Das Kommunikationsmuseum thematisiert „Die Nazis waren ja nicht einfach weg“
Wichtiger Beitrag zur Reflektion und Demokratieförderung
Von Hans-Bernd Heier
Vor 80 Jahren, am Ende des Zweiten Weltkriegs, lag Europa in Trümmern. Das NS-Regime hatte Millionen von Menschen verfolgt und ermordet sowie große Teile des europäischen Kontinents verwüstet und ausgeraubt. Nach 1945 taten sich die Deutschen schwer mit ihrer national-sozialistischen Vergangenheit. Die meisten verdrängten ihre Verantwortung und schwiegen über das Geschehene. Erst allmählich wandelte sich der Umgang mit der Zeit des Nationalsozialismus, in Ost- und Westdeutschland auf unterschiedliche Weise. Diese brisante Thematik beleuchtet das Frankfurter Museum für Kommunikation in der Ausstellung „Die Nazis waren ja nicht einfach weg: Vom Umgang mit dem Nationalsozialismus in Deutschland seit 1945“.

Ausstellungsansicht; Foto: Museum für Kommunikation Frankfurt
Das Schulmuseum der Universität Erlangen-Nürnberg hat diesen Prozess thematisiert und stellt die Frage, wie wir uns zukünftig an die NS-Geschichte erinnern wollen. Die Ausstellung wurde zusammen mit Schülerinnen und Schülern aus ganz Deutschland entwickelt und richtet sich insbesondere an junge Menschen. Im Museum für Kommunikation wurde die Ausstellung in der Woche des Gedenktags zur Befreiung von Auschwitz, am 29. Januar 2026 eröffnet und ist bis zum 26. Juli 2026 zu sehen.
„Aus dem Nationalsozialismus zu lernen bedeutet, sowohl über die Diktatur und ihren Unterdrückungs- und Vernichtungsapparat zu sprechen, als auch über die Anfänge und Folgen. Um ein Verständnis für das heutige Erstarken von Rechtsextremismus und Autoritarismus zu erlangen, braucht es eine umfassende Auseinandersetzung mit der Geschichte“, sagt Museumsdirektorin Dr. Annabelle Hornung zur neuen Wechselausstellung. “Für uns ist es besonders wichtig, dass junge Menschen angesprochen werden, wir empfehlen die Ausstellung aber Menschen jeden Alters und begreifen sie als einen wichtigen Beitrag zur Demokratieförderung“.
Die eindrucksvolle Illustration des Grafikers David von Bassewitz zeigt Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, der 1963 die Eröffnung der Auswitz-Prozesse in Frankfurt bewirkte: ©David von Bassewitz; Foto: Hans-Bernd Heier
Schülerinnen und Schülern aus vier Bundesländern waren an der Entwicklung der Ausstellung beteiligt, auch Schüler der Frankfurter Max-Beckmann-Schule. Zur Zusammenarbeit sagt Dr. Mathias Rösch, Kurator der Ausstellung und Leiter des Schulmuseums Nürnberg der Friedrich-Alexander-Universität (FAU) Erlangen-Nürnberg: „Die Jugendlichen haben die allermeisten Exponate und Inhalte ausgewählt; auch die konkrete Gestaltung der Ausstellung ist durch ihre Vorstellungen maßgeblich inspiriert worden. Ganz zentral war dabei die Botschaft: Man muss das Thema näher an den Lebensalltag der Jugendlichen heranrücken, um ihr Interesse zu gewinnen. Wo immer möglich, erzählt die Ausstellung daher aus der Perspektive von zeitgenössischen Jugendlichen vor 80, vor 50 oder auch noch vor zehn Jahren. Die zweite und dritte Nachkriegsgeneration kommt zu Wort, ebenso die verschiedenen Opfergruppen. Und schließlich lassen wir die beteiligten Jugendlichen selbst zu Wort kommen: Der Einführungs-Film in der Ausstellung versammelt Statements von Schülerinnen und Schüler zweier Nürnberger Schulen, die sich fragen: Was bedeutet der NS für uns? Welche Folgen hatte er, hat er bis heute? Was wissen wir darüber?“
Die in acht Stationen gegliederte, sehr eindrückliche Ausstellung geht auch der Frage nach, wie der Umgang mit der NS-Vergangenheit nach 1945 die deutsche Gesellschaft in West und Ost geprägt hat. „Anhand ausgewählter Episoden und Einzelschicksale wird exemplarisch die vielschichtige und wandlungsreiche, durch erstaunliche Veränderungen, Innovationen, aber auch von Stillstand und revisionistischen Tendenzen geprägte Entwicklung sichtbar gemacht“, so Rösch. Der Blick gilt dabei der Situation in den Familien, aber auch in Politik, Wirtschaft, Militär, Kultur, Schulen und Medien. Thematisiert werden zudem der Rechtsextremismus und Antisemitismus nach 1945.

Spektakuläre Szene mit weltweiter Resonanz: Die politische Aktivistin Beate Klarsfeld ohrfeigte 1968 öffentlich den damaligen Bundeskanzler Kurt-Georg Kiesinger; ©David von Bassewitz; Foto: Hans-Bernd Heier
Zu den rund 120 Exponaten der Ausstellung, die größtenteils zum ersten Mal ausgestellt werden, zählen zahlreiche Objekte aus der Sammlung des Schulmuseums Nürnberg: Darunter beispielsweise Schulhefte aus den späten 1940er und 1950er Jahren, in denen Schülerinnen und Schüler ihre Sicht auf die Schuld am Zweiten Weltkrieg und die NS-Verbrechen darlegen und aus denen hervorgeht, wie tief nationalsozialistische Denkweisen in der Gesellschaft nachwirkten. Zahlreiche Leihgaben aus Privatbesitz sowie bisher unveröffentlichte Interviews und Erinnerungen etwa von ukrainischen oder italienischen Überlebenden der NS-Verfolgung runden das Ausstellungsspektrum ab.
Ein gelungenes Gestaltungselement der Ausstellung sind großflächige Illustrationen des Grafikers David von Bassewitz, die in sieben der acht Kapitel historische Ereignisse, zentrale Aussagen oder Erfahrungen visualisieren. Die Illustrationen sind auf Anregung der beteiligten Schüler entstanden.
Am Ende der eindrücklichen Ausstellung sind Besucher eingeladen, zu reflektieren: Was hat mich berührt? Was hat die NS-Vergangenheit mit unserer Gegenwart zu tun? Wie sollen wir künftig erinnern? Feedback-Wände bieten Gelegenheit, die eigenen Gedanken zu diesen Fragen zu hinterlassen. Die Ausstellung ist in deutscher und englischer Sprache gehalten; zudem werden zu jedem der acht Kapitel Informationen in einfacher Sprache angeboten.
Die Ausstellung wird ergänzt von einem umfangreichen Begleitprogramm. Bereits am 25. Februar 2026 berichten Initiativen zur Erinnerungsarbeit und Dr. Mathias Rösch im „Erzählcafé“. Anmeldung erforderlich:
https://eveeno.com/erzaehlcafe-erinnerungsarbeit
Weitere Informationen unter:

