Eine Insel hatte Glück
Lanzarote und César Manrique: Künstler, Visionär und Umweltschützer
Von Margarete Berghoff
„Wir, die wir hier geboren sind, kennen deine magischen Kräfte, deine Weisheit, deine Vulkanologie, deine revolutionäre Ästhetik, wir, die wir gekämpft haben, um dich aus deiner geschichtlichen Vergessenheit und der dich immer kennzeichnenden Armut zu retten, zittern heute ob der Feststellung, wie sie dich zerstören und vermassen und begreifen, wie wichtig unsere Proteste und Hilferufe sind, angesichts der Raffgier der Spekulanten und der Tatenlosigkeit der Behörden, die zulassen, dass die Insel, die eine der berühmtesten und schönsten der ganzen Erde sein könnte, unwiderruflich zerstört wird“, sagt César Manrique…Die Inseln, die wir heute die Kanarischen Inseln nennen, wurden von den Phöniziern und Griechen die „Inseln der Glückseligen“ am Rande der Welt genannt. Lanzarote, eine der heute acht Kanarischen Inseln, war damals für seine Orchilla Flechte bekannt, aus der man die begehrte Farbe Purpur herstellen konnte.
Vulkankrater bei El Golfo, Foto: Margarete Berghoff
Wahrscheinlich flüchteten um 100 n. Chr. Berber aus Nordafrika, vor Unterdrückung der Römer, auf die bis dahin unbesiedelte Insel. Sie passten ihre Kultur an die Bedingungen auf der Insel an. Sie lebten in der vorspanischen Zeit in Höhlen, die zum Schutz teilweise in den Boden gebaut wurden. Da die Natur nur eine begrenzte Anzahl von Menschen ernähren konnte, gibt es Hinweise, dass Frauen mehrere Männer hatten und weibliche Kinder umgebracht wurden. Mit der Eroberung der Kanaren durch die Spanier wurden alle Urbewohner versklavt oder umgebracht.
Wie alle kanarischen Inseln vor Jahrmillionen aus dem Meer geboren, wurde Lanzarote immer wieder durch Vulkanausbrüche in seiner Größe und Form verändert. Der große Ausbruch von 1730, der bis 1736 dauerte, war einschneidend für den ganzen Lebensraum und besonders für die Landwirtschaft Lanzarotes. Dörfer und Felder versanken unter der Lava und die Menschen flohen in Gebiete der Insel, die nicht von den Ausbrüchen betroffen waren. Es kam niemand ums Leben, da es sich bei diesem Ausbruch um die sogenannte „Honiglava“ handelte, die sehr langsam und kalkulierbar floss, sodass sich alle Menschen in Sicherheit bringen konnten.
Sie verloren aber ihre Lebensgrundlage und die ganze Insel verwandelte sich in ein Meer aus Vulkanen, viele von ihnen schlafen, sind aber immer noch aktiv. Aus der erkalteten Honiglava bildete sich eine Art feines Granulat „Picon“ genannt, was heute große Teile Lanzarotes bedeckt. Alle anderen Lavaformen stammen aus früheren Vulkanausbrüchen. Die Lanzarotenos entwickelten nach dem 6 Jahre andauernden Vulkanausbrüchen, der fruchtbares Land zerstört hatte, eine sehr intelligente Trockenfeldbau-Methode, Enarenado genannt, die zwar sehr mühsam ist, aber doch zu einer der wichtigsten Lebensgrundlage für die Insel wurde.
Besonders gut kann man sie heute noch in La Geria beim Weinanbau studieren. Wenn man bedenkt, dass Lanzarote so vielen Vulkanausbrüchen ausgesetzt war und so gut wie kein Grundwasser hat, die Insel sehr flach ist und die Passatwolken deshalb nicht abregnen können, dass es darum auf der ganzen Insel nur sehr selten regnet, so ist es eine wahre Kunst, hier zu überleben. Das forderte von den Menschen auf Lanzarote immer wieder Anpassung und Genügsamkeit. Speist sich die ausgesprochene Freundlichkeit der Lanzarotenos vielleicht aus dieser Überlebenskunst, die trotz aller Härte immer wieder gesiegt hat?
