home

FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Das Schicksalsjahr 1938 für die Komponisten – 6. Sinfoniekonzert des Frankfurter Opern- und Museumsorchester

Rasanz und Doppelbödigkeit

Mit Thomas Guggeis am Pult und Elias David Moncados Debüt als Solist

Von Petra Kammann

Unter der Leitung des Chefdirigenten Thomas Guggeis waren im Rahmen der Museumskonzerte drei packende, wachrüttelnde Werke in der Alten Oper Frankfurt zu hören, die um das Jahr 1938 herum entstanden sind: die Sinfonie Nr. 2 der französischen Widerstandskämpferin Elsa Barraine, das Violinkonzert des Oscar-prämierten Hollywood-Filmkomponisten Erich Wolfgang Korngold, in dem der junge Geiger Elias David Moncado, Stipendiat der Anne-Sophie Mutter Stiftung und Student an der Kronberg Academy, ein brillantes Debüt als Solist bei den Museumskonzerten gab. Nach der Pause folgte die fünfte so populäre wie brisante 5. Sinfonie von Dmitrij Schostakowitsch, die 1927 zur Zeit des stalinistischen Terrors entstand, nachdem der Komponist gedemütigt worden war.

Thomas Guggeis dirigierte im 6. Sinfoniekonzert der Museumskonzerte Werke von Barraine, Korngold und Schostakowitsch (Foto: Simon Pauly)

Das Jahr 1938 war ein Jahr der Umbrüche, politisch wie musikalisch. Die Musik der „Moderne“ galt als entartet. Mit dem russischen Wort für „Krieg“ („voina“) betitelte die Französin Elsa Barraine (1910–1999) ihre Sinfonie Nr. 2, ein 1938 geschriebenes Auftragswerk des französischen Kulturministeriums. Nach dem Anschluss Österreichs und dem Münchner Abkommen lag in Europa so etwas wie Krieg in der Luft. Insofern ist ihre Sinfonie als anti-kriegerische bzw. pazifistische Komposition angelegt, die als Reaktion auf die heraufziehenden Schrecken des Zweiten Weltkriegs entstand. Ein Werk aus ihrer frühen Schaffensperiode, das ihren kraftvollen orchestralen Stil zum Ausdruck bringt.

Die französische Komponistin Elsa Barraine 1940, Fotoquelle: Bibliothèque nationale de France, Foto: domaine public/Wikicommons 

Getrieben vom Wunsch nach Frieden vollendete sie dieses Werk in drei Sätzen 1938, im selben Jahr, in dem sie für ihre Arbeit, eine Kantate über die Nationalheldin Jeanne d’Arc  als vierte Frau  mit dem prestigeträchtigen Prix de Rome ausgezeichnet wurde, was eigentlich ihre Position als bedeutende französische Komponistin, auch in Italien festigen sollte, wo unter Mussolini aber inzwischen der Faschismus Einzug gehalten hatte. Eingeleitet durch die Bläser, und unterstützt durch die Unruhe der Streicher, wird gleich im ersten Satz der Sinfonie die kühne Idee der Freiheit gebrochen. Auf den musikalisch-akustischen „Krieg“ des ersten Satzes folgt der melancholische „Trauermarsch“ des zweiten Satzes, der ein düsteres Szenario erwarten lässt. Der weitere Verlauf der politischen Ereignisse sollte der ungewöhnlichen Komponistin recht geben.

Schön, dass Chefdirigent Thomas Guggeis uns Neuentdeckungen wie diese machen lässt, denn über Barraines Biographie ist bei uns ebenso wenig bekannt wie über ihr musikalisches Schaffen. Dabei schien der Aufstieg des einstigen musikalischen Wunderkinds unaufhaltsam zu sein. Doch wurde sie – nicht zuletzt ihrer jüdischen Wurzeln und des deutschen und italienischen Faschismus sowie des Zweiten Weltkriegs wegen für Jahre aufgehalten, sich als Komponistin zu entfalten, wie es ihrer ewigentlichen Begabung entsprach. Sie engagierte sich zunächst vehement im Widerstand und überlebte im Süden Frankreichs, konnte nach dem Zweiten Weltkrieg im französischen Radio als Pianistin und Tontechnikerin arbeiten.

