Architektur, Nachhaltigkeit, Schönheit: eine Diskussion im Deutschen Architekturmuseum
Ausgangspunkt: die Vorstellung eines anregenden Sammelbandes im Wagenbach-Verlag
Von Uwe Kammann
Das gerade im Wagenbach-Verlag erschienene Buch „Für eine nachhaltige Architektur der Stadt“ wurde im Deutschen Architekturmuseum (DAM) im Rahmen einer Podiumsdiskussion vorgestellt. FeuilletonFrankfurt zeichnet hier zentrale Punkte der von DAM-Chef Peter Cachola Schmal moderierten Gesprächsrunde nach und greift einige Thesen des von den beiden Frankfurter Architekten Jens Jakob Happ (happarchitecture) und Helmut Kleine-Kraneburg (Gruber Kleine-Kraneburg Architekten) herausgegebenen Sammelbandes auf.

DAM-Dikussionsrunde (v.l.n.r.): Helmut Kleine-Kraneburg, Jens Jakob Happ, Peter Cachola-Schmal, Elisabeth Endres, Ernst Böhm, Foto: Petra Kammann
„Die Dinge liegen alle auf der Hand, aber es passiert nichts“: Das war ein zentraler Befund von Prof. Helmut Kleine-Kraneburg beim Blick auf das aktuelle Baugeschehen, das zwar von der Politik mit dem Begriff „Turbo“ bedacht werde (Quantität als oberstes Ziel), dessen Ergebnisse aber (auch die zurückliegenden) mehrheitlich auf Kritik stoßen und stießen: „Die meisten Menschen sind mit der Stadt nicht zufrieden.“ Während eindeutig sei – nach dem Maßstab der „Abstimmung mit den Füßen“ –, welcher Typus Stadt und Architektur bevorzugt und auf Reisen aufgesucht werde. Selbstredend und prototypisch nannte er Siena.

Dr. Susanne Schüssler, Verlegerin des Wagenbach-Verlags, in dem der Reader herauskam, Foto: Petra Kammann
Der Grund dafür habe mit Schönheit zu tun, ein Begriff, den man in Architekturkreisen lange nicht habe in den Mund nehmen dürfen. Tatsächlich aber, so hatte es Wagenbach-Verlegerin Susanne Schüssler gleich bei der Einführung betont, seien in fast allen Texten des neuen Bandes Fragen der Ästhetik und der baulichen Gestaltung präsent. Architekt und Stadtplaner Jens Jakob Happ sieht einen Grund dafür in einem „Kardinalfehler der Moderne“ mit ihrem Avantgarde-Credo: „Wir müssen das Bauen ganz neu denken“. Allerdings plädierte er an anderer Stelle auf für etwas Neues, das auch mit dem Buch angestoßen werden solle: nämlich „in eine Lücke zu stoßen“ (gemeint sicher: eine Synthese zu bilden) „zwischen guter Architektur und seriellem Systembau“.
Genau ein solches serielles, auf System-Kongruenz und ganzheitliche Abläufe setzendes Bauen hatte eingangs auf dem Podium der Bauunternehmer Ernst Böhm propagiert. Er selbst hat mit seiner Gruppe B&B (hervorgegangen aus den Erbauern des Olympiadachs in München) in Bayern vielbeachtete Beispiele für ein solches Bauen aus einer Hand geliefert, auch in Zusammenarbeit mit dem ebenfalls modellhaft genannten Architekten Prof. Florian Nagler, den es 2024 mit seiner über einem Parkplatz errichteten Wohnanlage in München in die Finalrunde des DAM-Architekturpreises getragen hatte.

