„Wenn die ganze Welt Jean Paul läse!“ zum 200. Todestag des Dichters aus Wunsiedel im Frankfurter Goethe-Haus
Poetische und musikalische Kapriolen
Von Petra Kammann
Was für ein gelungenes Zusammenspiel der jungen Pianistin Maria Pia Vetro und der kenntnisreichen Musik- und Literaturwissenschaftlerin Ulrike Kienzle unter dem Thema „Wenn die ganze Welt Jean Paul läse!“, das im Arkadensaal von Romantik-Museum und Goethe-Haus stattfand. Der Zitatgeber Robert Schumann hatte seinen Jean Paul gelesen und sich von der Lektüre seiner Romane Siebenkäs und Flegeljahre zu den schillernden Kompositionen Blumenstück und Papillons inspirieren lassen. Weniger bekannt ist sicher der Klavierzyklus des ungarischen Komponisten Stephen Heller zum Siebenkäs und noch viel weniger die ‚Jeanpauliana‘ von Hugo Riemann für das Pianoforte zum Roman Flegeljahre, das die brillante Pianistin Vetro zu Gehör brachte. Eine echte Entdeckung!

Musikalisch-literarischer Dialog zwischen der Pianistin Maria Pia Vetro und der Musik- und Literaturwissenschaftlerin Ulrike Kienzle, Foto: Petra Kammann
Neugierig gemacht durch Hermann Hesse, einem begeisterten Jean Paul-Leser, beschäftigt sich auch der Frankfurter Künstler Helmut Werres seit vielen Jahren mit dem Dichter Jean Paul und seinen Texten. Allerdings zeichnerisch. Wie Werres bekennt: „Ein bisschen aus Verlegenheit: ich hab‘s nie geschafft, beim Lesen seiner Erzählungen und Romane in den ,Flow‘ zu kommen. Also bin ich auf die Zeichnung ausgewichen, in der Hoffnung, ihm damit näher zu kommen.“ 24 der Arbeiten, die so entstanden, zeigte er anlässlich des 200. Todestages des Dichters am 14. November 2025 in der Galerie 57 im oberfränkischen Wunsiedel, der Geburtsstadt Jean Pauls. Dort waren Werres-Zeichnungen zu sehen wie: „Seelengemach“, „Weltschmerz“, „Morgenentzückung“ oder „Donnerwettermännchen“, die sich an Wortschöpfungen des Dichters entlanghangeln.
Das filigrane Porträt, das Werres von Jean Paul strichelte, lässt etwas von der Komplexität und der in sich gerundeten Doppelgesichtigkeit des Dichters erahnen, das sich auch in der Musik widerspiegelte, die im Arkadensaal des Freien Deutschen Hochstifts in Frankfurt durch die junge Pianistin und Stipendiatin der Richard-Wagner-Stiftung Maria Pia Retro zu erleben war. Sie meisterte an diesem Abend mit Bravour auch so manchen Höllenritt auf der Tastatur, während Ulrike Kienzle mit teils spitzbübischen Kommentaren und Lektüreauszügen die Kompositionen sinnvoll untermauerte.

Die junge Pianistin Maria Pia Vetro spielte durch Jean Paul inspirierte Musikszenen, Foto: Petra Kammann
Der Autor Jean Paul, bekannt für seine humorvollen und oft fantastischen Erzählungen, mit dieser Mischung aus Poesie und philosophischen Überlegungen, aus Alltäglichem und Grotesken, der eine soeben erzeugte „himmlische Heiterkeit“ blitzschnell mit bitterbösem Spott überziehen konnte, war zu seiner Zeit ein Publikumsliebling. Er wurde damals mehr gelesen als Schiller und Goethe, geriet dann aber erst einmal in Vergessenheit, weil er sich weder als Klassiker noch als Romantiker einordnen ließ und in kein Schema passte.
Jean Paul – eigentlich Johann Paul Friedrich Richter – wurde am 21. März 1763 als Lehrer- und Pfarrersohn in der Kleinstadt Wunsiedel im Fichtelgebirge geboren. Schon früh zeigte der junge Johann Paul, der älteste von vier Brüdern, Interesse für Literatur und Sprachen. Mit dem frühen Tod des Vaters im Jahr 1779 geriet die Familie aber schon kurz darauf und zunehmend in eine finanzielle Schieflage. Das Theologiestudium, das er an der Universität Leipzig begonnen hatte, musste er daher aus schierer materieller Not aufgeben, obwohl er um diese Zeit schon ein erstes schriftstellerisches Werk veröffentlicht hatte.
Nach entbehrungsreichen Hungerjahren lebte er bei seiner Mutter im oberfränkischen Hof und bestritt zehn Jahre lang seinen Lebensunterhalt mehr schlecht als recht als Hauslehrer in kleinen Orten der Umgebung, gab aber nie auf. Als Hommage an den französischen Denker Jean-Jacques Rousseau französisierte er seinen Namen und entschied sich als Jean Paul für eine freie Schriftstellerexistenz. Für seine satirischen Skizzen – ganz im Geiste der Aufklärung – fand er zunächst zwar kaum Verleger, was ihn aber nicht davon abhielt, immer weiter zu schreiben. In seinen Schriften berichtet er auch von seinen Jahren als Lehrer und verwebt dabei empfindsame, satirische, psychologische, bisweilen auch theologische Elemente.

