Große Gefühle, traumatische Begebenheiten, hoffnungsvolles Aufbegehren
Adaptiert für die Bühne: Bendict Wells Erfolgsroman „Vom Ende der Einsamkeit“ Schauspielhaus Bochum
von Simone Hamm
Benedikt Wells Hauptfigur Jules in seinem Roman „Vom Ende der Einsamkeit“ ist ein Junge, ein Mann, der sich jeden Tag in ein anderes Leben träumt, ein Leben, das weniger schmerzhaft, glücklicher ist… Die Geschwister Jules, Marty und Liz verlieren ihre Eltern bei einem Verkehrsunfall, kommen in ein scheußliches staatliches Internat. Sie verarbeiten ihre Trauer sehr unterschiedlich: Liz (Karin Moog) ist die Aufgekratzte, die das Leben herausfordert, die vor keiner Droge und keinem Mann halt macht. Toni (Payam Yazdani), ein Mitschüler, der hässliche Strickpullis trägt, wird sie sein ganzes Leben lang lieben.

Nina Steils, Foto: Sophia Hegewald
Marty (Oliver Möller) ist der erfinderische Nerd mit kleinen Ticks, wie etwa dem, Türklinken mehrfach in einem bestimmten Rhythmus runterzudrücken. Und er ist sehr auf Sicherheit bedacht.
Jules (Dominic Dos-Reis), der jüngste, gerade einmal zehn, ist ein Träumer. Er phantasiert sich in eine Welt, in der seine Eltern noch leben. Er idealisiert die wunderschöne Mutter. Er findet an der Schule in Alva (Nina Steils) eine Freundin fürs Leben. Man brauche im Leben nur einen einzigen guten Freund, hatte sein Vater ihm gesagt. Das sei sogar wichtiger als die Liebe.
Sie verlieren sich aus den Augen. Alva heiratet den wesentlich älteren russischen Schriftsteller Alexander Romanow (Mathias Max Hermann), den sie verehrt. Erst nach dessen Tod finden Jules und Alva zueinander, bekommen Zwillinge. Alva hat ihre Schwester verloren, als sie noch ein Kind war. Gemeinsam wollen sie als Familie leben, gemeinsam der Einsamkeit entkommen. Alva erkrankt an Leukämie und stirbt.

Dominik Dos-Reis, Nina Steils (v. li.)© Sophia Hegewald
Großer Stoff also fürs Theater, auf dem ohnehin zur Zeit etliche Literaturadaptionen zu sehen sind. Doch Guy Clemens‘ Inszenierung bleibt seltsam statisch. In Wells Roman spielen Musik und Tanz eine große Rolle, einzelne Songs von Paolo Conte, den Beatles, Nick Drake oder das einst von Audrey Hepburn, jetzt von Liz gesungene „Moon River“ sind geradezu Leitmotive. Clement übernimmt nur wenig, fügt andere Musik hinzu. Ein einziges Mal tanzt Liz ganz wild und ganz allein.
Die große, fast immer kreisende Drehbühne wird zu einer Küche, in der die Protagonisten den ganzen Abend stehen, den Eisschrank auf und zu machen und Essen vorbereiten. Was als Verfremdung, als Gegensatz zur hyperemotionalen Story gedacht war, geht so nicht auf. Zwar kann Guy Clemens so einfacher in Rückblenden erzählen, aber während es Benedict Wells gelungen ist, in ganz einfacher Sprache von Liebe, Verlust und Trauer zu erzählen, wirkt das auf der Bochumer Bühne bisweilen zu formelhaft, zu glatt.
An den Schauspielern, die durch die Zeiten springen, zu Kindern werden, zu Arrivierten, zu Verlorenen, liegt das nicht. Sie alle spielen mit großem Engagement. Domic Dos-Reis als Jules ist langsam in seinen Gesten, blickt träumerisch in die Ferne, wenn nicht gerade Alva vor ihm steht. Alva (Nina Steils) ist von großer Herzlichkeit und doch sehr verschlossen, wenn es um die verlorene Schwester geht. Mathias Max Hermann als russischer Schriftsteller, der in die Demenz abgleitet, zeigt, wie schmerzhaft es für ihn ist, zu erkennen, dass er nie mehr ein Buch vollenden wird.
Liz (Karin Moog), die sich so übertrieben laut und sich übertrieben lustig gibt, schreit ihre tiefe Einsamkeit geradezu heraus. Marty (Oliver Möller) mit seinen Ticks und seinen immer erfolgreicheren Firmen gibt auch den Biedermann, der er gern sein will. Payam Yazdani ist der ewig verliebte Toni, der sich zu keiner Sekunde bedauert. Er hat sein Liebesleid selbst gewählt.

Oliver Möller, Karin Moog (v. li.) Foto: Sophia Hegewald
Am Ende wollen die Geschwister und Toni endlich die ,den ganzen Abend über zubereiteten Gerichte genießen. Gemeinsam. Doch dazu kommt es nicht. Es gibt kein Ende der Einsamkeit.
„Vom Ende der Einsamkeit“ am Schauspiel Bochum i noch zu sehen am 21.3., 2.4. und 5.4.
Vom Ende der Einsamkeit. Diogenes Verlag. 368 Seiten, 22.00 €.
