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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Besonders gestaltete Bücher: Willy Puchners Ansichten der Natur – Luftiges, Meeriges und Irdisches Teil 1

Aller Natur wohnt ein Zauber inne…

Eindrücke von Petra Kammann

Vier Jahre lang hatte es Anfang der 1990er-Jahre den Wiener Fotografen Willy Puchner mit seinen beiden Polyester-Pinguinen Joe und Sally in die weite Welt gezogen, um neue Blickweisen auf die unterschiedlichsten Kontinente zu vermitteln. Das Pinguinpaar wurde seither für den Fotografen und Künstler Buchen er zur Projektionsfläche seiner Reiseträume, auch seiner nicht enden wollenden Sehnsucht nach einer fremden Geborgenheit. Inzwischen überträgt er diese auf andere Objekte wie auf die verborgenen Schätze der Natur.

Doppelseite aus Willy Puchners Buch „Ansichten der Natur“ 

Von seinem Bauernhaus im Südburgenland aus unternimmt er nun seine „Reisen“ in den Garten und die nähere Umgebung: „Uns allen erscheint Natur als etwas Selbstverständliches: ein Waldspaziergang, eine Blume, das Streicheln einer Katze, der Blick aufs Meer. Wie vieles in meinem Leben ist auch diese Arbeit von starker Sehnsucht geprägt, von dem Wunsch nach Erkenntnis, Ruhe und Ausgeglichenheit“, schreibt er im Vorwort des von ihm so poetisch illustrierten Buchs „Ansichten der Natur“.

Natürlich schürt Puchner diese Sehnsucht schon, wenn man nur das Bilderbuch mit dem großen, leicht schillernden Ginkgo-Blatt auf dem Cover in die Hand nimmt. Wer würde da nicht an die vielzitierte  Zeile „Dass ich ein und doppelt bin“ aus dem Ginkgo Biloba-Gedicht des Dichters aus Frankfurt denken? Bei Puchner heißt es dann aber weiter: „Ein Ginkgoblatt kann ein Baum sein, ein Fisch, ein Vogel, ein Käfer – je nachdem, wie man es betrachtet. Diese Verwandlung passiert oft im Kopf, im Spiel zwischen Fantasie und Beobachtung“. Er ließ daher wohl auch aus den Blättern des Goethebaums kleine Fische entschlüpfen.

Doppelseite zu Alexander von Humboldt aus Willy Puchners Buch „Ansichten der Natur“ 

Klappt man das Buch auf, so zieht es einen schon gleich mit dem Zugvogel auf dem himmelblauen Vorsatzpapier in andere  Sphären, in die Welt der luftigen Wolken, in die der Phantasie. Immer wieder stößt man auch auf Fundstücke und Zitate wie etwa jenes, das uns in den Kosmos des Forschungsreisenden Alexander von Humboldt führt: „Die Natur muss gefühlt werden, wer nur sieht und abstrahiert … wird die Natur zu beschreiben glauben, ihr selbst aber ewig fremd sein.“ Von dieser Aussage lässt sich wohl auch Puchner selbst leiten in seinen Schreib-, Mal-, Dichtungs- und Phantasieerkundungen.

In seinem Tagebuch sammelt Willy Puchner geradezu voll kindlicher Neugier stets neue Spuren der Natur, die seine Phantasie anregen. Er wählt ein Thema, skizziert, liest, schreibt – übrigens auch geradezu kalligraphisch mit der Hand – und gestaltet die jeweilig entsprechende Doppelseite so lange, bis sie ihm schlüssig erscheint oder gar als Gesamtkunstwerk? Nicht ein einziges Lebewesen ist dabei für ihn so nebensächlich und unbedeutend, als dass es man es nicht doch noch ergründen könnte, indem man sich in deren jeweiliges Wesen hineinversetzt: Blumen, Bäume,  Kräuter, Fische, Vögel – und sie alle reisen in seinem Kopf herum. Und nichts überlässt er bei der der Gestaltung einer Doppelseite dem Zufall.

Das ganze Meer voller verschiedenartiger Fische – Doppelseite aus Willy Puchners Buch „Ansichten der Natur“ 

Dazu zählt für ihn auch die Erde mit ihrem reichen Wurzelwerk, die Luft mit ihren ziehenden Wolken, der aufwirbelnde Wind oder Schnee oder auch das tiefe Meer mit seinem Getier… Schon früh faszinierte ihn wegen seines entflogenen freiheitsliebenden Wellensittichs Hansiburli das Meer, das sein eigenes Fernweh weckte. Das Meer lockt ihn in die Tiefe, lässt ihn sich selbst als schwerelos empfinden und lässt ihn in die Welt der vielfältigen Fische eintauchen, die „grunzen, knurren, brummen, klicken, trommeln, knarren, bellen, klopfen, rauschen, hupen, knirschen und quietschen“.  Aber über der Wasseroberfläche nimmt er schon den unnachahmlichen Duft des Meeres nach Salz und Algen wahr, oder wie in Hawai den schwebenden Geruch nach Kokosnuss, der ihn fasziniert.

