Life is a Cabaret! oder: Zivilcourage gefragt!
Wenn die Gespenster wie aus dem Nichts auftauchen…
Von Walter H. Krämer
Das amerikanische Musical „Cabaret“ mit Musik von John Kander, Liedtexten von Fred Ebb und einem Text von Joe Masteroff basiert auf dem Theaterstück „I am a Camera“ von John Van Druten, das 1951 uraufgeführt wurde und das wiederum auf dem Roman „Leb Wohl, Berlin“ von Christopher Isherwood (1904–1986) aus dem Jahr 1939 basiert. Der Regisseur Claus Guth inszeniert erstmals am Residenztheater München und gewinnt dem Musical „Cabaret“ neue Facetten ab.

Vincent Glander © Monika Rittershaus
In dem Musical „Cabaret“ trifft schillerndes Nachtleben im Berlin der 30er Jahre auf eine Zeit politischen Umbruchs. Die Berliner Partystimmung, die das voranschreitende Elend der 20er Jahre zu verdecken sucht, wandelt sich – erst unmerklich, dann immer geschwinder – bis die faschistischen Vorzeichen nicht mehr zu übersehen sind.
Das Musical konzentriert sich auf das vergnügungssüchtige und lustbetonte Nachtleben im zwielichtigen Kit Kat Klub und auf die Beziehung des Schriftstellers Clifford Bradshaw zur Sängerin Sally Bowles. Ein weiterer Handlungsstrang ist die Liebesgeschichte zwischen der deutschen Pensionswirtin Fräulein Schneider und ihrem Verehrer, Herrn Schultz, einem Obsthändler jüdischen Glaubens.
Die Drehbuchautorin Jay Presson Allen schuf auf Basis von Christopher Isherwoods autobiografischer Geschichtensammlung „Leb wohl, Berlin“ (1939) und der daraus entstandenen Stücke „I Am a Camera“ (1951) von John Van Druten und „Cabaret“ (1966) von Joe Masteroff einen lustbetonten, geistreich-humorvollen und zugleich melancholischen, bitterernsten Plot, den Star-Choreograf und -Regisseur Bob Fosse mit seinem Kameramann Geoffrey Unsworth brillant und rauschhaft-wild in Szene setzte. Ein Klassiker, der so lebenslustig wie düster ist – und dessen queeren Geist auch Hollywood nicht austreiben konnte.

Thomas Hauser, Vassilissa Reznikoff, Vincent Glander sowie Kit Kat Girls & Boys © Monika Rittershaus
In seinem fragmentarischen Roman, der sechs Texte versammelt, schilderte der 1904 in England geborene Isherwood nach eigenen Erfahrungen die letzten Tage der Weimarer Republik in Berlin.
Unter den sehr präzise porträtierten Personen, die den Protagonisten umgeben, sticht Sally Bowles besonders hervor. Eine junge Frau, die unbedarft wirkt und doch genau weiß, was sie will.
Die spätere Journalistin und Aktivistin Jean Iris Ross (1911-1973), die Anfang der 1930er Jahre eng mit Isherwood befreundet war, sich als Cabaret-Sängerin verdingte und von einer glamourösen Filmkarriere träumte, diente dem Schriftsteller als Vorbild für seine energiegeladene Heldin. Ross selbst kritisierte nach der Buchveröffentlichung die naive und apolitische Anmutung, die sie in der nach ihr geformten Figur sah.
Es darf geträumt werden. Diese Träume bleiben bleiben jedoch unerfüllt – und den Liedern, so sexy, schön, laut oder albern sie auch klingen mögen, wohnt durchweg etwas Schwermütiges, Schmerzvolles inne, da immer klarer wird, dass düstere Zeiten bevorstehen.

