Museum Ernst zeigt Wolfgang Holleghas erste museale Einzelausstellung in Deutschland
Monumentale Formate mit hinreißender Farbigkeit
Von Hans-Bernd Heier
Mit der ersten musealen Einzelausstellung in Deutschland feiert das Museum Reinhard Ernst (mre) die fulminante Wiederentdeckung eines der international bedeutendsten abstrakten Maler Österreichs nach 1945: Wolfgang Hollegha. Bereits Ende der 1950er-Jahre erlangte Hollegha große Anerkennung in New York, dem Zentrum jener künstlerischen Avantgarde, die die Malerei nachhaltig veränderte. Die großartige Präsentation im mre „Wolfgang Hollegha. Denk nicht, schau!“ ermöglicht eine eindrucksvolle Wiederbegegnung von Werken des europäischen Meisters mit Jackson Pollock, Helen Frankenthaler, Morris Louis, Friedel Dzubas und anderen US- amerikanischen Weggefährten, die mit hochkarätigen Arbeiten in der Sammlung vertreten sind.

Ohne Titel, 2016 (Titelmotiv der Ausstellung); Öl auf Leinwand, 270 x 240 cm, Museum Liaunig; © Nachlass Wolfgang Hollegha; Foto: N. Lackner / UMJ
„Es ist uns eine Herzensaufgabe, diesen bedeutenden Künstler ins Licht zu holen und ihm den Raum zu geben, den sein Werk verdient“, sagt Dr. Oliver Kornhoff, Direktor des Museums Reinhard Ernst. „In Wolfgang Hollegha erleben wir einen Maler, der unsere oft unscheinbare (Motiv)welt in herrlich mitreißende Farbereignisse überführt. In den großzügigen, hellen Räumen des Museums beginnen seine Bilder zu atmen und entfalten ihre ganze Strahlkraft und Farbintensität“. Mit dieser Deutschlandpremiere positioniere sich mre einmal mehr als ein Ort der Entdeckungen.
Überraschend auch der Titel der Ausstellung: „Denk nicht, schau!“. Dazu Kuratorin Lea Schäfer: „Schon der Titel – ein von Wolfgang Hollegha oft zitierter Satz des Philosophen Ludwig Wittgenstein – verweist auf den Kern seines Werkes: Es geht nicht um Erklärungen, nicht um Theorie, nicht um Analyse. Es geht um das Sehen. Und genau darin liegt die besondere Aktualität für unsere Gegenwart. Was können wir heute von Wolfgang Hollegha lernen? Vielleicht vor allem dies: sich Zeit zu nehmen, den eigenen Blick zu schulen – nicht die KI zu fragen, sondern seinen eigenen Fähigkeiten vertrauen.“

Dr. Oliver Kornhoff, Günther Holler-Schuster, Lea Schäfer und Daniel Hollegha (v. l.) erläutern beim Presserundgang Holleghas intensiven Maltprozess; Foto: Hans-Bernd Heier
Wolfgang Hollegha wurde 1929 in Klagenfurt geboren und studierte ab 1947 an der Akademie der bildenden Künste Wien. Als Mitglied der Gruppe St. Stephan erlangte er bereits Ende der 1950er-Jahre internationale Aufmerksamkeit, insbesondere inden USA. Als jüngster Preisträger wurde er 1958 für Österreich mit dem Guggenheim Award ausgezeichnet, zeitgleich mit Alberto Giacometti, der den Preis für die Schweiz entgegennahm, und Mark Rothko für die USA. Gefördert wurde er von Clement Greenberg, einem einflussreichen US-amerikanischen Kunstkritiker, der früh sein künstlerisches Potenzial erkannte. Zusammen mit den Protagonisten des Abstrakten Expressionismus, darunter Friedel Dzubas, Morris Louis und Jules Olitski, stellte der junge Österreicher in den Staaten aus.
Trotz dieser Erfolge entschied sich Hollegha bewusst gegen eine Karriere in den Kunstmetropolen. 1962 zog er sich auf einen Bauernhof aus dem 17. Jahrhundert am Rechberg nördlich von Graz zurück, den er nach seinen Vorstellungen umbaute. Besonders eindrucksvoll ist dort das Sommeratelier: ein freistehender Holzbau, der einen bis zu 15 Meter hohen Raum beherbergt. In dieser selbstgewählten Abgeschiedenheit entwickelte der Künstler über mehr als sechs Jahrzehnte ein radikal eigenständiges, oft monumentales Œuvre – von außergewöhnlicher malerischer Intensität. In diesem lichtdurchfluteten Studio entstehen die auf dem Boden liegenden großformatigen Gemälde.

