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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Beckmanns ausdrucksstarke Zeichnungen im Städel Museum

Kunst als Metapher für Leben und grundlegende existenzielle Konflikte

Von Hans-Bernd Heier

Max Beckmanns Werk entsteht in einer von Krisen und Umbrüchen geprägten Welt und verwandelt diese Erfahrungen in eine bis heute faszinierende Bildsprache. Den intimsten Teil seines Œuvres bilden die Zeichnungen: Wie ein Tagebuch dokumentieren sie Beckmanns künstlerische Entwicklung und dienten ihm zugleich als Medium der Beobachtung, der Bildfindung, aber auch der Bild-Erfindung. Unter dem schlichten Titel „Beckmann“ rückt das Städel Museum diese Arbeiten derzeit in den Mittelpunkt einer bemerkenswerten Schau. In der Ausstellungshalle der Graphischen Sammlung sind rund 80 Werke aus allen Schaffensphasen zu sehen – von bislang wenig bekannten Blättern bis hin zu herausragenden Hauptwerken.

Kuratorin Regina Freyberger erläutert in der Ausstellung die Zeichnung „Junge mit Hummer“, Foto: Petra Kammann

Zeichnungen eröffnen einen direkten, intensiven Zugang zu Max Beckmann (1884–1950), einem der bedeutendsten Künstler der Moderne. Denn Zeichnungen bilden den Kern von Beckmanns reichem Schaffen. Sie dienten dem Maler zeitlebens als Motivsammlung, für formale und inhaltliche Umwandlungsprozesse, als Bildfindungs- und Bild-Erfindungsmedium. Aus diesem Grunde prägte der Schriftsteller Wilhelm Hausenstein für den Künstler den Begriff „Malerzeichner“.

Hirmer-Verlagsleiterin Kerstin Ludolph mit einem Band des neuen Werksverzeichnisses, Foto: Petra Kammann

Das Städel Museum verfügt über einen der herausragendsten Beckmann-Bestände weltweit und widmet sich seit mehr als einem Jahrhundert der Sammlung, Erforschung und Vermittlung seines Werkes. Durch wichtige Dauerleihgaben aus der Sammlung von Karin und Rüdiger Volhard erhielt das Museum 2021 einen bemerkenswerten Zuwachs. Zusammen mit der aktuellen Veröffentlichung des dreibändigen Werkverzeichnisses der schwarz-weißen Zeichnungen Max Beckmanns im Hirmer Verlag – mit dem Hedda Finke und Stephan von Wiese eine der letzten großen Forschungslücken zu Beckmanns Zeichnungen geschlossen haben – ist dies der Anlass für die retrospektive Schau.

Den Grundstock der höchst beeindruckenden Schau bilden Zeichnungen aus dem eigenen Bestand des Städels, ergänzt durch Leihgaben renommierter internationaler Museen und Privatsammlungen, darunter das Museum of Modern Art in New York, das British Museum in London, das Art Institute of Chicago, das Kunstmuseum Basel, die Hamburger Kunsthalle, das Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin und das Museum der bildenden Künste Leipzig. Einzelne Gemälde und Druckgrafiken eröffnen darüber hinaus Einblicke in Beckmanns Arbeitsprozess und das Wechselspiel verschiedener Medien.

Beckmann-Enkelin Mayen Beckmann und Städeldirektor Philipp Demandt, Foto: Petra Kammann

Dazu Städel-Direktor Philipp Demandt: „Max Beckmann, das Städel Museum und die Stadt Frankfurt am Main sind seit über einem Jahrhundert eng miteinander verbunden“. Augenzwinkernd merkte er: „Goethe und Beckmann gehen in Frankfurt immer“ bei der Pressekonferenz an. Trotz der Verluste fast aller Werke des Künstlers während der NS-Zeit verfüge das Museum heute über einen Beckmann-Bestand von internationalem Rang. „Mit der aktuellen Ausstellung rücken wir nach über vierzig Jahren erstmals wieder gezielt Beckmanns Zeichnungen in den Mittelpunkt. Sie eröffnen einen eigenen, faszinierenden Kosmos seines Schaffens und machen seine künstlerische Entwicklung unmittelbar erfahrbar – nicht zuletzt dank der herausragenden Zusammenarbeit mit Hedda Finke und Stephan von Wiese, den Herausgebern des dreibändigen Werkverzeichnisses seiner Zeichnungen.“ (Der dritte Band wird im Frühjahr erscheinen.)

