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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Jarmuschs „Father Mother Sister Brother“ kommt in die Kinos

Familienbande

Von Corinne Elsesser

Mit der Wahl seiner Drehorte umspannt der amerikanische Kultregisseur Jim Jarmusch in seinem neuen Film die halbe Welt. Und mit dem für ihn eher ungewöhnlichen Thema Familie bringt er Dinge auf den Punkt, die uns mehr oder weniger alle betreffen. Der alte Vater, der seinen Kindern etwas vorspielt, Gespräche mit inzwischen erwachsenen Kindern, die nur schleppend vorankommen, kaum hat man sich noch etwas zu sagen.

Filmstill aus „Father Mother Sister Brother“ , Verleih: Weltkino.de

Ermüdend lange Autofahrten stehen am Beginn der drei Familienepisoden. Durch die Wälder von New Jersey fahren Jeff (Adam Driver) und Emily (Mayim Bialik), Sohn und Tochter, die ihren Vater in seinem weit abgelegenen Haus besuchen wollen. Die Fahrt zieht sich endlos, zuweilen liegt noch Schnee. Jeff erzählt, wie er seinem Vater hier und da finanziell geholfen hat. Die Schwester zeigt sich reserviert und goutiert solche Unterstützung nicht.

Als sie wenig später auf dem Wohnzimmersofa ihrem alten Vater (großartig cool gespielt von Tom Waits) gegenübersitzen, ist die Beklemmung zu spüren, man sucht nach Worten, nach höflichem Austausch, wobei der Tochter die altersbedingte Unaufgeräumtheit missfällt, während der Sohn eher Mitleid empfindet.

Als der Vater sie einladen will, zum Abendessen zu bleiben, nehmen sie dies als willkommene Gelegenheit, sich wieder auf den Weg zu machen. Zu dem Geschenk mit feinen Lebensmitteln aus der Stadt steckt ihm der Sohn noch schnell ein paar Geldscheine zu. Entfremdung voneinander, die Kinder leben längst ihr eigenes Leben, die Mutter vor ein paar Jahren gestorben, der Vater allein. Die Schuld fährt mit auf den Heimweg.

In der nächsten Episode erwartet eine Mutter, Bestsellerautorin in Dublin, den Besuch ihrer Töchter. Wieder ein Pflichtbesuch erwachsener Kinder, wieder lange Autofahrten, diesmal durch fast leere Strassen eines Dubliner Arbeiterquartiers, bis das Auto der älteren Tochter (Cate Blanchett) seinen Geist aufgibt und dann doch wieder losruckelt, während die jüngere (Vicky Krieps) von ihrer Freundin im schwarzen SUV zum Treffen gefahren wird.

Die Mutter (Charlotte Rampling) hat den Teetisch mit äußerster Perfektion gedeckt, doch als sich alle gegenübersitzen, können sie sich gar nicht recht sehen ob eines mitten auf dem Tisch platzierten großen Blumenstraußes. Kaum entwickelt sich ein Gespräch, man stochert im winzig kleinen Kuchenstück oder ist mit seinem Social Media Blog auf dem Mobile beschäftigt. Die Töchter erzählen nicht viel und die Mutter glaubt nach wie vor, alles im Griff zu haben. Erleichterung, als die beiden dann wieder gehen, die Mutter hinter dem Fenster zurücklassend.

Filmstill aus „Father Mother Sister Brother“ , Verleih: Weltkino.de

In der abschließenden Geschichte führt die Autofahrt durch die für amerikanisches Empfinden sehr engen Straßen des Pariser Arbeiterviertels Belleville. Wie schon in Dublin sieht man auch in Paris nicht die architektonischen Höhepunkte, sondern eine von Armut und Einwanderung geprägte Seite der Stadt.

Die Zwillinge Skye (Indya Moore) und ihr Bruder Billy (Luke Sabbat) wollen nach dem Unfalltod ihrer Eltern deren Wohnung einen letzten Besuch abstatten. Billy hat sie ausgeräumt und alle Hinterlassenschaften in einem Lagerraum verstaut, um einer Pfändung zuvorzukommen, denn, wie die Vermieterin mitteilt, gab es einen langen Mietrückstand. Zwischen Bruder und Schwester besteht, anders als bei den vorherigen Familienkonstellationen, eine große Innigkeit und Vertrautheit, die sie gerne dem „twin factor“ zuschreiben, die aber eher der Leerstelle geschuldet ist, die die Eltern hinterlassen haben.

Um ein weiteres Mal erweist sich Jarmusch als grandioser Erzähler der kleinen Begebenheiten, der scheinbar unwichtigen Momente im Alltag. Und man verzeiht ihm sogar gewisse Anpassungen an das „woke Hollywood“, da ihm das Einflechten heute so obligatorischer Aspekte wie lesbisch, schwarz, transsexuell ganz wie nebenbei gelingt. Und nicht zuletzt überzeugt auch in diesem Film seine ironisch-reservierte Haltung zu einem eher unerwarteten Thema.

Auf dem Filmfest in Venedig wurde „Father Mother Sister Brother“ mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet.

Info:

Father Mother Sister Brother, USA, 2025

Drama und Komödie

Drehbuch und Regie: Jim Jarmusch

Besetzung: Tom Waits, Adam Driver, Mayim Bialik, Charlotte Rampling, Cate Blanchett, Vicky Krieps, Indya Moore, Luke Sabbat u.a.

110 Min

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