„Das kann nur Perscheid“ im Caricatura Museum Frankfurt
Kultstatus der legendären „Abgründe“ zwischen Tabu und Witz, Spott und Leichtigkeit
Von Hans-Bernd Heier
Mit der Ausstellung „Das kann nur Perscheid. Das Beste aus Perscheids Abgründen“ ehrt das Caricatura Museum Frankfurt den legendären Cartoonisten Martin Perscheid anlässlich seines 60. Geburtstags. Der bereits 2021 verstorbene Zeichner gilt als einer der prägenden Vorbilder und Wegbereiter der Komischen Kunst. Die Schau, in der über 300 Cartoons versammelt sind, gewährt tiefe Einblicke in sein umfangreiches, vielseitiges Werk und verdeutlicht, warum Perscheid bis heute Kultstatus genießt.

„Spürst du die Natur, Susanne?“ ©Martin Perscheid
Stilistisch blieb Martin Perscheid seinem Cartoon-Format immer treu, auch wenn er das Werkzeug wechselte: Seine ersten Cartoons malte er klassisch mit dem Pinsel in Aquarell. Später wechselte er zum Tuschefüller und kolorierte die Konturen, zuletzt auch digital am Computer. „Seine Cartoons bestechen durch minimalistische Ästhetik, die sich auf das Wesentliche zur Gestaltung des Witzes konzentrieren. Männer sind meist glatzköpfig, Augen verschwinden hinter Brillen, und einen Mund hat nur das sprechende Figurenpersonal. Zudem verstärkt die sprachliche Präzision die Wirkung seiner Cartoons und verleiht jeder Pointe ihre kompromisslos bissige Schärfe, selbst bei kompliziertesten Themen“, so Martin Sonntag, Leiter des Caricatura Museums Frankfurt.
Mit Perscheids Cartoons schaut man lachend in unermessliche und gefährliche Tiefen, bevor man merkt, worüber man da eigentlich lacht. Denn ganz weit unten lauert das Unfassbare, das scheinbar Unsag- und Undenkbare. Und doch: Bei aller Boshaftigkeit und allem Zynismus halten seine Cartoons das nötige Gleichgewicht zwischen Tabu und Witz, Spott und Leichtigkeit. Dieser akrobatische Balanceakt ist die große Kunst des schwarzen Humors, die der Witzezeichner meisterhaft beherrschte.

Schwachkopf; ©Martin Perscheid
Nichts und niemand bleibt verschont: Tiere, Eltern, Autofahrer und -fahrerinnen, Beziehungen, Frauen und auch Perscheids eigenes Alter Ego bewegen sich gefährlich nah am Rand des Abgrunds. Und so vielfältig sein Figurenpersonal, so breit war auch sein Themenspektrum – stets geprägt vom provokant tabulosen Spiel mit geschlechtsspezifischen Stereotypen, menschlichen Schwächen und gängigen Klischees. Bereits zu Lebzeiten galt Martin Perscheid als wichtiges Vorbild seiner Zunft: Seine Werke mit den oft zeitlosen Topoi gehören längst zum Kanon der Komischen Kunst.
Er war ein Meister des perfekten Cartoons. „Seine Perfektion bestand in seiner Akribie, einer idealen Mischung aus bildnerischen Reduktion und notwendiger Inszenierung, gepaart mit souveräner Leichtigkeit im sicheren Strich und dem Wissen um die richtige Pointe“, schreibt Sonntag in dem opulenten Cartoonband „Das kann nur Perscheid“, in dem die besten Arbeiten abgebildet sind.

Buch zur Ausstellung, Motiv, Martin Perscheid ;©CMF; Martin Perscheid
Martin Perscheid wurde am 16. Februar 1966 in Wesseling bei Köln geboren. Bereits als Fünfjähriger äußerte er den Wunsch, mit eigenen Bildern Geld zu verdienen, und als Schüler karikierte er Lehrende sowie Mitschüler und Mitschülerinnen. Er absolvierte das Fachabitur und anschließend eine Lehre als Druckvorlagenhersteller. Nach seinem Zivildienst und seiner ersten Anstellung in einer Kölner Werbeagentur arbeitete er als Werbegrafiker für Mode in Düsseldorf. In diese Zeit fiel auch seine erste Cartoon-Veröffentlichung „Trendman“. 1993 entschied sich Martin Perscheid endgültig für die Laufbahn des freischaffenden Cartoonisten. 1994 nahm ihn der Content-Anbieter „Bulls Press“ unter Vertrag und sorgte für die Verbreitung seiner Zeichnungen in weit über 100 Zeitungen und Zeitschriften, unter anderem auch in Medien wie „Mallorca Zeitung“ und „Grenz Echo“ (Belgien).

Selbsthilfegruppe der Cartoon-Opfer; ©Martin Perscheid
In seiner populären Reihe „Perscheids Abgründe“ erschienen mehr als 4.300 tiefgründige Cartoons. Seine Zeichnungen wurden u. a. in Schulbüchern und im „Motorrad Magazin“ veröffentlicht. Eine Auswahl seiner Witze zum Thema „doofer Chef“ druckte die „Bild“. Aktuell werden seine „Abgründe“ noch in etlichen Tageszeitungen publiziert. Bereits 1995 erschien sein erstes Buch im Lappan Verlag, 26 weitere sollten dort bis zu seinem Tod noch folgen. Ebenso zählen zahlreiche Postkarten und Abreißkalender zu den Verkaufsschlagern.

Martin Perscheid; Foto: ©Sabrina Didschuneit
Martin Perscheid wurde mehrfach ausgezeichnet: Im Jahr 2002 erhielt er beispielsweise den Max & Moritz-Preis für den besten deutschsprachigen Comic-Strip. Die „Caricatura – Galerie für Komische Kunst“ in Kassel ehrte ihn 2016 mit dem „Denkmal des unbekannten Idioten“, das seitdem auf dem Vordach des Kasseler Kultur-Bahnhofs steht. Dieser Depp ist ein regelmäßiger Protagonist – ein glatzköpfiges Männchen mit Brille und Knollennase, welches die kleinen und großen Dummheiten des Alltags meistern muss.
Schon früh entschied sich Perscheid für die Veröffentlichung seiner Werke auf einer eigens eingerichteten Facebook-Seite. Auch auf seiner nach wie vor existierenden Website martin-perscheid.de sind seine Cartoons bis zur Nummer A 4252 in einer eigenen Systematik sortiert.
Wegen der Prägnanz seiner Cartoons, die die Absurditäten des menschlichen Alltags ebenso schmunzelnd wie nachdenklich entlarven, wurden diese von etlichen Webmastern immer wieder ohne Lizensierung ins Netz gestellt. Erst 2003 mit Hilfe der Agentur Bulls Press konnte er sich erfolgreich gegen nicht lizensierte Veröffentlichungen wehren.
Eine thematisch an den Bereichen Archäologie, Geschichte und Evolution ausgerichtete Präsentation von Perscheid-Cartoons ist ausstellungsbegleitend als Kooperationsprojekt im Archäologischen Museum Frankfurt, Karmelitergasse 1, zu sehen.
Die urkomische, tiefgründige Schau „Das kann nur Perscheid. Das Beste aus Perscheids Abgründen“, die von der Dr. Marschner Stiftung unterstützt wird, ist noch bis zum 7. Juni 2026 im Caricatura Museum Frankfurt zu genießen.