Vassilissa Reznikoff, Michael Goldberg © Monika Rittershaus
Das Residenztheater München tat gut daran, dieses Musical auf den Spielplan zu setzen und das Publikum lohnt die Entscheidung mit ständig ausverkauften Vorstellungen, Zwischenapplaus und am Ende stehende Ovationen.
Öffnet sich in Claus Guths Inszenierung des Musicalklassikers „Cabaret“ der Vorhang, blickt man in ein gediegenes Hotelzimmer für Besserverdienende, in das Michael Goldberg als ehemals mittelloser Schriftsteller Clifford Bradshaw geraten ist (Bühne von Etienne Pluss). Er kehrt nach Jahren, mittlerweile wohl situiert und erfolgreich in den USA zuhause, nach Berlin zurück. Erinnert sich an seine Zeit in Berlin, den Kit Kat-Club und an seine Liebesgeschichte mit Sally Bowles.
Kein Club ist da auf der Bühne zu sehen, keine Glitzer- und Glamour-Welt von damals. Vincent Glander jedoch lädt als Conférencier und Hotel Faktotum ein ins Berlin der 1930er-Jahre und beschwört die Gesichter der Vergangenheit.
Neben dem alten Bradshaw agiert sein jüngeres Ego (Thomas Hauser), und erinnert ihn immer wieder an diese vergnügungssüchtige Zeit und die Begegnungen mit alten Bekannten, die wie Gespenster manchmal wie aus dem Nichts auftauchen.
Der Regisseur hat sich entschieden, die Geschichte als Blick zurück in die Vergangenheit zu inszenieren, „als Abfolge von Szenen und musikalischen Momenten, die wie aufglühende Lichter einer vergangenen Zeit bis ins Heute hineinleuchten.“ (Claus Guth in der analogen Ausgabe des Programmbuchs zur Aufführung).
Das kann man machen. Nur stellt sich da die Frage: müssen sich dann immer beide Bradshaws auf der Bühne tummeln?!

Vassilissa Reznikoff © Monika Rittershaus
Die Aufführung wirkt im ersten Teil merkwürdig zerfasert und teilweise verwirrend. Und kommt auch nicht wirklich in Fahrt. Rückblendengeschichten mit Hits aus dem Musical lassen den heraufkommenden Faschismus und den Zusammenbruch der Weimarer Republik noch nicht ahnen. Einen Hauch davon vermittelt das Lied „Der morgige Tag ist mein“ – gesungen von einem Jüngling mit Hakenkreuzbinde, der plötzlich im Hotelzimmer auftaucht. Das Lied – im Original „Tomorrow Belongs to Me“ ist eine von John Kander und Fred Ebb komponierte Hymne, die den Aufstieg des Nationalsozialismus in Deutschland darstellt. Die Melodie des Liedes hat zunächst die Anmutung eines Volksliedes. Der Text aber ist Ausdruck der nationalsozialistischen Ideologie und beschreibt die Hoffnung auf eine bessere Zukunft, die durch die Machtübernahme der Nazis erreicht werden soll:
Im Licht liegt die Wiese so sommerwarm da.
Es grasen die Hirsche im Hain.
Doch sammelt euch alle, ein Sturm ist nah.
Der morgige Tag ist mein.

Vassilissa Reznikoff, Vincent Glander © Monika Rittershaus
Was an der Inszenierung gefällt und überzeugt, ist die Tatsache, dass der Regisseur weniger Gewicht auf die Darstellung der „braunen Horden“ legt, sondern stärker die Verantwortung und Zivilcourage des Einzelnen in den Blick nimmt. Besonders deutlich wird das durch das Lied „What would you do? “ gesungen von Fräulein Schneider (Cathrin Störmer), nachdem sie sich entschieden hat, ihre Verlobung mit dem jüdischen Obsthändler Herrn Schultz (Robert Dölle) aus Opportunismus und dem Willen zu überleben, gelöst hat.
Bei dem Liedvortrag geht das Saallicht an und das Publikum wird direkt angesprochen mit dem Satz „Was würdest Du tun? „Diese Setzung scheint mir in der augenblicklichen Situation in der BRD richtig und sinnvoll. In Zeiten, in denen rechte Kräfte vermehrt in die Parlamente gelangen und sich in den sozialen Medien ausbreiten, ist Zivilcourage und Mut gefragt, deren Ideologien entgegenzutreten. Ein aufwühlender Appell und von Cathrin Störmer als Fräulein Schneider hervorragend über die „Rampe“ gebracht.
Robert Dölle als Herr Schultze ist ein liebenswürdiger Obsthändler, der gerne Zauberticks vorführt, in Fräulein Schneider verliebt ist und sie mit Früchten aus seinem Laden erfreut. Nicht zuletzt mit einer Ananas. Er möchte mit ihr seinen Lebensabend verbringen und macht ihr einen Heiratsantrag. Herr Schultz glaubt nicht an einen dauerhaften Sieg der Nazis. Er fühlt sich als Deutscher und möchte im Land bleiben. Kein Gedanke an Auswandern oder die Flucht ergreifen. Stark das Bild, wenn Robert Dölle an die Rampe tritt, sich bis auf die Unterhosen entkleidet und sich in Embryohaltung auf den Boden legt. Man kann ahnen, was ihn seine Naivität gegenüber dem Regime gekostet hat: sein Leben in einem der Konzentrationslager.
Nach der Pause kommt die Inszenierung so richtig in Fahrt und auf den Punkt. Das Hotelzimmer ist verschwunden. Die Dreh-Bühne ist zu einer offenen geworden, auf dem Bett und Requisiten des Amüsierbetriebs kreisen. Der Moment, in dem eine alte Ordnung auseinanderfällt und in der alle Figuren vor der Entscheidung stehen, zu bleiben oder zu gehen.
Der Conférencier wirkt jetzt richtig böse – trotz Clownsgesicht. Teuflisch gut die Performance zum Lied „Money, Money“ und sehr einfühlsam das Geständnis seiner Liebe zu einem Schimpansen: „If You Could See Her with my eyes!“
Braunhemd Ernst Ludwig (Vincent zur Linden) weiß genau, wo sein Platz ist und Sally Bowles – gespielt von Vassilissa Reznikoff – die ebenso artistisch an der Stange beeindruckt wie als Musicalsängerin und Diseuse an der Rampe – klammert sich an ihre Rolle im Cabaret.

