Tempel, Tee und Traumlandschaften
Reiche Kultur – Pure Natur in Sri Lanka, Teil I
Text und Fotos: Paulina Heiligenthal
Strahlende, ehrenwerte Insel, so lautet die Übersetzung des Namens Sri Lanka in der Landessprache. Sei gegrüßt. Oder fühle Dich mit einem „Ayubowan“ erfreut. Dem schönen, traditionellen Gruß, den man zu jeder Tages- und Nachtzeit aussprechen kann. Mit gefalteten Händen auf Brusthöhe und einer leichten Verbeugung wünscht man „ein langes und gesundes Leben“. In Respekt und Würde. Der Gruß zaubert ein Lächeln hervor und wird nur allzu gern erwidert.

An den Ufern des Cinnamonparkes zum Beira-See thront eine große bronzene Buddha-Statue in Meditationshaltung
Beim Anflug auf den Inselstaat versprechen die ersten Blicke auf die leuchtend grüne Landschaft eine faszinierende Vielfalt der tropischen Natur. Es grünt so grün. Eine wahre Augenweide. Wedelnde Palmen. Grüne Reisfelder. Breitkronige Laubbäume. Ab und an schimmert ein rotes Dach durch die satte, grüne Weite.
Wie ein Juwel, eine Perle in Tropfenform, mit Umrissen einer eigenen Poesie, liegt die Insel Sri Lanka im drittgrößten Ozean der Welt, im Indischen Ozean. Östlich der Südspitze des indischen Subkontinents. Dessen kürzeste Entfernung zwischen Munasal/Sri Lanka und Kodiyakkarai/ Indien knapp 55 km beträgt.

Das satte Grün der fruchtbaren Landschaft ist eine Wohltat fürs Auge
Trotz tiefer geografischer und kultureller Nähe war das ehemalige Ceylon – ab Gründung einer Republik 1972 Sri Lanka – nie eine indische Kolonie. Vielmehr wurde die Gewürzinsel von Europäern entdeckt. Drei an der Zahl. Als Erster landete der portugiesische Seefahrer Lourenço Almeida nach einer Irrfahrt 1506 in der alten Hafenstadt. Er nannte sie Kolamba, auf Singhalesisch Hafen. Das später anglisierte Colombo.

Der Eisbus in Kiwigrün und Pink hat gerade seine Türen geöffnet
Die historische Präsenz der Portugiesen in weiten Teilen des Staates währte von 1517 bis 1658. Sie nannten die Insel „Ceilão, eine Abwandlung des einheimischen „Sailan“. Dort etablierten sie Handelsstützpunkte zur Kontrolle des lukrativen Gewürzhandels: Zimt und Pfeffer. Der Beginn der ersten Kolonisierung. Da der gewinnbringende Gewürzhandel Begehrlichkeiten weckte, war die Vorherrschaft von der Konkurrenz und den Konflikten mit Niederländern geprägt, die 1656 das portugiesische Fort eroberten. Sie traten ca. 155 Jahre lang das Erbe der Südeuropäer an, bauten eine Kolonialverwaltung auf, die stark von Handelsposten und Festungen in den Küstengebieten geprägt war.

Am späten Nachmittag zieht es viele Jugendliche an den Strand
Durch die Napoleonischen Kriege und die Besetzung der Niederlande durch Napoleon, der die mächtige VOC – Vereinte Ostindien Kompagnie – (Handelsmonopol für Asien und Erste Aktiengesellschaft der Welt aus1602) zerschlug, flohen die niederländischen Kolonialkräfte. Die VOC wurde zahlungsunfähig. Ein günstiger Moment für die Briten. Sie machten Ceylon 1802 zur britischen Kronkolonie. Zunächst teilweise. Nach Eroberung des unabhängigen Königsreichs Kandy 1815 beherrschte die britische Kolonialmacht das gesamte Territorium Ceylons bis 1948.

Alltag im hinduistischenTempelbereich
In der dynamischen Metropole Colombo, der wirtschaftlichen Hauptstadt des Inselstaates, umhüllt mich eine wohlige Wärme mit einer gehörigen Portion Luftfeuchtigkeit. Und ein wuseliger Linksverkehr empfängt mich mit reger Betriebsamkeit der vielen Tuk Tuks und Motorroller, die sich überall behende durchzuschlängeln scheinen. Chaotisch anmutend. Authentisch chaotisch natürlich. Ohne wirklich zu stocken.
Seit 1982 liegt 8 Km südöstlich des Zentrums der quirligen Großstadt entfernt die offizielle, gesetzgebende Hauptstadt mit Sitz des Parlaments Sri Jayewardenepura Kotte, kurz Kotte genannt. In einem ruhigen Vorort, auf einer künstlich angelegten Insel im Divawanna, am Oya-See.

