SCHWÄRMEN – Festivalthema der Biennale für aktuelle Musik 2026 cresc…
Schwärmen, Schwarmintelligenz und Ausschwärmen…
Ein kurzer Einblick von Petra Kammann
Man könnte förmlich ins Schwärmen geraten, schaut man sich das Programm der Biennale für aktuelle Musik 2026 (4. bis 15. Februar 2026) an. Faszinierend sind die Dynamiken, die zwischen Natur, Kunst und Gesellschaft entstehen und die Neues zu schaffen vermögen. Im kommenden Februar wird abermals eine Kooperation zwischen dem Ensemble Modern und dem hr-Sinfonieorchester – Frankfurt Radio Symphony stattfinden. Dabei werden sowohl große Orchesterliteratur, Kammermusik, Lied und Chorgesang, Jazz und Installationen aufeinandertreffen als auch spezifisch neue Klänge wahrzunehmen sein. Auf die neuen Ohren- und Augeneinddrücke darf man gespannt sein.

Dr. Susanne Völker, Geschäftsführerin Kulturfonds Frankfurt RheinMain, führte ein in das Thema „Schwärmen“, Foto: Petra Kammann
Die neue Geschäftsführerin Kulturfonds Frankfurt RheinMain Dr. Susanne Völker führt die Zusammenarbeit ihrer Vorgängerin Karin Wolff mit der cresc… Biennale dankenswerterweise fort. Thematisch geht sie mit ihrer Rede gleich medias in res und greift das Motto des Festivals auf:„Ein Schwarm besteht aus Individuen, agiert jedoch koordiniert. Seine Bewegungen bringen eine gemeinsame Ordnung in vermeintlich Ungeordnetes. Dieses Miteinander zur Grundlage der cresc… Biennale 2026 zu machen, bietet vielfältigen Raum für künstlerische Kooperationen, musikalische wie inhaltliche Verbindungen und regionale Vernetzung. Da kann man schon ins Schwärmen kommen …“, sagt sie aufmunternd zu Beginn der Pressekonferenz.
Doch nur kurz zurück zum Hintergrund der Biennale für Aktuelle Musik. Bereits seit 2011 bündeln herausragende Kulturinstitutionen der Region Frankfurt Rhein Main wie das Ensemble Modern und die Internationale Ensemble Modern Akademie (IEMA) sowie das hr-Sinfonieorchester gemeinsam mit der hr-Bigband ihre Kräfte. Im Anspruch sind sie sich einig. Sie wollen dem Publikum der Region herausragende Musik unserer Zeit präsentieren. Auf dieser Basis lässt sich mit wechselnden Thema nachhaltig weiterarbeiten.

Einleitende Worte von Christian Fausch (re), Künstlerischer Manager des Ensemble Modern, und von Michael Traub, hr-Musikchef und Manager des hr-Sinfonieorchesters, Foto: Petra Kammann
So entsteht alle zwei Jahre ein facettenreiches Programm mit aktuellen Musikströmungen und Schlüsselwerken des 20. und 21. Jahrhunderts bis hin zu Uraufführungen junger Komponist*innen, das neben Konzerten auch interdisziplinäre Formate umfasst, welche die Musik mit anderen Kunstformen und gesellschaftspolitischen Diskursen verbinden, wie eben 2026 unter dem Motto „Schwärmen“.

Dietmar Wiesner, Ensemble Modern-Flötist der ersten Stunde, bekommt von Christian Fausch was ins Ohr ‚gefl..tet’…
„Gerade in der Musik wird der Schwarm hörbar: Klänge verweben sich zu einem Organismus – zwischen Kollektiv und Individuum. Mit dem Festivalthema wollen wir erneut gesellschaftlichen Phänomenen und Fragestellungen mit Kreativität und Sinnlichkeit begegnen“, erläutert Christian Fausch, Künstlerischer Manager und Geschäftsführer des Ensemble Modern, während Michael Traub, hr-Musikchef und Manager des hr-Sinfonieorchesters, ergänzt: „Wir möchten, dass unser Publikum ins ‚Schwärmen‘ gerät in von unseren Musikerinnen und Musikern erzeugten Klanglandschaften zwischen Jazz, aktueller Musik, Chorgesang und Improvisation oder auch beim Erleben von begehbaren Installationen.“

Olaf Stötzler, Manager der hr-bigband, Foto: Petra Kammann
Manchmal schwärmen Menschen füreinander oder für etwas. Sie bewegen sich in Schwärmen, lassen sich von Schwarmintelligenz treiben und folgen dabei unsichtbaren Regeln, die eine kollektive Bewegung erzeugen und häufig eine große Faszination ausüben wie etwa Schwärme von Vögeln, Bienen oder Fischen, die wir als schön empfinden. Die Eleganz ihrer gleichzeitigen Bewegung ruft bei uns häufig Bewunderung hervor. Zunehmend nehmen wir heute aber auch die dahinterliegenden Algorithmen wahr.

Internationale Ensemble Modern Akademie (IEMA)- Geschäftsführerin Christiane Engelbrecht (re) setzt auf das Kontinuum von historischen und neuen Instrumenten, Foto: Petra Kammann
Und natürlich schwärmen in den beiden Februarwochen Menschen aus – Musiker*innen mit ihren Instrumenten und Künstler*innen aus – und das an insgesamt 12 Veranstaltungsorte der Rhein-Main-Region u.a. nach Darmstadt in die Centralstation, in das akustisch so fein gestimmte Casals Forum nach Kronberg und erstmals nach Bad Vilbel, ins VILCO, während es in der RheinMain-Metropole selbst in den hr-Sendesaal, in die KunstKulturKirche Allerheiligen, in den Mousonturm, in die Dornbuschkirche oder ins Frankfurt LAB geht, dem Ort für künstlerische Experimente und interdisziplinären Austausch in der Schmidtstraße.

