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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Die Trinkbrunnen im Bad Homburger Kurpark

Schon die Römer kurten mit den heute berühmten Heilwässern

Von Erhard Metz

Eine Kur in der vom Königlich-Preußischen Gartenbaudirektor Peter Joseph Lenné 1856 entworfenen, aus dem 19. Jahrhundert original erhaltenen Bad Homburger Parkanlage mit den Heilwässern beginnt damals wie heute im 1890 eröffneten Kaiser Wilhelms Bad (man beachte das Schluß-s am Namen Wilhelm als Ausdruck herrschaftlichen Anspruchs). Die Brunnenallee mit den Heilwasserquellen bildet die Magistrale des rund 40 Hektar großen, unter Denkmalschutz stehenden Kurparks, des größten und schönsten Deutschlands. Für den Kurbetrieb bedeutsam sind neben dem genannten großen Badehaus ferner die Bauwerke Brunnensälchen (1838, heute Sitz der Spielbank), Wandelhalle (1844, zunächst Orangerie), Musikpavillon und schließlich auch – wegen der damals zahlreichen Kurgäste aus Russland – die russisch-orthodoxe Kirche (1899).

Das repräsentative Kaiser Wilhelms Bad, Sitz des exklusiven Kur-Royal Day Spa, mit der Statue Kaiser Wilhelms I.

Sieben der neun Bad Homburger Heilquellen im Bereich der Brunnenallee sind Trinkquellen, die beiden anderen Badequellen. Auf einem Gang über die großzügig angelegte Allee besuchen wir die sieben zum Teil in pompösen Architekturen gefassten Anlagen. Manchmal begegnen uns Gäste, die Trinkbecher oder Flaschen zum Zapfen der frei zugänglichen Heilwässer mit sich führen, viele der  Quellen sind, vor allem wegen ihres hohen Natriumgehalts, wie jetzt im Februar auch des Winters in Betrieb. Doch es heißt aufgepasst: Wer als Neuling einmal unbedacht einen zu großen Schluck Natrium-Chlorid-Säuerling zu sich genommen hat und sich anschließend eine Weile schütteln musste, wird einsehen, dass es sich um Heilwasser und nicht um normales Trinkwasser handelt. Entsprechende Schilder mit Warnhinweisen und Informationen über chemische Zusammensetzung und Indikation des jeweiligen Wassers befinden sich an den Brunnenanlagen. Wir beginnen am stattlichen Rund des Kaiserbrunnens nahe des Kaiser Wilhelms Bades und des Brunnensälchens:

Kaiserbrunnen

Kaiserbrunnen, im Hintergrund das Kaiser Wilhelms Bad (oben) bzw. das Brunnensälchen (unten)

Ein Dutzend Stufen hinab bequemen muss man sich zur Zapfstelle des prächtig zwischen den Architekturen des Kaiser Wilhelms Bades und des Brunnensälchens eingebetteten, repräsentativ gefaßten Kaiserbrunnens. Wie archäologische Funde wie zum Beispiel Scherben und Reste eines römischen Bades ausweisen, nutzten bereits die Römer diese Quelle, einen Natrium-Chlorid-Säuerling. 1841 wurde der Brunnen auf Betreiben der Brüder Louis und François Blanc, Gründer der im gleichen Jahr eröffneten Spielbank (damals noch im Kurhaus, genannt „Mutter von Monte Carlo“), neu erbohrt, heute bis in 191 Meter Tiefe.

Ludwigsbrunnen

Der älteste der Bad Homburger Brunnen, etwas abseits am Parkrand gelegenen, ein Natrium-Chlorid-Säuerling bzw. Natrium-Calcium-Säuerling, war ebenfalls, wie Ausgrabungen von z.B. Weihegaben belegen, den Römern bekannt. 1809 wurde die Quelle neu entdeckt und kurz darauf auf Veranlassung von Landgraf Friedrich V. Ludwig zum Brunnen gefasst. Das Heilwasser wurde bereits ab 1810 als Mineralwasser verkauft und versandt. Der mehrfach neu gefasste Brunnen mit einer Bohrtiefe von heute 53 Metern steht wie der ganze Park unter Denkmalschutz. Die zunächst als Salzbrunnen bezeichnete Quelle wurde 1835 dem genannten Landgrafen zu Ehren in Ludwigsbrunnen umbenannt, woran ein Gedenkstein erinnert.

