Die flämische Tanzcompagnie „Peeping Tom“ zeigt Chroniques“
Eine Einladung von tanz.köln am Kölner Schauspiel
Vom Fluch der Unsterblichkeit
Von Simone Hamm
Ein Tänzer in dunkler Hose mit nacktem Oberkörper steht auf einem Felsblock. Unter ihm erzittert die Erde. Zwei Tänzer ziehen einen Felsblock an dicken Tauen, darunter kommt ein anderer hervor. Sie sprechen in einer Sprache, die niemand versteht, weil es sie gar nicht gibt. Sie arbeiten in Erzminen, tragen metallene Hüte mit breiter Krempe, die an die Hüte asiatischer Bauern erinnern, die auf Feldern sähen und ernten…

CHORONIQUES – Peeping Tom, Foto: Virginia Rota
Das ist „Chroniques“ von der flämischen Gruppe Compangnie „Peeping Tom“, ein neues Projekt von Gabriela Carrizo, die zusammen mit Franck Chartier „Peeping Tom“ leitet.
Die Tänzer verwandeln sich, werden Maler, Alchemisten, die Tränke und Farbpigmente mischen. Männer in Soutanen kommen auf die Bühne, dann wiederum welche, die die Hüte wie ein Schild vor dem Körper tragen und kauern, an kleine Zwerge erinnernd. Ein Mann verliert seine Hand, die anderen spielen damit, als sei es ein Ball. Ein Astronaut im roten Anzug erscheint. Filigrane Roboter (von Lolo & Sosaku) verteilen Farbe auf dem Boden.
Chroniken vom Mittelalter bis in die Jetztzeit: düster ist das, dunkel und kalt. Der Tod ist allgegenwärtig. Doch er ist keine Erlösung. Ein Tänzer schießt auf einen anderen, der zappelt fällt. Im nächsten Augenblick steht er wieder auf. Ein anderer streckt seinen Arm aus und zeigt mit seiner Hand auf jemanden. Auch der fällt und steht wieder auf.

Szene aus Peeling Toms „Chroniques“, Foto: Camille Leprince
Die Menschen sind verdammt zur Unsterblichkeit. Vergeblich widersetzen sie sich. Das ist das Thema von Peeling Toms „Chroniques“. Sisyphosmythos und Splattermovies, Slapstick und kalte Moderne. Das Leben ist nicht endlich.
Zur Musik von Raphaëlle Latini, sanften Klangteppichen, Techno und Trommeln verwandeln sich die fünf Tänzer, Simon Bus, Seungwoo Park, Charlie Skuy, Boston Gallacher und Balder Hansen ununterbrochen. Ihre Bewegungen sind schnell, akrobatisch. Sie ziehen Kreise und Kurven auf der Bühne und schaffen so eine Assoziation zum Zirkus. Bram Geldhof ist der Lichtdesigner, der die Tänzer auf der düsteren Bühne (Amber Vandenhoeck) gekonnt ausleuchtet.
Die Tänzer gehen an ihre Grenzen. Anderthalb Stunden lang performen sie die düsteren Chroniken, virtuos, sehr physisch. Ein Tänzer im Schneidersitz verschränkt seinen Körper, eine Hand am Boden, den linken Fuss über linkem Oberarm, flitzt er über die Bühne wie ein Breakdancer.
Es gibt wenige ruhige Momonte, aber die haben es in sich. In einer schier unglaublichen Szene dreht ein Tänzer einen anderen in Zeitlupe auf seinen Knien.
Am Ende singt Ray Charles: „I can’t stop loving you“. Auch die Liebe ist unendlich. An diesem Abend, der ausnahmslos alle, die zusehen, in seinen Bann gezogen hat, wird sie nicht erhört.