Cathrin Störmer, Vincent Glander, Robert Dölle © Monika Rittershaus
Ihr Song „Maybe this time“ gehört zu den großen Momenten der Aufführung. Es ist ein emotionales Lied über die Hoffnung, endlich die wahre Liebe zu finden:
Diesmal, endlich diesmal
Wird er bleiben, wird er bei mir sein
Diesmal wird er mich lieben
Und ich werde nicht mehr allein sein
Das Lied wird im Film von Sally Bowles (Liza Minnelli) gesungen, als sie sich in Clifford Bradshaw verliebt. In der Münchener Inszenierung ist es aber erst am Ende ihrer Beziehung – nachdem sie abgetrieben hat, sie sich für das Cabaret entschieden und sich Clifford Bradschaw nach Amerika abgesetzt hat – zu hören. Dadurch bekommt dieses Lied eine tragische Note. Man spürt hinter der Sehnsucht ihre Verzweiflung und auch die Angst vor einer festen Bindung und neuen Herausforderungen. Großartig performt und mit Herzblut in den Theatersaal geschmettert. Mitten ins Herz der Zuschauer*innen. Tosender Applaus und Begeisterungsrufe für diese Leistung von Vassilissa Reznikoff.
Nicht zu vergessen die Auftritte der Kit Kat Girls und Boys sowie Myriam Schröder als Fräulein Kost – sie stehen für die frivole und lustbetonte Seite des Lebens – und das machen sie großartig und bereiten damit dem Publikum ein großes Vergnügen.
Begleitet werden die Songs von der achtköpfigen Band unter der Leitung von Stephan Delaney. Manchmal übertönte die Musik den Text und man hätte dem Dirigenten mehr Fingerspitzengefühl für die Stimmen der Sänger und Sängerinnen und die Ohren der Zuschauer*innen gewünscht. Laut ist nicht gleich gut und besonders.
Das Musical „Cabaret“ war schon immer ein Dauerbrenner in der Musical-Landschaft und hat angesichts der AfD-Ergebnisse und des europaweiten Rechtsrucks eher noch an Aktualität gewonnen. Es sprüht vor Lebensgefühl und Großstadt-Charme. Gleichzeitig wird deutlich, mit welcher Aktualität die Themen daherkommen – der offene Faschismus, die sexuelle Freiheit und Gleichberechtigung, die politische Naivität einer Sally Bowles, die blinde Narrenfreiheit des Conférenciers, die Provokationen und der Hass auf das Fremde.
Die Inszenierung überzeugt durch eine Mischung aus Unterhaltung und Ernsthaftigkeit. Ein Aktualitätsbezug unverkennbar und die Aufforderung für mehr Zivilcourage eindeutig.
https://www.residenztheater.de/stuecke/detail/cabaret
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5. + 17. + 25.04.2026