Stahlbrunnen

Stahlbrunnen, im Hintergrund das Brunnensälchen

Seinen Namen erhielt der Stahlbrunnen wegen seines Reichtums an kohlensaurem Eisen. Wie der Kaiserbrunnen wurde auch die Stahlquelle im Jahr 1841 erbohrt. Der berühmte Gießener Chemiker Professor Justus von Liebig schwärmte von dem Wasser: „Der Eisengehalt ist weit über meine Erwartungen größer, das Pfund (zu 16 Unzen) enthält nämlich 0,758 Gramm, also genauso viel wie der Schwalbacher Stahlbrunnen“. Das eisenhaltige Wasser zerfraß sogar die frühen Brunnenfassungen zunächst aus Eisen, dann aus Gußeisen und auch aus Kupfer, so dass schließlich (bis 1966) eine Holzfassung für Stabilität sorgen musste. 24 Stufen führen hinunter zu der heutigen Zapfanlage in einer ausgedehnten kreisrunden Senke.

Figuren der Jubiläums-Ausstellung „Geschichten, Gäste, Gefährten“

Schwimmerinnen Lucie Schmitz und Paula Weis

Was wäre – Hand aufs Herz – eine Kur in Bad Homburg ohne Schäkereien und Geschichtchen, Tändeleien und Affären – mithin ohne „Kurschatten“. Eine amüsante Figurenausstellung „Geschichten, Gäste und Gefährten. Eine Zeitreise ins Kurleben der 1920er Jahre“ der Kur- und Kongreß-GmbH zu ihrem 100jährigen Bestehen im Sommer 2025 trug, bei aller Zurückhaltung, auch diesem Aspekt Rechnung. Aus der Vielzahl der lebensgroßen Figuren entlang der repräsentativen Brunnenalle greifen wir die zwei als „Schwimmerinnen“ apostrophierten Badenixen heraus. Auch als damaliger „Lichtspielhausbesitzer“ war man in einem Kurort sicherlich ein gefragter und begehrter Zeitgenosse. Und die noch im russischen Zarenreich geborene, bildschöne und deutschlandweit bekannte, unter tragischen Umständen jung verstorbene Schauspielerin Maria Orska (Alfred Kerr: „Auf europäischen Bühnen ist sie ein herrlich neuer Klang„; Die Bühne: „Prototyp einer mondainen Frau“ – zitiert aus „Grandios Maria Orska“ von Barbara Denscher) zählte, so kann man annehmen, bei ihren Kuraufenthalten zum Mittelpunkt der Badegesellschaft.

Lichtspielhausbesitzer Adam Henrich und Schauspielerin Maria Orska

Kein anderer als Kaiser Wilhelm II. persönlich griff 1910 zur Zeichenfeder, um diesem achtsäuligen Monopterus, von Architekt Heinrich Jacobi 1911 fertiggestellt, die gewünschte Gestalt zu geben. Seinen Namen erhielt der 1906 erbohrte Brunnen, ein eisenhaltiger Natrium-Chlorid-Säuerling, nach der Ehefrau des Kaisers Auguste Viktoria. Welche Bedeutung, dem damaligen Zeitgeist entsprechend, dieser Widmung zukam, zeigt auch deren Fassung auf dem Bauwerk in Latein: „AUGUSTAE VICTORIAE MATRI PATRIAE BENIGNISSIMAE SACRUM A.D.MXMXI“ – Heiligtum, Auguste Viktoria, der gütigsten Mutter des Vaterlands (gewidmet), im Jahr 1911. Bemerkenswert stimmig mit ihrer Umgebung ist die zierliche, aufwärts strebende Architektur des Brunnentempels inmitten ringsum hochgewachsener Bäume. Eine zusätzliche Zapfstelle für das Heilwasser – wie übrigens auch für die Heilwässer von Landgrafen-, Louisen- und Elisabethenbrunnen – befindet sich hinter dem Musikpavillon.

