„Fröhlich sein: Thomas Bayrle“ in der Schirn – Jesses, Maria und das Kreuz mit der Kunst
Präzision, Monotonie, Rhythmik und komplexe Bildgewebe
Eindrücke von Petra Kammann
Nicht nur, dass der Einfluss der digitalen Massenmedien und der Maschinen auf unsere Existenz aktueller ist denn je und unsere Wahrnehmung prägt, wird in der Ausstellung unter dem Motto: „Fröhlich sein: Thomas Bayrle“ – Antrieb und Haltung gegenüber den Studierenden des einstigen Städeldirektors Thomas Bayrle (*1937) sichtbar. Der in Frankfurt lebende Künstler behandelt in seiner Kunst grundlegende Aspekte der modernen Gesellschaft wie Gier, Macht und Genuss, Werbe-, Konsum-, Alltags- und Kinoillusion und präsentiert sie in seinen Werken auf hintergründig humorvolle Art und Weise. In der großen Soloschau der Kunsthalle Schirn sind bis 10. Mai 2026 insgesamt 55 seiner Werke – vor allem aus den letzten zwei Jahrzehnten – zu sehen, darunter Malerei und Grafik, Skulptur und Objektkunst, Soundinstallationen sowie eine Videoarbeit.
2020 – Besuch bei Thomas Bayrle zum Gespräch, Foto: Petra Kammann
Dass nicht nur Texturen bei dem als Maschinenweber ausgebildeten Künstler eine tragende Rolle spielen, zeigt sich in vielen seiner Kunstwerke, die in der Ausstellung im Interimsquartier der Schirn in der einstigen Dondorfschen Druckerei der „Volksstimme“ miteinander verwoben, verflochten und durch eine weiße Linie miteinander verbunden sind. „Als ich vor diesen Webmaschinen stand, habe ich sofort eine Stadt darin gesehen“, sagte der assoziativ denkende und wahrnehmende Künstler seinerzeit im Gespräch.

Konträres miteinander verbinden – Das Kreuz mit dem Kreuz, jedenfalls mit dem Frankfurter, Foto: Petra Kammann
„Kreuzungen“ und „Kreuzigung“ haben nicht nur lautliche Ähnlichkeiten, wenn man die Videoarbeit und den stilisierten Christus in der Gegenüberstellung in der Halle 1 der Schirn erlebt. Bereits in den 1960er- und 1970er-Jahren hatte Bayrle den innovativen Grundstein seiner charakteristischen Superformen gelegt. Wiederholung, Vernetzung und das Verweben von Einzelelementen zu einem popartähnlichen Gesamtbild findet sich bis heute in nahezu all seinen Werken.

Die Ikonen christlicher Motive werden popartmäßig mit urbanen Strukturen neu zusammengebaut, Foto: Petra Kammann
Nachdem Bayrle in seiner Ausbildung an der Offenbacher Werkkunstschule (heute: Hochschule für Gestaltung) die Techniken Gebrauchs- und Druckgrafik von der Pieke auf erlernt hatte, konnte er die dort gemachten drucktechnischen Erfahrungen sowohl materiell als auch konzeptionell in seiner Kunst weiterführen und den Weg von der Analogtechnik zur heutigen omnipräsenten Digitalität konsequent weiterführen.„Meine Position war, in einer noch analogen Zeit schon digitale Realität vorauszuspüren… Das war mir einfach klar. Das war zwar alles noch analog gemacht, aber analog so, als wäre es digital“, kommentiert er diesen Vorgang später.

Immer wieder inspiriert von religiösen Motiven, historischen Bildikonen, aber nie verherrlichend, Foto: Petra Kammann
Die Städte der 70er Jahre empfand der Künstler als Flechtwerk. Bayrle hatte früh schon versucht, eine Art Maschinensprache sprechen zu lassen, die ihn begeisterte. Die Monotonie von Maschinengeräuschen bedeuteten für ihn nicht etwa Langeweile, sondern sie gaben ihm vielmehr einen, ihn inspirierenden und meditativ wirkenden zeitgemäßen Rhythmus und zugleich einen Halt vor.