Teneriffa war schon im 19. Jahrhundert ein begehrter Ort für Wissenschaftler und betuchte Reiselustige, die hier oft längere Zeit verbrachten. Exklusive Hotel entstanden und die Reisenden genossen das angenehme Klima. Selbst König Ludwig der Zweite von Bayern war beseelt von der Vorstellung, hier ein in seinen Augen, ideales Königreich aufzubauen und wollte eine der Inseln kaufen. Sein Vorhaben blieb, aus heutiger Sicht zum Glück, erfolglos.
Nach dem Zweiten Weltkrieg, in der Zeit des „Wirtschaftswunders“, konnten sich immer mehr Menschen eine Reise leisten. Auch viele Menschen aus Skandinavien suchten auf Teneriffa Erholung oder kamen aus gesundheitlichen Gründen. Langsam entwickelte sich auf Teneriffa ein Tourismus, der schließlich in den Massentourismus mündete und der sich auch auf andere kanarische Inseln ausbreitete.
Nicht aber auf Lanzarote. Wer wollte schon auf Vulkanfelsen Urlaub machen? Nur wenige Kakteen und Palmen begrünten die Insel. Die Insel blieb damals zunächst unberührt vom Tourismus und trotz der Armut, die hier herrschte, war das ihr großes Glück.
Tomaten, Zwiebeln, Kartoffeln, Gerste und Wein, viel mehr konnte nicht angebaut werden. Der Fischfang, damals noch üppig und die Salzgewinnung waren die größten Wirtschaftsfaktoren. Der Farbstoff karminrot wurde aus der Cochenilles Schildlaus gewonnen. In Massen wurde die Laus auf Kakteen gezüchtet. Als Ende des 19.Jahrhunderts chemische Farben hergestellt werden konnten, wurde dieser Wirtschaftszweig schlagartig überrollt. Auch die Salzgewinnung war nicht mehr lukrativ genug.
Auf Teneriffa und Gran Canaria entstanden ab Ende der 50iger Jahre lieblose Hochhaus-Bettenburgen. Hauptsache Sonne und Meer, alles andere, Essen oder Musik, durfte oder sollte sogar so sein wie Zuhause. Investoren bauten um die Wette und die volle Belegung der Hotels machten immer mehr Hotels notwendig. Es entstanden Orte wie Playa de las Americas im Süden Teneriffas und Playa del Ingles auf Gran Canaria.
Als César Manrique, 1919 auf Lanzarote geboren, 1964 ein Stipendium erhielt und von Madrid aus, wo er lebte und Kunst studiert hatte, nach New York ging, hatte der Tourismus auf den anderen kanarischen Inseln schon Formen der Umweltzerstörung angenommen. In Madrid und New York erkannte man schnell sein Talent. Ausstellungen in den bekanntesten Galerien von New York führten ihn in die etablierte New Yorker Kunstszene ein. Er galt als einflussreichster spanischer Maler dieser Zeit. Doch Manrique wurde dieser Welt bald überdrüssig. Er sehnte sich nach Lanzarote. In ihm entwickelte sich eine Vision, ein ganz neues Bild von Lanzarote.
Als Mensch fühlte er sich Lanzarote, den Menschen und der Natur, tief verbunden. Als Umweltschützer wusste er, wie gefährdet die Natur Lanzarotes war und dass nur Gesetze die Insel langfristig schützen könnten. Als Künstler hatte er nicht nur Ideen, sondern er hatte eine große Vision, die über ein Bild oder eine Skulptur weit hinaus ging. Ein großes Ganzes wollte er gestalten. Die ganze Insel als Kunstwerk. Er sah Lanzarote mit den Augen eines Künstlers, die Farben, die Formen der Felsen, die Pflanzen, das Meer, der Himmel, der Wind, die Sonne, die traditionelle weiße Architektur. Alles erschien ihm so wunderbar, bizarr, voller Gegensätze und doch in einer natürlichen Harmonie.
