„Resonanzen“ – „Risonanze“ im deutsch-italienischen Kontext
60 Jahre zeitgenössische Kunst in der Frankfurter Westend Galerie
Und Auszüge einer Rede zur Vernissage von Barbara Thurau
Seit ihrer Gründung 1966 durch Trude Müller und Salvatore A. Sanna steht die älteste ununterbrochen aktive Frankfurter Kunstgalerie, die engagierte Programmgalerie als Kunstforum der Deutsch-Italienischen Vereinigung e.V. für den intensiven künstlerischen Austausch zwischen Deutschland und Italien. Seit nunmehr 60 Jahren zeigte sie rund 300 Ausstellungen. Bei den ausgestellten Werken handelte es sich jeweils um aktuelle Positionen. Heute wird unter der künstlerischen Leitung von Barbara Thurau und der Vereinsvorsitzenden Caroline Lüderssen die Geschichte der Galerie weitergeschrieben, historische Impulse werden aufgebrochen, um sie in gegenwärtige Fragestellungen zu überführen. Die Galerie bildet einen lebendigen Resonanzraum, was die erste Jubiläumsausstellung als Thema aufgreift. Petra Kammann gibt einen kurzen Einblick.

Die Künstlerliste der Westend Galerie liest sich wie ein Lexikon der italienischen Gegenwartsmalerei. So arbeitet die Galerie seit vielen Jahren und bis heute etwa mit Künstlern wie Marco Casentini, Enrico Della Torre (†2022), Paolo Iacchetti, Arthur Kostner und Carlo Pizzichini.

Mattia Noal, Land(e)scape 22, 2026, Westend Galerie
Lange Zeit stand ungegenständliche Malerei im Fokus des Galerieprogramms: Geometrische Abstraktion, Konkrete Kunst, Informel, Analytische Malerei, Pittura aniconica. Zunehmend hat sich das Programm der Frankfurter Westend Galerie aber auch anderen Entwicklungen zugewandt wie der Figurativen Malerei, der Fotografie, der Licht- und Konzeptkunst, welche neue und medienübergreifende Perspektiven eröffneten, nicht zuletzt durch Künstlerinnen und Künstler wie Marco Brianza, Giovanni Cerri, Raffaele Cioffi, Leonardo Gambini, Mattia Noal, Manuela Toselli und Fuelpump (Fabio Valenti). Dabei fungieren die unterschiedlichen Medien wie Leinwand, Papier, Seide, Stoff, Acrylglas oder auch Kunststoff als Resonanzkörper für Farbe, Linie, Material und Raum.

Manuela Toselli, „Fokus“ – Handgeschöpftes Papier, Seide, Seidenfaden, Aquarell, 2025, Westend Galerie
Neue Arbeiten u.a. von Giovanni Cerri, Leonardo Gambini, Mattia Noal, Eliana Petrizzi und Manuela Toselli sind derzeit in der Jubiläumsausstellung unter dem Thema „Resonanzen“ zu sehen. In der Gegenüberstellung der Werke werden visuelle Spannungen, Übereinstimmungen und Dialoge zwischen Generationen, Haltungen und formale Ansätzen sicht- und spürbar. So verweist die Ausstellung mit dem Titel Resonanzen zugleich auf die Wurzeln wie auf das Fortwirken künstlerischer Traditionen.
Das deutsch-italienische Programm
In jeder einzelnen ihrer rund 300 Ausstellungen blieb die Westend Galerie ihrem deutsch-italienischen Programm verbunden. Bei vielen Themenausstellungen hob sie den Dialogcharakter noch besonders hervor: so etwa 1982 bei der Schau „Goethe und Italien“, eine Hommage an Johann Wolfgang von Goethe aus deutscher und italienischer Sicht, 1983 bei „Italienbilder“ sowie 1986 bei „Deutsche Künstler sehen Italien“. 1994 holte die Schau anlässlich der 1200-Jahr-Feier der Stadt Frankfurt „Italienische Kunst der Moderne in Frankfurter Privatbesitz“ bedeutende Werke aus den Sammlungen der Stadt wieder in die Galerie zurück. 2014 regte „Michelangelo heute“ die jüngeren italienischen Künstlerinnen und Künstler dazu an, sich mit dem Meister der Renaissance auseinanderzusetzen.

Zu Gast bei der Vernissage: der italienische Generalkonsul Massimo Darchini vor Arthur Kostners „Schleife blau“, Foto: Petra Kammann
Tradition und Erneuerung
Im Jubiläumsjahr 2016 hatte Caroline Lüderssen den Vereinsvorsitz und Barbara Thurau die Galerieleitung übernommen. Zu den Prinzipien der Galeriearbeit gehört bis heute neben bestimmten Auswahlkriterien immer auch die persönliche und kontinuierliche Zusammenarbeit mit den Kunstschaffenden, die das persönliche Ambiente der Galerie auf so angenehme Weise geprägt hat.