Maschinelles und Roboterhaftes ist Bayrle nicht fremd , Foto: Petra Kammann
Hat Bayrle einen Hang zum Religiösen? Motive wie der Gekreuzigte, die Himmelfahrt, der Papst, die Pietà – Maria mit dem toten Christus auf dem Schoß- , die Vertreibung aus dem Paradies, aber auch Vermeers „Mädchen mit dem Perlenohrring“ finden sich in verschiedensten Varianten in seinem Werk. Doch spielen dabei Pop- und Massenkultur ebenso eine zentrale Rolle für ihn und stellen eine Art (Ersatz-) Religion dar oder prägen seine Sehnsüchte…

Blick in die Ausstellung, Foto: Petra Kammann
Bayrle sieht die Welt als Fläche, die sich wie ein Gewebe selbst zusammenhält. Der viele Jahre, von 1975 bis 2002, in der Städelschule unterrichtende Professor war vor Ort bei den Studenten ausgesprochen präsent und ansprechbar. (Für den Kunstakademiebetrieb durchaus eine Besonderheit!) Und er hat die umliegenden Museen genutzt wie das gegenüberliegende Städel-Museum oder das Skulpturenmuseum Liebieghaus, natürlich auch andere bedeutende Museen, um sich den populären Werken der Kunstgeschichte zu widmen, sie gewissermaßen in sich aufzusaugen, um sich ihre Umrisslinien einzuprägen und sie auf seine Weise neu zu gestalten.

Wie Flächen sich verändern, Foto: Petra Kammann
Die Umrisse ihrer ikonischen Werke blieben in Bayrles Bearbeitung immer wiedererkennbar. Ihre innere Fülle modulierte er und vermittelte ihnen eine spezifische Tiefe, in dem er sie durch kleinteilige zusammengesetzte Elementarteilchen verfremdete, mal sind es Papstschuhe oder Lippenstifte, mal minimalisierte Totenköpfe, mal winzig kleine Handys wie im Falle der blauen Kirchenfenster für den Kreuzgang von Kloster Eberbach, mal Limousinen wie im Falle der Mercedes-Madonna.

Bayrle hier 2022 im Museum Angewandte Kunst mit dem Verlagsbuchhändler Walther König, für den er Buchobjekte gestaltete, Foto: Petra Kammann
Wer die atomare Realität des Lebens verliere, der verliere etwas ganz Wichtiges, so sein Credo. Sie sei für ihn die Quelle der eigentlichen sogenannten „moralischen“ Fragen“des Lebens. Mag das mit religiösen Vorstellungen oder langfristig etwas mit einer Kultur zu tun haben. Das Dogmatische, Schwarz und Weiß, das Entweder – Oder, kurzum Eindeutigkeit ist ihm fremd, sei es in der politischen Ideologie oder in der Religion. „Ich denke, Kunst ist eine Atmung. In dieser Atmung sind Leerstellen, und wenn die alle voll sind, dann wird es eine Notsituation.“
Bayrle hatte auch keine Berührungsängste mit der Werbung, als er in den 1960er Jahren mit berühmten Frankfurter Werbeagenturen wie der international agierenden Agentur J.W. Thompson, die das Wirtschaftswunder mit modernen, US-orientierten Kampagnen prägte, zusammenarbeitete. Sie eröffneten ihm andere gesellschaftliche Bereiche und damit verbundene Perspektiven, mit denen Künstler häufig nicht konfrontiert sind oder es damals waren.

Analogien von Architektur und Layout, Foto: Petra Kammann
Mindest ebenso wichtig seien für ihn aber auch die Frankfurter Nachkriegsprozesse gewesen, die Verlagsstadt und auch die Frankfurter Buchmesse, auf der die wichtigen Fragen der Zeit und der Aufarbeitung diskutiert wurden. Dabei sei damals Frankfurt künstlerisch gegenüber der rheinischen Kunstszene eher provinziell gewesen, mal abgesehen von wenigen Privatinitiativen und Persönlichkeiten wie Hermann Goepfert (1926-1982), durch den er Künstler wie Fontana und Manzoni kennenlernte, oder die Quadriga durch die Zimmergalerie Franck, später kamen dann für ihn einflussreiche Persönlichkeiten nach Frankfurt wie Jean-Christoph Ammann ans MMK oder auch Klaus Gallwitz als Direktor ans Städel, der versuchte, an der an der Swarzenski-Tradition wieder anzuknüpfen und schließlich Kaspar König (1943–2024) als Rektor an die Städelschule, der auch den Portikus gründete, um der Gegenwartskunst zur notwendigen Aufmerksamkeit zuverhelfen…

