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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

25. Französische Filmwoche in Frankfurt: Enzo – Coming out of Age eines Teenagers der anderen Art

Ein besonderer Filmabend im Cinéma in Anwesenheit des Regisseurs Robin Campillo

Ein Gastbeitrag von Muriel Scheid

Gemeinsam mit Evelyne Freitag moderierte Muriel Scheid – beide von der Deutsch-Französischen-Gesellschaft (DFG) – am 21.11.2025 das Filmgespräch mit dem Regisseur Robin Campillo. „ENZO“ ist ein französisch-italienisches Drama über einen heranwachsenden Jugendlichen aus der französischen Oberschicht. Enzo bricht die Schule ab und beginnt eine Maurerlehre. Es entstehen Konflikte nicht nur auf der Baustelle, sondern auch mit den Eltern, die Enzos Berufswunsch nicht akzeptieren.

Muriel Scheid (DFG) im Interview mit dem französisch-italienischen Filmregisseur Robin Campillo im Cinéma, Foto: Julia Scheid

« T´es un p´tit bourge » sagt Enzos konservativer Vater zu seinem Sohn Enzo im gleichnamigen Film „ENZO“. Doch ist Enzo, der auf der Baustelle schuftet, obwohl er Privatschulen besuchen könnte, wirklich ein kleiner Bourgeois? Dieser und anderer Fragen stellte sich der Regisseur des Films, Robin Campillo, im Publikumsgespräch im Cinéma Am Roßmarkt. Es entstand eine lebhafte Debatte mit Robin Campillo über die gesellschaftliche Bedeutung von „Arbeit“, Aufstiegsmöglichkeiten im 21. Jahrhundert und die beruflichen Perspektiven von Jugendlichen im Digitalen Zeitalter.

Robin Campillo erklärte unumwunden, dass er Enzo, dargestellt vom vielversprechenden Nachwuchsschauspieler Eloy Pohu, tatsächlich als einen „Bourgeois“ sieht.  Enzos Leidenschaft für Baustellen sind nicht der Ausdruck einer aufrichtigen Liebe zum Handwerk. Es sind die maskulinen Körper der Bauarbeiter, die den Heranwachsenden anziehen. Vor allem der Körper von „Vlad“. Der attraktive ukrainische Bauarbeiter mit dem Lächeln eines Engels, glänzend verkörpert vom Laiendarsteller Maksym Slivinskyi, – übrigens im wahren Leben auch ein aus der Ukraine stammender Bauarbeiter – steht im Mittelpunkt von Enzos Fantasien.

Filmplakat zu Enzo

Enzo träumt davon, gemeinsam mit Vlad in den Krieg zu ziehen. Der Regisseur sah aber auch andere Anzeichen dafür, dass Enzo ein Kind seiner konservativen Eltern und sein Ausflug in die Arbeiterwelt nur vorübergehender Natur ist. Den Schikanen seines Chefs begegnet Enzo mit großbürgerlicher Herablassung. Auch sorgt sich Enzo um seine Hände, die von den Maurerarbeiten Schwielen davon tragen. Aus Sicht des Regisseurs ein Symbol. Die Sorge um den eigenen Körper und sein Wohlergehen sei nämlich ein Merkmal der französischen Bourgeoisie, erklärte Robin Campillo dem interessierten Publikum.

Der Charakter von Vlad ist dagegen sehr viel undurchsichtiger. Seine Sexualität – ist er homo-, hetero- oder bisexuell – und seine Einstellung zum Krieg in der ukrainischen Heimat bleiben ambivalent. Die Frage aus dem Publikum, ob Vlad sich zu dem jüngeren Enzo, der eindeutige homoerotische Neigungen zeigt, sexuell hingezogen fühlt, verneinte Robin Campillo.

Die Sexualität von Vlad habe keine Bedeutung für den Film. Der aus einfachen Verhältnissen stammende, und nach Frankreich immigrierte Vlad fühle sich geschmeichelt, dass der junge Franzose aus gutem Hause ihn anhimmele – so Robin Campillo. Vlad sei als Antagonist von Enzo zu sehen. Vlad schuftet auf dem Bau, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Abends kehrt er in eine dunkle enge Wohnung zurück. Den eigenen Körper kann Vlad nicht im heimischen Pool trainieren.

Von der Heimat trennen ihn tausende von Kilometern.  Im Film sagt Vlad zu Enzo „Wenn ich wohlhabende Eltern wie du hätte, würde ich ,nichts‘ tun oder ein ,business‘ machen.“ Business ist in den Augen von Vlad offensichtlich keine Arbeit. Vom Soldatenleben hat Vlad – im Unterschied zu Enzo –  keinerlei romantische Vorstellungen. Angesichts der bevorstehenden Einberufung hat er Angst um sein Leben.Robin Campillo wurde auch gefragt, warum die „Coming out of age story“ um die Themen „Arbeit“ und „Ausbildung“ kreisen. Sichtlich bewegt berichtete Robin Campillo, dass er mit ENZO den letzten Film seines Freundes Laurent Cantet beendete.

Muriel Scheid und Robin Campillo am Ende der gelungenen Veranstaltung, Foto: Julia Scheid

Der Regisseur und Drehbuchautor starb 2024, bevor die Dreharbeiten zu ENZO begonnen hatten. Das Drehbuch hatten Laurent Cantet und Robin Campillo gemeinsam verfasst. Die  Welt der Arbeit und die Themen  Schule und Ausbildung ziehen sich wie ein roter Faden durch das Werk von Laurent Cantet, der 2008 mit der Goldenen Palme von Cannes für „Entre les Murs“ (dt. Titel „Die Klasse“) ausgezeichnet wurde. Die Drehbuchidee zu ENZO stammte von Laurent Cantet, weshalb die „Arbeit“ im Mittelpunkt stehe. Robin Campillo schloss damit, dass die Regiearbeiten zu ENZO ihm die Möglichkeit gaben, von seinem Freund Laurent Cantet Abschied zu nehmen.

→ 25. Französische Filmwoche in Frankfurt: Allons au cinéma !

 

 

 

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