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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Eleganter und sinnlicher Tanz

Die Compañía Nacho Duato bei den Highlights des internationalen Tanzes in Bonn

Von Simone Hamm

Sechs Paare tanzen sich rund ums Mittelmeer zu Musik aus Nordafrika, Griechenland, Spanien, zu Flötenklängen und Trommeln.„Gnawa“ heißt diese Choreografie.

Cantus, Foto:© Fernando Marcos

„Gnawa“, 2005 vom Hubbard Street Dance Chicago uraufgeführt, ist eine zeitlose Choreografie von Nacho Duato, ein Tanzstück von großer Sinnlichkeit und feiner Eleganz. Die Tänzer tragen weiße, figurbetonte Hosen. Ihre Oberkörper sind frei. Die Tänzerinnen haben die Haare in der Mitte gescheitelt und streng nach hinten gebunden, sie tragen hautenge fleischfarbene Trikots oder schwarze enganliegende Kleider.

Gnawa, das war früher das Wort für verschiedene mystische muslimische Bruderschaften, die mittels Musik und Tanz ein verändertes Bewusstsein erreichen, die sich in Ekstase tanzen konnten. Heute ist Gnawa sehr populär, im Maghreb gibt es Gnawa Festivals.

In Bonn bringen die Tänzer der Compañía Nacho Duato Gefäße mit Kerzen auf die Bühne. Das hat etwas Rituelles. Sie bewegen sich mit allergrößter Leichtigkeit. Ihre Bewegungen sind fließend, scheinbar mühelos gleiten sie durch die Arme, über die Rücken der Partner. Ihre Oberkörper werden zu Wellen.

Sie breiten die Arme aus und beugen sie, ihre Füsse sind oft angewinkelt. Sie bilden einen Kreis. Sie können plötzlich innehalten, den Reigen unterbrechen, um dann wieder fortzufahren mit den Schlangenlinien. Im Hintergrund ist eine grüne Schlangenhaut an die Wand projiziert. Sonst ist die Bühne schwarz.

Das ist der Tanzstil von Nacho Duato, der künstlerischer Leiter des Balletts im Michailowski-Theater in Sankt Petersburg gewesen ist, mit einer Unterbrechung als Intendant des Staatsballetts Berlin. Seit 2023 arbeitet er wieder in Madrid, wo er schon vor vielen Jahren der künstlerische Leiter der Comapañia National de Danza war. Damals hatte er Spanien im Streit mit rechten Kulturpolitikern verlassen. Jetzt ist er zurück und leitet er die Jugendkompanie. „Four by Duato“ hat er seinen jüngsten Tanzabend genannt.

Foto: © Irina Yakivleva

In „Freedom“ tanzen Fabio Fahle und Sofia Tullio ein hinreißendes Pas de Deux aus der Choreografie „Rassemblement“. Zu Geräuschen, Schlägen und kehligen Laute wie von Tieren kommt Fabio Fahle auf die Bühne.

Dann erklingt die Stimme Toto Bissainthe aus Haiti. Sofia Tullio kommt hinzu. Sie tanzt erst allein, streckt dann die Hände nach ihrem Tanzpartner aus, hängt sich an ihn. Er nimmt sie auf den Rücken. Sie lassen sich zu Boden gleiten. Springen. Entfernen sich voneinander. Tanzen ganz eng. Spielen mit Nähe und Ferne. Wie schon in „Gnawa“ bringen die Tänzer  Eleganz und Sinnlichkeit auf die Bühne.

Toto Bissainthe aus Haiti singt ein Lied, das früher die Sklaven gesungen haben: Liberté. Duatos Tänzer feiern die Freiheit.

Nacho Duato liebt die Musik Debussys. Wenn er sie hört, sagt er, stellt er sich Formen vor, nicht Menschen. Seine Choreografie „Duende“ ist für ihn wie eine Skulptur. Duende ist in Spanien ein mystischer Kobold. Duende steht aber auch für intensive künstlerischer Leidenschaft.

Frauen in kurzen schwingenden blauen und Kleidern tanzen auf Zehenspitzen, und Männer in grauen Hosen heben sie, sie tanzen in Männer – und Frauengruppen, zu zweit, oft zu dritt. Sie werfen ihre Köpfe nach hinten, ziehen einander über den Boden. Auch „Duende“ hat etwas wunderbar Leichtes, Filigranes.

Cantus“ ist die letzte Choreografie des Abends, die die Tänzer der Compañía Nacho Duato zeigen. Es wird dunkler auf der Bühne. Dies Irae, die Tage des Zorns sind angebrochen. Die Musik wird ständig bedrohlicher. Soldaten tanzen in dunklen Hosen und Muscle Shirts zu den Klängen des Requiems von Karl Jenkins. Die Musik wird ständig bedrohlicher.

Frauen verschwinden hinter Schleiern. Eine bunt gekleidete Frau fällt und bleibt reglos liegen. Ein Paar weint um sie. Ein Moment der Trauer. Sonst bleibt alles wohltuend abstrakt. Die energische Bewegungen, die gleichförmigen Schritte lassen ohnehin keinen Zweifel daran, dass wir uns im Krieg befinden.

Das mag etwas pathetisch sein, aber das darf es an diesem Abend in diesen Zeiten.

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