Das 63. Theatertreffen der Berliner Festspiele vom 1. bis 17. Mai 2026Â
Alle Jahre wieder – und diesmal zum 63. Mal – werden bemerkenswerte Inszenierungen aus dem deutschsprachigen Raum nach Berlin zum Theatertreffen eingeladen – Ausgewählt von einer 7-köpfigen Jury.
Von Walter H.Krämer
Vom 17. Januar bis 31. Dezember 2025 bereisten die sieben Jurymitglieder 98 Städte und sichteten insgesamt 739 Inszenierungen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Auf der Shortlist befanden sich am Ende 36 Inszenierungen, die final diskutiert wurden. Zehn davon sind jetzt zum Theatertreffen nach Berlin eingeladen.

Die Theatertreffen-Jury 2026: Alexandra Kedves, Martin Thomas Pesl, Sabine Leucht, Falk Schreiber, Vincent Koch, Sascha Westphal, Christine Wahl © Berliner Festspiele /Stefan Wieland
Für den Auswahlprozess galt weiterhin die im Jahr 2020 eingeführte Frauenquote von mindestens 50 Prozent in der Regieposition. Unter den Gesichteten waren laut Theatertreffen-Leiterin Nora Hertlein-Hull rund 45 Prozent der Inszenierungen von Regisseurinnen oder Kollektiven mit mindestens 50 Prozent Frauen.
Und wie immer gab es nach Bekanntgabe der ausgewählten Inszenierungen Beifall und natürlich Kritik. Einigen Zuschauer*innen und Kritiker*innen fehlt immer die ein oder andere Inszenierung. Sei es diesmal Jens Harzer mit seiner Soloperformance am Berliner Ensemble „De Profundis“ oder das Ibsen-Universum „Peer Gynt“ von Vegard Vinge und Ida Müller an der Volksbühne Berlin. Gerne hätte man auch „Imagine“ aus Köln vom neuen Intendanten Kay Voges in Berlin gesehen. Ganz zu schweigen auch von einer Arbeit aus Frankfurt am Main. Die wahrlich beste Umsetzung eines Brecht Stückes im Jahr 2025 „Arturo Ui“ in der Regie von Christian Weise.
Aber der Plattform nachtkritik.de war diese Inszenierung nicht einmal eine Besprechung wert. Und auch Milo Raus wirkungsstarke Marathon-Lesung „Der Prozess Pelicot“ (Wiener Festwochen) findet sich nicht einmal auf der Shortlist der diskutierten Arbeiten. Was beweist: Auch Kritiker*innen können irren und bemerkenswertes übersehen

Haus der Berliner Festspiele, Foto: Fabian Schellhorn
Trotz aller Kritik oder Versäumnisse bleibt das Theatertreffen eine wichtige Plattform für Bemerkenswertes auf deutschsprachigen Bühnen. Wer Lust hat möge sich rechtzeitig Karten für das Treffen in Berlin besorgen oder warten auf die Auswahl von 3sat. Der Sender zeichnet jedes Jahr mindestens drei der ausgewählten Inszenierungen auf. Die kann man dann bequem auf dem heimischen Sofa genießen. Da mangelt zwar das Live-Erlebnis Theater aber man spart Zeit und Kosten und kann den Termin frei wählen.
Freuen kann man sich auf alle Fälle auf herausragende Schauspieler*innen. Da ist einmal der schon mit dem Gertrud-Eysoldt-Ring und Faust Theaterpreis 2025 in der Kategorie Beste darstellerische Leistung im Schauspielausgezeichnete Thomas Schmauser als Hendrik Höfgen in Jette Steckels „Mephisto“– Aneignung (Münchner Kammerspiele), Julia Riedler in Leonie Böhms  „Fräulein Else“ (Volkstheater Wien), Paulina Alpen als Thomas-Melle-Wiedergängerin in Lucia Bihlers Adaption von Thomas Melles Romans „Welt im Rücken“ (Schauspiel Stuttgart) und Guido Lambrecht in Sebastian Hartmanns Romanadaption von Houellebecqs „Serotonin“ am Hans Otto Theater in Potsdam. Weiterhin Antoinette Ullrich in der Basler „Glasmenagerie“, in der Regie der Theatertreffen-Newcomerin Jaz Woodcock-Stewart oder Markus Scheumann, im Untergangsdrama „Il Gattopardo“, in der Regie von Pınar Karabulut.
Eingeladen sind folgende zehn Inszenierungen – Nennung ergänzt durch Textstellen aus den Begründungen der Jurymitglieder:
A Year without Summer
von Florentina Holzinger, Regie: Florentina Holzinger, Volksbühne am Rosa-Luxemburgplatz
Es ist Florentina Holzingers vierte Einladung innerhalb der letzten sechs Jahre. Diesmal mit einem ebenso wilden wie ungemein luziden Ritt durch die Optimierungsgeschichte des Homo Sapiens. Der Status Quo des Planeten und die Verfallsgeschichte des menschlichen Körpers werden zusammen gedacht und in Form eines gedanklich und visuell überbordenden Musicals auf die Bühne gebracht.
