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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Albrecht Dürer: über eine opulente Werkschau neu erschlossen

Ein schwergewichtiger Prachtband als ultimatives Geschenk: für andere und sich selbst

Von Uwe Kammann

Erinnert sich noch jemand an eine provozierende Plakataktion von Klaus Staeck, die ein hyperrealistisches Altersporträt mit der Frage verbindet: „Würden Sie dieser Frau ein Zimmer vermieten?“  Diese Frau mit den abgehärmten, fast abgelebten Zügen, das war die Mutter des Malers Albrecht Dürer – eines seiner bekanntesten Werke, neben den schon sprichwörtlichen betenden Händen und dem schier lebendigen Hasen, Schmuck vieler deutscher Wohnzimmer.

Selbstporträt von Albrecht Dürer um 1500 bzw. 1509/1510, in: Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Alte Pinakothek /Taschen

Volkstümlich ist das allemal. Aber ebenso klar ist: Das ist nur ein Bruchteil dessen, was das Schaffen dieses Malers und Grafikers ausmacht, der allzu leichtfertig und falsch als deutschester aller Maler eingestuft, besser/schlechter noch, vereinnahmt wurde. Dabei braucht er hinter den größten Renaissancemalern Italiens oder auch den flämischen Meistern nicht zurückstehen. Dafür reicht schon ein erster Blick auf das Porträt einer florentinischen Frau, das durch Feinheit, Anmutung und malerischer Finesse gekennzeichnet ist, in einer Meisterschaft und einer Summe aller Ingredienzien, die nicht mehr zu steigern sind.

Ausschnitt aus dem Gemälde, „Bildnis einer Florentinerin“ um 1495, Kunsthistorisches Museum Wien

Dieses Bild findet sich – zunächst in einem Ausschnitt, dann natürlich auch integral – in einem gerade erschienenen großformatigen Band, der tatsächlich alle (knapp 80)  Gemälde Dürers vereint, dazu auch eine repräsentative Auswahl (über 500) der Zeichnungen und Druckgrafiken bietet. Und dies in einer Qualität, die ihresgleichen sucht, so brillant, so farbentreu, so gestochen scharf, dass die Abbildungen ganz nahe an die Originale herankommen.

Begleitet werden diese Reproduktionen im von Christof Metzger, Karl Schütz und Julia Zaunbauer (alle in der Zunft bestens renommiert) herausgegebenen Band durch eine Vielzahl von einordnenden Texten, welche erst ein vertiefendes Verständnis des umfangreichen Werkes ermöglichen und fördern. Jeder Kunstliebhaber hat ja in der Regel eine ganz eigene Auswahl vor Augen, wenn er an Dürer und die Zeit um die Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert denkt: also von den Tafelgemälden und Altären über die Kupferstiche und Holzschnitte bis zu den Handzeichnungen und Aquarellen. Da ist es mehr als hilfreich, die Werke auch über die Basisangaben genau einordnen zu können, also mit Titel, Datierung, Maßen, Technik und Standort.

Zeichner und Maler Dürer, Porträt der Elisabeth Tucher, geb. Pusch,1493, in der Wiener Albertina

Die umfangreichen Texte selbst zeichnen in gut abgegrenzten Kapiteln die Lebensstationen und die Werkphasen des Künstlers nach, beginnend mit den Anfängen in den letzten drei Jahrzehnten des 15. Jahrhunderts bis zum 1528 endenden Spätwerk. Natürlich sind auch die Sphären der Einflüsse nachgezeichnet, so bei den Reisen nach Italien und in die Niederlande, den für die Entwicklung end Entfaltung der europäischen Malerei so zentralen Ländern. Tatsächlich ergibt sich, ganz wie es postuliert wird, ein ‚organisches Ganzes‘, das Dürers Schaffen im malerischen und im zeichnerischen Bereich in den richtigen Proportionen darstellt und über Erläuterungen, Beschreibungen, Analyse und Einordnung im weitesten und besten Sinne erschließt.

