Ausblick auf ’s Neue Jahr – Museum Wiesbaden trumpft auch 2026 mit vielseitigem Programm auf
Weltweit erste Ausstellung der Künstlerinnen des Blauen Reiters und das Faszinosum Gift
Von Hans-Bernd Heier
Das Museum Wiesbaden hat dieses Jahr sein 200. Jubiläum mit einem faszinierenden Ausstellungsprogramm zelebriert. Museumsdirektor Dr. Andreas Henning nannte zwar noch keine Zahlen, aber sein erstes knappes Fazit lautet: „Ein besucherstarkes Jahr mit großer internationaler Aufmerksamkeit“. Dazu dürfte auch das Musikvideo „The Fate of Ophelia“ von Taylor Swift beigetragen haben. Der Weltstar hat sich offensichtlich von dem Jugendstil-Gemälde „Ophelia“ von Friedrich Heyser inspirieren lassen. Das Gemälde kam 2019 durch die großzügige Jugendstil-Schenkung des Mäzens Ferdinand Wolfgang Nees ins Museum. In dem ersten Clip schlüpft Swift in die Rolle der tragischen Figur der Ophelia aus Shakespeares „Hamlet“ und löst damit bei Swiftie-Fans weltweit einen Hype aus. Dies war gewissermaßen das „ungeplante Sahnehäubchen“ eines ganz außergewöhnlichen Jubiläumsjahrs.

Ein Hingucker gleich im Foyer des Landesmuseums: Taylor Swift in ihrer Rolle als „Ophelia“; Foto: Hans-Bernd Heier
Auch die ersten vom Museum angebotenen originellen Führungen mit Suchspiel „The Swiftie Tour“ sind im Januar 2026 bereits ausgebucht.An das Rekordjahr möchte das Zweisparten-Museum auch in 2026 mit einem vielseitigen, abwechslungsreichen Programmangebot anknüpfen. Ein Highlight ist sicherlich die Sonderausstellung „Die Blauen Reiterinnen“ – eine Weltpremiere. Das gemeinsame Projekt mit der Städtischen Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München, dem Paula Modersohn-Becker Museum, Bremen und der Fondazione Werefkin, Ascona stellt bedeutende und vergessene Künstlerinnen der internationalen Avantgardebewegung „Der Blaue Reiter“ erstmals umfassend in einer Gruppenschau vor. „Eine Weltpremiere mit den Blauen Reiterinnen zu feiern, ist uns eine echte Freude. Wir sind zuversichtlich, dass die Stadt Wiesbaden im Herbst einen großen Andrang von Touristen erfährt, die eigens für die Schau von weit her anreisen!“, so Henning.

Maria Franck-Marc „Pfingstrosen“, 1909; Museum Wiesbaden; Foto: Museum Wiesbaden / Bernd Fickert
Wer auf die Liste der Wegbereiter der Moderne blickt, liest meist die Namen von männlichen Künstlern: wie August Macke, Ernst Ludwig Kirchner, Franz Marc, Wassily Kandinsky oder Alexej von Jawlensky. Nahezu völlig unerforscht blieb bis heute, welchen großen Anteil die Künstlerinnen im Umfeld des „Blauen Reiter“ an der Entwicklung der Moderne hatten, welche Strategien und Netzwerke sich diese zurechtlegten, um trotz des damals herrschenden, ihnen völlig widrigen Gesellschaftsgefüges ein Leben als selbstständige Künstlerin führen zu können. Erstmals beleuchtet eine Ausstellung den Einfluss bekannter und weniger bekannter Künstlerinnen auf die Kunst der Moderne, zumal diese im direkten Umfeld der Gruppe „Der Blaue Reiter“ agierten. Im Herbst 2026 gilt den „Blauen Reiterinnen“ das Rampenlicht: Erma Bossi, Sonia Delaunay-Terk, Emmi Dresler, Elisabeth Epstein, Elisabeth Erdmann-Macke, Natalia Gontscharowa, Else Lasker-Schüler, Maria Franck-Marc, Olga Meerson, Gabriele Münter, Carla Pohle und Marianne von Werefkin.