Das von Helmut Werres gezeichnete Porträt Jean Pauls als Johannes der Täufer, Geltintenstift/Papier, 2019
Der dreibändige Roman Hesperus oder 45 Hundsposttage (1795) machte ihn schlagartig berühmt. Und es folgte schon bald darauf, 1796/97, der Siebenkäs-Roman (mit dem abenteuerlich genauen Titel: Blumen-, Frucht- und Dornenstücke oder Ehestand, Tod und Hochzeit des Armenadvokaten F. St. Siebenkäs im Reichsmarktflecken Kuhschnappel), der ebenfalls ein Publikumserfolg wurde. Gespickt mit satirischen und sozialkritischen Schilderungen beleuchtete Jean Paul darin die bürgerliche Gesellschaft.
Nach diesen Erfolgen verließ er die Enge seines Heimatländchens und machte sich auf Einladung der Freundin Schillers, der Frau Charlotte von Kalb, auf nach Weimar, wo er sich außerdem mit Herder und dessen Frau anfreundete. Von Goethe und Schiller indes wurde er am Ort der Deutschen Klassik wegen seines mangelnden Ernstes nicht gewürdigt. Nach mehreren Wanderjahren in Leipzig, Weimar, Berlin und anderen Städten, wo er vor allem die Bewunderung schwärmerisch-empfindsamer Verehrerinnen genoss, ließ er sich 1804 mit seiner inzwischen gegründeten Familie endgültig in Bayreuth nieder, wo er seine letzten Lebensjahrzehnte in relativ gesicherten Verhältnissen verbrachte.
Zu Beginn der Bayreuther Jahre entstand dann seine fiktive und unvollendet gebliebene Biografie Flegeljahre (1804/05), in der ein reicher Mann ein seltsames Testament mit aberwitzigen Auflagen aufgesetzt hat, das der Erziehung des Erben dienen soll. Die beiden Protagonisten, die ungleichen Zwillingsbrüder Walt und Vult, verkörpern mit ihren gegensätzlichen Charaktereigenschaften – Walt, der träumerisch-naive Idealist, und Vult dagegen der Zyniker mit Wirklichkeitssinn – die unterschiedlichen Facetten von Jean Pauls eigenen Erfahrungen und Ansichten. Und sie greifen auch das schon im Siebenkäs angelegte Doppelgänger-Motiv auf.

