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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Auf dem E-Scooter durch die Bonner Altstadt

Matthew Wild inszeniert Gioachino Rossinis „Barbier von Sevilla“ an der Bonner Oper

Von Simone Hamm

Auf einem Roller saust der berühmte Tenor Graf Almaviva nach einer Gala am Opernhaus durch die Bonner Innenstadt, vorbei an Universität und Rathaus. Das ist während der Ouvertüre auf einer großen Leinwand zu sehen. In der Altstadt stellt Almaviva seinen E- Scooter ab. Die Musiker, die er vom Bonner Beethovenorchester rekrutiert hat, um unterm Fenster seiner angebeteten Rosina zu spielen, steigen bei leicht fallenden Schnee in den Theaterbus. Sie treffen sich vor Figaros Barber Shop und der Zahnarztpraxis des Dr. Bartolo (Videodesign: Clemens Walter).

 

Grisha Martirosyan, Jessica Alino, Foto: © Bettina Stöß

So leicht und schnell beginnt „Der Barbier von Sevilla“ an der Bonner Oper. Die Tannhäuser Inszenierung des jungen südafrikanischen Regisseurs Matthew Wild in Frankfurt ist 2024  zu einer der Aufführungen des Jahres gewählt worden.

In Bonn lässt Matthew Wild den Figaro in der Gegenwart spielen.

Der Barbier von Sevilla, der 1816 in Rom erstmals aufgeführt wurde, ist Gioachino Rossinis erfolgreichste Oper und wahrscheinlich die erfolgreichste komische Oper überhaupt. Vorlage für das Melodrama buffo ist ein raffiniertes Stück von Pierre Augustin Caron de Beaumarchais. Es geht natürlich um Liebe, Rache, Macht und Geld, um Verwechslungen.

Charlotte Quadt, Grisha Martirosyan, Foto: © Bettina Stöß

Dr. Bartolo, alt und geldgierig, will sein Mündel Rosina heiraten, denn sie hat eine große Mitgift. Rosina ist verliebt in Almaviva, weiß aber nicht, dass er ein berühmter Tenor ist, denn er gibt sich als Student Lindoro aus. Der Figaro will dem Paar zu seinem Glück verhelfen. Der Intrigant Basilio will Almaviva vernichten. Er verbreitet das Gerücht, dass Almaviva Violinistinnen belästigt hat. Dazu braucht er nicht mehr als ein KI generiertes Foto und schnelle soziale Medien. Bald erfahren es alle.

Die Oper spielt vor oder in einem Haus in der Bonner Altstadt (unten der Barberhop, daneben die Zahnarztpraxis). Dank einer Drehbühne, sind alle Räume aus verschiedenen Perspektiven zu sehen. Und die verändern sich schnell und passen sich so der rasanten Handlung an. (Bühnenbild: Dirk Hofacker)

Almaviva trägt als Tenor Smoking und Kummerbund, schlüpft nach der Gala aber schnell in ein kariertes Jacket und zieht die schwarzen Lackschuhe aus. Meist tragen die Sänger bunte Straßenkleidung. Nur die Vorzimmerdame des Zahnarztes trägt ein dunkelblaues Kostüm. (Kostüme: Raphaela Rose)

Statisterie, Grisha Martirosyan, Anton Rositskii, Charlotte Quadt, Nicole Wacker (unten), Foto: © Bettina Stöß

Matthew Wild führt seine Figuren exzellent. Der 1998 geborene armenische Bariton Grisha Martirosyan gibt ein in ein phänomenales Rollendebüt.

Als tätowierter Figaro mit den gegelten Haaren ist er sehr selbstsicher und drückt das in jeder Arie,in  jedem Rezitativ aus.

Tenor Anton Rositskii ist zurückhaltend als verliebter Startenor Almaviva und fordernd als Student Lindoro und überzeugt mit seiner schönen, überaus flexiblen Belcantostimme.

Enrico Marabelli, internationaler Bassbariton, spielt und singt den  Heiratskanditaten Dr. Bartolo voller Humor. Er gibt geradezu das Paradebeispiel eines alten weißen Mannes. Einmal karikiert er Dietrich Fischer-Dieskaus Liedgesang. Hinreißend.

Bass Pavel Kudinov ist der Intrigant Don Basilio. Seine Stimme passt sich den Gegebenheiten an, mal ist er verschlagen, dann wieder hochmütig.

Mezzosopranistin Charlotte Quadt ist eine sehr selbstbewusste Rosina. Sie singt zart und kann doch auch Klarheit ausstrahlen.

Das Ensemble, Foto: © Bettina Stöß

Überragend ist Sopranistin Nicole Wacker als Berta, die Vorzimmerdame des Zahnarztes. Ihre Rolle ist klein, meist geht sie niesend durch den Raum. Einmal teilt sie sich eine Nudelsuppe vom Nudelshop mit dem Mann vom Schlüsselladen. Dann aber läuft sie zu Höchstform auf, singt in höchsten Tönen und schneller werdend, sicher bleibend. Das hat ganz große Klasse.

Matteo Beltrami dirigiert das Bonner Beethovenorchster. Er ist Experte für Belcanto Opern, dirigiert ebenso schwungvoll wie präzise. Jessica Rucinski begleitet die Rezitative am Cembalo.

Vier Tänzer und Tänzerinnen tanzen auf der Straße. Das hat Anklänge an Hiphop. (Choreografie: Rudi Smid). Das klappt ganz gut zu Rossini Musik. Allerdings sind die Tanzszenen zu wenig eingebettet ins Gesamtgeschehen, laufen einfach nebenher. Sie sollen wohl das Städtische im Figaro betonen. So ganz gelingt das leider nicht. Mathew Wild hätte ruhig mutiger sein sollen und richtigen Hiphop auf die Bühne bringen sollen.

Das aber ist der einzige Wermutstropfen an einem außergewöhnlichen, sehr unterhaltsamen Opernabend.

 

Weitere Aufführungen:

22.2. und 27.2.2026 sowie weitere Termine von März bis Juni.

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