Auch das koloniale Erbe prägt die Architektur der Stadt
Das Aufeinandertreffen der facettenreichen Architektur verschiedener Epochen in der Großstadt ergibt einen erstaunlichen Stil-Mix, der überrascht und verblüfft. Charakteristisch und charmant. Einerseits tragen viele ältere Wohnungen Spuren hoher Luftfeuchtigkeit an ihren Wetterwänden, andererseits prunken erhabene Gebäude der Vergangenheit mit Kolonialflair in Parkanlagen, begeistern religiöse Kultstätten mit Farbenpracht und ausdruckstarker Ornamentik und überzeugen modernste Wolkenkratzer mit Design der Extravaganz.
Seit dem 5. Jahrhundert ist Colombo als Hafenstadt bekannt und diente u. a. römischen, chinesischen und arabischen Händlern als Umschlagplatz. Muslimische Händler siedelten sich bereit seit dem 8. Jahrhundert im geschützten Hafengebiet an. Noch heute ist das riesige, lebhafte Marktviertel, der Basar von Pettah – Pettai nannten die Tamilen ihre Siedlung – ein faszinierender Ort, der hauptsächlich von Nachfahren arabischer Händler (Moors) bewohnt wird.

Blick auf eines der ältesten Gebäuden der Stadt- das über 300 Jahre alte niederländische Hospital- jetzt verwöhnen Gastronomie-Betriebe hier ihre Gäste
Hier wird reger Handel betrieben. Hier ist Feilschen angeraten. Hier erlebt man eine geschäftige Atmosphäre, ein Hafenflair und die Magie der Geheimnisse im Labyrinth der umliegenden Gässchen. Hier spiegelt sich die kulturelle, religiöse und ethnische Vielfalt der Stadt wider, die friedlich zusammenlebt. Alles kann man hier erstehen: Koffer, Kleider, Elektro-Geräte. Sogar glitzernde Weihnachtsgirlanden an den Straßenrändern.

Die Rote Moschee im charakteristischen Mix-Baustil ist eines der berühmten Symbole der Großstadt Colombo
Inmitten dieses pulsierenden Viertels, zwischen Geschäftshäusern Tür an Tür, mit bunt schreienden Werbeplakaten hat sich die älteste Moschee von Colombo, die Jami Ul-Alfar-Moschee aus 1909 – auch Rote Moschee genannt– ihren Platz erobert. Trubel trifft Spiritualität. Emblematisch und atypisch erbaut, ist dieser rot-weiße Backsteinbau eine architektonische Meisterleistung. Ein Farbenspiel in rot und weiß. Schachbrettartig. Auffällig. Einzigartig.
Die Stilmischung enthält indo-sarazenische, islamische und neoklassizistische Elemente. Kurzum: Tausend und eine Nacht. Die markante Fassade in geometrischen Mustern, mit schlanken Säulen und majestätischen Zwiebelkuppeln bot den Fischern, Seeleuten und Händlern in der Vergangenheit, da aus der Ferne sichtbar, eine Navigationshilfe, einen Orientierungspunkt. Ein beeindruckendes Wahrzeichen Colombos. Ausdruck von Glauben, Identität und Gemeinschaft.

