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FeuilletonFrankfurt

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PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Triumph der Ameise

Peter Ronnefelds fulminante Oper „Die Ameise“ an der Bonner Oper

Von Simone Hamm

Wer ist Peter Ronnefeld? fragt man sich. Dabei war Ronnefeld  doch Anfang der 60iger Jahre ein aufstrebender Musiker, dem eine glänzende Karriere vorausgesagt wurde. Er war in Star in der Dirigentenszene, Assistent von Herbert von Karajan, Chefdirigent in Bonn, 1963 mit nur 28 Jahren Generalmusikdirektor in Kiel, Cembalist im Concentus Musicus von Nicolas Harnoncourt. Engster Freund von Thomas Bernhard, der in seiner Kurzoper „Die Nachtausgabe“ eine Sprechrolle übernahm. Da war Ronnefeld 21 Jahre alt.

„Die Ameise“ Nicole Wacker, Dietrich Henschel, Foto:© Bettina Stöß

Peter Ronnefeld  starb 1965 im Alter von 30 Jahren an Krebs. Ein Jahr zuvor hatte er seine Oper „Die Ameise“ vollendet. Nach seinem Tod wurde 1961 „Die Ameise“ in Düsseldorf uraufgeführt. Es war ein Skandal. Musikalisch unerhört: moderne Musik, jazzige Bigbandmelodien, Kontrabass und Kastagnetten im Wechselspiel.

65 Jahre später scheint die Zeit reif für „Die Ameise“. Die Aufführung in Bonn wird umjubelt. Ein später Triumph.

Der alleinlebende, ältere Gesangslehrer Maestro Salvatore verliebt sich in seine 16-jährige Schülerin Formica. Eines Tages sieht sein Diener Salvatore vor der toten Formica knien. Salvatore schwört, dass er sie nicht umgebracht habe, sie sei vor ihm zusammengesunken, als sie sich von ihm verabschiedet habe. Er wird des Mordes angeklagt und verurteilt.

Roland Silbernagl, Dietrich Henschel, Ralf Rachbauer, Svenja Wasser, Chor des Theater Bonn, Foto:© Bettina Stöß

Im Gerichtsaal steht der großartige Bonner Opernchor vor den riesigen Zuschauerbänken (Bühne: Nicolaus Webern) und skandiert: „Wir besuchen regelmäßig Prozesse! Wir können uns ein Urteil erlauben! Die Sänger und Sängerinnen sind in knallbunte Kleider gehüllt. (Kostüme: Constanza Meza-Lopehandia). Obwohl ein Kollege bestätigt, dass Salvatore, anders als die allermeisten Gesangslehrer, seine Schülerinnen niemals angefasst hat, wird Salvatore verurteilt.

Ronnefeld wusste um die toxischen Beziehungen der mächtigen Lehrer und ihrer unerfahrenen, ehrgeizigen Schülerinnen. Dietrich Henschel verkörpert diesen etwas schrulligen Maestro, der seine Schülerin nicht gehen lassen will, und daran wahnsinnig wird, perfekt. Der Bariton ist stimmlich ausdrucksstark, gut verständlich, darstellerisch sehr eindrücklich, zeigt dessen Unsicherheit wie auch seine Obsession.

Susanne Blattert ist Formiculas Mutter, noch ehrgeiziger als die Tochter. Nicole Wacker ist die junge Schülerin, die ihren Lehrer mit ihrem bis in höchste Höhen sicheren Sopran verzückt. (Jeder Zuschauer kann  das verstehen.) Ralph Rachbauer ist der Diener des Lehrers, Mark Morouse sein Kollege.

Chor des Theater Bonn, Dietrich Henschel, Ján Rusko, Foto: © Bettina Stöß

Die Oper wird immer surrealer. Im Gefängnis fliegt Salvatore eine Ameisenkönigin zu (auf italienisch heißt Formica Ameise). Er versucht, ihr das Singen beizubringen. Die Assoziation zu Franz Kafkas Gregor Samsa, der als Käfer erwacht, ist gewollt.

Im Gefängnis sind seine Zellengenossen ein Fassadendieb und ein Taschenkletterer, die sich über ihn lustig machen. Sie spielen und singen hinreißend: Carl Rumstadt ist der Fassadendieb, und Tae Hwan Yun der Taschenkletterer, der auf Kochtöpfen trommelt.

Regisseurin Kateryna Sokolova will auch die Perspektive der Formica zeigen. Das ist sehr klug. In den Instrumentalzwischenstücken lässt sie die Gesangschülerin auftreten. Viermal wird gezeigt, wie sie zu Tode kommt: ermordet, im Liebeskampf, vor ihm niederfallend. Ronnefeld spricht kein Urteil Die Zuschauer sollen entscheiden.

Chor des Theater Bonn, Dietrich Henschel, Ján Rusko, Foto: © Bettina Stöß

Dirigent Daniel Johannes Mayr führt das Beethovenorchester mit Verve. Er beherrscht die verschiedenen Musikstile, die komplexen Rhythmen. Die Leistung des gesamten Ensembles ist einfach großartig. Am Ende wird der Gerichtssaal zum Variété. Fast die gleiche Musik wie am Anfang ist zu hören: „Wir besuchen regelmäßig Theater! Wir können uns ein Urteil erlauben.

Mein Urteil an diesem Abend lässt nur einen Wunsch offen: „Die Ameise“ gehört unbedingt ins Repertoire der Bonner Oper.

Weitere Aufführungen von „Die Ameise“ an der Oper Bonn                                                 

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