„Zwei Körbe“, 2000, Öl auf Leinwand, 500 x 320 cm; © Nachlass Wolfgang Hollegha. Foto: N. Lackner / UMJ
Am Anfang des Malprozesses steht stets ein konkretes Motiv: ein Holzscheit, ein Wollknäuel, ein Korb. „Der Weg vom Gegenstand zum Kunstwerk führt über die Zeichnung – für den Maler ein „Instrumentarium des Sehens“. In zahlreichen Skizzen tastet Hollegha sich an das Motiv heran, bündelt Linien, variiert den Schwung, wiederholt Bewegungen. Zeichnen, Verarbeiten, Vergrößern, Verdichten – all das sind Arbeitsschritte eines Malers, der nicht theoretisch vorgeht, sondern aufmerksam tastend, prüfend. „Holleghas Bilder sind keine Abbilder. Sie machen einen Aspekt von Wirklichkeit sichtbar, der sich in einem Feuerwerk aus Farbe ergießt“, erläutert Schäfer. In der Abgeschiedenheit des Rechbergs entwickelt Hollegha eine ganz eigenständige, unabhängige Bildsprache.
Besonders eindrucksvoll sind die im Sommeratelier entstandenen monumentalen farbgewaltigen Gemälde. Das Sommeratelier ist ein freistehender Holzbau, der einen bis zu 15 Meter hohen Raum beherbergt. Die großformatigen Gemälde entstanden in diesem lichtdurchfluteten Studio auf dem Boden. Während des Malens waren sie nur ausschnittweise erfassbar. Erst von einer eingebauten Empore aus konte Hollegha die Bilder in ihrer Gesamtheit betrachten, prüfen und weiterdenken.

Wolfgang Hollegha in seinem Atelier; Foto: © Markus Thums 2015/ UMJ
Beim Malprozess kniete der Künstler, der sich dabei stets von den Klängen Johann Sebastians Bachs inspirieren ließ, auf dem Bildträger oder bewegte sich auf einem eigens konstruierten Schlitten über die Leinwand. In Schälchen wurde verdünnte Ölfarbe auf weißgetünchte Leinwand geschüttet, mit dem Handballen oder der Unterseite der Farbschalen verrieben, bisweilen auch mit einem Lappen teilweise wieder abgenommen. „Die Bewegung Holleghas schreibt sich direkt in die Bildoberfläche ein. Der Körper wird zum Werkzeug, die Leinwand zur Arena“, so Kornhoff. Die monumentalen Bildtafeln ließen sich nur durch einen breiten Schlitz in der Außenwand des Sommerateliers nach außen befördern.
Die großartige Wiesbadener Ausstellung feiert den 2023 in seinem Haus auf dem Rechberg in der Steiermark verstorbenen Künstler als „Meister der präzisen Verdichtung und Reduktion“, so Kornhoff. „Ich freue mich sehr, dass seine großformatigen Arbeiten in diesem Umfang erstmals in einer Einzelausstellung in Deutschland gezeigt werden. Das Museum Reinhard Ernst ist dafür der beste Ort, den wir uns vorstellen können: Nicht nur kommen die Gemälde in der besonderen Architektur von Fumihiko Maki sehr gut zur Geltung – auch die Gegenüberstellung mit den amerikanischen Zeitgenoss:innen ist hier ganz bemerkenswert“, lobt Daniel Hollegha, Sohn des Malers.
Das Museum Ernst präsentiert 27 großformatige Arbeiten Wolfgang Holleghas aus sechs Jahrzehnten. Die höchst beeindruckende Werkschau umfasst 23 Gemälde auf Leinwand sowie vier Arbeiten auf Papier. Bei den ausgestellten Arbeiten handelt es sich um Leihgaben aus dem Nachlass des Künstlers, aus dem Museum Liaunig sowie aus privaten Sammlungen.
Die Ausstellung im Museum Ernst mit der Neuen Galerie Graz/Universalmuseum Joanneum ist bis zum 25. Oktober 2026 zu bewundern. Der exzellente Katalog würdigt Holleghas herausragendes Werk nach 1945; Herausgeber sind Günther Holler-Schuster und die Reinhard & Sonja Ernst-Stiftung. Der Katalog ist im Wienand Verlag erschienen und kostet im Museumsshop 29,90 €.
