Bachs Weihnachtsoratorium in der Alten Oper mit den Augsburger Domsingknaben und dem B’Rock Orchestra
Bach lebt: Jauchzet, Frohlocket!
Von Petra Kammann
Eine Adventszeit ohne Bachs Weihnachtsoratorium ist frei nach Loriot möglich, aber sinnlos. Zu Bachs Zeiten wurde es ausschließlich in Kirchen oder Klöstern aufgeführt, vielfach auch heute. Aber mit einem gemischten Chor und Starsolisten hat es oft mehr Konzert- oder gar Operncharakter. In der Alten Oper konnte man im Rahmen der Frankfurter Bachkonzerte nun eine passionierte Aufführung der Kantaten I-IV des Bachschen Wunderwerks erleben – mit den jungen Stimmen der Augsburger Domsingknaben und dem Genter B’Rock Orchestra, das auf historischen Instrumenten spielte. Eine Erinnerung an die Praxis von damals und gleichzeitig eine Verjüngungskur heutiger Bachscher Aufführungspraxis…

Alle Jahre wieder: Weihnachtsoratorium in der Alten Oper Frankfurt, Foto. Petra Kammann
Der Saal ist bis zum letzten Platz besetzt und die Spannung groß, bis alle empfindlichen historischen Instrumente in dem urban-säkularen Raum mit der trockenen Heizungsluft gestimmt sind, und die glasklare Trompete (Antonia Kapelari) und der junge Knabenchor („mulier tacet in ecclesia „laut Paulus 1Kor 14,34 – „Das Weib schweige in der Kirche“?) mit dem freudigen „Jauchzet, frohlocket“ einsetzen.

Streicher und Holzbläser des B’Rock Orchestra, Foto: Petra Kammann
Ungewohnt klingt das zunächst und völlig anders als in den meist ungeheizten halligen Kirchen oder Klöstern, wo schon der leiseste Ton eine spezielle überirdische Raumwirkung entfaltet. Die Konzentration des Publikums im Großen Saal der Alten Oper jedenfalls ist enorm.

Trompetenglanz gleich zu Beginn, Foto: Petra Kammann
Die Sopran- und Alt-Solopartien wurden von einzelnen Knaben aus dem Chor gesungen, der Evangelist hingegen vom renommierten Tenor und Bachspezialisten Daniel Johannsen und der Bass von Lisandro Abadie, dem argentinischen Bassbariton, der auch an der Scuola Cantorum Basiliensis lehrt und intensiv über historische Aufführungspraxis forscht.

Bravourös die Konzertmeisterin Nadja Zwiener, findet auch der Dirigent, Foto: Petra Kammann
Der Evangelist Daniel Johannsen, der zunächst die Choräle mit dem Chor singt, scheint, wenn er aus dem Chor hervorgetreten ist, zunächst einmal mit geschlossenen Augen in die Musik hineinzuhorchen, bevor er voller Anteilnahme und Andacht als Evangelist anhebt, die Geschichte der Geburt Christi zu erzählen, die der Erscheinung der Engel bei den Hirten und deren Anbetung im Stall der Krippe. Überzeugend und freudig stimmt er in der 2. Kantate etwa die Tenor-Arie „Frohe Hirten, eilt, ach eilet,… eilt das holde Kind“ mit dem raffinierten Querflöten-Solo an.

Profisänger Lisandro Abbado (li) und Daniel Johannsen /re) mit Dirigent Steinemann (Mitte) , Foto: Petra Kammann
Insgesamt ausdrucksstark und voller Energie sind auch die einzelnen Instrumentalisten, allen voran die Bläser, die erste Geige, das Cello, die bisweilen innig die Geschichte umspielen. Ausdrucksstark und selbstbewusst tönt die Arie „Großer Herr und starker König“ des Bass Lisandro Abadie. Sehr schön auch das Duett zwischen Knabensopran und Bass „Herr, dein Mitleid, dein Erbarmen/ Tröstet uns und macht uns frei“ in der 3. Kantate.

Solisten aus den eigenen Reihen – die frischen unverbrauchten Stimmen der Domsingknaben, Foto: Petra Kammann
Zwischen jeder Kantate mussten erst einmal die Instrumente neu gestimmt werden, was eine Verzögerung, auch eine neue bedächtigere Wahrnehmung mit sich brachte.

Viel Applaus gab es von den belgischen Musikern auch für den Chor, Foto: Petra Kammann
Einfühlsam leitete der jüngste Domkapellmeister Deutschlands und Organist Stefan Steinemann (*1992), der die Musica Sacra pflegt und schon mit dem Kunstförderpreis der Stadt Augsburg ausgezeichnet wurde, sowohl die Augsburger Domsingknaben wie auch das die Aufführung begleitende B’Rock Orchestra, das sich 2005 in Gent aus dem Bedürfnis einer Verjüngung der Welt der Alten Musik heraus gegründet und sich mit ausgewählten internationalen Musiker auf die historische Aufführungspraxis spezialisiert hat.
Der Name des ungewöhnlichen Orchesters mag verwundern. Er spiegelt wohl aber die Absicht, dem Publikum einen frischen Ansatz für die Interpretation alter Musik zu bieten. Und doch ist man dankbar, dass es sie nicht ranschmeißerisch „rockt“, wie es neudeutsch heiußt, ihr dafür aber eine neue Strahlkraft verleiht.

Schlussapplaus für alle mit dem Dirigenten und Domkapellmeister Stefan Steinemann (rechts), Foto: Petra Kammann
Steinbachs Geschichte wiederum ist eng mit den Domsingknaben verwoben, da er selbst bereits seine musikalische Laufbahn im Alter von 5 Jahren bei den Augsburger Domsingknaben begonnen und schon dort seine prägenden Erfahrungen als Knabensolist gemacht hat. Außerdem genoss er dort auch seinen ersten Instrumentalunterricht in Klavier und Orgel.
Mit der 4. Kantate des Oratoriums spitzt sich die Dramatik am Epiphanias-Tag, dem 6. Januar, dann mit Pauken und Trompeten zu. Dann nämlich kommt die Geschichte des Kindesmords durch Herodes ins Spiel und alle Solisten erheben nochmals ihre Stimme: „Was will der Hölle Schrecken nun, Was will uns Welt und Schrecken tun, Da wir in Jesu Händen ruhn?“
Ohne Bach, der Musik, Kunst, Metaphysik und Religion verwebt, wäre das Leben ein Irrtum. Ohne nachwachsende Musiker allemal.
→ Bachs Weihnachtsoratorium in der Alten Oper mit dem Cäcilienchor
→ Thomas Hengelbrocks Weihnachtsoratorium in der Alten Oper Frankfurt