Das Gift des Roten Fingerhuts wird bei Herzinsuffizienz eingesetzt; Foto: Museum Wiesbaden / Dirk Uebele
Bereits ab März 2026 ergründet die Ausstellung mit dem schlichten, aber neugierig-machenden Titel „Gift“die Funktionen von Toxika – ein weiteres Highlight. Die Naturhistorischen Sammlungen verbinden mit dieser großangelegten Jahresausstellung Natur, Kultur und Wissenschaft auf vielfältige Weise. Gifte faszinieren: sie töten, heilen, warnen, schützen. In der Natur übernehmen Gifte unterschiedliche Funktionen: Sie dienen dem Schutz vor Fressfeinden, wie bei den Baumsteigerfröschen, oder ermöglichen den Beutefang, wie etwa bei der Kobra. Auch der menschliche Umgang mit dem Giftigen wird beleuchtet — von historischen und aktuellen Giftmorden über die Wirkung von Umweltgiften auf Mensch und Natur bis hin zur medizinischen Nutzung toxischer Substanzen. Paracelsus‘ Erkenntnis ist bis heute gültig: „Allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist“.
Eine weitere Ausstellung der Naturhistorischen Sammlungen „Brutpflege — Liebe ohne Worte“ widmet sich ab Juni mit vielen Beispielen dem Thema Elternliebe im Tierreich. Die Fähigkeit, Fürsorge zu zeigen und den Nachwuchs zu schützen, ist in vielen Tierarten tief verwurzelt. Solche Verhaltensweisen werden durch Nerven und Hormone gesteuert, ähnlich wie bei uns Menschen. Ob Insekt, Frosch, Vogel oder Fisch: Auch sie zeigen Bindungsverhalten.

Georg Lührig „Pelikan“, 1900/01, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Albertinum; Foto: Jürgen Karpinski
Die Sonderausstellungen der Kunstabteilung starten zu Beginn des Jahres mit politischen Plakaten. In Kooperation mit dem Hessischen Landtag zeigt „Unter Druck“ Plakate von 1918 bis 1933 aus der Sammlung Maximilian Karagöz. Die Wiederentdeckung des vergessenen Jugendstilkünstlers Georg Lührig ist Thema der Ausstellung „Ein Meister aus Dresden“.
Georg Lührig (1868—1957) zählt zu jenen Künstlern, die um die Jahrhundertwende Dresdens Kunstszene bestimmten, indem sie die Strömungen des Jugendstils und des Symbolismus in eine ihnen eigene geheimnisvolle und faszinierende Bildsprache fassten. Lührigs Gesamtwerk zeichnet sich durch große gestalterische wie inhaltliche Vielseitigkeit aus. Er experimentierte mit unterschiedlichen Arbeitsmaterialien und Techniken, darunter Kohle, Bleistift, Aquarellfarbe sowie Lithografie. Die Schau dokumentiert das Werk eines Künstlers, den es heute wieder zu entdecken gilt. Zu sehen sind kleine Studienblätter, großformatige Ölgemälde und monumentale Fresken, die im Rahmen von Auftragsarbeiten für öffentliche Gebäude entstanden, Stillleben, Landschaften und Tierdarstellungen sowie Porträtarbeiten.
2027 jährt sich zum 70. Mal die wegweisende Ausstellung „Lebendige Farbe — Couleur vivante“, zu der im Museum Wiesbaden das Who-is-who der neuen gestisch-abstrakten Malerei versammelt wurde. Zugleich war diese Schau ein Brückenschlag der jungen deutsch-französischen Freundschaft. Freundschaft ist auch das Stichwort der Präsentation. Die Beziehung des Künstlerpaars Schultze-Bluhm zum Museum Wiesbaden, vor allem aber auch zu Clemens Weiler, dem innovativen Direktor der Nachkriegszeit, wird im Zentrum einer Kabinettausstellung im Landesmuseum stehen. Die Ausstellung ist Teil einer Kooperation mit dem Museum Reinhard Ernst und dem Nassauischen Kunstverein.
Kunst- und natur-interessierte Besucherinnen und Besucher können sich auf ein exquisites Ausstellungsprogramm freuen.
Noch bis zum 15. März 2026 sind die beindruckende Schau „Louise Nevelson – Die Poesie des Suchens“ sowie bis zum 26. April 2026 die großartige Ausstellung “ Feininger, Münter, Modersohn-Becker“ zu sehen; s. dazu die Berichte in FeuilletonFrankfurt