Übereinandergelegtes NewYork-Times Layout für den Architekten Philipp Johnson, Foto: Petra Kammann
Und dann auch widmete Bayrle sich auch immer wieder urbanen Architekturen, nicht zuletzt als vergrößertes Zeitunglayout: Zwischen 1999 und 2001 entstanden mehrteilige Arbeiten zur Architektur von Philip Johnson (1906–2005), einer prägenden Figur der architektonischen Postmoderne, dessen charakteristischer Bleistift- Messeturm Frankfurtern und Auswärtigen vertraut ist. Bayrles Installation umfasst im Ausstellungsraum die quaderförmige Holzlatten-Skulptur „Layout Philip Johnson“ (1999) sowie zehn Poster der Serie „Philip Johnson / The New York Times“ (2001/2025) mit den übereinandergelegten und bearbeiteten Seiten der New York Times. Der graphische Umgang mit Layouts ist zudem eine Anspielung auf Bayrles Tätigkeit bei der Gulliver-Presse.

Blick in die Ausstellung: Dargestelltes ist von Kreuzungen, Pietàs, Himmelfahrtszenen und zeitgenössischer Realität bestimmt, Foto: Petra Kammann
Gleich neben dem Eingang stößt man auf Bayrles Porträtserie, eine Hommage an Bayrles langjährige Ehefrau Helke Bayrle (1941 bis 2022), immer mit Baskenmütze und Kamera, die das Frankfurter Kunstleben unter dem Titel „Under construction“ vor allem an der Städelschule und im Portikus mit ihrer Kamera festgehalten hat. Anspielungsreich gehängt auf dem Hintergrund der bekannten Siebdrucktapete der eilenden und sich kreuzenden „Frankfurter“ (1980/2025), die vielen als Oeuvre aus der EZB bekannt ist.

Blick auf die Porträtserie seiner 2022 verstorbenen Frau Helke in unterschiedlichen Variationen, mit typischer Baskenmütze und Kamera, im Hintergrund die „Frankfurter“, Foto: Petra Kammann
Deren Vorlagen stammen vom Frankfurter Fotografen Gerald Domenig (dessen besondere Fotos kürzlich im Dommuseum zu sehen waren). Er hatte seinerzeit die Bewegung der Passanten auf der Zeil festgehalten. Auch diese Arbeit macht den kollegialen partnerschaftlichen Umgang des einstigen Städelschulprofessors Bayrle deutlich, weil er auch die Realität der Arbeiten seiner Mitstreiter niemals unerwähnt lassen möchte.
Immer habe er seine Studenten in die Arbeiten einbezogen und sich mit ihnen ausgetauscht, bestätigt auch Schirn-Kurator Matthias Ullrich. Sie hätten sich gegenseitig inspiriert und zu fifty/fifty voneinander profitiert. Beim Rausgehen lassen einen die zahlreichen Assoziationen der komplexen Bildwerke nicht los. Man muss einfach wiederkommen, um weitere hintergründige Details zu entdecken.
Besuch bei Thomas Bayrle und dessen langjähriger Ehefrau Helke Bayrle, Künstlerin; hier vor dem Entwurf des blauen Glasfensters für das Kloster Eberbach, mit der Pietà aus minimalistischen zusammengesetzten Handys; Foto: Petra Kammann
→ Die Künstlerbücher des Verlegers und Buchhandlers Walther König im Museum Angewandte Kunst
→Thomas Bayrles neue Kirchenfenster im Kloster Eberbach
SCHIRN KUNSTHALLE FRANKFURT
GABRIEL-RIESSER-WEG 3, 60325 FRANKFURT AM MAIN
DAUER DER AUSSTELLUNG „FRÖHLICHSEIN. THOMAS BAYRLE“
12. FEBRUAR – 10. MAI 2026
EINTRITT 10 €, ERMÄSSIGT 8 €, FREIER EINTRITT FÜR KINDER UNTER 8 JAHREN
FRIDAY’S FOR 2
EDEN ERSTEN FREITAG IM MONAT GIBT ES BEIM KAUF EINES TICKETS DAS ZWEITE TICKET KOSTENLOS
ÖFFNUNGSZEITEN
DI BIS SO 10 BIS 19 UHR, DO 10 BIS 22 UHR
INDIVIDUELLE FÜHRUNGEN BUCHEN
INDIVIDUELLE FÜHRUNGEN ODER GRUPPENBUCHUNGEN SIND BUCHBAR UNTER FUEHRUNGEN@SCHIRN.DE
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MATTHIAS ULRICH, SCHIRN KUNSTHALLE FRANKFURT
KURATORISCHE ASSISTENTIN
THERESA DETTINGER
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