„Meine Lebensfreude und Schaffenskraft schöpfe ich aus dem Studium, der Betrachtung und der Liebe der großen Weisheit der Natur.“ César Manrique
Die Menschen auf Lanzarote lagen ihm sehr am Herzen. Sie verharrten schon länger in Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. Die harte Arbeit und die Armut hatte ihren Blick auf ihre unmittelbare Umgebung verschleiert. Sie schielten etwas neidisch auf die anderen Inseln. Das wollte César Manrique mit seinen Idealen, seiner Kunst und seinem Kämpfergeist ändern. Lanzarote konnte in seinen Augen die wunderbarste und interessanteste der Kanarischen Inseln werden. Und den Menschen sollte es besser gehen. Aber nicht zum Preis des Massentourismus, das war sein Ziel.
Er wollte einen Tourismus entwickeln, der sich in die Tradition der Insel integriert. Besonders die Architektur hatte er im Auge, alle Häuser niedrig und weiß. Die Farbe weiß ist wie eine natürliche Klimaanlage, die Hitze wird nach außen abgestrahlt. Er wollte eine Ästhetik, die sich in die Eigenheiten der Landschaft Lanzarotes einfügt.
Er wollte die Anzahl der Urlauber begrenzen und damit ein Tourismus mit höherem Niveau als auf den Nachbarinseln etablieren. Und er wollte besondere Orte der Kunst gestalten. Hier sollten die Besucher der großartigen Natur Lanzarotes näher kommen können. Auf Lanzarote sind vier Elemente hautnah spürbar: Feuer, Wasser, Wind und Erde. In den meisten der Kunstwerke Manriques spielen sie eine wesentliche Rolle.
Er machte sich auf die Suche und entdeckte viele Orte, denen er durch künstlerische Gestaltung eine neue Bedeutung geben wollte. Lavafelder, Lavatunnel, Lavablasen, Steinbrüche und Felsenklippen inspirierten ihn zu vielfältigen Kunstmonumenten. Begeistert begann er Projekt um Projekt und hatte das Glück, auf offene Ohren der Politiker zu stoßen. Seine Ideen wurden nicht als Spinnerei eines Künstlers, sondern als Chance für Lanzarote erkannt. Rastlosigkeit und Ideenreichtum zeichneten ihn aus. Überzeugungskraft in Wort und Tat waren seine Stärke.
Manrique schuf sechs Besucherzentren auf Lanzarote, die sich wie Juwelen in die zerklüftete Landschaft der Insel einfügen. Nach seinem Tod kam sein zweites Haus in Haria als siebtes Besucherzentrum dazu. Er überhöhte die Natur, die er vorfand und integrierte sie in ein Kunstwerk.
Runde Formen in der vieleckigen Felsenlandschaft beruhigen das Auge und laden zum Entspannen ein. Dimensionen von Weite und Höhe erlauben Ausblicke und Einblicke. Große Fenster mit Blick in die schwarzen Lavafelder. Großzügig angelegte schwarze Gärten mit großen Kakteen, Palmen und farbigen Bougainvilleabüschen. Oftmals wandert man in seiner Architektur von Raum zu Raum, eine Entdeckungsreise, die zum Staunen einlädt. Kunst soll sich auch bewegen, meinte er.
Er entwarf viele Windspiele, die meistens auf Verkehrskreiseln stehen und schon von weitem sichtbar sind. Die sanften und heftigen Passatwinde bringen sie zum Tanzen.
Seine Vision von der Verschmelzung von Natur und Kunst, vom Schutz der Umwelt und von der Würdigung der Menschen auf Lanzarote machte er in seinen Werken sichtbar. Jedes Besucherzentrum hat ein Thema, welches nah mit der Insel verknüpft ist und weist in eine bessere und schönere Zukunft.
„Unsere Umwelt ist unser größtes kulturelles Erbe, die gilt es zu schützen und zu erhalten.“ César Manrique
Jeder Mensch sollte sich dafür verantwortlich fühlen. Auch die Fürsorge für das eigene Haus, es nicht verkommen zu lassen, sondern es immer wieder weiß anzustreichen und den Garten liebevoll zu pflegen, waren für Manrique das Mindeste, was jeder dazu beitragen konnte.
Dass Manrique auch spirituell war, dass erfahren wir aus einigen seiner Statements, die er manchmal zu Papier brachte. Er hatte eine offene, der Natur zugewandte Spiritualität, die seinen Werken einen noch tieferen Sinn gegeben hat. Er war der Meinung, dass Künstler sich einmischen sollten, Verantwortung für ihr Umfeld und die Welt übernehmen sollten.
