Oona Doherty bringt magischen Realismus auf die Tanzbühne
Von Menschen und Schweinen
Von Simone Hamm
Der kleine Junge schreit seinen Schmerz heraus. Immer wieder. Seine Mutter liegt tot in der Küche zu seinen Füßen. Riesige Gestalten kommen herein. Maskiert, vermummt, bedrohlich. Sie schreiten heran wie in Zeitlupe, ziehen die Mutter fort, ergreifen das Kind und tragen es heraus, bringen es nach Belfast. Es sind die 1940ger Jahre. Irland ist arm. Der Junge (großartig dargestellt von Faith Prendergast) zittert vor Trauer und Kälte neben seinem Koffer, die ganze Fahrt über.
SPECKY CLARK – Oona Doherty, Foto: © Luca Truffarelli
„Specky Clark“ ist die Geschichte des Großvaters der irischen Choreografin Ooha Doherty, eine unverwechselbare Mischung aus Traum und Realität. Jetzt war es am Schauspiel Köln auf Einladung von Tanz/Köln zu sehen.
„Ich erzähle Dir eine Geschichte“, sagt eine dunkle Männerstimme mit starkem irischen Akzent. Und erzählt von magischen Zwillingen, die schon in der Wiege sprechen und tanzen konnten und die flohen, weg von der Mutter nach Glasgow. Und zu diesen Zwillingen kommt der kleine Junge.
Die Zwillinge sind riesengroß, einer hat einen Bart. Sie tragen altmodische Kleider und Kopftücher. (Kostüme: Darius Dolatyari-Dolatdoust)
Faith Prendergast ist eine sehr kleine Frau und die beiden Frauen, die sie aufnehmen, wirken wie Riesen, wenn sie ihn hochheben, aus- und anziehen. Dabei schnalzen sie mit der Zunge und sagen ununterbrochen: „God love him“ und rauchen Kette. Das hat etwas absurd Komisches.
Sie nennen ihn um: Specky Clark heißt er jetzt wegen seiner riesigen runden Brille (specky bedeutet brillentragend). Bereits am nächsten Tag muß er in den Schlachthöfen arbeiten. Riesige, fleischfarbene Stoffbahnen hängen von der Decke herab. (Bühnenbild: Sabine D’Argent).
Als er ein Schwein (Michael McEvoy) töten soll, bewegt es sich, kniet vor ihm, streckt die Hand aus und umarmt ihn. Es tröstet ihn. Das ist sehr traurig und zugleich vollkommen absurd und witzig.
Specky Clark geht nachts noch einmal zurück ins Schlachthaus und tanzt zu verfremdeter irischen Musik wild, zuckend, sich hin- und herwerfend, als ginge es um sein Leben. (Sounddesign: Maxime Jerry Fraiss, Musik: Lankum) Da springt das Schwein herbei. Und sie Performance wird noch surrealer.
SPECKY CLARK – Oona Doherty, Foto: © Luca Truffarelli
Denn es ist der Abend von Samhain, dem gälischen Fest, aus dem später Halloween wurde. Die beiden Frauen haben Specky Clark ein Kostüm angezogen, er wird zum Skelett.
Samhain ist die Nacht, in der die Toten und die Lebendigen sich wiedersehen, in denen die Tür zur Vergangenheit einen Spalt breit geöffnet wird oder, wie der Erzähler sagt: „der Schleier zu Welten und zu Teilen von uns, geöffnet wird, von denen wir gar nicht wussten, dass es sie gibt.“
Die anderen acht Tänzer kommen herbei (Diarmuid Armstrong, Malick Cissé, Gennaro Laouro, Zoé Lecorgne, Erin O’Reilly, Joel Small). Sie sind Teufel, Bandagierte, in Leder und Nieten Gewandete und führen einen bunten, wilden, bacchantischen Tanz auf.
In der Tür, dem Tor zu anderen Welt, sieht Specky Clark seine Mutter. Ein Moment der Hoffnung, des Friedens in all dem infernalischen Getümmel.


