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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

„Der Meister und Margerita“ nach dem Roman von Michail Bulgakow auf der Frankfurter Bühne

Forensische Rekonstruktion eines doppelbödig satanischen Spiels

Von Petra Kammann

Während im Moskau um 1930 Menschen aus unsichtbaren Gründen verschleppt, gefoltert, hingerichtet, unsichtbar gemacht werden, geht daneben das „normale“ Leben weiter seinen Gang. Allein ein unheimlicher „Fremder“ – ein „Pole“, ein „Deutscher?“, von dem das Böse auszugehen scheint, beschäftigt die Gemüter. Es ist nur einer der komplexen Handlungsstränge in Bulgakows vielstimmigen Roman „Der Meister und Margarita“. Der russische Regisseur Timofej Kuljabin zeichnet in seiner Romanadaption für die Bühne das Bild einer korrupten Gesellschaft, in der die Unberechenbarkeit allgegenwärtiger Gewalt zum System geworden ist. Die Entlarvung der Lüge in der Kunst wie im Leben erleben wir im Verhör. Das Stück könnte nicht aktueller sein.

»Der Meister und Margarita« nach Michail Bulgakow Regie: Timofej Kuljabin, Ensemble, Foto: Arno Declair

Im Roman geht in Moskau der Teufel um. Der Professor der schwarzen Magie Woland versetzt die Bewohner mit tatkräftiger Unterstützung seiner Zauberlehrlinge, darunter ein riesengroßer Kater, ein Dickwanst, ein rothaariger Mann mit auffälligem Eckzahn, die Hexe Gela und anderes Teufelsgelichter durch ein Chaos aus Hypnose, Spuk und Zerstörung in Schrecken und Unsicherheit. Den Menschen, die mit Wolands skurrilem Gefolge in Berührung kommen, wird übel mitgespielt. Doch geschieht es ihnen nicht recht? Sind sie doch allesamt verlogen, geldgierig, anpasslerisch und anmaßend. Vergeblich versuchen die Behörden, das Unerklärliche aufzuklären und Denunzianten zu manipulierten Aussagen zu bewegen.

Lediglich zwei „Gerechte“ genießen die Sympathie des Teufels: der im Irrenhaus sitzende Schriftsteller, genannt „Meister“, der geniale Autor eines Pilatus-Roman, dessen einstige Geliebte Margarita, die sich in ihrem gutbürgerlichen Leben nach ihm sehnt und im Bulgakowschen Romans eine tragende Rolle spielt. In der Hoffnung, etwas über ihren Geliebten zu erfahren, ist Margarita sogar bereit, die Gastgeberin auf dem Satansball zu spielen. Als Lohn für ihren selbstlosen Einsatz wird sie wieder mit dem Meister zusammengeführt; sein Roman wird vor dem Vergessenwerden gerettet. Auf der Bühne erfahren wir von der Liebe der beiden nur über den unschuldigen Bezdomnij, den man ebenfalls in die Psychiatrie gesteckt hat.

So beklemmend wie überzeugend: Christoph Bornmüller als Bezdomnij , Wolfgang Vogler, Foto: Arno Declair

Doch wie nur den vertrackten und sprachlich schillernd-vielschichtigen Roman auf die Bühnen bringen? Spielt sich die Handlung doch in drei unterschiedlichen Welten ab wie der realen Welt der Moskauer Gegenwart der Stalin-Ära, von der Bulgakow in zahlreichen aberwitzigen Episoden ein satirisches und teils surreales Porträt der demoralisierten sowjetischen Gesellschaft zeichnet, die durch ideologische Gängelung verroht und von unbegabt-opportunistischen Figuren besiedelt ist.

Die erste Handelsebene: Der Meister (ohne Namen) hat einen Roman über Pontius Pilatus geschrieben. Die vom Meister verfremdete Passionsgeschichte spielt in Jerusalem zur Zeit der Kreuzigung Christi. Christus, wagt es in Bulgakows Roman Jeschua, Pontius Pilatus, der unbedingt als Hegemon angesprochen werden will, ketzerisch zu entgegenzuhalten, „…daß von jeder Staatsmacht den Menschen Gewalt geschehe“. Für diese Majestätsbeleidigung wird Jeschua denn auch gekreuzigt.

Alle politischen Geschehnisse und auch das rigide Vorgehen des Chefs der Geheimpolizei spielen sich mithin vor zweitausend Jahren und nicht etwa in der Gegenwart ab…

Die zweite Handlungsebene spielt realistisch in einer überzeitlichen Parallelwelt im nachrevolutionären Moskau, wo Wohnungsnot herrscht und schäbige Beamte, raffgierige Betrüger, habsüchtige Spekulanten, korrupte Hauswarte, betrügerische Gastwirte, mittelmäßige Schriftsteller und Redakteure… an der Nase herumgeführt, blamiert, geschädigt, ja, sogar getötet werden. Der entsetzliche Mord an dem Chefredakteur der Literaturzeitschrift und Vorstandsvorsitzender der größten Moskauer Autorenvereinigung Michail Alexandrowitsch Berlioz, dessen abgetrennten Kopf wir nicht sehen, ist für diesen und seine Spießgesellen lediglich „eine Wohnungsbeschaffungsmaßnahme“.

Die dritte Handlungsebene ist die phantastisch-mystische Welt der Teufel und Hexen, die natürlich fliegen und jederzeit verschwinden können. Bitterböse und köstlich, wie sich beim großen Ball des Satans die Welt der Toten vergnügt und eine aus Affen bestehende Jazz-Kapelle zum Tanz aufspielt und plötzlich alle bloß und nackt dastehen .