„Ein Mensch der nicht lieben kann und keine Schöpferkraft hat, ist in der Hand der Zerstörung und reißt andere mit in sein Unglück“ César Manrique
Die Entwicklung des Massentourismus auf Teneriffa und Gran Canaria machten ihm Kopfzerbrechen. Das sollte auf Lanzarote niemals geschehen. Seine guten Verbindungen zur Politik ermöglichten, dass Gesetze zum Schutz der Natur auf der Insel erlassen wurden. Die Höhe der Häuser und Hotels wurden auf zwei Stockwerke limitiert. Der Blick sollte nicht verbaut werden.
Das Meer oder die Vulkane sollten sichtbar bleiben. Die Insel erlaubte nach seinem Verständnis nur eine begrenzte Anzahl von Touristen. Es sollten nur wenige Hotelanlagen gebaut werden, die sich in die Landschaft harmonisch einfügen müssten. Auf den Landstraßen sollten keine Laternen in der Nacht leuchten, um Lichtverschmutzung zu vermeiden.
Keine Werbeplakate sollten in der Landschaft den Blick des Betrachters stören. In den Feuerbergen wurden Straßen gebaut, ganz in der Farbe der Natur, nur so breit wie nötig und vollkommen ohne weiße Streifen. Eine Fahrt durch diese einmalige Vulkanlandschaft ist schwindelerregend und erfordert viel Vertrauen zum Busfahrer. Zum Schutz der Landschaft und der Flechten auf den Vulkanen kann man nicht privat in die Feuerberge fahren. Sehr klug wurde mit diesen Gesetzen den zerstörerischen Seiten eines Massentourismus vorgebeugt.
Die sechs Besucherzentren César Manriques
1968
Taro de Tahiche / Manriques 1. Haus
Er lebte seinen Traum von Lanzarote in seinem ersten Haus „Taro de Tahiche.“ Inmitten eines Lavafeldes baute er, einen Teil oberirdisch im traditionellen Stil, den anderen unterirdisch in fünf Lavablasen, die nach oben geöffnet waren, dieses außergewöhnliche Haus.

Taro de Tahiche. Foto: Walter Krämer
Das Grundstück bekam er geschenkt, da der Eigentümer keinen Wert in dem Steinhaufen erkennen konnte. Er prägte hier einen zeitlosen modernen Stil, der die vier Elemente mit einbezog. Die Lava ragt in die weißen Räume hinein. Der Kontrast von dunklen Felsen oder schwarzer Lava zu weißen Lackflächen, kombiniert mit Details aus kräftigen Rot, Orange oder Türkis, sind hier seine ganz klaren Stilmittel.
Bäume wachsen aus den Öffnungen der Lavablasen heraus. Ausblicke nach oben in den Himmel. Ein kleiner Wasserfall und ein türkisfarbener Teich. Dieses Haus ist ein Gesamtkunstwerk. Heute beherbergt es die von Manrique ins Leben gerufene „Fundación César Manrique“ und kann besichtigt werden. Jedes Jahr wird es von zehntausenden Gästen besucht. Die Einnahmen fließen in die Stiftung für den Erhalt der Besucherzentren und in den Umweltschutz.

Taro de Tahiche. Foto: Walter Krämer
1964 – 1976
Jameos del Agua
Fast zeitgleich entstand Jameos del Agua. Ein Ort der Stille. Wer ihn betritt, betritt eine andere Welt. Meditative Musik öffnet die Sinne. Tief in einem Lavatunnel von 700 m Länge zuerst ein See. Kleine blinde weiße Krebs leben hier, bei einem Vulkanausbruch aus den Tiefen des Ozeans an die Oberfläche gespült. Sichtbar nur als kleine Punkte. Weiter hinten öffnet sich der Tunnel und steigt an. Eine runde schwarze Bühne lädt zum Tanzen ein.