Ausblicke auf das Jubiläumsprogramm 2026
Die nächste Jubiläumsausstellung in Zusammenarbeit mit der Frankfurter Stiftung für Deutsch-italienische Studien beginnt am 20.3. 2026 – „Glühen“ des Südtiroler Künstlers Arthur Kostner, dessen erste Ausstellung bereits 1990 in Frankfurt stattfand. Seine neuen minimalistischen Arbeiten werden unerwartete Emotionen wecken.
Mit einer Retrospektive von Enrico Della Torre wird im Mai ein Künstler der ersten Stunde geehrt: 1973 fand in der Galerie die erste von sieben Einzelausstellungen des 2022 verstorbenen Meisters der Abstraktion statt.
Die Saisonstart-Ausstellung im September wird wieder junge Künstlerinnen und Künstler in den Fokus stellen, im Dialog mit Marco Casentini, der selbst erfolgreicher Künstler in Italien und Kalifornien ist und als Dozent der Akademie Brera in Mailand junge Talente unterrichtet und fördert.
Zum Abschluss des Jahresprogramms stellt Raffaele Cioffi seinen neuen Werkzyklus der „Sequenze“ vor, der im Zusammenspiel mit dem Schweizer Komponisten Neuer Musik Nadir Vassena entstehen und präsentiert werden.
Dauer der Ausstellung „Resonanzen“ – „Risonanze“:
bis zum 13. März 2026
Wo?
Frankfurter Westend Galerie
Arndtstraße 12
60325 Frankfurt am Main
Tel. 069-74 67 52
www.div-web.de, galerie@div-web.de
Öffnungszeiten:
Dienstag bis Freitag von 9 – 13 Uhr, Donnerstag von 14 – 18 Uhr und nach Vereinbarung
Matinee:
Samstag, 28. Februar 2026, 11 – 14 Uhr
v.li.:Generalkonsul Massimo Darchini, der Künstler Mattia Noal, Galerieleiterin Barbara Thurau und Vereinsvorsitzende Caroline Lüderssen, Foto: Petra Kammann
Auszüge aus der Rede von Barbara Thurau zur Vernissage von “Resonanzen | Risonanze”
Resonanzen – Das Motto des Jubiläumsjahres von Deutsch-Italienische Vereinigung e.V. und Frankfurter Westend Galerie Resonanz beschreibt ein Schwingen, ein Antworten, ein Weitertragen von Impulsen über Zeit, Raum und Material hinweg. In unserer Ausstellung wird dieser Begriff zum Leitmotiv für eine vielstimmige Begegnung zeitgenössischer Positionen aus Malerei, Zeichnung und Skulptur.
Die Ausstellung bildet den Auftakt des Jubiläumsjahres. Seit 1966 zeigt die Frankfurter Westend Galerie Künstlerinnen und Künstler aus Italien oder mit Bezug zu Italien – das sind 60 Jahre zeitgenössische Kunst im deutsch-italienischen Kontext. Es sind 60 unglaubliche Jahre kontinuierlicher Galeriearbeit, die den ideellen Auftrag der Kulturvermittlung zwischen Deutschland und Italien mit der Aktivität als engagierte Programmgalerie für zeitgenössische Positionen verbindet.
Die Frankfurter Westend Galerie ist mittlerweile die älteste ununterbrochen aktive Kunstgalerie in Frankfurt am Main. Allein das „Kunstkabinett Hanna Bekker vom Rath“ ist älter, 1947 gegründet, aber 2015 geschlossen und ein Jahr später unter dem Namen „Galerie Hanna Bekker vom Rath“ neu eröffnet.
Die Mäzenin und Kunsthändlerin Hanna Bekker vom Rath höchstpersönlich hielt die Einführungsrede zu der 1967 eröffneten Ausstellung mit Heinrich Steiner und Veronika van Eyck. Herr Dr. Sanna erzählte uns, wie voll die Galerie bei der Eröffnung damals gewesen sei. Hanna Bekker vom Rath, eine resolute Frau, habe damals gerufen: „Sanna, bringen Sie mir einen Stuhl“. Anstatt sich zu setzen, sei sie auf den Stuhl gestiegen und habe dann mit ihrer Rede angefangen.
Im Herbst 1966 wurde die Deutsch-Italienische Vereinigung unter dem Vorsitz von Dr. Salvatore A. Sanna gegründet und im Dezember d.J. wurde die erste Ausstellung mit Kunsthandwerk aus Sardinien gezeigt. Der Erlös wurde damals den Betroffenen der Überschwemmungskatastrophe in Florenz zur Verfügung gestellt.
