1870), der als der eigentliche Entdecker von Etretat gilt, und schon ab den 1830er Jahren zahlreiche Szenen des Strandlebens schuf, auf denen neben den Badenden noch die einstigen Fischer zu sehen waren. Er hatte sogar sein eigenes Atelier gleich gegenüber vom Strand Courbet zur Verfügung gestellt. Aber das ist eine andere, weitere Geschichte.
Den bei uns weniger bekannten Vorläufern, den Fotografischen Pionieren und denjenigen, die Monets Malerei folgten – darunter keine Geringeren als Matisse, Felix Valloton oder Caillebotte werden – wir uns in einer weiteren Geschichte widmen.

Ausstellungsansicht mit FeuilletonFrankfurt-Mitarbeiter Hans-Bernd Heier, Foto: Petra Kammann
Die Ausstellung lohnt den mehrfachen Besuch jedenfalls allemal. Das vergleichende Schauen öffnet uns die Augen für eine Entwicklung der aufkommenden Moderne in den verschiedenen Facetten.
MONETS KÜSTE. DIE ENTDECKUNG VON ÉTRETAT
Eine Ausstellung in Zusammenarbeit mit dem Musée des Beaux-Arts de Lyon
Alexander Eiling (Sammlungsleiter Kunst der Moderne, Städel Museum), Eva Mongi-Vollmer (Kuratorin, Städel Museum), Foto:Petra Kammann
Die Kuratoren:
Alexander Eiling (Sammlungsleiter Kunst der Moderne, Städel Museum), Eva Mongi-Vollmer (Kuratorin, Städel Museum), Stéphane Paccoud (Conservateur en chef, Peintures et sculptures du XIXe siècle, Musée des Beaux-Arts de Lyon) und Isolde Pludermacher (Conservatrice générale peinture, Musée d’Orsay, Paris)
in Zusammenarbeit mit:
Eva-Maria Höllerer (Kuratorin, Städel Museum) und Nelly Janotka(Wissenschaftliche Volontärin, Städel Museum)
Ausstellungsdauer:
bis 5. Juli 2026
Der Katalog erscheint im Hirmer Verlag und ist im Museumsshop erhältlich.