Verpuppen und Sich Entfalten – Doppelseite aus Willy Puchners Buch „Ansichten der Natur“ 

„Ich weiß nicht, wo Natur beginnt und wo sie endet. Je mehr ich mich einem Thema nähere, umso vielfältiger werden die Motive. Triebfeder für dieses Buch war auch das Gefühl, als wäre mir die Natur irgendwo auf meinem Weg verloren gegangen, so wie ein Eiswürfel in meiner Hand schmilzt.“ Puchner findet immer auch für den aktuellen ökologischen Zustand der Welt und den nachhaltigen Umgang mit ihr auch so anschaulich-poetische Formulierungen, in die sowohl Kinder als auch Erwachsene in das Thema eintauchen können, ohne den Eindruck zu bekommen, sie würden von oben herab belehrt. Vielmehr können sie sich von den wohlklingenden Namen, vom Winterschlaf, den manche Tiere leiten, vom Geschmack der Kräuter und Gräser, erst einmal schlicht bezaubern lassen und anschließend ganz anders auf ihre unmittelbare Umgebung schauen.

 

Willy Puchner
Ansichten der Natur
Verlag NordSüd
Hardcover / 24 × 31 cm, 64 Seiten
Durchgehend farbig illustriert
ISBN: 978-3-314-10718-4
€ 22,00
ab 8 Jahren

 

Willy Puchner

Geboren 1952 in Mistelbach, Niederösterreich.
Von 1967 bis 1974 Besuch der Höheren Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt in Wien, Abteilung Fotografie.
Danach Unterrichtstätigkeit für zwei Jahre an derselben Schule.
Seit 1978 freischaffender Fotograf, Zeichner und Autor.
Von 1983 bis 1988 Studium der Philosophie, Geschichte und Soziologie.
1988 Diplomarbeit „Über private Fotografie“ in Sozialphilosophie approbiert.
2001 wurde sein Projekt »Die Sehnsucht der Pinguine« von der »FAZ« 2001 als »das wohl schönste Reisefotoalbum des 20. Jahrhunderts« bezeichnet.

Buchveröffentlichungen (Auswahl):

Bäume, 1980
Zum Abschied, zur Wiederkehr, 1981
Die Wolken der Wüste, 1983
Dorf-Bilder, 1983
Die Sehnsucht der Pinguine, 1992
Ich bin …“ 1997
Die Sehnsucht der Pinguine – überarbeite Neuausgabe in 7 Sprachen, 1999
Tagebuch der Natur, 2001
Flughafen. Eine eigene Welt, 2003
Die Sehnsucht der Pinguine – überarbeitete Neuausgabe, 2004 
Bäume, Neuausgabe, 2005
Illustriertes Fernweh. Vom Reisen und nach Hause kommen, 2006
Wien. Vergnügen und Melancholie, 2008
Willy Puchners Tierleben, 2009
On stage, 2010
Willy Puchners Welt der Farben, 2011
Ein Hase auf Reisen, Bloomsbury, Berlin 2012.
ABC der fabelhaften Prinzessinnen. NordSüd Verlag, Zürich 2013
Hans im Glück. NordSüd Verlag, Zürich 2014
ABC der fantastischen Prinzen. NordSüd Verlag, Zürich 2014
Unterwegs, mein Schatz! Nilpferd im G&G Verlag, Wien 2015
Fabelhaftes Meer Nilpferd im G&G Verlag, Wien 2017
Ich bin … (überarbeitete Neuausgabe), Wien 2018
Willys Wunderwelt, NordSüd Verlag, Zürich 2019
Mein Kater Tiger, Nilpferd im G&G Verlag, Wien 2020
Ich bin … (überarbeitete Neuausgabe), Vermes-Verlag, 2023
Unterwegs mit Billy und Lilly, Vermes-Verlag, 2024
Ansichten der Natur, NordSüd Verlag, Zürich 2025

Auszeichnungen

1983: Theodor-Körner-Preis für Bildende Kunst

1988: Theodor-Körner-Preis für Sozialwissenschaft

2002: Österreichischer Staatspreis für Kinder- und Jugendliteratur für Tagebuch der Natur

2002: Kinderbuchpreis der Stadt Wien für Tagebuch der Natur

2002: Die besten 7 Februar 2002 für Tagebuch der Natur

2011: Kröte des Monats Oktober für  Willy Puchners Welt der Farben

2011: Kunstmediator 2011

2012: Österreichischer Staatspreis für Kinder- und Jugendliteratur für Willy Puchners Welt der Farben

Oktober 2012 Die besten 7 Bücher für junge Leser für Ein Hase auf Reisen

2012: Kinder- und Jugendbuchpreis der Stadt Wien (Illustrationspreis) für Willy Puchners Welt der Farben

2014: Anerkennungspreis des St.-Leopold-Friedenspreises für sein Werk Dialog mit dem Alter

2016: Kinderbuchpreis der Stadt Wien für Unterwegs, mein Schatz!

2019: LESERstimmen – Der Preis der jungen LeserInnen für Fabelhaftes Meer!

2022: Österreichischer Kunstpreis für Kinder- und Jugendliteratur

Und ein Interview in FeuilletonFrankfurt

→ Der Zauber der Langsamkeit – Was macht Willy Puchner in Coronazeiten? Ein FeuilletonFrankfurt-Interview

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