Brunnenhäuschen, 2012 nach altem Vorbild in privater Initiative wiedererrichtet, mit Heilwasserzapfstellen

Landgrafenbrunnen

Landgraf statt Nymphe: Landgrafenbrunnen mit der Reliefbüste des Landgrafen Friedrich II. von Hessen-Homburg („Prinz von Homburg“)

Obwohl erst 1899 und damit als jüngste Quelle entdeckt, erhielt dieser Brunnen seinen Namen nach dem durch das Drama Heinrich von Kleist’s berühmten Prinzen und späteren Landgrafen Friedlich II. von Hessen-Homburg (1633-1708). Die salzigste Quelle des Parks, ein kochsalzreicher, eisenhaltiger Natrium-Chlorid-Säuerling, wurde erst 1903 zum Ausschank eröffnet. Das heutige Aussehen in einer Senke an der Brunnenallee erhielt sie 1908 durch den Bildhauer Anton Lussmann (1864-1928) noch in Anmutung des Jugendstils. Das Relief einer unbekleideten Nymphe, das den Brunnen bis 1955 zierte, wurde allerdings – weil zu „frivol“ – durch die Reliefbüste des Landgrafen ersetzt, eine Metallgußarbeit der bekannten Bad Homburger Bildhauerin Ortrud Krüger-Stohlmann (1925-2017).

Homburger Brunnenmädchen

Homburger Brunnenmädchen, Bronzeskulptur von Professor Richard Heß (1937-2017), 1994

Zum Bad Homburger Kurbetrieb gehörten, bis ins Jahr 1939, die sogenannten Brunnenmädchen, die in der Sommersaison den Kurgästen an den Brunnen die Heilwässer je nach ärztlicher Verordnung verabreichten und für einen geordneten Kurbetrieb an den Trinkbrunnen sorgten. Ansprechendes Aussehen, Reinlichkeit und gutes Betragen waren Voraussetzungen für diese damals begehrte Aufgabe.

Josefine Michels, einst ein Brunnenmädchen, schrieb diese bezaubernden Zeilen: „Gleich beginnt mein erster Arbeitstag als Brunnenmädchen. Ich bin schon so aufgeregt. Bevor ich von zu Hause losgegangen bin, habe ich bestimmt zehnmal in den Spiegel geschaut, ob mein weißes Kleid und die Haube für meine Haare auch richtig sitzen. Ein gepflegtes Äußeres ist sehr wichtig in meinem Beruf. Denn ich vertrete ja die Stadt und die Kur-AG, wenn ich den Kurgästen das Wasser aus dem Brunnen in ihre Gläser abzapfe und zum Trinken bringe … Ich bin froh, dass ich mit meiner Freundin Marie zusammenarbeiten kann. Sie ist schon seit über einem Jahr ein Brunnenmädchen und hat viel Erfahrung. Sie hat mir erzählt, dass sie auch schon einigen prominenten Kurgästen das Wasser aus der Elisabethenquelle gebracht hat. Stellen Sie sich vor: Da war sogar einmal ein echter Maharadscha mit seiner Familie aus Indien dabei. Ob ich vielleicht auch einen berühmten Kurgast treffe? Jetzt muss ich aber los, damit ich pünktlich bin …“ (Quelle: bad-homburg.de).

Es könnten Josefine oder Marie sein: Brunnenmädchen am Elisabethenbrunnen (Quelle: bad-homburg.de)

Mit seiner Skulptur nahe der Brunnenallee setzte der berühmte Berliner Bildhauer Professor Richard Heß diesen jungen Damen ein recht kesses wie auch liebenswürdiges Denkmal. Es wäre, schaut man die Skulptur an, nicht weltfremd zu vermuten, dass manche dieser Mädchen wohl gelegentlich nach Dienstschluß auch einmal in die Rolle eines „Kurschattens“ schlüpften – es musste ja nicht unbedingt ein Maharadscha sein.

