Museum Wiesbaden blickt auf fulminantes Jubiläumsjahr mit Swiftie-Hype und Jawlensky-Archiv
Besucherstarkes Jahr mit großer internationaler Aufmerksamkeit
Von Hans-Bernd Heier
Das 200-jährige Jubiläum mit einer großen Vielfalt an Sonderausstellungen und nicht zuletzt der Hype um Friedrich Heysers Gemälde „Ophelia“ lockten 2025 viele Besucherinnen und Besucher in das Museum Wiesbaden. Das Hessische Landesmuseum für Kunst und Natur, ein Zweispartenhaus, kann eine stolze Bilanz ziehen und feiert das abgelaufene Jahr mit 130.986 Besuchern als eines seiner stärksten Ausstellungsjahre. Das waren im Vergleich zu 2024 rund 20.000 Gäste mehr. „Ein besucherstarkes Jahr mit großer internationaler Aufmerksamkeit“ lautet das Fazit von Museumsdirektor Dr. Andreas Henning.

Besucherin vor Ophelias – Gemälde (Ausschnitt); Foto: Christoph Boeckheler
Zur weltweiten Berichterstattung hat auch das Musikvideo „The Fate of Ophelia“ von Taylor Swift beigetragen. Der Weltstar hat sich darin offensichtlich von dem Jugendstil-Gemälde „Ophelia“ von Friedrich Heyser inspirieren lassen. Das Gemälde kam 2019 durch die großzügige Jugendstil-Schenkung des Mäzens Ferdinand Wolfgang Nees ins Museum. Gleich in der Eingangssequenz schlüpft Swift in die Rolle der tragischen Figur der Ophelia aus Shakespeares Stück Hamlet und löst damit bei Swiftie-Fans weltweit einen Hype aus. Dies war gewissermaßen das „ungeplante Sahnehäubchen“ des ganz außergewöhnlichen Jubiläumsjahrs.
Viele Menschen, insbesondere Jugendliche, die laut eigener Auskunft zum Teil noch nie auf Eigeninitiative im Museum waren, wurden so auf das Gemälde und dessen Geschichte aufmerksam und besuchten das Haus. Die US-amerikanische Sängerin wurde so zur Kulturvermittlerin und hat Tausende von Swifties in das Wiesbadener Museum geführt, die nicht nur „Ophelia“, sondern auch die Kunst- und Natur-Sammlungen für sich entdeckten.
Der Hype hält auch im laufenden Jahr an. Das Museum bietet weiterhin originelle Swiftie-Touren mit Führungen und Suchspiel an und im Museumsshop sind T-Shirts, Poster und Beutel mit Ophelia-Motive erhältlich.

Ein Hingucker gleich im Foyer des Landesmuseums: Taylor Swift in ihrer Rolle als „Ophelia“; Foto: Hans-Bernd Heier
Im Jahresrückblick wies Museumsdirektor Henning speziell auf den Monat April hin, der sich mit rund 20.000 Gästen als besuchsstärkster Monat erwies. Täglich stand ein anderes Highlight-Objekt im Fokus. Eine Förderung des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur ermöglichte ein besonderes Jubiläumsgeschenk: Alle Besucherinnen und Besucher erhielten im Geburtstagsmonat April an den Wochenenden freien Eintritt. „Das Museum Wiesbaden wurde aus bürgerlichem Engagement heraus gegründet. Dank der Unterstützung durch Staatsminister Timon Gremmels konnten wir unseren Gästen 2025 etwas zurückgeben. Ohne die Bürgerinnen und Bürger Wiesbadens gäbe es unser Haus nicht, das wollten wir mit allen im Jubiläumsmonat feiern und der Eintrittspreis durfte dabei keine Hürde für einen Besuch darstellen. Es war eine echte Freude, mit unseren Kooperationspartnern wie Caligari Filmbühne, Fasanerie, Schlachthof, Schloss Freudenberg oder Hessisches Staatstheater Wiesbaden den Jubiläumsmonat zu bespielen und ganz besondere Gäste wie Barbara Klemm, Maria Furtwängler oder Hanns Zischler zu begrüßen. Unser Dank gilt darüber hinaus allen Förderern und Sponsoren, die dieses Jubiläumsjahr möglich gemacht haben.“
Auch die in Kooperation mit den Freunden des Museums Wiesbaden e.V. veranstalteten eintrittsfreien Samstage (jeweils am ersten Samstag im Monat) wurden von den Gästen positiv angenommen. Sie zählen zu den am stärksten frequentierten Öffnungstagen. Zudem haben Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren wie auch die Begleiter pädagogischer Gruppen freien Eintritt. „Mehr als 1.000 pädagogische Gruppen mit jungen Menschen haben das Museum Wiesbaden im Jubiläumsjahr besucht,“ erläuterte Henning. „Das ist ein neuer Rekord. Wir danken der Nassauischen Sparkasse für ihre großzügige Förderung als Bildungspartner im Jubiläumsjahr.“
Das Jawlensky-Archiv jetzt in Wiesbaden
Im Oktober letzten Jahres erhielt das Museum Wiesbaden ein weiteres bedeutendes Geburtstagsgeschenk: das Jawlensky-Archiv. Das reichbestückte Archiv zog mit 110 Kartons von Locarno/Muralto nach Wiesbaden. Über 40 Jahre lang hat Angelica Jawlensky Bianconi, die Enkelin Jawlenskys, Schriftstücke und geliebte Gegenstände ihres Großvaters bewahrt. Der Nachlass des russisch-deutschen Malers bietet hervorragende Einblicke in das bewegte Leben des berühmten Expressionisten.
In Wiesbaden wird der Nachlass jetzt als „Forschungsarchiv Alexej von Jawlensky“ unter der Leitung von Dr. Roman Zieglgänsberger, dem Kustos für Klassische Moderne, fortgeführt. Ab 2027 wird es in Teilen im Zuge einer großflächigen Neupräsentation der weltweit bedeutendsten Kollektion an Gemälden des Blaue-Reiter-Künstlers dauerhaft ausgestellt werden. Der Neuzugang des Jawlensky-Archives rundet das Jubiläumsjahr des Museums ab und fügt zusammen, was zusammengehört.