Jameos del Agua, Foto: Margarete Berghoff
Treppen führen hinauf von Pflanzen und Skulpturen aus Lavabrocken umsäumt. Und oben ein türkisblauer See auf weißen Untergrund liegt wie ein großes Auge im dunklen Felsen. Und dann unerwartet ein großer Konzertsaal, der tief abfällt. Unten eine Bühne und Oben wieder grandiose Lavafelsen. Ergriffenheit und Demut vor der Wildheit der Natur, die von einem Menschen genial in ein Kunstwerk integriert wurde, lassen die Musik hier noch eindringlicher werden.
Auf den einzelnen Ebenen ein Restaurant und mehrere Bars, die zum Verweilen oder Meditieren einladen. Hier wird spürbar, wie die Umgebung, in der ein Mensch lebt, ihn verändern kann. Dass der Mensch Teil der Natur wird, wenn er sich mit ihr eins fühlen kann. Dass Kunst und Natur den Menschen aus seinen Niederungen erheben können. Auch darum ging es Manrique, etwas zu schaffen, das den Menschen gut tut.

Jameos del Agua, Foto: Margarete Berghoff
1970
Timanfaya Nationalpark / El Diabolo
Die Feuerberge, ein sehr großes Gebiet im Süd-Westen der Insel zum offenen Atlantik hin, waren das Zentrum des großen Vulkanausbruchs von 1730 -1736. Eine Mondlandschaft mit vielen kleinen und großen Kratern.

Timanfaya Nationalpark, Foto: Margarete Berghoff
Eine Farbpalette von rot, braun, grün und schwarz. Das Grün ist eine Flechte, die sich auf der Lava bildet und der Anfang eines Prozesses ist, die Lava im Laufe von Millionen Jahren wieder zu Humus werden zu lassen. Zum Schutz dieser Flechte und der ganzen Landschaft dürfen nur Busse und keine Privatautos den Nationalpark durchfahren.

Timanfaya Nationalpark, Foto: Margarete Berghoff
Auf kaum sichtbaren Straßen ohne weiße Streifen hat man das Gefühl den Vulkanen ganz nah zu kommen. Das Besucherzentrum, das Restaurant „El Diabolo“ und ein Shop sind aus tiefschwarzer Lava gebaut. Große Fenster ziehen den Blick über die Vulkanlandschaft. Die Erde brodelt hier und ist heiß. Über dem offenen Feuer wird hier gegrillt.
1968
Casa Museo Campesino
Das Bauerndenkmal in der Mitte der Insel ist eine Hommage an die Menschen, die seit Jahrhunderten in der Landwirtschaft auf Lanzarote hart gearbeitet haben. Heute gibt es auf Lanzarote kaum noch Bauern, da die Arbeit für den Bedarf zu wenig Ertrag bringt.

Casa Museo Campesino, Foto: Margarete Berghoff
Strahlend weiß mit grünen Türen und Fensterrahmen liegen die Häuser und Höfe dicht zusammen. Ein hervorragendes Restaurant mit kanarischer Küche und kleine Läden in denen traditionelle Produkte verkauft werden, bilden das Zentrum.
Unterirdisch gibt es einen riesigen bestuhlten Veranstaltungsraum, wieder in weiß und mit in den Raum hineinragenden Felsen. Traditionelle Arbeitsgeräte liegen wie Pflanzen in den die Häuser umschließenden schwarzen Picongärten. Ein großes Monument aus weißen Wassertanks das „Monumento al Campesino“ ist von weitem sichtbar und wenn man genau hinschaut erkennt man darin einige Tiere und einen Menschen.
1973
Mirador del Rio
Auf einer Plattform, die einst als Ort der Verteidigung im Kriegsfall dienen sollte, ganz im Norden der Insel im Famaramassiv, entstand ein großartiger Aussichtspunkt.

Mirador del Rio: Ein phantastischer Aussichtpunkt auf Lanzerote, Foto: Margarete Berghoff
Der Blick geht über die achte der Kanarischen Insel „La Graciosa“ weit hinunter ins Meer und seitlich auf Teile des Famaramassivs, die höchsten Berge Lanzarotes. Wenn man Glück hat, fließt ein Wolkenmeer über die Gipfel der Bergkette, ein besonderes Schauspiel. Wenn man kein Glück hat ist alles in Wolken gehüllt und man sieht nichts.