Die Glasmenagerie
von Tennessee Williams, Regie: Jaz Woodcock-Stewart, Theater Basel
Mit dieser Arbeit ist Jaz Woodcock-Stewart erstmals beim Theatertreffen vertreten. Gekonnt erzählt mit gegenwärtigen Bezügen. Zwischen nackten Betonwänden führt eine Treppe ins Nichts und eine Rampe in ein reduziertes Leben.
Die Welt im Rücken
von Thomas Melle, Regie: Lucia Bihler, Schauspiel Stuttgart
Lucia Bihler gelingt es mit dieser Inszenierung, den sowohl schmerz- als auch humorvollen Text von Thomas Melle über seine bipolare Störung sicht- und erfahrbar zu machen und nimmt das Publikum mit auf eine Achterbahnfahrt der Gefühle.
Fräulein Else
nach Arthur Schnitzler von Leonie Böhm und Julia Riedler, Regie: Leonie Böhm., Volkstheater Wien
Dieser Text aus dem Jahr 1924 landet durch die herausragende Leistung von Julia Riedler und ihrem Spiel mit dem Publikum treffsicher in der Gegenwart.
Hauptmann von Köpenick
von Carl Zuckmayer, Regie: Sebastian Hartmann, Staatstheater Cottbus
In der nachgebauten Fassade des Cottbusser Theaters spielt sich ein Marionettentheater deutscher Mentalitätsgeschichte ab, in dem das Stück von Carl Zuckmayer auf seine Gegenwartstauglichkeit abgeklopft wird und den Film von 1956 mit Heiz Rühmann vergessen lässt.
Die Doppeleinladung – es ist seine 5. und 6. Einladung zum Theatertreffen – des Theatermachers Sebastian Hartmann sticht aus der Auswahl der „bemerkenswertesten“ Stücke des Jahres 2025 heraus. Wer die zweite Hartmann-Einladung „Der Hauptmann von Köpenick“ aus dem Staatstheater Cottbus mit dem Potsdamer „Serotonin“ vergleicht, wird eine komplett andere Form von theatraler Entschlossenheit entdecken.
Il Gattopardo
von Giuseppe Tomasi di Lampedusa, Regie: Pınar Karabulut, Schauspielhaus Zürich
In dieser Inszenierung lässt Pinar Karabulat mittels Bühnen- und Kostümbild das  aristokratische Sizilien des Risorgimento wieder aufleben, bleibt dabei nah an Lampedusas Roman und nimmt so unsere krisengeschüttelte Wirklichkeit mit in den Blick.
Mephisto
nach Klaus Mann, Regie: Jette Steckel, Münchner Kammerspiele
Der Abend formt den Mephisto-Roman Klaus Manns mit wenigen Sätzen Fremdtext zu einer beklemmenden, aktuellen Studie über das Verhältnis von Kunst und Macht. Virtuos zeigt Thomas Schmauser die Wandlung seines Hendrik Höfgen vom Vorkämpfer eines ,Revolutionären Theaters‘ zum opportunistischen Nazi-Günstling
Serotonin
von Michel Houllebecq, Regie: Sebastian Hartmann, Hans Otto Theater Potsdam
Gut fünf Stunden verweilt der Schauspieler Guido Lambrecht in einem weißen Kasten, mit nur einer weißen Holzbank und einem einzelnen Scheinwerfer und breitet das verpfuschte Leben von Houellebecqs Ich-Erzähler Florent-Claude Labrouste vor einem nie gelangweilten Publikum aus.
Three Times Left is Right
von Julian Hetzel, Regie: Julian Hetzel, freie Produktion
Anhand eines prominenten Wiener Intellektuellen-Paares sucht die Inszenierung eine Verständigung über linke und rechte Polarisierung und versteht sich somit als eine dezidiert politische Veranstaltung.
Wallenstein
von Friedrich Schiller, Regie: Jan-Christoph Gockel, Münchner Kammerspiele
Die einzige der zehn ausgewählten Inszenierungen, die ich bereits selbst gesehen habe und aus guten Gründen ausgewählt. Jan-Christoph Gockel verwandelt Friedrich Schillers Kriegsdrama „Wallenstein“ in ein siebenstündiges Theaterfest mit allen Mitteln und für alle Sinne und verwebt es mit der Geschichte der russischen Gruppe Wagner. Das Ergebnis ist ein vielschichtiges Theaterspektakel, das den Klassiker erfolgreich in die Gegenwart überführt und verwandelt.
Möge das Theatertreffen, die Auswahl und die damit verbundenen Diskussionen und Gespräche Mut machen, uns gegen ruchlose Politiker*innen, greise Mullahs, Tech-Milliardäre und Schurken an der Regierung zur Wehr zu setzen und unsere demokratischen Werte und freiheitlichen Lebensformen zu verteidigen.
„Das Theatertreffen 2026 verbindet großes Schauspieler*innentheater mit den politischen Themen unserer Zeit. Von #MeToo über die Mechanik des Krieges bis hin zur Darstellung des Menschen als reines Gefolgstier: Die nominierten Inszenierungen muten uns einiges zu, im allerbesten Sinne. Texte, die man zu kennen glaubt, werden in großen ästhetischen Setzungen innovativ und überraschend interpretiert und lassen tief in menschliche Abgründe blicken.“
Nora Hertlein-Hull zur Auswahl der Jury 2026
 https://www.berlinerfestspiele.de/theatertreffen
Donnerstag, den, 2. April:Â Spielplanveröffentlichung
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