Das schwergewichtige Buch von Taschen 

Alles in allem: wahrlich kein Taschenbuch, dieses Taschen-Buch; aber allemal – auch wenn für den Preis von 175 Euro wahrlich nicht geschenkt – ein Geschenkbuch von besonderem Rang ist. Also nicht nur ein Standardwerk für Bibliotheken und Vermittlungs-Institutionen, sondern ein Wunschobjekt für all’ jene, die es wert sind und es zu schätzen wissen, die ungeheure Spannbreite der in diesem Umfang sonst nie zugänglichen Fähigkeiten und Kostbarkeiten eines außerordentlichen Künstlers vom europäischem Rang wieder und wieder bewundern zu können. Das darf auch unbedingt die eigene Person sein.

Allerdings, man sollte eines gleich mitschenken oder sich selbst gönnen: nämlich ein stabiles Lesepult oder gleich einen kompletten Buchständer. Denn ein Band, der mit seinen 800 Seiten im XXL-Format von 30×40 Zentimetern annähernd acht Kilogramm wiegt, ist wahrlich nicht geeignet als Hand- oder gar Bettlektüre; auch die Bezeichnung coffee-table-book ginge ganz fehl.

Feinste Zeichnung – Kopf des lautenspielenden Engels, 1506, Wien Albertina

Vielmehr handelt es sich um ein Lebens-, Liebes- und Studienbuch, sorgfältig zu behandeln und in Muße immer wieder zu betrachten, dazu in aller Aufmerksamkeit in den Textpassagen begleitend zu lesen, um das ungeheure Werk einordnen und verstehen zu können, Um am Schluss immer wieder und immer besser begreifen zu können, warum das erste Logo der Kunstgeschichte – das vom kräftigen A eingerahmte kleinere D – auch wirklich etwas ganz Neues darstellte und etwas Einzigartiges kennzeichnete.

In der Summe: ein Buch zum Staunen, aber nicht zum kindlichen, sondern zum sehr erwachsenen. Kein Wunder, dass die 3sat-Sendung „Kulturzeit“ den Band jüngst als Kulturtipp vorstelle, mit langsamen Kamerafahrten auf ausgewählten Seiten, die auch die Ausschnitte noch einmal vergrößerten und damit eindringlich deutlich machten, mit welchem Malwunder wir es hier zu tun haben.

Wer je auch nur den entferntesten Kitschverdacht gehegt hat bei der Weihnachtsgeschichte mit einem heilbringenden Kindlein in der Krippe, der sollte unbedingt das Bild von „Christus als Schmerzensmann“ (entstanden um 1493) ansehen. So modern wirkt es, in seiner Darstellung eines zweifelnden, vielleicht im tiefsten Grund auch an der Welt verzweifelten Jünglings, wobei sich gleich ein Vergleich mit Dürers berühmten Selbstbildnis aufdrängt, das ihn im Alter von 18 Jahren zeigt, durchaus einer Christusdarstellung ähnlich, wie sie oft ikonisch zu sehen war.

Detail aus den beiden Tafeln „Adam und Eva“, 1507, Museo Nacional del Prado, Madrid

Von phantastischer Fleischlichkeit wiederum zeugen seine Federdarstellungen, wie sie im großen Kapitel „Der Mensch“ versammelt sind. Mehr Präsenz ist nicht möglich, auch Michelangelo hat diese Kunst bei der vielperspektivischen Darstellung des menschlichen Körpers und der weltlichen Sinnlichkeit nicht übertroffen. Die Fülle an Studienblättern wiederum, die im Detail zu studieren sind, zeigt, wie umfassend und durchdringend Dürers Blick auf die Welt war.

Mithin: Wer selbst seine Sicht auf die Welt, auf die Menschen, auf das darin sich spiegelnde Universum vertiefen will, sollte jeden Tag ein, zwei Stunden mit diesen Wunderwerken aus der Werkstatt  ADs verbringen. Er wird reich, ja im Übermaß beschenkt werden.

Albrecht Dürer. Sämtliche Gemälde

Ausgewählte Zeichnungen und Druckgrafiken

von Christof Metzger, Julia Zaunbauer, Karl Schütz

Hardcover mit Ausklappseiten,798 Seiten € 175, ISBN 97836386

Alle Abbildungen sind den Doppelseiten des Buches aus dem Taschen Verlag entnommen

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