Mirador del Rio, Foto: Margarete Berghoff
Innen ein riesiges Panoramafenster und eine Bar lädt ein. Eine Außenterasse ermöglicht Schwindelfreien noch intensivere Eindrücke.
1990
Jardin de Cactus
In einem stillgelegten Steinbruch, in der Form einer großen Arena, ließ Manrique diesen zauberhaften Garten anlegen. Rote Steinstelen, die zurückgelassen wurden, ließ er natürlich stehen. Hier zeigt sich wieder sein Gespür und Blick für besondere Orte, seine Phantasie etwas Außergewöhnliches daraus zu machen.

Foto: Margarete Berghoff
Er bestellte dafür 1400 verschiedene Arten von Kakteen, denn er wollte beweisen, dass auf Lanzarote viele Pflanzen wachsen können. Unten der Garten und darüber eine alte Gofiomühle, die auch besichtigt werden kann. Heute sind die Kakteen teilweise so groß wie Bäume und in dem Meer von Grüntönen leuchten die Blüten der Kakteen.
1986
Haus in Haria / Manriques zweites Haus
Nach Manriques tragischem Tod 1992 wurde sein zweites Haus für Besucher geöffnet. Ein altes Bauernhaus mit Erweiterungsbau, in einem großen Garten mit vielen alten Palmen. Auf dem Grundstück errichtete er etwas abseits sein großes Atelier.

Garten im Haus in Haria, Foto: Margarete Berghoff
Noch heute sieht es dort so aus wie kurz vor seinem Tod. Man sieht die Bilder, an denen er gerade arbeitete, die Gegenstände, die er sammelte, die ihn inspirierten. Im Wohnhaus dürfen wir seine Möbel, seine Kunst und andere Sammlungen betrachten, die uns Manrique als Mensch näher bringen. Zu sehen, was ihm wert war aufzuheben, oder an Wände zu hängen, ist wie ein Blick in sein Herz und seine Persönlichkeit. Hier wollte er eine neue Lebensphase beginnen.

Atelier im Haus in Haria, Foto: Margarete Berghoff
Leider konnte sich Lanzarote nicht ganz vor dem schnöden Mammon und skrupellosen Investoren schützen. Als Manrique mit seinen Werken und Ideen die Insel attraktiver gemacht hatte und tatsächlich viele Menschen in Lanzarote Urlaub machen wollten, war auch hier ein Wettbauen die Folge und ganze lange Küstenabschnitte wurden zu Orten des Massentourismus.
„Bis heute hat der Mensch die Natur in plumper Weise beherrscht und vergewaltigt, aber die Folgen dieses irrationalen Missbrauchs können nicht mehr fortgesetzt werden, weil das Leben des Menschen auf dem Spiel steht.“ César Manrique
Korruption und Spekulation waren die bevorzugten Mittel der Investoren, an die besten Grundstücke zu kommen. Politiker wurden am Umsatz beteiligt. Privatleute wurden auf hinterhältige Weise enteignet. Es kam später zwar zu Prozessen und einige der Baulöwen landeten im Gefängnis. Das konnte den illegalen Machenschaften trotzdem nicht den Garaus machen.
Playa Blanca und Puerto del Carmen sind Beispiele für skrupelloses Bauen. Costa Teguise, sollte ein hochkarätiger und teurer Urlaubsort werden. Man startete mit dem Hotel „Salinas“. Es wurde von Stararchitekt Fernando Higueras und César Manrique konzipiert.
Wie eine riesige sandfarbene Wand dominiert das Hotel die Landschaft. Sprengte Manrique hier seine eigene Vision?
Im Laufe der Zeit fiel Costa Teguise immer mehr den Immobilien-Haien zum Opfer. Heute zwar noch etwas ruhiger und kleiner als Playa Blanca und Puerto del Carmen, stehen dort aber auch verlassene Hotelanlagen und an vielen Hotels bröckelt der Putz. Ein Renovierungsbedarf ist sichtbar. Trotzdem werden neue große Hotels gebaut. Spekulation und Bestechung ermöglichten allmählich auch auf Lanzarote höhere Bauten und sehr große Hotelanlagen. Manrique musste ansehen, wie seine Ideale langsam aufweichten.