Behutsames Herantasten der Kunsthistorikerin und Kuratorin Hedda Finke an das Werkverzeichnis mit 1900 Zeichnungen, Foto: Petra Kammann

Die Kuratoren Regina Freyberger, Leiterin der Graphischen Sammlung ab 1800 am Städel, Hedda Finke und Stephan von Wiese, ergänzen: „Die Zeichnungen sind ein Schlüssel zu Beckmanns Werk. Zeichnend entwickelte er seine unverwechselbare Bildsprache, hielt Gesehenes und Erlebtes fest, formte seine persönliche Weltanschauung und verwandelte flüchtige Eindrücke in vielschichtige, bedeutungsgeladene Kompositionen. Im Lauf seines Lebens entstanden mehr als 1.900 schwarz-weiße, nicht in Skizzenbüchern gebundene Zeichnungen in Feder, Kreide oder Bleistift – vom raschen Entwurf bis hin zum autonomen Bild“.

Die Ausstellung zeigt daraus eine konzentrierte, aber repräsentative Auswahl, die – ergänzt um einzelne farbige Arbeiten, Druckgrafiken und Gemälde – den Zeichner Max Beckmann mit seiner großen Intensität erfahrbar machen. Die ausgewählten druckgrafischen Blätter sowie einige Gemälde des Künstlers sind in einem eigenen Kabinett neben dem Beckmann-Saal in der Dauerausstellung der Moderne in ersten Etage zu sehen.

Kurator Stephan von Wiese, der über das zeichnerische Werk Max Beckmanns promovierte, machte nach neun Jahren intensiver Forschung neue Entdeckungen, Foto: Petra Kammann

Die Ausstellung verfolgt in sechs Kapiteln Beckmanns eigenständige künstlerische Entwicklung von der frühen Berliner Zeit bis zu den letzten Lebensjahren in den USA. Seine ersten künstlerischen Erfolge erzielte Max Beckmann 1906 in der Ausstellung der Berliner Secession. Akademisch ausgebildet, entwickelte er einen Stil, der dem deutschen Impressionismus nahestand. Seine Mal- und Zeichentechnik knüpfte an Max Liebermann und Lovis Corinth an. Inhaltlich rang er jedoch um anderes: Kunst war für ihn eine Metapher für das Leben, für grundlegende existenzielle Konflikte.

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs meldete sich Max Beckmann – wie viele Künstler seiner Generation – freiwillig zum Sanitätsdienst in der Hoffnung, neue Impulse für sein Schaffen zu gewinnen. Auf frühere, bildhaft komponierte Werke, die das Grauen des Krieges in Ostpreußen zeigen, folgten in Flandern zunehmend reduzierte Zeichnungen, die den Alltag der Soldaten, das Leid der Verwundeten und die Zerstörungen des Krieges sachlich und knapp festhalten. „Werke wie „Verwundeter Soldat mit Kopfverband“ (1915) zeigen den Menschen mit schnellen, kantigen Strichen in seiner Verletzlichkeit, während Aufgebahrter Toter (1915) durch seine eindringliche Bildsprache mit starken perspektivischen Verkürzungen wirkt“, erläutert Freyberger.

Große Freude in der Redaktion Feuilleton Frankfurt bei der Wiederentdeckung einer frühen Zeichnung, v.l.n.r.: Petra Kammann, Hans-Bernd Heier, Foto: Barbara Walzer

Noch im Dezember 1914 entstanden Entwürfe für das Gemälde „Auferstehung“ (Staatsgalerie Stuttgart), das Beckmann 1915 in Straßburg beginnen, aber nie vollenden sollte. Es ist das einzige Ölbild, das Beckmanns Kriegserfahrungen unmittelbar reflektiert. Erstmals wird in der Ausstellung eine große Entwurfszeichnung zu diesem Schlüsselwerk präsentiert, die vor wenigen Jahren im Nachlass Mathilde Q. Beckmanns im Zuge der Arbeit am Werkverzeichnis entdeckt wurde.