Alle drei Welten sind miteinander durch ein komplexes Netz gemeinsamer Motive, paralleler Figuren und Handlungsmomente verknüpft. So korrespondiert beispielsweise die Gestalt Jeschua han-Nasris mit der Gestalt des Meisters, die wiederum autobiografische Züge des damals gegängelten Romanautors Bulgakow trägt.

Dieses vielschichtige Romanwerk, das gleichzeitig eine Jesusgeschichte, eine Satire über stalinistische Literaturpolitik, Psychiatrie der Zeit (Bulgakow selbst war Literat und Arzt), ein Hexenmärchen, eine Teufeliade, eine Liebesgeschichte und vieles mehr in sich vereint, lässt sich naturgemäß nicht so leicht auf die Bühne bringen.

Eindrücklich in Erinnerung geblieben ist mir in dieser Hinsicht die erste Adaption, das ausgezeichnete 30-teilige Hörspiel (Ende der 90er Jahre), das Petra Meyenburg für den MDR mit fabelhaften Stimmen realisierte, und das 1999 von der Jury der hr2-Hörbuchbestenliste  und dem BuchJourmal zum Hörbuch des Jahres gekürt wurde, „ein wahres Zauberwerk an Sprachkunst und stimmlicher Modulation“, wie die „Literarische Welt“ damals urteilte.

Zwangsläufig anders die Bühnenversion, wo Sprache in Gestik transformiert werden muss. Da tauchen die titelgebenden Gestalten wie der „Meister“ und „Margarita“ nicht einmal auf, ebensowenig der „Professor für schwarze Magie“ Woland oder gar der Unheil verkündende schwarze Kater. Dafür glänzen sie durch Abwesenheit. Wir erleben sie aus der Sicht der Verhörten wie Bezdomnij in der Irrenanstalt, absolut überzeugend von Christoph Bornmüller gespielt, der lediglich als Zeuge von seinem Nachbarn, dem Meister spricht, und dessen Aussagen zu Protokoll gibt, die ihm förmlich zum Schluss den Verstand zu rauben scheinen, da er sich als Poet mit diesem identifiziert.

Um uns einen Eindruck davon zu verschaffen, wie es damals wohl wirklich zugegangen sein muss, wohnen wir also verschiedenen, teils teuflischen Verhörsituationen bei und setzen damit als Zuschauer unsere Phantasie in Bewegung. Herausragend dabei insgesamt die schauspielerische Leistung der Beteiligten, besonders die der Zuschauerin im Varieté-Theater und Krankenpflegerin Praskowia Fjodorowna, dargestellt von Heidi Ecks oder Rokhi Müller, der temperamentvollen Kioskverkäuferin am Patriarchenteich oder Eva Maria Nikolaus als Annuschka. Komisch, – wenn vielleicht auch ein wenig zu klamaukisch – der nächtens auf Abwege geratene und sich ständig in Widersprüche verwickelnde und sich den Schweiß von der Stirn abwischende Chefbuchhalter vom Varieté-Theater Michael Schütz, ein Nachbar von Margarita.

Fabelhafte Darsteller: Eva Maria Nikolaus, Christina Geiße, Uwe Zerwer, Wolfgang Vogler, Manja Kuhl, Rokhi Müller, Heidi Ecks, Foto: Arno Declair

Der Bühnenraum mit raffinierter Schiebebühne und wechselnden Szenarien ist zweigeteilt und somit so doppelbödig angelegt wie das Bewusstsein eines Schizophrenen, was eine große Bedrohlichkeit ausstrahlt – ein kluger Einfall des Bühnenbildners Oleg Golovko, bestens von Marcel Heyde ins Licht und vom destabilisierenden Sounddesign von Timofey  Pastukhov in Szene gesetzt. Die projizierten, teils historischen Fotos in Chamois über den agierenden Personen vermitteln die Atmosphäre des Endes der 20er Jahre in Moskau, während uns die projizierten und live gefilmten Videos die inneren Emotionen der spielenden Figuren unmittelbar nahebringen. Wir können ihnen förmlich vom Gesicht ablesen und mittels ihrer Gesten verfolgen, was in ihnen vor sich geht…

Das Motiv des Verschwindens im Roman – wie durch die Darstellenden und deren wenig glaubhafte Erzählungen auf der Bühne –  war damals grausame Wirklichkeit.

Manja Kuhl, Wolfgang Vogler, Stefan Graf, Michael Schütz, Foto: Arno Declair

Bulgakow begann 1929 mit der Arbeit an dem Roman und vernichtete 1930 eine erste Fassung, die er selbst aus Angst vor der Zensur verbrannte. Letzte Korrekturen diktierte er, todkrank, verarmt und erblindet, auf dem Sterbebett 1940. Der Roman konnte erst Jahrzehnte später durch das Engagement seiner Frau Jelena publiziert werden; er erschien 1966 in der Zeitschrift Moskva mit willkürlichen Kürzungen der Redaktion. Nach vollständiger Publikation 1966 im Ausland erschien die erste ungekürzte sowjetische Ausgabe 1973,  lange nach dem Tode des schwerkranken Bulgakow dem Roman schließlich eine entsprechende Rezeption bescherte und ihn schon bald zum Kultbuch machte.

Die letzte Bühnenszene, Klappe zu, eine Farce: „The rest is silence“, als der Oberkommissar im schwarzen Ledermantel das letzte Wort hat: das Manuskript wird verbrannt.

Absolut sehenswert! Lesenswert auch das Programmheft zur Frankfurter Aufführung!

 

Weitere Aufführungen:

Do. 26.02.2026

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