Die älteste hinduistische Tempelanlage wurde von einer Gruppe Chetti-Händler finanziert
Eine der bedeutendsten Tempelanlagen in Colombo ist das hinduistische Heiligtum mit dem schwierigen Namen Kailasanathar Swami Devasthanum. In niederländischer Kolonialzeit schlicht „Captain Gardens Temple“ genannt. Chetti-Händler der Chetti-Kaste Südindiens, die aus geschäftlichen Gründen nach Sri Lanka gezogen waren, verehrten einen kleinen Shiva Lingam, den sie unter einem Baum aufbewahrten. Ein phallusähnliches Symbol für die Gottheit Shiva, das die kosmische Energie, die Schöpferkraft und die Einheit repräsentiert. Ihm sollte ein besonderer Platz, ein Heiligtum zur Verehrung, geweiht sein.
Da die Chetti-Händler zu den reichsten Händlern gehörten, gab es keinerlei finanzielle Einschränkungen. Im Jahr 1783 wurde der Grundstein zum Bau eines Tempels auf das Grundstück des wohlhabenden Sri Veerapathran gelegt. Erfahrene Architekten und Bildhauer aus Indien schafften ein ikonisches Bauwerk im klassischen Hindu-Tempel-Stil, der in Sri Lanka eher selten anzutreffen ist. Opulent verziert mit Skulpturen zahlreicher hinduistischer Gottheiten sowie mythologischen Szenerien, meisterhaft und detailliert in massivem Stein dargestellt, schmücken sie die gesamte Fassade des Tempels. Üppige Lotusblumenpracht verschönert den farbenfrohen Haupteingang. Eine Reihe von Schreinen kleinerer Gottheiten umgeben den Haupttempel. Zu Ehren des Hauptgottes Shiva und des elefantenköpfigen Gottes Ganeesha. Dieser älteste und beliebteste Tempel in Colombo zählt Zehntausende Gläubige.

Hinter der buddhistischen Tempelanlage ragt eine eindrucksvolle Architektur von Mosche Safdie hoch in den Himmel hinaus
Der ursprünglich als Old Colombo Lighthouse erbaute Leuchtturm mit Glockenturm aus 1857, wurde von Emily Elizabeth Ward, der Ehefrau des Gouverneur Sir Henry George Ward entworfen. Lange Zeit galt er mit 29 Metern Höhe als höchstes Bauwerk von Colombo. Nachdem sein Licht durch umliegende Gebäude verdeckt wurde, musste er als Leuchtturm deaktiviert werden. Als Glockenturm mit dem Uhrmechanismus des renommierten englischen Uhrmachers Dent, der sich auch für den „Big Ben“ im Westminster Palace verantwortlich zeichnete, wurde er 1857 offiziell in Betrieb genommen.

Der prestigiöse Lotus Tower – fertiggestellt im Jahr 2019 – ragt 350 Meter in die Höhe und ist das höchste Gebäude des Landes und das neue Wahrzeichen Colombos
Das historische Wahrzeichen in der Nähe des Colombo-Forts zeigt noch immer die Uhrzeit an, während die Glocken schlagen. Das neue Wahrzeichen der Stadt ist der Lotus-Turm. Ein Symbol der Modernisierung in Form einer geschlossenen Lotusblüte. Die Höhe beträgt sage und schreibe 350 Meter. Er wurde nach einer Bauzeit von 7 Jahren 2019 als Fernsehturm fertiggestellt. Die touristischen Attraktionen, wie Museum, Ausstellungshallen und Gastronomiebereiche sind seit September 2022 der Öffentlichkeit zugängig. Die Baukosten des Prestige-Objektes wurden auf 113 Millionen US-Dollar geschätzt. Sie erforderten eine hohe Auslandsverschuldung, die im April 2022 zu einer Finanzkrise unter der damaligen Regierung führte.
Ob es immer noch Zimtgärten in Colombo gibt? Dem Namen Cinnamon-Gardens nach schon. Zumindest gab es sie in früheren Zeiten. Heute befinden sich in den vornehmen, weitläufigen Anlagen zahlreiche Denkmäler, wie das Nationaldenkmal von Sri Lanka: die Independence Memorial Hall von 1948. Eine kulturelle und historische Begegnungsstätte zur Ehre der Unabhängigkeit Sri Lankas von der britischen Herrschaft 1948. Ein Symbol der Freiheit und der Demokratie. Das Monument wurde an der Stelle errichtet, wo die formale Zeremonie zum Auftakt der Eigenregierung stattfand.

Die Gedenkhalle der Unabhängigkeit Sri Lanka wurde 1948 errichtet – Symbol für Freiheit und für das Erbe des Landes
Seine überwältigende Architektur im traditionellen Stil wurde von der alten Audienzhalle in der ehemaligen Königsstadt Kandy inspiriert. Elegante Galerien mit Steinsäulen von großartiger Steinmetzarbeit sowie majestätische Löwenskulpturen präsentieren das Erbe der Insel. Im Eingangsbereich des Monuments verneigen sich die Besucher vor der Statue des „Vaters der Nation“, des ersten Premierminister des Landes: Don Stephen Senanavake, 1948 – 1952.

