Jens Harzers Bravourleistung: De Profundis
Oscar Wildes Schmerzensschrei des Berliner Ensembles als Gastspiel am Bochumer Schauspiel
Von Simone Hamm
Grelle Neonröhren, die die Augen blenden. Eine Stimme aus dem Dunklen. Und dann steht er da, im schwarzen Mantel in einem kleinen Kasten, dessen Grundfläche ein, vielleicht zwei Quadratmeter hat: Jens Harzer. Er rezitiert Oskar Wildes Brief aus dem Zuchthaus: „De Profundis – aus der Tiefe“, einen der berühmtesten Liebesbriefe der Weltliteratur. In seiner Einzelzelle rechnet er ab mit seinem ehemaligen Liebhaber, mit der verlogenen viktorianischen Gesellschaft.

Jens Harzer in „De Profundis“, Foto: Jörg Brüggemann / Ostkreuz
Oskar Wilde war auf dem Höhepunkt seines Schaffens. Seine Stücke „Der ideale Gatte“ und „Bunbury“ wurden auf Londoner Bühnen mit großem Erfolg gespielt. Im Juli 1890 erschien „Das Bildnis des Dorian Gray“.
Ein gutes halbes Jahr später hatte der Vater seines jungen Geliebten Alfred Douglas, Wilde einen „posierenden Sodomiten“ genannt. Angestachelt von seinem Freund, der einen unbändigen Hass auf seinen Vater hatte, verklagte Wilde diesen wegen übler Nachrede. So schreibt er in „De Profundis“.
Doch der Vater drehte den Spieß um, schaffte Zeugen herbei. Am Ende wurde nicht der Vater, sondern Oscar Wilde verurteilt, nicht, weil er homosexuell war, sondern weil er das offen und öffentlich lebte.
Zwei Jahre verbringt Wilde im Gefängnis, muss verharzte Schiffstaue auftrennen, darf anderthalb Jahre lang nicht schreiben. Dann der Brief. Zuerst larmoyante Anklage an den Geliebten, der zwar den Champagner und die eigens dazu aus Frankreich herangeholten Pasteten liebte, der sich aber nicht mehr um seinen berühmten Freund kümmerte, als der vom Sockel gestoßen wurde.

Jens Harzer in „De Profundis“, Foto: Jörg Brüggemann / Ostkreuz
Es sind wütende Vorwürfe gegen einen oberflächlichen Schmarotzer. Dazwischen Erinnerungen an Spaziergänge, Gelage, Freuden. Dann holt Wilde weiter aus, kritisiert die Doppelmoral der scheinheiligen Gesellschaft.
In dem kleinen Quader ist kein Raum für ausholende Gesten. Auf allerengstem Raum zeigt Jens Harzer fast zwei Stunden lang Verzweiflung, Scham, Einsamkeit. Und jede Minute ist spannend.

Jens Harzer in „De Profundis“, Foto: Jörg Brüggemann / Ostkreuz
Harzer krümmt sich in seinem Kasten, geht in die Knie, streift mit dem Handrücken die Wand, malt mit Kohle geometrische Zeichnungen darauf, Striche. Schwitzt, leidet, hat Tränen in den Augen, beißt in einen Apfel, die Hälfte fällt daneben, wird wütend, rammt seine Zähne in seinen Unterarm, bis er blutet. Schmiert sich schwarze Farbe in die Haare.
Er ist allein, einsam. Er hat so viele Schulden gemacht, um seinen Liebhaber mit Luxus zu betören, dass man ihm sein ganzes Hab und Gut, ja seine Sammlung von Büchern mit Originalwidmungen genommen hat. Seine Zukunft ist hoffnungslos.
Harzer spielt diesen gebrochenen Mann mit unglaublicher Intensität. Aus dem Herren im dunklen Mantel, der seinen Liebhaber anprangert, wird zuweilen ein Halbwahsinniger, der einen Vogel samt Federn verspeisen will.
Dann wieder besinnt er sich, wer er doch war, ruft seine einstige Größe auf, er habe das Denken der Menschen verändert. Zu welchem Preis.

Jens Harzer in „De Profundis“, Foto: Jörg Brüggemann / Ostkreuz
Bruno Ganz hat eine gute Wahl getroffen, als er Jens Harzer 2019 testamentarisch den Iffland-Ring vermachte, der seit 1911 verliehen wird – die höchste Auszeichnung für einen Schauspieler im deutschsprachigen Raum. Sie gilt lebenslang.
Oliver Reese hat „De Profundis“ inszeniert, Oskar Wilde auch in ein inneres Gefängnis gesteckt, das fast noch mehr schmerzt als die realen Gefängnismauern.
Mirko Bonné hat eine kluge Neuübersetzung geschaffen. Steffen Heinke hat das brutale Licht gesetzt. Hansjörg Hartung ist verantwortlich für die manchmal unheimliche, immer zurückhaltende Musik.
„De Profunds“ ist Jens Harzers Debüt als Mitglied des Berliner Ensembles. Besser kann sich kein Schauspieler einführen, wie jetzt auch in einem Gastspiel am Bochumer Schauspiel zu sehen war. In Berlin wird „De Profundis“ weiter aufgeführt. Wer die Gelegenheit hat: Unbedingt anschauen!
Weitere Aufführung von „De Profundis“ / Berliner Ensemble:
5.2. 2026, 6.2. 2026, 12.2.2026, 2.3.2026 und am 14.3.2026
