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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Unter Druck – politische Plakate zwischen 1918 und 1933“ im Museum Wiesbaden

Wie Kunst, Typographie und Gestaltung zu politischem Machtinstrument wurden

Von Hans-Bernd Heier

„Unter Druck“ – die neue Plakatausstellung im Museum Wiesbaden zeigt, wie visuelle Kommunikation zwischen 1918 und 1933 von der Politik genutzt wurde: zur Information, zur Einflussnahme, aber auch zur Manipulation. 80 Plakate aus der Sammlung des Wiesbadeners Maximilian Karagöz verdeutlichen, wie einfach Bilder Emotionen schüren, Feindbilder schaffen oder politische Stimmungen fundamentieren oder anheizen können. Die eindrückliche Schau, eine Kooperation mit dem Hessischen Landtag, ist bis zum 9. August 2026 zu sehen.

Information, Manipulation, Provokation; Gestaltung Museum Wiesbaden/ Theresa Duck

Erst der Erste Weltkrieg machte das Plakat zu einem zentralen politischen Medium – vor allem der Kriegspropaganda. Mit der Weimarer Republik begann dann die Blütezeit des politischen Plakats: Parteien, Verbände und Bewegungen prägten das Straßenbild mit neuen Formen der visuellen Werbung, mit der sie Künstlerinnen und Künstler, Grafiker und Grafikerinnen sowie Typographen und Typographinnen beauftragten.

Die visuelle Kommunikation der jeweiligen Inhalte bediente sich des Repertoires der kommerziellen Werbegestaltung, die mit den „lautesten“ Mitteln das Ziel des Verkaufs von Produkten verfolgte. Gesellschaftliche Konflikte, Kriegsgeschehen, Radikalisierung und gezielte Propaganda spiegeln sich in den Plakatgestaltungen von 1918 bis 1933 wider, insbesondere im Wahlkampf.

Im Gegensatz zur kommerziellen Werbung besitzt das politische Plakat in Deutschland keine lange Tradition. In Preußen existierten von 1849 bis 1914 rigorose Gesetze, die Werbung für politische Inhalte weitgehend verhinderten. Mit dem Ersten Weltkrieg erfolgte ein Umschwung und erstmals vermischten sich politische Inhalte mit den werberischen Plakatgestaltungen auf den Litfaßsäulen im öffentlichen Raum.

Louis Oppenheim „Zeichne!“, 1918. Sammlung Maximilian Karagöz. Foto Museum Wiesbaden Dirk Uebele

Politische Plakate waren auf Litfaßsäulen, Bauzäunen, Schaufenstern, Häuserfassaden und Mauern präsent, klebten auf mobilen Propagandawagen oder den Umhängetafeln der „Sandwichmen“. Plakate waren vor Aufkommen von Fernsehen und Internet neben Zeitungen die wichtigsten visuellen Informationsquellen. Sie wurden immer großformatiger und farbiger, um die größtmögliche Aufmerksamkeit zu erhalten.

„Die Massenproduktion, ermöglicht durch die industrielle Revolution, hatte der Plakatwerbung eine neue Bedeutung zukommen lassen. Viele Kunstschaffende widmeten sich um 1900“, laut Kurator Dr. Peter Forster „diesem Medium und verhalfen ihm zu Ansehen und Anerkennung, insbesondere auch aus dem Kreis des Jugendstils“. Nach den „Plakatfrauen – Frauenplakaten“ greift jetzt das Landesmuseum Wiesbaden mit „Unter Druck“ zum zweiten Mal eine diesem Medium gewidmeten Ausstellung auf. Auch unter den Entwerfern der politischen Plakate finden sich einige Künstlerinnen und Künstler aus dem Jugendstil, darunter Ludwig Hohlwein oder Lucian Bernhard.

Unbekannter Künstler, „Frauen, die nicht wählen — Stimmen, die nicht zählen — deutsch-demokratisch!“, 1918 ⁄ 1919. Sammlung Maximilian Karagöz. Foto: Museum Wiesbaden ⁄ Dirk Uebele

Mit Leihgaben aus der Wiesbadener Plakatsammlung von Maximilian Karagöz richtet die Kabinettausstellung im zweiten Obergeschoss des Landesmuseums den Fokus auf die Zeit der Weimarer Republik bis hin zum Beginn der NS-Zeit. Politische Plakate glichen einer Kampfansage und machten den Wettbewerb der damaligen Parteien öffentlich und sehr nachdrücklich sichtbar. „Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 endete die Vielfalt der politischen Stimmen auf Plakaten im öffentlichen Raum, weshalb aus dieser Zeit keine Plakate in der Ausstellung gezeigt werden,“ erläutert Forster. Der Hessische Landtag hingegen blickt bei in seiner Plakat-Schau ab 18. März 2026 auf die Zeit ab 1945 bis 1991, die vom Kalten Krieg, vom Wirtschaftswunder und der deutschen Wiedervereinigung bestimmt war.

Die gezeigten historischen Plakate verdeutlichen, wie einfach Bilder Emotionen schüren, Feindbilder schaffen oder politische Stimmungen verändern können. Von faktischer Argumentation über sachliche bis hin zu emotionaler Ansprache oder gar bewusster Lüge öffnet sich ein breites Spektrum, das sich in den politischen Plakaten der folgenden Dekade weiterentwickelt.

Ausstellungsansicht: Foto: Hans-Bernd Heier

Der Kurator weist daraufhin, dass die Plakate Darstellungen und Botschaften enthielten, „die wir heute als äußerst problematisch sehen und die von Rassismus, Sexismus und Anti-Semitismus geprägt sind. Gleichwohl ermöglichen sie uns eine Reflexion der heutigen politischen Werbung im öffentlichen Raum und zeigen auf, wie Kunst, Typographie und Gestaltung zum politischen Machtinstrument wurden“.
Aus diesem Grunde gelte es „nicht nur, den verführerischen Qualitäten einer wohl durchdachten und ausgeklügelten Propaganda eine klare Haltung entgegenzusetzen, sondern auch, die ihnen zugrunde liegenden Methoden zu analysieren“. Nur wenn es gelinge, ein Wissen um die künstlerischen und werbenden Strategien aufzubauen, die hinter einer vielleicht manipulierenden und subversiven Propaganda stünden, könne verhindert werden, dass die gleichen Mechanismen erneut erfolgreich eingesetzt werden.

„Die Region Frankfurt RheinMain trägt 2026 den Titel World Design Capital 2026. Das Motto ,Design for Democracy‘ bewegt uns dazu, gemeinsam mit dem Hessischen Landtag die ,Kunst der Straße‘ in Form politischer Plakate zu zeigen. Unser Beitrag ist die Plakatgestaltung während der Weimarer Republik. Im Juli präsentieren wir mit ,Women & Type‘ die visuelle Bildsprache internationaler Grafikerinnen und Typedesignerinnen der Gegenwart auf der Wilhelmstraße mit einem ,Call for Flags‘, sagt Museumsdirektor Dr. Andreas Henning.

Die äußerst beeindruckende Schau wird begleitet von einem Audioguide, den Nutzer über einen QR-Code kostenlos abrufen können.

Zur Ausstellung erscheint beim Deutschen Kunstverlag im März der Katalog „Unter Druck. Politische Plakate 1918-1991“.

 

 

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