1915 kam Max Beckmann nach Frankfurt am Main und fand Zuflucht bei seinem Studienfreund Ugi Battenberg und dessen Frau Fridel, die er in der intimen Federzeichnung „Das Schäferstündchen“ festhielt. Nach den grausamen Erfahrungen im Ersten Weltkrieg entstand in diesem geschützten Umfeld eine neue Bildsprache. Die Kompositionen sind durch reduzierte, flächenhafte Formen geprägt. Perspektivische Verzerrungen erzeugen Bewegung und Spannung und betonen das „Groteske“, das etwa in „Drei Zuschauer vor einer Bühne“ sichtbar wird. Dieser Stilwandel wird besonders deutlich im lithografischen Zyklus „Die Hölle“, eine der sozialkritischsten Arbeiten Beckmanns der Frankfurter Jahre. Hier wird die enge Wechselwirkung zwischen Druckgrafik und Zeichnung besonders sichtbar, aber auch die Verbindung zur Malerei, etwa im „Selbstbildnis mit Sektglas“, einem Hauptwerk der Städel-Sammlung, in dem Beckmann sich als Beobachter einer aus den Fugen geratenen Welt inszeniert.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten verlor Max Beckmann bereits im April 1933 seinen Lehrauftrag an der Frankfurter Kunstgewerbeschule, der heutigen Städelschule. Seine Werke wurden als „entartet“ diffamiert. Der Künstler zog sich in seine Arbeit zurück und schuf eine Gruppe motivisch sehr unterschiedlicher Aquarelle, die die zunehmende Mythisierung sowie die geheimnisvolle Komplexität seiner Kompositionen zeigen.

Beckmanns Enkelin Mayen Beckmann wuchs ganz selbstverständlich mit der Kunst ihres Großvaters auf, Foto: Petra Kammann

Vor dem Hintergrund der bedrohlichen politischen Entwicklung reiste Max und mit seiner zweiten Frau Mathilde Q. Beckmann 1937 nach Amsterdam. Der zunächst als Zwischenstation auf dem Weg nach Paris geplante Aufenthalt dauerte aufgrund des Zweiten Weltkriegs nahezu zehn Jahre. Beckmann, der bis dahin seine Werke teuer verkaufen konnte, erlebte diese Zeit als Exil, geprägt von existenziellen Ängsten und materieller Unsicherheit.

Im Auftrag des Frankfurter Mäzens Georg Hartmann entstanden die sehr persönlichen Zeichnungen zu „Goethes Faust. Der Tragödie zweiter Teil“. Sie zählen zu den Hauptwerken der Amsterdamer Zeit und bildeten die Grundlage für Beckmanns weiteres zeichnerisches Schaffen. In den 143 Federzeichnungen, von denen vier Blätter in der Ausstellung zu sehen sind, setzte Beckmann sich mit weitreichenden Themen auseinander, darunter das Verhältnis der Geschlechter und die Auswirkungen des Krieges. Daneben entstanden bildmäßig komponierte Arbeiten wie „Haltestelle“, die die Erfahrung von Isolation und Stillstand im Exil spiegeln.

Blick in die Ausstellung, Foto: Barbara Walzer

In den Vereinigten Staaten gelang Max Beckmann 1947/48 ein Neuanfang. Unbeeindruckt von der wachsenden Abstraktion in der zeitgenössischen Kunst blieb er formal der Figuration verpflichtet und rang weiterhin um eine lesbare Weltdeutung. „Selbstbildnis mit Fisch“ und „Rodeo“ zählen zu den eindrücklichsten Kompositionen, die Beckmanns Auseinandersetzung mit seiner neuen Lebensumgebung spiegeln.

Die Ausstellung schließt mit „Backstage“ (Hinter der Bühne), dem letzten unvollendeten Gemälde Beckmanns, sowie seiner letzten Zeichnung, dem „Bildnis Georg Swarzenski“, dem ehemaligen Städel-Direktor. Der mit dem Maler befreundete Swarzenski hatte ab 1918 die bedeutende Beckmann-Sammlung im Städel Museum aufgebaut, die bis heute die Grundlage für die kontinuierliche Erforschung und Präsentation seines Werkes bildet.

Am 27. Dezember 1950 erliegt Max Beckmann bei einem Spaziergang im Central Park in New York einem Herzinfarkt.

Die außergewöhnliche Schau mit dem knappen Titel, die noch bis zum 15. März 2026 im Städel zu sehen, wird durch die Förderung der Adolf Würth GmbH & Co. KG, der Dagmar-Westberg-Stiftung und des Städelschen Museums-Vereins e. V. ermöglicht und erfährt darüber hinaus Unterstützung durch die Franz Dieter und Michaela Kaldewei Kulturstiftung sowie Dr. Ina Petzschke-Lauermann.

Weitere Informationen unter:

www.staedelmuseum.de

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