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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Anspruchsvoll, opulent, und sehr berührend – „Awakening“ von Param Vir

Aufführung an der Bonner Oper

Von Simone Hamm

Ein Mann in orangefarbener Mönchskutte sitzt unter einem riesigen Halbmond zwischen Trümmern. Nur die Scheinwerfer am Rand der Bühne stehen noch. Er aber scheint unbeirrt inmitten der Verwüstung.

Statisterie, Cody Quattlebaum, Martin Tzonev, Chor des Theater Bonn, Tänzerinnen und Tänzer, Foto: © Max Borchardt

„Awakening“ heißt Param Virs Oper, die in Bonn uraufgeführt wurde: das Leben des Siddhartha Gautama, der zum Buddha wird. Er lebte vor ungefähr 2500 Jahren, war der Sohn eines Königs, der alle Ämter ablegte, auf alle Würden verzichtete, Wanderprediger wurde, die Erleuchtung erlangte. Der fast neunzigjährige große britische Dramatiker David Rudkin hat ein herausragendes und sehr anspruchsvolles Libretto geschrieben, in dem die großen philosophischen Fragen gestellt werden, die nach den ethischen Prinzipien des Lebens. Für Param Vir ist Buddhismus weniger Religion, vielmehr die Lehre der Selbstentwicklung uns schließlich der Selbsttransformation. Kein leichtes Unterfangen also. Aber wer sich darauf einlässt, wird reich beschenkt.

Regisseur Vasily Barkhatov bei den Proben zu AWAKENING (UA). Foto: © Lina Heid

Einer der Stars am Himmel der Opernregisseure, Vasily Barkhatov, der 2028 einen neuen Ring in Bayreuth inszenieren wird, hat sich dieser Herausforderung gestellt und „Awakwning“  brilliant gemeistert.

„Awakening“ kann in Tibet spielen, aber auch an jedem anderen Ort der Welt, an dem Menschen unterdrückt werden. Param Vir und David Rudkin haben eine Rahmenhandlung hinzugefügt, die den alten Stoff hochmodern wirken lässt. Uraufgeführt am Tag nach dem Angriff Israels und der USA auf den Iran bekamen die Fragen nach Macht und Machtmissbrauch, nach der Bewahrung von Frieden unter einem unterdrückerischen Regime, eine ungeahnte politische Aktualität.

In einer ausgemusterten Industrieanlage (Bühnenbild: Zinovy Margolin) studieren Widerstandskämpfer eine Oper über das Leben des Buddha ein. Sie tragen Masken aus Gaze, die mit Tüchern und Perlen bestickt sind oder Sturmhauben (Kostüme: Olga Shaishmelashvili). Einer trägt einen Pferdekopf, ein anderer einen Turm aus Totenköpfen. Sie bleiben anonym. Chor, Tänzer, auch Musiker sind fast immer auf der Bühne, laufen über Treppen, werden an Kränen hochgezogen und wirken wie Marionetten.

Im ersten Akt ist Prinz Gautama auf der Suche nach dem Sinn. Er begegnet drei Figuren, dem Alter, der Krankheit und dem Tod. Er verlässt  seine Familie, seinen Palast. Eine indische Leinwand mit  Elefanten, Blumen, Figuren wird auf die Bühne geschoben. Dann ploppen runde Löcher auf und die Gesichter von Vater, Mutter, Frau und Kind sind zu sehen – wie auf den Fotostellwänden in Freizeitparks. Sie weinen um Gautama.

Param Virs Musik hat im ersten Akt etwas Suchendes, Fragendes. Sie besteht aus Intervallen, Akkorden, über denen die Stimmen liegen, dann wieder aus Klangteppichen, fein abgestimmt auf das Geschehen, auf den Text. Die Musik ist dissonant, zeitweise sogar bedrohlich. Am Ende des ersten Aktes wird die Schauspielgruppe, während sie noch spielt, angegriffen, alles fällt zusammen. Reglos liegen die Schauspieler da. Leichen werden fortgetragen. Eine Welt in Chaos und Zerstörung.

Nach der Pause trägt Gautama die orangene Mönchskutte. Er hört den Menschen zu, die ihm ihr Leid klagen und hilft ihnen. Etwa der Mutter, die ihn bittet, ihr totes Kind ins Leben zurückzuholen. Gautama gibt ihr eine Handvoll Körner mit und sagt, die solle je ein Korn bei den Familien abgeben, die keinen Tod eines Kindes oder Kindeskindes zu beklagen hätten. Sie kehrt mit sämtlichen Körnern zurück, denn in jeder Familie gibt es Tod und Leid, und hat verstanden: Buddha kann ihr Kind nicht wieder lebendig machen, aber er kann ihr helfen, mit dem Schmerz umzugehen.

Die Melodien werden harmonischer, heller, klarer. Auch schneller, abwechslungsreicher. Je näher Buddha der Erleuchtung kommt, desto mehr reine Quinten sind zu hören. „Awakening“ endet mit einer friedvollen Utopie. Buddha steht inmitten der Menschenmenge, die einen kraftvollen, gewaltfreien Aufstand  herbeigeführt hat. Die Gemeinschaft ist nicht zerstört worden.

Chor des Theater Bonn, Tänzer, Cody Quattlebaum, Ralf Rachbauer, Foto: © Max Borchardt

Bariton Cody Quattlebaum zeigt Gautama in allen Facetten, suchend, fragend, letztlich erkennend. Seine Stimme ist enorm wandlungsfähig. Zart und innig. Dann wieder laut und stark. Wer ihn bislang noch nicht kannte, hat eine große Entdeckung gemacht.

Mark Morouse als Erzähler und in der Rolle des Freundes Anand ist einfach großartig. Tae Hwan Yun ist Sunita, der Kastenlose, den niemand berühren, niemand anschauen darf. Und auch er darf niemanden ansehen und versteckt sich, als Gautama herantritt. Der aber umarmt ihn. Yannick-Muriel Noah ist Gautamas Schwester, die versucht, ihn umzustimmen. Beide beeindrucken sehr an diesem Abend. Überhaupt überzeugen die Sänger und Sängerinnen, der Chor und der Kinderchor restlos. Daniel Johannes Mayr dirigiert das Beethovenorchester. Ein Streichertrio auf der Bühne bringt noch eine andere Farbe hinzu.

Param Vir und David Rudkin haben jahrelang an „Awakening“ gearbeitet. und den Zuschauern an der Bonner Oper einen unvergesslichen Abend geschenkt.

Weitere Aufführungen von „Awakening“ an der Bonner Oper am:

  7.3.2026

29.3.2026

17.4.2026

19.4.2026

 2.5.2026t

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