Louisenbrunnen

Ein filigranes Schmuckstück der besonderen Art: der Louisenbrunnen; hier scheint tatsächlich die berühmte Bad Homburger Champagnerluft zu wehen

Maßgeblich der Stiftung Historischer Kurpark ist die vorbildgetreue Wiedererrichtung dieses wunderschönen, einst verfallenen und aufgegebenen Brunnentempels im Jahr 2025 zu verdanken. Bereits 1856 wurde die Quelle (Natrium-Calcium-Chlorid-Hydrogen-Carbonat-Wasser) mit dem wenig schmeckenden und durchaus übel nach Schwefel riechenden, doch für Herz und Kreislauf sehr heilsamen Wasser erbohrt. Ihren Namen erhielt sie nach der Ehefrau des Landgrafen Gustav (1781-1848), Luise Friederike von Anhalt-Dessau, der Schöpferin des ebenfalls vorbildgerecht renovierten Gustavsgartens, des einzig noch erhaltenen der ehemals sechs Hessen-Homburger Prinzengärten. Besonders russische Kurgäste sollen der schwefeligen Quelle zugesprochen haben. Die erfolgreiche Rekonstruktion dieses filigranen Meisterwerks ist ein schönes Beispiel, dass alte Schmiede- und Schlosserkunst bis noch heute erhalten ist und von entsprechenden Handwerksbetrieben realisiert werden kann.

Elisabethenbrunnen

In kaiserlicher Prachtentfaltung: der Elisabethenbrunnen

Benachbart der großen repräsentativen Wandelhalle entfaltet der 1834 als Heilquelle wiederentdeckte Elisabethenbrunnen am anderen Ende der Brunnenallee seine kaiserliche Pracht – ein Wahrzeichen des Kurorts. „Es möchte in Deutschland wohl schwer sein, ein Mineralwasser zu finden, welches gleichen Reichtum an wirksamen Bestandteilen wie der Homburger Elisabethenbrunnen darzubieten vermöchte“ befand schon der Gießener Professor Justus von Liebig über den Natrium-Chlorid-Säuerling. Sein Urteil begründete Bad Homburgs Aufstieg zum weltbekannten Kurort mit dem Brunnen als wichtigster Heilquelle. Benamt wurde er nach Prinzessin Elisabeth, Ehefrau des Landgrafen Friedrich VI. von Hessen-Homburg (1769-1829) und Tochter des britischen Königs Georg III. (1738-1820).

Die Anlage erfuhr mehrfach eine Umgestaltung. Wiederum Kaiser Wilhelm II. höchstpersönlich beteiligte sich intensiv an den Planungen und Entwürfen – so intensiv, dass sein Generaladjutant Georg Alexander von Müller (1854–1940) klagte, der Kaiser beschäftige sich stundenlang mit dem Bau eines Brunnentempels in Homburg und lehne es ab, einen Bericht Hindenburgs über die Lage im Osten zu lesen, weil er keine Zeit dazu habe. Die marmorne Skulptur der Hygieia, der griechischen Göttin der Gesundheit, Tochter des Heilgottes Asklepios, im Inneren des Brunnentempels schuf der deutschlandweit renommierte Bildhauer Hans Dammann (1867-1942). Auf deren Sockel lesen wir, natürlich in Latein: FONS LEVAT INVALIDOS. ANIMUM QUI VERTIT AD ARTEM. EMENDAT MORES. EXCOLIT INGENIUM – Die Quelle lindert Leid der Kranken, sie leitet den Sinn zur Kunst, kultiviert die Sitten, veredelt den Geist. (Na, wenn man das als Student gewusst hätte, hätte man doch Elisabethen getrunken statt Bier …)

Hier regiert Hygieia, die athenische Göttin der Gesundheit und Heilkraft, Schutzpatronin der Apotheker

Für die Öffentlichkeit gibt es am südöstlichen Eingang zum Kurpark noch eine weitere, einfach gestaltete Zapfstelle.

Soweit die sieben für das Kurpublikum aufbereiteten Trinkbrunnen im Kurpark. Zu den beiden nicht trinkbaren Badequellen zählt der in seiner kreisrunden Fassung sichtbare Solesprudel (genannt „Champagner-Badewasser“) neben der ehemaligen Molkeanstalt (heute Restaurant Am Römerbrunnen). Die bereits in den frühen 1850er Jahren erschlossene Quelle geriet jedoch zunächst in Vergessenheit. In den 1960er Jahren wurde sie bis in 305 Meter Tiefe neu erbort und 2014 neu gefasst.

Der zu Ehren der Samariter 1920 am äußersten Rand des Parks errichtete Samariterbrunnen führt hingegen normales Leitungswasser und gehört nicht zu den Heilwasserquellen.

Alle Fotos außer dem historischen Bild eines Brunnenmädchens: Erhard Metz

 

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