Elias David Moncado gab mit Korngolds Violinkonzert sein Debüt bei den Museumskonzerten (Foto: Zuzanna Specjal)

Erich Wolfgang Korngold (1897–1957), der in Österreich geborene Komponist, ging 1934 auf Einladung von Max Reinhardt in die USA, wurde wegen der Annexion Österreichs durch die Nazis ins US-amerikanische Exil getrieben. Er wurde sogar amerikanischer Staatsbürger und schaffte den großen Durchbruch als Filmkomponist in Hollywood. So beobachtete er 1938 bereits die europäischen Ereignisse des Jahres vom rettenden kalifornischen Hafen aus und entschied sich, nicht nach Europa zurückzukehren, sondern sich auch weiterhin der Komposition von Filmmusiken zu widmen. Erst zu Kriegsende 1945 konnte er an seinen früheren Kompositionen wieder anknüpfen und komponierte sein berühmtes virtuoses, in manchem schwelgerisch angelegtes Violinkonzert in D-Dur, Op. 35, indem er Hollywood mit Motiven aus seinen Filmmusiken und sinfonischen Elementen der deutsch-österreichischen Spät-Romantik vereinte. Er widmete die Sinfonie Alma Mahler, der Witwe seines Kindheitsmentors Gustav Mahler.

Der 25-jährige deutsch-spanisch-malaysische Geiger Elias David Moncado bewältigte die herausfordernden virtuosen Solopartien mit Bravour und spielerischer Leichtigkeit. Wegen des nicht enden wollenden Applaus des Publikums spielte er darüberhinaus ebenso souverän zudem noch zwei sehr gegensätzliche Zugaben: Niccolò Paganinis Caprice op. 1/, was technisch zum schwierigsten gehört, außerdem das ausdrucksstarke Largo aus Bachs Sonate Nr. 3 C-Dur für Violine solo. Schlicht entwaffnend!

Großer Applaus für Thomas Guggeis und den Geiger Elias David Moncado, Foto: Petra Kammann

Als Dmitrij Schostakowitsch (1906–1975) seine Sinfonie Nr. 5 d-Moll schrieb, tobte in der Sowjetunion der große Stalinistische Terror. Mit dieser konfliktreichen, dramatischen Geschichte, dem Wechselspiel von Klage und Trauer wie im Largo des 3. Satzes, und eingestreuten populären Ländlertänzen im Allegro des 2. Satzes sowie mit Bläser- und Paukeneinsatz als Zeichen verordneter Jubels konnte er letztlich auch die Staatsanhänger überzeugen. Nach der vernichtenden Kritik der stalinistischen Propaganda an seiner Opernmusik hatte Schostakowitsch um sein Leben gebangt und nach einem Weg gesucht, sich zu rehabilitieren. Er befürchtete, dass seine Musik dem Diktator Stalin nicht gefallen – und er im Gefängnis landen könnte.

Mit seiner fünften Sinfonie, die von der Staatsspitze als „Antwort auf berechtigte Kritik“ akzeptiert wurde, gelang es ihm jedenfalls vorläufig zu überleben. Dennoch litt der russische Komponist sein Leben lang unter der Politik seines Heimatlandes. Dieses Werk sei völlig missverstanden worden, kommentierte es Schostakowitsch später. Man müsse schon „ein kompletter Trottel sein, um nicht zu hören, dass der Jubel erzwungen“ sei. Der Protest gegen die Unterdrückung und der verordnete Jubel kulminiert im Finale der Sinfonie. Köstlich zu beobachten, wie ein kleiner sehr aufmerksamer Junge im Publikum sich aufgeschreckt die Ohren zuhielt.

Musik unter Diktaturen“ könnte auch über dem von Guggeis so konzis konzipierten Konzert stehen, das er durchgängig mit hoher Genauigkeit dirigierte und der völlig selbstverständlich im freien Vortrag Rückbezüge auf Barraines Komposition durch mögliche Einflüsse von Schostakowitschs 5. Sinfonie machte. Ein Glück für Frankfurts Opern- und Museumsorchester, einen so präzise dirigierenden uneitlen und kompetenten Chefdirigenten zu haben! Für das Publikum allemal.

 

 

Comments are closed.