Der stets elegant gekleidete Jawlensky liebte Seidenfliegen; Foto um 1934, © Forschungsarchiv Alexej von Jawlensky im Museum Wiesbaden
Der für die europäische Kunstgeschichte außerordentlich wichtige expressionistische Maler Alexej von Jawlensky war 1941 in Wiesbaden gestorben, wo er 20 Jahre gelebt und gewirkt hatte. Sein Sohn Andreas Jawlensky pflegte ab 1955 – nach der Rückkehr aus einer zehn Jahre dauernden, traumatischen Kriegsgefangenschaft in Russland – das Werk seines Vaters und begann noch in Wiesbaden das Archiv aufzubauen.
Aufgrund des Einmarsches der sowjetischen Armee in Ungarn im November 1956 beschloss die Familie Jawlensky aus Angst, erneut in russische Gefangenschaft zu gelangen, nach Locarno in die neutrale Schweiz überzusiedeln. Nach dem Tod von Andreas Jawlensky im Jahr 1984 betreuten seine Frau Maria mit ihren beiden Töchtern Lucia und Angelica das Archiv. 1998 übernahm die Kunsthistorikerin Angelica Jawlensky Bianconi die alleinige Leitung des Archivs und richtete Anfang 2000 einen ehrenamtlich tätigen, wissenschaftlichen Beirat ein.
Bei der Ausstellungseröffnung „Alles! 100 Jahre Jawlensky in Wiesbaden“ im Jahr 2021 verkündete sie, dem Museum Wiesbaden das Archiv in den nächsten fünf Jahren schenken zu wollen. Zum Auftakt übergab sie damals dem Museum die Einbürgerungsurkunde Alexej von Jawlenskys, der aus Angst vor den Nationalsozialisten 1934 deutscher Staatsbürger geworden war. Im Oktober 2025 setzte sie ihre großzügige Ankündigung schließlich um.
Das Archiv umfasst eine Vielzahl an Korrespondenzen mit befreundeten Künstlerinnen und Künstlern von Kandinsky bis Kerkovius, die „Lebenserinnerungen“ sowie für die Provenienz-Forschung wertvolle historische Gemäldelisten, Werkaufnahmen und Adressbücher. Des Weiteren werden darin neben einer umfangreichen kunsthistorischen Bibliothek originale Fotografien, Urkunden, Möbel oder Gegenstände bzw. Memorabilia des Künstlers bewahrt – darunter aussagekräftige Reisepässe, die in vielen Gemälden Jawlenskys auftauchenden Vasen oder die bunten Seidenfliegen des stets elegant auftretenden Künstlers.
Zuletzt übergab Angelica Jawlensky Bianconi dem Museum Wiesbaden den gesamten Schmuck, den der Künstler seiner Frau Helene über die gemeinsamen Jahrzehnte geschenkt hatte. Darunter auch das von Jawlensky 1927 eigenhändig ausgeführte Medaillon „Abstrakter Kopf – Zärtlichkeit“.
Direktor Henning und Kustos Zieglgänsberger freuen sich, „dass zur weltweit bedeutendsten Jawlensky-Sammlung nun auch der schriftliche Nachlass sowie das über 70 Jahre angewachsene Archiv im Museum Wiesbaden hinzugekommen ist.“ Dafür sei Angelica Jawlensky Bianconi der größte Dank auszusprechen und damit sei das Museum endgültig das maßgebliche Forschungszentrum zur Kunst Jawlenskys.

Max Slevogt „Pfälzische Landschaft“, 1910, Museum Wiesbaden, Schenkung aus einer Wiesbadener Privatsammlung 2021; Foto: Museum Wiesbaden/ Bernd Fickert
Noch bis zum 15. März 2026 sind die beindruckende Schau „Louise Nevelson – Die Poesie des Suchens“ sowie bis zum 26. April 2026 die großartige Ausstellung „Feininger, Münter, Modersohn-Becker“ zu genießen; s. dazu die Berichte in FeuilletonFrankfurt.