Prof. Florian Nagler, DAM-Preis-Finalist 2024, Wohnanlage Dante II in München, Quelle: DAM Presse Archiv
Beide, Florian Nagler und Ernst Böhm, sind im jetzigen Band mit Beiträgen vertreten – mit jeweils eindeutigem Tenor und Ziel: das Bauen aus dem Zwangsgerüst von Anforderungen, Auflagen und Vorschriften zu befreien, die sich derzeit in einem dichten Geflecht von Bürokratie, Gewerken, Interessengruppen, Wirtschaftsunternehmen und Politikdirektiven gleichsam erstickend, nicht zuletzt aber auch enorm verteuernd und verlangsamend um das Planen und Bauen legen. Jens Jakob Happ spitzte das gegenläufige Handlungsgebot als These zu: „Wir müssen das Bauen radikal vereinfachen; es ist von Komplexität überfrachtet“.
v.l.n.r.: Elisabeth Endres, Dr. Ernst Böhm, Dipl. Ing Jens Jakob Happ, Foto: Petra Kammann
Für diese Exzesse an erstickender Komplexität hatten sowohl Ernst Böhm (der auch Bauen im Bestand propagiert und praktiziert) als auch seine Mitstreiterin auf dem Podium, Elisabeth Endres (Architektin und Professorin für Gebäudetechnologie und Bauklimatik an der Technischen Universität in Braunschweig), schlagende Belege parat (die in ihren Buchbeiträgen ausführlicher dargestellt werden). Neue Schulen, deren nach höchsten modernen Klimastandards ausgeklügelte Supertechnik erst nach drei zermürbenden Jahren in den Griff zu bekommen war, Häuser mit geschlossenen Fenstersystemen, in den die Menschen sich nicht wohlfühlen, deren komplexe Bedienungen sie auch nicht ‚lernen‘ können, gehören zum Grundrepertoire eingefahrener Nachhaltigkeits-Missverständnisse. Dass sich ein auf weit mehr als 150 Millionen Euro kalkulierter, auf ausgefeilte Ökotechnik setzender Schulneubau dank einer auf Einfachheit zielenden Planung für weniger als die Hälfte realisieren ließ (eines von exstierenden Gegenbeispielen), gehörte zu den positiven finanziellen Nebeneffekten. Noch wesentlicher aber ist für Endres die generelle Schlussfolgerung: „Pro Verzicht, um sich wohlzufühlen“. Ein positiver Grundeffekt, der wesentlich auch damit zusammenhänge, dass man etwas „begreifen“ könne.

DAM-Direktor Peter Cachola Schmal moderierte das Gespräch, Foto: Petra Kammann
Peter Cachola Schmal fügte bei den Böhm/Endres-Beispielen einen (ermutigenden?, ernüchternden?) Hinweis ein: Es komme bei allen Vorhaben wesentlich auch auf die Energie (und die formalen Möglichkeiten) der politischen Verantwortungsträger an. Bei einem Projekt habe der Bürgermeister (in Bayern mit Entscheidungskompetenz ausgestattet, ganz anders als in Hessen) ein Projekt in nur einem Jahr verwirklicht, von der Planung bis zum Bau, indem er alle Beteiligten und Gewerke verpflichtend unter seiner Führung zusammengetrommelt habe. Bei einem zweiten, gleichartigen Objekt habe diese persönliche Fokussierung unter dem Motto der obersten Priorität gefehlt, alle beteiligten Gruppen hätten nach altem Muster vereinzelt gearbeitet. Mit der Folge: die Realisierung des Objekts dauerte mit zwei Jahren doppelt so lange.
Defizite Mängel, Richtungsfehler, Politikverengung, Konformismius, Technikgläubigkeit, Materialfetischismus: diese und andere Faktoren tragen zum baulichen Ungenügen bei, so ließ sich aus dem Gesprächsverlauf schließen. Abhilfen – außer dem vehementen Plädoyer für Vereinfachung, Systematisierung, Abkehr vom Kompetenzgerangel der Gremien und Gewerken („Jeder mit sakrosankter Checkliste“„Vorschriften mit 270 Seiten, die niemand verstehen kann“) – gibt es sie, ist die Aussicht darauf mehr als ein Wunschtraum? Und scheitert jede Besserung an „fehlender Veränderungsbereitschaft“ , fragte Böhm.

