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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Was Simone gerade liest…

Eine Leseempfehlung

Unter dem Titel „Was Simone gerade liest …“
stellt unsere Theater-, Opern- und Tanzkritikerin
Simone Hamm, die auch eine begeisterte Leserin ist,
Neuerscheinungen vor, wie zum Beispiel diesmal
„Lázár“ von Nelio Biedermann (Rowohlt Berlin).

In 18 Sprachen ist der zweite Roman des erst 23-jährigen Autors
übersetzt worden, in 20 Ländern erschienen.
Tom Tykwer will „Lázár“ verfilmen.
Von Ende Februar an geht Nelio Biedermann
auf eine große Lesereise.

 

 

 

Nelio Biedermann
Lázár
Rowohlt Berlin
301 Seiten
24 €

Auf 300 und einer Seite erzählt  der Autor über drei Generationen hinweg die Geschichte seiner Familie, einem ungarischen Adelsgeschlecht. Deren Leben wird geprägt vom Zerfall der österreichisch-ungarischen Monarchie.

Es ist eine Geschichte vom unaufhaltsamen Niedergang einer Familie von 1900 bis in die 1950 iger Jahre. Die Geschichte von Kriegen, von der Judenverfolgung bis hin zum ungarischen Volksaufstand 1956, der Anlass für die Familie wird, in die Schweiz zu fliehen. Dort wurde  Nelio Biedermann geboren.

Biedermann schreibt dicht und intensiv, wählt seine Worte genau. Vor realem politischen und historischen Hintergrund ist da ist aber auch immer etwas Mysteriöses, das alle seine Figuren von Beginn an umgibt.

1900 wird Lajo von Lázár im südlichen Ungarn geboren.

„Am Rand des dunklen Waldes lag noch der Schnee des verendeten Jahrhunderts, als Lajos von Lázár, das durchsichtige Kind mit den wasserblauen Augen, zum ersten Mal den Mann erblickt, den er bis über seinen Tod hinaus für seinen Vater halten wird. Es war der Tag der drei Könige – der Wald schluckte das letzte trübblaue Licht. Das Zimmer, in dem der Junge geboren wurde, lag im Westflügel des Waldschlosses, gleich neben dem blaugestrichenen, das nie jemand betrat.“

Mit diesem Satz beginnt „Lázár“. Lajos Mutter Maria hat ihn mit dem Pferdeknecht gezeugt. Er wird seinem Vater, dem geschäftstüchtigen Sándor, immer fremd bleiben, die Mutter wird sich das Leben nehmen. Lajos heiratet die jüdische Kaufmannstochter Lilly Grünfeldt

Sex, sexuelle Phantasien sind allgegenwärtig. Männer nehmen sich, was und wen sie wollen. Eine der eindrücklichsten und zugleich schrecklichsten Szenen ist die, als sowjetische Soldaten das Schloss der Adeligen besetzten und nach Frauen verlangen. Eine  Hausangestellte wird herbeigerufen. Das Dienstmädchen wird im Nebenzimmer vor aller Ohren von Soldaten vergewaltigt. Immer und immer wieder.

Die adeligen Damen werden geschützt.  Alle wissen, dass der Hass der sowjetischen Soldaten der Adelsfamilie gilt und nicht der, die jetzt dafür bezahlen muss. Hier zeigt sich, dass das Gefüge der Abhängigkeiten sogar noch nach der sowjetischen Eroberung bestehen bleibt.

Aber, obwohl es in „Lázár“ viel Sex gibt, gibt es auch die Liebe. Sie ist immer übermächtig und rückhaltlos. Pista verliebt sich in Mathilda. Er wird sie nicht wiedersehen. Und sehnt sich doch jahrelang nach ihr.

Erst nach dem Krieg erfährt er von der ehemaligen Haushälterin der Familie, dass Mathilda Jüdin ist, dass das Geschäft ihres Vaters geschlossen wurde. Der Vater versuchte für sich, seine Frau und sein Tochter Schutzpässe in der Schweizer Botschaft zu erhalten. Sie versteckten sich im Glashaus der Schweizer Botschaft. Das Glashaus wurde gestürmt, Mathilde und ihre Eltern wurden erschossen.

Literatur hat einen großen Einfluß auf Biedermanns Figuren. Lajos Onkel Imre lebt zurückgezogen von der Familie, nimmt am gemeinsamen Leben nicht teil, wird fast irre bei der Lektüre von E.T.A. Hoffmann:

„Das erste Nachtstück war eine Erzählung, die den Titel ,Der Sandmann‘ trug. Imre las sie im Schein der Lampe, die auf dem Tischchen neben seinem Bett stand, in einem Zug durch. Als er das Buch neben die Lampe legte, fiel ihm auf, dass seine Hand zitterte, dann, dass auch sein Arm sich unruhig hin und her bewegte, und schließlich, dass sein ganzer Körper bebte. Den Blick auf den schwarzen Einband des Buchs geheftet, wartete er darauf, dass der Anfall verebbte.“

Andere Protagonisten lesen Thomas Mann, Arthur Schnitzler und Marcel Proust (und bleiben geistig gesund dabei). Die junge Eva verschlingt Simone de Beauvoir und Virginia Woolf.

Nachdem  „Lázár“ zunächst überwältigende Kritiken erhalten hat, geschah, was leider allzu oft geschieht: der Roman wurde niedergemacht, er sei zu seicht, zu krawallig. Davon sollte Nelio Biedermann sich nicht beirren lassen. Er ist ein großer Erzähler.

Nelio Biedermanns Lesereise in Deutschland

26.02.2026 Dresden

27.02.2026 Erfurt

07.03.2026. Köln

08.03.2026 Bochum

12.03.2026 Zofingen

14.04.2026 Ravensburg

15.04.2026 Langenau

16.04.2026 Ulm

17.04.2026 Regensburg

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