Für Ensemble Modern-Pianist Hermann Kretzschmar stehen Steve Reich und Julian Prégardien im Fokus, Foto: Petra Kammann
Insgesamt wird es 2026 ganze 14 Uraufführungen geben. Beteiligte sind neben den Festivalausrichtern Ensemble Modern und hr- und IEMA u. a. die Dirigent*innen wie Brad Lubman und Lucie Leguay, auch der Komponist John Hollenbeck, der Frauenchor Trondheim Voices und die Synergy Vocals sowie junge internationale Musiker*innen und Komponist*innen des IEMA-Ensemble 2025/26 und des young_professionals-Programms.
John Hollenbeck hat zwar bereits schon früher für die cresc… Biennale komponiert und gemeinsam mit der hr-Bigband Konzerte gegeben. Doch ist die Zusammenarbeit mit den Trondheim Voices sowohl für Hollenbeck als auch für die hr-Bigband eine Premiere, auf die Fans sich freuen können. Weiterhin stehen Kompositionen auf dem Programm von: Miroslav Srnka, Conlon Nancarrow, Rebecca Saunders, Steve Reich, Georg Friedrich Haas, Alberto Arroyo, Eloain Lovis Hübner.

Im Pressegespräch wurde Julian Prégardien aus einer Münchner Probe live zugeschaltet
Einer der besonderen Gäste wird 2026 der Sänger Julian Prégardien (Tenor) sein, der – ganz in romantischer Tradition – zu einer besonderen Wanderung mit der „Winterreise“ quer durch Frankfurt einlädt. Dabei denkt er nicht nur an Schuberts berühmte Vertonung des Müller-Zyklus. Er taucht ein in die Geschichte der Musik bis ins 17. Jahrhundert, führt am 8. Februar die Teilnehmenden ins Nebbiensche Gartenhaus, ins Deutsche Romantik-Museum, nach Kronberg, aber auch an kritische reale urbane Gegenwartsorte, wo die Einsamkeit unübersehbar ist und wo die Musik die Kälte unmittelbar emotional spürbar macht.

Installationskünstlerin Justine Emard wurde aus Paris zugeschaltet, Foto: Petra Kammann
Eröffnet wird das Festival mit der Ausstellung „Intraorganism“ von Justine Emard in der KunstKulturKirche Allerheiligen in Frankfurt. Während des gesamten Festivals kann die experimentelle Multimedia-Installation dort bei freiem Eintritt besucht werden. Ein wirkliches Privileg, war Emard doch 2025 die künstlerische Leiterin der Dauerausstellung des französischen Pavillons auf der Weltausstellung in Osaka und außerdem noch auch für ein Projekt in Zusammenarbeit mit dem Massachusetts Institute of Technology (MIT) in der Villa Albertine in Boston und New York zu Gast.

Die Künstlerin und Kunstpädagogin Adriane Westerbarkey setzt auf Partizipation und Educationsprogramme, Foto: Petra Kammann
Mit der Projektmanagerin Ina Meinecke vom Ensemble Modern, die sich vor allen Dingen um die Bildungsprojekte in Frankfurter Schulen kümmert, arbeitet die Künstlerin und Kunstpädagogin Adriane Westerbarkey. Hier können sich Schüler zum Beispiel die im Biologie-Unterricht erworbenen Kenntnisse der Zellforschung zunutze machen. Durch das gemeinsame Ziehen an einem Strang entstanden im Kunstunterricht Filme, zu denen nun bis zur Aufführung einepassende Musik entwickelt wird. Für die beteiligten Schüler, die dann im Februar gemeinsam vor dem Publikum auftreten werden, zweifellos eine prägende Erfahrung.
Das Prinzip „Schwärmen“ prägt von Netzwerken über virale Trends bis hin zu ekstatischen Fankulturen somit auch soziale Dynamiken: „Schwärmen“ bedeutet nicht zuletzt so auch, Teil eines größeren Ganzen zu werden, mit allen Chancen und Risiken, die das mit sich bringt. Gerade in Zeiten fragilen gesellschaftlichen Zusammenhalts wird das Bild des Schwarms zum Spiegel unserer Gegenwart – und zur Utopie von Verbundenheit, was zwangsläufig auch Gefahren von Manipulation in sich birgt.
Die Musik als Resonanzraum des Schwarms aber lebt von kollektiver Organisation und individueller Stimme zugleich. „Wenn Klänge sich zu dichten Flächen verweben oder rhythmische Strukturen wie lebendige Organismen pulsieren, erscheint die Musik selbst als Superorganismus. Zugleich schwärmen wir für ein Werk, ein Ensemble, einen Klang; Musik als »Soundtrack des Lebens«, als emotionales Zentrum“, heißt es auf der Homepage des Ensemble Modern.
Vielleicht lassen sich die Gefahren durch genaues und bewusstes Hinhören ja auch besser entlarven … „New ears „and „new eyes“, ja, neue Ohren und Augen braucht das Land, vor allem als Gegenpol für die Zukunft mit Künstlicher, uns steuernder Intelligenz.
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