Prof. Florian Nagler, DAM-Preis-Finalist 2024, Wohnanlage Dante II in München, Quelle: DAM Presse Archiv
Immerhin, Happ lobte den von Florian Nagler praktizierten Bau-Alltag als modellhaften „Befreiungsschlag“, setzt Hoffnung auf eine „Bürgergesellschaft, die eine Bewegung zum Besseren öffentlich vorantreibt“. Kleine-Kraneburg („Architekten tragen nicht die Hauptschuld“) appellierte an unbedingt notwendige, allgemeine gesellschaftliche Bildungsanstrengungen, auch an akademische Neuorientierung des eigenen Fachs: „Wo wird Ästhetik und Gestaltung gelehrt?“ Ein Argument, das auch Endres stützte mit Negativerfahrungen bei Berufungsverfahren: Gestandene Praktiker mit profunder Berufserfahrung kämen in de Regel nicht zum Zuge, bevorzugt würden eher junge Theoretiker.
Was sicher mitzunehmen war aus der Diskussion, ganz unabhängig von subjektiven Optimismus-Befindlichkeiten: Es gibt reale Möglichkeiten, vor allem dann, wenn einfache Einsichten und Feststellungen die Grundüberlegungen mitbestimmen wie jene von Ernst Böhm. Etwa, dass 20 Häuser auf dem Land einen Hektar Bauland beanspruchen, während in der Stadt sich auf dieser Fläche gut zehnmal so viele Wohneinheiten unterbringen lassen. Oder: Dass technische Geräte in der Regel nach 30 Jahren kaputtgehen – was Rückschlüsse auf hochgezüchtete Technik-Infrastruktur beim Bauen erlaubt.
Helmut Kleine-Kraneburg darf diese Erfahrung (er erwähnte es auf dem Podium nicht) gerade beim von seinem Büro vor gerade einmal drei Jahrzehnte errichteten – überaus edlen – Verwaltungstrakt des Bundespräsidialamtes machen: Brandschutz, Energieeffizienz, Sicherheitsauflagen, Kommunikationstechnik: alles soll grundlegend den dekretierten heutigen Höchststandards angepasst werden. In der amtlichen Verlautbarung zu dieser Generalsanierung (die auch das Schloss Bellevue betrifft und deshalb ein integral-präsidiales Interim für 200 Millionen Euro nach sich zieht) wird ein Wort ganz großgeschrieben: Nachhaltigkeit.

Ob es dort mehr als zeitgeistiges, multifunktionales Modewort ist? Jens Jakob Happ räumte auf dem Podium ein, dass der Begriff (er kommt ursprünglich aus der Forstwirtschaft) „abgedroschen“ sei. Gleichwohl sei er „bedeutsam“. In seinem Beitrag für das Buch, das immerhin die Nachhaltigkeit im Titel trägt, findet er eine eingängige, übergreifende Auslegung, weit entfernt von derzeit grassierenden Öko-Fundamentalismus vieler Architekten. Sein Fazit: „Nur Räume, die ganz im Sinne der Vitruv’schen Trias als schön, zweckmäßig und dauerhaft empfunden werden, haben nachhaltig Bestand“. Diese Grundanforderung ist unbedingt auch zu beziehen auf das Verhältnis von Innen- und Außenräumen, auf die gestalterischen Gesamtqualitäten von Häusern, Straßen, Plätzen. (Wer Anschauung sucht, wie Happ das praktisch versteht, sollte sich den Chopin-Platz in Oberursel mit einem von ihm entworfenen Wohn- und Geschäftshaus ansehen)
Im Buch selbst gibt es vielfältige Aspekte, wie Nachhaltigkeit im und beim Bauen verstanden werden kann, natürlich auch so, wie es vielen Menschen als erstes in den Sinn kommt: also über Baustoffe wie Holz (gerade sehr in Mode) oder auch Lehm (hier führt die in dieser Hinsicht einschlägig bekannte Architektin Anna Heringer ein aufschlussreiches Gespräch mit den beiden Herausgebern). Doch es wird auch gegen den Stachel des Nachhaltigkeits-Geläufigen und der entsprechenden Glaubens- und Gebetsformeln gelöckt. So beim wegen seines Traditionsbezugs oft angefeindeten Architekten Hans Kollhoff, dessen Beitragstitel schon die Richtung weist: „Gegen die Tyrannei des gut Gemeinten“.

