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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Ein Dream Team – Eric Gauthiers Junior Kompanie

 Spritzig, leicht und witzig

von Simone Hamm

„Dream Team“ nennt Eric Gauthier den Abend seiner Junior Kompanie. Etwas Altes, etwas Neues, etwas Geliehenes und etwas Blaues soll eine Braut tragen, damit die Ehe glücklich wird. Etwas Altes, etwas Neues, etwas Geliehenes und etwas Blaues zeigten die Tänzer und Tänzerinnen des Gauthier Junior Ballett.

Hübscher Einfalll, der Braut Hinweise mit auf den Weg zu geben, Foto: © Jeanette Bak

Eric Gauthier, der Showstar unter den Choreografen, der seine Kompanie stets begleitet, kommt auf die Bühne und kündigt sie und die folgenden Choreografien sichtlich stolz an. In Zeiten, in denen vielen düstere Ballette zu sehen sind, geht Eric Gauthier einen anderen Weg. Seine Tänze und Tänzerinnen bringen Freude und Leichtigkeit auch bei ernsten Themen mit.

Auf Einladung von tanz.köln ist “Gauthier Dance Juniors“  in die Kölner Oper gekommen. Alle sechs Juniors tanzen in allen vier Choreografien. Sie haben also Ausdauer, Kraft und Energie und halten das hohe Niveau auch tänzerisch jede Minute. Ein „Dream Team“ eben.

Klassisch getanzte Emotionen in Erinnerung an die Franco-Zeit, Foto: © Jeanette Bak

Das Junior Ballett beginnt mit dem Alten, einer Choreografie von Nacho Duato aus dem Jahre 1983.„Jardi Tancat“ (umfriedeter Gärten). Das ist auch der Titel eines Albums der ikonographischen katalanischen Widerstandskämpferin Maria Del Mar Bonet, die gegen Franco kämpfte.

Zu Gesang und Gitarrenmusik tanzen drei Paare in erdfarbenen Kostümen, barfuß. Sie zeigen das bäuerliche Leben, die Gebete um Regen, die erschöpfende Feldarbeit. Ein Paar tanzt im Vordergrund, die anderen wenden dem Publikum den Rücken zu. Als warteten sie sehnsüchtig auf eine bessere Zukunft.

Die Frauen neigen sich über den Boden. Ihre tiefen Pliés wirken wie eine Verbeugung vor der großen Martha Graham. Die Bauernarbeit ist hart und doch wirkt sie anmutig bei Nacho Duato.

Weil alle sechs Juniors in allen vier Choreografien tanzen, gönnt Gauthier Ihnen nach jedem Stück eine Pause.

Nach dem ersten Stück spielt er einen Podcast ein. Die  jungen Tänzer und Tänzerinnen der Junior Company erzählen, wie sie zusammen gewachsen seien, wie viel Kraft ihnen die Gemeinschaft gegen habe.  Immer wieder ist von einer Rebecca die Rede, der „Mutter“ der kleinen Kompanie.

Und die Zuschauer fragen sich, wer Rebecca denn sei. Im Programmzettel steht ihr Name nicht. Denn Rebecca hat gar nicht mitgetanzt. Sie ist in der Gauthier Company angelangt. Ziemlich peinlich, da ist der falsche Podcast abgespielt worden. Es tanzen Ashton Benn, Rong Chang, Atticus Dobbie, Naia Dobrota, Guiseppe Iodice und Mathilde Roberge.

Es folgte etwas Blaues, „Blue Brides“ eine Choreografie von Barak Marshall, Artist in Residence im Theaterhaus  Stuttgart. Es gelingt ihm, die traurige Geschichte scheiternder Liebesbeziehungen rasend komisch auf die Bühne zu bringen.

Seine drei Bräute sind nicht gerade glücklich, warten lange (und vielleicht vergeblich) auf den Bräutigam. Die roten Schuhe einer Tänzerin werden auf eine Holzplatte genagelt, so dass sie kaum laufen kann.

Eine andere erträgt ihr Leben lang Lieblosigkeit und sagt doch immer. „It’s okay“, sogar als ihr Brautkleid an zu qualmen fängt. Dabei wirbeln sie über die Bühne (schnell aus den roten Schuhen gestiegen), als können ihnen all das nicht viel anhaben. Da ist eine Leichtigkeit, die die Enttäuschung überlagert.

Doch die naiven, blind gehorchenden und eifersüchtigen Frauen werden sich wehren. Sie werden zu Rächerinnen und Mörderinnen. Sie erschießen die Männer.

Zu Lovesongs aus aller Welt bringen die jungen Tänzerinnen und Tänzer Witz und Sarkasmus auf die Bühne. Am Ende tanzen sie  ausgelassen zur Musik des rumänischen Ensembles Zoltan And His Gypsy Ensemble.

Gehen Techno und Bolero zusammen? Yes they can, Foto: © Jeanette Bak

„Lickety Split“ ist genauso blitzschnell, wie der Titel es vorgibt. Ursprünglich choreografiert 2006 von Alejandro Cerrrudo für Hubbard Street Dance Chicago haben sich die Juniors  das Stück „geliehen“. Drei Paare begegnen sich zur Indi Folkmusic von Devendra Bahnhart. Männer heben Frauen hoch über die Schultern, Rong Chan dreht sich, springt, gibt in seinem Solo den Derwisch.

Dann wieder ein Gautier Podcast, diesmal mit den Choreografen. Da kann nicht viel schief laufen. Aber wirklich erhellend ist es auch nicht.

„Etwas Neues“ ist die Interpretation von Ravels  „Bolero“  der Kanadierin Virginie Brunelle. Laurier Rajotte hat die Musik verfremdet und zu einem Technostück gemacht. Das ist nur klug. Statt mit anderen meisterhaften Bolero Choreografien zu konkurrieren, können die Juniors hier etwas ganz Eigenes zeigen.

Dynamik pur, Foto: © Jeanette Bak

Sie setzten nicht auf die pure Erotik, die Sinnlichkeit. Sie sind pure Energie. In schwarzen Hosen und Jacketts geben die Tänzer und Tänzerinnen ein bewegtes Bild ab. Wie ein schräger Turm sieht das aus, bevor sie zu tanzen beginnen, als stünden sie nicht auf der Bühne in Köln, sondern als seien sie im Berghain in Berlin.

Sie ballen die Fäuste, sie sinken zu Boden, sie halten einander, sie laufen voreinander weg. Jung, dynamisch, ekstatisch, meisterhaft. Als gebe es kein Morgen. „Bolero“ hat das Zeug, das Signatur Stück der Juniors zu werden.

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