Und doch kann man heute noch einen großen Unterschied zu anderen kanarischen Insel erkennen. Lanzarote hat seine ganz eigene und einmalige Landschaft. Die weißen Hotels und Ferienanlagen sind meistens doch noch viel niedriger, mit schönen Gärten und formenreichen Pools umgeben.
Zwischen den Hotels und am Meer gibt es Parkanlagen und nirgendwo Werbeplakate. Die Besucherzentren werden gepflegt und sind die Highlights für Lanzarote-Urlauber. Es gibt Konzerte in den zwei Konzerthallen in Teilen des acht km langen Túnel de la Altlántida, zum dem auch Jameos del Agua gehört. Und viele Künstler, die hier Galerien führen oder ihre Häuser und Ateliers für Besucher öffnen.
Viele private Häuser, die auch fast alle strahlend weiß leuchten, werden heute in Stil Manrique gebaut, oftmals mit schön angelegten Gärten, schwarzer Picon mit Palmen, Kakteen und einigen blühenden Pflanzen. Manchmal mit japanischer Anmutung.
Verglichen mit den anderen Kanarischen Inseln punktet Lanzarote ganz deutlich mit Kunst und Kultur. Mit einer typischen fast allgegenwärtigen Ästhetik, die eine Mischung aus Tradition und den Einflüssen Manriques ist.
Der Geist Manrique übertrug sich auch auf die anderen kanarischen Inseln. Im Norden Teneriffas zum Beispiel entstand ein milderer Massentourismus, der sich in Architektur und Gartengestaltung der Vorstellungen Manriques bediente. Er baute auf Hierro, La Palma und La Gomera Aussichtspunkte und Außenanlagen für einige Hotels.
Ab 1985 hatte sich César Manrique in Haria, im ruhigen Norden der Insel, ein altes Bauernhaus umgebaut. Mit großem Atelier und viel Platz für Gäste, denn er liebte es, Besuch zu haben. Er wollte sich wieder mehr seiner Kunst widmen.
Als Manrique am 25.09. 1992 bei einem Autounfall starb. trauerte ganz Lanzarote. Er starb an einer schwer einsehbaren Kreuzung in der Nähe der heutigen Stiftung, seinem ersten Haus. Ein Toyota fuhr seitlich in den grünen Jaguar Manriques. Helfer kamen zu spät. Manrique hatte immer für einen Kreisel an dieser Stelle plädiert, der wurde aber erst nach seinem Tod hier gebaut. Immer mehr Kreisel wurden an Kreuzungen gebaut, für Manrique kamen sie leider zu spät.
Das Schaffen Manriques auf Lanzarote fand auch Anerkennung im Ausland. Er erhielt dafür viele Preise und Ehrungen. Lanzarote wurde von der UNESCO als Biosphärenreservat ausgezeichnet. Das bezeichnet eine Region, in der Lebensräume erhalten und nachhaltig genutzt werden.
Spürbar ist, dass die Vision Manriques an manchen Orten immer noch sehr präsent ist. An anderen Orten nicht mehr und die scheinen sich auszubreiten. Ein Baustopp könnte helfen.
Weltweit werden für Touristen kunstvolle spektakuläre Großprojekte gebaut, als Nebenprodukt leidet aber die Umwelt durch Verdichtung, Verschmutzung und Zerstörung.
Die Mieten steigen exorbitant, sodass die Einheimischen sogar in Zelten oder Wohnwagen leben müssen. Eine Verarmung an Diversität von Berufen ist ebenfalls eine Folge. Und trotz der vielen Hotels, Restaurants und Geschäfte gibt es in vielen Urlaubsparadiesen eine hohe Arbeitslosigkeit.
Manrique sagte: “Der Mensch ist ein gefährliches Tier.“ Es war ihm bewusst, wie fragil die Bemühungen und der Kampf um den Erhalt der Natur und um ein menschenwürdiges Leben für alle sind.
Bleibt die Frage, wie wollen wir den immer noch rasant wachsenden Sektor Tourismus in der Zukunft gestalten? Die Werke, Gesetze und Visionen, die uns César Manrique hinterlassen hat, könnten der Schlüssel dafür sein. Aber es muss gewollt sein und daran könnte es scheitern.