Wohn-und Geschäftshaus in Oberursel von Jens Jakob Happ, Foto: JJH Architektengesellschaft mbH
Überraschend – und deshalb mit Gewinn zu lesen – ist auch die Position des Architekturkritikers Michael Mönninger, der die oft vertretene These untersucht, in Varianten einer Vergemeinschaftung von Grund, Boden und Wänden lasse sich eine auf viele Situationen übertragbare Lösung finden, um die Verwerfungen auf dem Wohnssektor und generell in der Stadtentwicklung zu entzerren und positiv zu ordnen.
Anregend in jeglicher Hinsicht sind die Beiträge des Bühnenbildners Michael Heinrich, der die gesellschaftliche Relevanz der „Ästhetik gebauter Lebenswelten“ untersucht, und auch des Vorstandsvorsitzenden der Polytechnischen Gesellschaft, Prof. Dr. Frank Dievernich, der (von Haus aus Wirtschaftswissenschaftler) die Schönheit des städtischen Raums als Chance zur „Heilung“ (des individuellen und gesellschaftlichen Lebens) preist: „Lasst also endlich Worten bauliche Taten folgen, damit die nachfolgenden Generationen wieder Städte vorfinden, deren Ästhetik und Logik bereits vor hunderten Jahren funktioniert haben und die sie davon ablenken, ins Digitale zu flüchten.“
Sehr grundsätzlich, mit einem dezidiert ökologischem Ansatz, ist Prof. Dr. Volker Moosbrugger gleich zum Auftakt prominent vertreten, der als Paläontologe ein Kreislaufsystem als Grundannahme skizziert. Dabei ist er durchaus zuversichtlich, dass es „auf dem Weg zu einer nachhaltigen Stadtarchitektur“ sowohl Architekten als auch Stadtplanern (die heute vor viel komplexeren Aufgaben als früher stünden) gelingen könne, bei Langzeit- und Lebenszyklus-Betrachungen „gangbare Kompromisse“ zu finden, „die Human Capital, Produced Capital und Natural Capital gleichermassen positiv beeinflussen.“
Schlusspunkt des Sammelbandes, der Originalbeiträge mit bereits gehaltenen Vorträgen (so am DAM oder an der Goethe-Universität) vereint, ist ein leidenschaftliches Plädoyer des Architekten und Architekturtheoretikers Prof. Dr. Vittorio Magnano Lampugnani, das auf der im Titel komprimierten Formel basiert: „Dauerhaft, vielseitig und schön. Nur langlebige Architektur ist nachhaltig“. Er setzt auf Thesen, wonach nur das gebaut werden sollte, „was wirklich notwendig ist“; wonach „Reparieren Umbauen, Weiterbauen“ zum Prinzip gehören solle; wonach „Respekt, Empathie und Verantwortung“ das Handeln bestimmen müssten, wonach „leichtfertige Abbrüche“ zu vermeiden sind.

Architekt Prof. Helmut Kleine-Kraneburg, Foto: Petra Kammann
In ausführlicher Form hatte Lampugnani – der ja auch von 1990 bis 1995 einmal Direktor des DAM war – seine Überzeugungen und Grundsätze bereits in einem Buch formuliert, das 2023 ebenfalls im Wagenbach-Verlag erschienen ist und jetzt in dritter Auflage vorliegt. „Gegen Wegwerfarchitektur“ heißt es plakativ, im Untertitel: „Dichter, Dauerhafter, Weniger bauen“. Dauerhaft, langlebig – das sind sicher Schlüsselworte. Die aber in vielfältiger Form auszulegen und anzuwenden sind. Es ist richtig und wichtig, dass im jetzigen Sammelband auch die ästhetische Frage an vielen Stellen behandelt wird. Denn – und da hatte Helmut Kleine-Kraneburg mit seiner Bemerkung auf dem Podium unbedingt Recht – die Frage nach der Schönheit des Gebauten und der Gestaltung der Stadt war lange Zeit geradezu verpönt, wurde als Nicht-Kategorie ge- und verschmäht.

Cover des Essaybands aus dem Wagenbach Verlag
Ob das neue Buch eine höchst notwendige, unbedingt gebotene Debatte zu Art und Qualität unseres Bauens befördert, vielleicht sogar beflügelt? Ob es diejenigen, die unbedingt all diese Fragen und Problemstellungen intensiv und konstruktiv erörtern sollten – und nicht nur das, natürlich nicht –, erreicht? Bei der Buchvorstellung im hellstrahlenden Atrium des Architekturmuseums wurde spitz bemerkt, dass kein Politiker den Weg ins DAM gefunden hatte, trotz wichtiger ausstehender Bau-Entscheidungen in der Stadt.
Was aber sagte Kleine-Kraneburg an einer Stelle, als es um positive Gegenstrategien zum mickrigen Befund ging? Wenn sich niemand verhört hat, ganz einfach: „Ich bin zutiefst optimistisch“. Schwang Ironie mit? Oder war es schlicht Pfeifen im Walde? Immerhin, zusammen mit Jens Jakob Happ steht er an der Spitze der Stiftung urban future forum. Sprich: Zukunft ist neben der Architektur ihr Metier. Vielleicht speist sich daraus die Zuversicht. Und die Energie für ein lesenswertes Buch.
→ Der Max-Beckmann-Preis 2025 ging an die Architektin Anna Heringer