Die Galerie wurde bis Anfang der 90er Jahre von Trude Müller geleitet. Sie wurde bei Wien geboren und hatte lange in New York gelebt, wo sie Ellsworth Kelly, Andy Warhol und andere berühmte amerikanische Künstler kennenlernte. Mit Pioniergeist stellten Frau Müller und Herr Sanna viele künstlerische Talente aus Italien erstmals einem deutschen Publikum vor und begeisterten Sammler für italienische Kunst. Allein in den ersten fünf Jahren waren zum Beispiel Einzelausstellungen von Achille Perilli, Piero Dorazio, Giulio Turcato, Renato Guttuso, Lucio Fontana, Marino Marini und Arturo Bonfanti zu sehen. Künstler, die damals in Deutschland unbekannt waren und heute in den Auktionshäusern der Welt gehandelt werden. […]
Die reiche Geschichte dieser Galerie und die Künstlerinnen und Künstler der vergangenen Jahre hinterlassen einen Nachhall – eine Resonanz. Das Motto Resonanzen lässt sich also gut auch auf die aktuelle Ausstellung anwenden:
Historische Resonanz
Die jüngeren Positionen stehen im Dialog mit den (abstrakten) Tendenzen des 20. Jahrhunderts – also der hier in der Galerie vertretenen Kunst – und natürlich mit der gesamten Kunstgeschichte: Es geht nicht um Zitate, sondern um ein Nachschwingen, um ein Echo von Formen, Gesten, Haltungen. Junge Künstler der Kunstakademie beziehen sich explizit auf Vorbilder in der Kunstgeschichte. Silvia Rosa greift Formen und Farben aus den Fresken der Renaissance und des Barock auf. Elisa Nepote studierte das ägyptische Blau. Anna Colombi stellt mit ihrer Arbeit einen Dialog zwischen Gegenwart und kulturellem Erbe her, indem sie Spitze aus der Mitgift ihrer Urgroßmutter als Schablone für ihre Malerei verwendet. Und sie bezieht sich auf die Fresken von Tiepolo. Der Dozent dieser drei jungen Künstlerinnen ist auch in der Ausstellung vertreten: Marco Casentini.
Materielle Resonanz
Material wird zum Resonanzkörper künstlerischer Entscheidungen. In dieser Ausstellung sind verschiedenste Materialien vereint: Leinwand, Papier, Seide, Stoff, Holz, Acrylglas, Kunststoff fungieren als Resonanzkörper für Farbe, Linie, Material und Raum. Sie reagieren unterschiedlich auf Farbe, Linie, Raum und Körperlichkeit.
Formale Resonanz
Wiederkehrende Rhythmen, Spannungen, Verdichtungen und Leerstellen erzeugen visuelle Schwingungen, auch zwischen den Werken und Mediengrenzen hinweg. Zum Beispiel sind die Linien bei den nebeneinander hängenden Werken von Manuela Toselli, Sandi Renko und Marco Casentini unterschiedlich angelegt: horizontal gewickelte Seidenfäden, diagonale Rillen in der Wellpappe und vertikal gezogene Linien auf Metall.
Inhaltliche Resonanz
Natürlich ist Kunst immer Resonanz auf die Welt um uns herum. Auch das Zeitgeschehen wird aufgegriffen: So findet die Klimakatastrophe bei Giovanni Cerri Eingang in die Bilder, die überwucherte und überschwemmte Industriebrachen zeigen; ebenso bei Rossella Barbante, deren Arbeiten von der globalen Ausbeutung und Zerstörung der Natur erzählen. Ihre Farben erinnern an die irisierenden Effekte, die Erdöl auf Wasser erzeugt. Mattia Noal nimmt Elemente des Videospiels in seine Malerei auf.
Resonanz zwischen den Künstlerinnen und Künstlern
Überall treten Werke in Dialog, die im Ansatz grundverschieden sind, aber sofort miteinander kommunizieren. Mindestens drei Generationen von Künstlerinnen und Künstlern sind in dieser Ausstellung vertreten. (50er/60er Jahre – 70/80er Jahre – 90er Jahre). Die Ausstellung ist also kein Nebeneinander, sondern ein Miteinander: Arbeiten treten in Beziehung, widersprechen oder verstärken sich.
Nicht zuletzt hat das Auswählen und Hängen der Werke viel Spaß gemacht: Herzlichen Dank an dieser Stelle für die Hilfe an Caroline Lüderssen und Chiara Nicholas.
Resonanz beim Publikum
Resonanz meint hier nicht Zustimmung, sondern ein Berührtsein, denn Wahrnehmung ist ein aktiver Prozess, bei dem Bedeutung erst im Betrachten entsteht. Das ist das Prinzip der Op Art, wie hier bei Sandi Renko, bei der die Farbe erst in der Zusammenschau der einzelnen Linien entsteht. Aber es ist das Prinzip jeglicher Kunst, auch wenn sie minimalistisch ist wie die von Arthur Kostner. Welch eine positive Energie geht von dieser Schleife aus oder von der Arbeit „Neve“ von Leonardo Gambini.
Resonanz ist immer auch mit der Bildung eigener Assoziationen verbunden. Das Gemälde „Immersion“ von Mattia Noal öffnet Räume für eigene Interpretationen. Auf den ersten Blick erscheint diese Landschaft naturalistisch, ist jedoch ein Sinnbild, ein Vehikel, um den Effekt des Eintauchens in eine Scheinwelt darzustellen.
Resonanz in die Zukunft
Auch in diesem Sinne öffnen die Werke Räume. Unsere Ausstellung verweist zugleich zurück und nach vorn: auf die Wurzeln und auf das Fortwirken künstlerischer Traditionen. Sie macht sichtbar, wie Kunst in Schwingung bleibt – im Austausch mit ihrer Geschichte, ihrer Gegenwart und mit denjenigen, die ihr begegnen.

