Barrie Koskys Inszenierung von Georg Friedrich Händels Oratorium „Saul“
Bilderpracht an der Kölner Oper
von Simone Hamm
Auf der langen Tafel sind riesige Blumenbuketts aufgetürmt. Ein Hirsch liegt da und ein Wildschwein, eine riesige Auster, ein Schwan und ein Pfau. Alles ist knallbunt. Reglos stehen die Sängerinnen des Opernchores in bonbonfarbenen Reifröcken Opernchores auf und vor dem Tisch. Wie die daneben stehenden Männer tragen sie Rokkokoperücken. Ganz langsam erhebt sich hier und da eine Hand.

Chor der Oper Köln, Tänzer*innen © Sandra Then
Was für ein Auftakt, dieses galante Stillleben mit den Kostümen von Katrin Lea Tag!
Die Oper Köln hat den schon vor zehn Jahren in Glyndebourne aufgeführten „Saul“ von Händel in der Inszenierung von Barrie Kosky übernommen. Kosky gelingt es, aus Händels doch eigentlich sehr statischem Oratorium im ersten Teil ein überbordendes Fest zu machen. Der zweite Teil ist düster, dunkel. Ein Meer von Kerzen steht auf schwarzer Erde.
König Saul, will David, der Riesen den Goliath erschlagen hat, dessen Kopf auf der Bühne liegt, seine erstgeborene Tochter Merab als Dank dafür zur Frau geben. Merab will aber keinen einfachen Hirten heiraten. Und David sagt, Gott allein gebühre der Dank, nicht ihm.

Christopher Purves als Saul © Sandra Then
Saul ändert schnell seine Meinung, trachtet David, der vom Volk geliebt wird, nach dem Leben. Er will seinen Sohn Jonathan dazu bringen, David zu töten, greift voller Wut zur Steinschleuder und stürzt sich dem Messer auf seinen Sohn, als er den Befehl verweigert. Dann wieder ist David Sauls Held und er gibt ihm die andere Tochter, Michal zur Frau, die juchzend undvor Glück Fäuste schüttelend über die Bühne rast.
„I am the King“ sagt Saul mehrmals, als bedeute das, dass er machen kann, was er will. Und so benimmt er sich auch. Solche eitlen, wankelmütigen Herrscher gibt es auch heutzutage, will die Inszenierung wohl sagen.
Begleitet werden Chor und Sänger von sechs Tänzern, die die Handlung begleiten, kommentieren, ironisieren, die lachen und schreien. Für kurze Zeit hat das einen Reiz, aber im Laufe des Abends wirkt es dann doch eher langweilig. Es war einfach zu viel, um noch zu wirken.(Choreografie: Otto Pichler, Tänzerinnen und Tänzer Michael Hammerbo, Robin Gladwin, Andras Sousa, Rens Stigter, Ginjo Sakai und Tyshea Suggs)
Rustam Samedov hat den Chor der Kölner Oper einstudiert. Die Tänzer in ihren prächtigen Roben singen im Liegen, im Stehen, im Laufen, sind extrem mobil und dabei immer exakt.
Rubén Dubrovsky, Experte für Barockmusik, dirigiert das Gürzenich Orchester gekonnt. So ganz leicht ist das nicht, zumindest nicht im ersten Teil, wenn die lachenden und quiekenden Choristen in ihren opulenten Kleidern ganz im Vordergrund stehen.
Christopher Purves in der Titelpartie ist großartig – als Sänger und als Schauspieler. Er ist der selbstsüchtige König Saul, den der Neid auf David in den Wahnsinn treibt. Er trägt einen dunklen Wickelrock, ein Rüschenhemd und ein Jackett.
Sarah Brady als Merab berührt im zweiten Teil, als sie allein und verloren im schwarzen Kleid im Kerzenmeer steht. Giulia Montanari als Michal singt feiner und leiser, ein schöner Gegensatz. Tenor Benjamin Hulett als Hohepriester ist geschminkt wie der Joker, ein Dämon mit strahlender Stimme.
Die Hexe von Endor ist bei Kosky der Tenor John Heuzenroeder. Zum Fürchten. Jonathan, Sauls Sohn, der von dem exellenten Tenor Linard Vrielink dargestellt wird, hat ein homoerotisches Verhältnis zu David.

Sarah Brady als Merab © Sandra Then
Christopher Lowrey als David ist ein wirklicher Händel Countenor, er bleibt gesanglich immer ruhig, lässt sich von der allgemeinen Hektik auf der Bühne nicht anstecken und doch ist er ein sehr widersprüchlicher David, lange nicht so gütig, wie er erscheint. Er kann kräftig singen oder auch völlig entrückt, wenn er neben dem toten Saul kniet und (scheinbar) um ihn trauert. Am Ende trägt er dessen Wickelrock: der neue Herrscher in der Tracht des alten.
„Saul“ ist noch zu sehen am 3.12., 5.12., 10.12., 12.12.,14.12.
