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FeuilletonFrankfurt

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PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Die Verfilmung des Romans „L’Etranger“ von Albert Camus kommt Anfang des Jahres in die Kinos

Nach Visconti nun François Ozons filmische Interpretation

Von Corinne Elsesser

„J’ai tué un Arabe“, sagt Meursault, als er in die Sammelzelle des Gefängnisses von Algier geworfen wird und konfrontiert damit, sachlich und kühl, auf den älteren – algerischen – Strafgefangenen, der ihn fragte, antwortet, warum er hier sei. Es sind die Schlüsselworte eines der großen Romane des Existentialismus.

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Albert  Camus’ 1942 erschienener Roman „L’Étranger“ („Der Fremde“) führt den Leser ins Algerien der französischen Kolonialzeit, in die Umgebung einer arabischen, archaisch wirkenden Lebenswelt, in welcher sich die Kolonialherren stets eleganter, kultivierter und mithin überlegener fühlten.

Algier ist eine geschäftige Großstadt, rastlos geht jeder seinen Tätigkeiten nach, in getrennten Welten. Bis diese zuweilen doch aufeinanderstoßen und Konflikte, Reibungen, Missverständnisse entstehen.

Der französische Regisseur François Ozon legt nun seine filmische Interpretation dieses berühmten Romans vor. In körnigem Schwarzweiss und stillen, sorgfältig inszenierten Einstellungen (Kamera: Manu Dacosse) bleibt Ozon sehr nahe an der Romanvorlage, anders als noch Luchino Visconti in seiner Verfilmung „Lo Straniero“ von 1967.

Von der Gefängniszelle aus wird die Geschichte dieses jungen Mannes in Rückblenden und Erinnerungen aufgefaltet und wie es dazu kam, den Mord zu begehen. Existentiell gesehen gab es dazu keinen Grund. Die Ausführung einer Anweisung Sintès’ vielleicht, dann abzudrücken, wenn das Gegenüber ein Messer zieht.

Aber die Tat Meursaults war, zeitversetzt ausgeführt, als er noch einmal zurück zum Ort des Aufeinandertreffens mit einer Gruppe Algerier ging, schon nicht mehr notwendig zwingend. Vielmehr ein aus der Zeit gehobenes Abwickeln von Handlungen, wie sie das Dasein Meursaults kennzeichnen.

Morgens steht er auf, wäscht sich, geht zur Arbeit, ist ein verlässlicher Kollege im Büro, geht wie andere zum Mittagessen ins Restaurant, trifft Marie, eine frühere Kollegin, geht mit ihr sonntags spazieren oder zum Schwimmen.

Ein Telegramm, das ihm den Tod seiner Mutter mitteilt, löst zwar eine Veränderung seiner Spur aus, doch keine bemerkenswerte. Er wickelt auch hier das von ihm Erwartete ab, den Antrag auf Beurlaubung, die lange Busreise zum Altersheim, in dem die Mutter ihre letzten Jahre verbrachte, die Totenwache an ihrem Sarg, die Beerdigung.

Die Figuren verkörpern überzeugend jene Zeit des Romans, nicht nur Benjamin Voisin in der Hauptrolle als Arthur Meursault oder Rebecca Marder als seine Freundin Marie Cardona, sondern insbesondere Pierre Lottin, der den zwielichtigen Nachbarn Raymond Sintès so eindrucksvoll gibt, als sei diese Rolle eigens für ihn geschrieben worden. War er es doch, der Meursault immer wieder in seine dubiosen Geschäfte hineinzog, bis hin zu jenem Nachmittag am Meer.

In einer Cameo-Rolle spielt Denis Lavant den Nachbarn Salamano. Alt, gebeugt und verhärmt tritt uns mit ihm ein Stück französischer Filmgeschichte entgegen, seine Hauptrollen in Leos Carax’ Filmen der frühen 1980er Jahre und zuletzt in Emily Atefs Film „3 Tage in Quiberon“, in dem er einen Fischer am Strand spielte.

Im Treppenhaus malträtiert er jetzt seinen Hund mit Schlägen und Tritten, bis dieser eines Tages verschwunden ist und für den Alten eine ganze Welt zusammenbricht. In der ihm eigenen Desinteressiertheit hört Meursault sich seine Geschichte an, bleibt jedoch ungerührt und geht zur Tagesordnung über.

Im Gerichtsprozess, der den zweiten Teil des Films einnimmt, scheitert der Verteidiger an eben dieser Gleichgültigkeit seines Mandanten und alle, die hier noch einmal als Zeugen vortreten, scheinen nichts oder nur sehr wenig über Meursault zu wissen. Das Urteil steht von Beginn an fest.

Ozons Absicht war nicht eine Neuinterpretation des Romans, vielmehr eine fein austarierte Nacherzählung mit filmischen Mitteln. Dies ist ihm überzeugend gelungen.

Info:

L’Ètranger (Der Fremde), Frankreich, 2025, Drama nach Romanvorlage

Regie und Drehbuch:
François Ozon

Besetzung:
Benjamin Voisin, Rebecca Marder, Pierre Lottin, Denis Lavant u a.

Dauer:
120 Min.

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