Im strahlend weißen neoklassizistischen Rathaus – ein imposantes Gebäude aus 1870 – arbeitet seit Mai 2025 die 40-jährige Bürgermeisterin Balthazaar
Das „Weiße Haus“, Rathaus oder „Colombo Town Hall“ der Stadt, steht auch in den Zimtgärten. Es wurde 1946 im neoklassizistischen Stil errichtet, in Anlehnung an das Capitol von Washington D.C. Hier arbeitet die Stadtverwaltung unter der 40-jährigen frisch gewählten Bürgermeisterin Vraîe Cally Balthazaar. Sie ist der zweite weibliche Bürgermeister der Stadt. Wie hoffnungsvoll.
Angrenzend an dieser Parkanlage, im Herzen der Stadt, liegt der Beira See. Eine wahre Oase der Entspannung, Schönheit und friedvollen Atmosphäre inmitten der geschäftigen Großstadt. Das grünbepflanzte Ufer ist eine Brutstätte für den weißen Asienmittelreiher, der hier zahlreich anzutreffen ist. Auf dem See schwimmt der buddhistische Seema-Malaka– Tempel, ein Meditationszentrum, Teil des ältesten Gangaram-Klosterkomplexes, fertiggestellt im späten 19. Jahrhundert.

Kolonialstil trifft auf Wolkenkratzer unweit des Ozeanbereiches von Colombo
Der markante Blickfang im Hintergrund ist der Altair-Turm mit zwei unterschiedlich geneigten Türmen von jeweils 68 senkrechten Stockwerken und 63 geneigten Stockwerken. Eine schräge, aber brillante Architektur. Entworfen vom berühmten israelisch-kanadischen Architekt Moshe Safdie, der u. a. das Holocaust Museum Yad Vashem in Jerusalem designte. Es ist das weltweit höchste geneigte Gebäude mit respektive 240 m und 209 m Höhe. Eine Skybridge verbindet beide Türme und bietet luxuriöse Wohnungen mit atemberaubenden Panoramablicken auf die Stadt und auf den Indischen Ozean. Der Name Altair entstammt der arabischen Sprache und ist eine Kurzform von an-Nasr aṭ-Ta’ir, was soviel wie fliegender Adler bedeutet.
Ein lustiges Treiben für Jung und Alt herrscht auf der beliebten Flaniermeile „Galle Face Green“, einer ehemaligen Pferderennbahn zu britischen Kolonialzeiten. Jetzt eine befestigte Uferpromenade von insgesamt 500 Metern Länge. Sie verläuft parallel zum goldenen Strand bis hin zum Hafengebiet. Bunte Luftballons und Drachenflieger steigen schwingend in die Lüfte. Essensbüdchen bieten ihre Snacks an. Man kann ein Eis aus dem Bus in kiwigrünen und Pink-Tönen genießen. Und authentische Begegnungen mit den aufgeschlossenen Einheimischen genießen. Oder verliebt ein wenig flirten.

Kostbare handbestickte Seidenstoffe im atmosphärischen Pettah-Viertel
Vielleicht einfach aber auch nur flanieren, parlieren, fotografieren. Während sanft der Ozean plätschert, und kichernde Mädchen vergnügt ihre Füße vorsichtig am schmalen Strandstreifen vom Wasser umspülen lassen. Und das immer in ihre Ausgeh-Saris gehüllt. Welch ein malerisches Bild! Voller Schönheit und Fröhlichkeit, die eine Leichtigkeit des Seins verströmt. Wer es luxuriöser mag, besucht direkt am Strand das ehrenwerte und berühmte Galle Face Hotel aus dem Jahr 1864 im herrlichen Licht der untergehenden Sonne. Eines der ältesten Hotels in Asien. Eine reizvolle Sehenswürdigkeit. Eine „Grande Dame“, die das koloniales Flair mit modernem Luxus und Wellness zu verknüpfen weiß. Und dazu in ihrer Palmengartenanlage ein Schwimmbad mit Meereswasser besitzt.

Das berühmte Galle Face Hotel in Colombo wurde 1864 gegründet und gilt als Grande Dame der Hotels in Asien
Mit einem Sundowner vor der Großstadt-Kulisse auf der Rooftop-Terrasse des hübschen Altstadt-Hotels genieße ich den anregenden ersten Eindruck Sri Lankas in Colombo, dem ein Zauber inne wohnt…