Dr. Ulrike Kienzle las passende Texte zu den ausgewählten Musikstücken, Foto: Petra Kammann
Jean Paul taucht in seinen Erzählungen seine Leser in die Wechselbäder der Gefühle aller Art. Jäh wird man von der wohligen Glückseligkeit durchgeschüttelt, „mit einem Humor“, so Kienzle, „der das soeben noch hitzig Umschwärmte sogleich im Eisbad der Satire abkühlt und uns ernüchtert zurücklässt.“ Und so lautet die zusammenfassende Schlussfolgerung der so kompetenten Literatur- und Musikwissenschaftlerin: „Wer ihn versteht, versteht auch das Leben“.
Unter den damaligen Zeitgenossen gab es einige Musiker, die Jean Paul mit Begeisterung lasen und ihn verstanden, nicht nur der bekannte Robert Schumann, der ihn zu seinem Lieblingsdichter kürte: „Wenn die ganze Welt Jean Paul läse, so würde sie bestimmt beßer, aber unglücklicher […]; aber der Regenbogen des Friedens u. der menschliche Geist schwebt immer sanft über alle Thränen; u. das Herz wird wunderbar erhoben u. mild verklärt,“ schrieb der Komponist über den Dichter, dessen empfindsame, geistreiche, humorvolle und zugleich ironische Romane den seelenverwandten Schumann zu allerlei poetischen und musikalischen Kapriolen inspirierten wie zum Blumenstück oder zu den flirrenden Szenen aus dem Papillons-Zyklus. Schumann habe nach eigenem Bekenntnis, so Ulrike Kienzle, mehr Kontrapunkt von Jean Paul gelernt als von Johann Sebastian Bach.
Übrigens war der Dichter Jean Paul auch in Frankfurt ein gern gesehener Gast, wo er bereits 1809 mit Freuden von der Frankfurter Museumsgesellschaft, einer Vereinigung kunstsinniger Frankfurter Bürger, als „Ehrenmitglied“ aufgenommen wurde. Dass die Museumsgesellschaft dem renommierten Wortkünstler, den vor allem die Frauen anhimmelten, sogar eine Leibrente von 1000 Gulden zukommen ließ, war für den armen Dichter zweifellos ein Glücksfall. So fand sein Besuch schließlich 1818 in Frankfurt statt. Dort konnte er „drei herrliche Zimmer“ beim Buchhändler Johann Friedrich Wenner in der Münzgasse bewohnen, gleich um die Ecke am Karmeliterkloster und befand sich im Zentrum des kulturellen Lebens der Stadt, wo parallel auch Peter Cornelius mit den zwölf berühmten Zeichnungen zu Goethes Faust beauftragt worden war. Detail am Rande: Nicht zuletzt flirtete er übrigens auch mit der von Goethe angebeteten „Suleika“ Marianne von Willemer … Aber das ist eine andere Geschichte.
Der ungarische, zunächst einige Zeit in Augsburg lebende Komponist Stephen Heller wiederum, drei Jahre jünger als Schumann, ließ sich von Jean Pauls Roman ‚Siebenkäs‘ zu einem originellen Klavierzyklus anregen, die als „Blumen-, Frucht- und Dornenstücke“ in Deutschland herauskamen. Sie spiegeln dessen Themen wider, die auch schon im Untertitel angedeutet sind. Stephen Heller lebte aber ab 1838 – fast ein halbes Jahrhundert lang – hauptsächlich in Paris, weswegen er dort bekannter wurde als in Deutschland. Da Jean Paul in Frankreich wiederum kein Begriff war, verpasste man dem Werk den nachträglichen Titel Nuits Blanches, also Weiße Nächte, und machte dadurch den Bezug zum unbekannten Jean Paul unkenntlich – eine Entscheidung des französischen Verlegers. In Paris knüpfte Heller wiederum freundschaftliche Kontakte zu Frédéric Chopin, Hector Berlioz und Franz Liszt und auch zu Heinrich Heine, deren Einfluss auch in seinen teils dramatisch virtuosen Kompositionen durchschimmert.
Der zweite Teil des Abends war Jean Pauls „Flegeljahren“ und damit den Protagonisten Walt und Vult, den ungleichen Brüdern, gewidmet, und damit auch Hugo Riemanns Jeanpauliana. Die Brüder streiten und vertragen sich, sie schreiben zusammen den Roman Hoppelpoppel, der niemals fertig wird, sie verlieben sich in dieselbe Frau. Das Spiel des Bruders verzaubert Sonnenaufgang und Abenddämmerung, es klingt von ferne über den Fluss, es jubelt brausend in einem Konzert. Der eine ist ein zarter, des Lebens unkundiger Dichter, der andere, ein weitgereister, pragmatischer Musiker. Die beiden verkörpern Licht und Schatten, Sonne und Mond, Gefühl und Verstand. So Kienzles Interpretation.
Der Musiktheoretiker und Lexograph Hugo Riemann hatte die ‚Jeanpauliana‘ für das Pianoforte mit elegischen Ruhepunkten und Echo-Tönen angelegt, gewissermaßen als Hommage an die „heilige Musik„, die sich auch wie ein roter Faden durch die dichterischen Texte zieht. Da wirkten – auch hier im präzisen und teils virtuosen Spiel der Pianistin – die langgezogenen Triller wie „funkelnde Kristalle“, denen kurz darauf dann wieder schnelle und ungestüme Passagen folgten, welche Hoppelpoppel charakterisieren.
Hinzukommt neben dem Doppel- und Gegengänger-Motiv, so Kienzle, eine weitere Obsession Jean Pauls ins Spiel: der Maskenball, der Larven-Tanz der auch Ausdruck in der Musik Schumanns findet, wie sie zitierte: „Ein Ball en masque ist vielleicht das Höchste, was der spielenden Poesie das Leben nachzuspielen vermag. Wie vor dem Dichter alle Stände und Zeiten gleich sind und alles Äußere nur Kleid ist, alles Innere aber Lust und Klang: so dichten hier die Menschen sich selber und das Leben nach – […] alles Feindliche und Freundliche wird in einem leichten, frohen Kreis gerundet, und der Kreis wird herrlich wie nach dem Sylbenmaß bewegt, nämlich in der Musik, diesem Lande der Seelen, wie die Masken das Land der Körper sind.“
Genau das war auch im differenzierten Spiel der Pianistin Maria Pia Vetro von Schumanns Papillons zu vernehmen: mal melancholisch und zart, mal temperamentvoll. Ein Tanz der kurzen, reizvollen Motive und melodischen Gestalten in immer neuen Verkleidungen in raschem Wechsel. „Die heilige Musik zeigt den Menschen eine Vergangenheit und eine Zukunft, die sie nie erleben.“

Begrüßung durch den Pianisten Burkhard Bastuck, der für die Reihe Lied & Lyrik verantwortlich zeichnet, Foto: Petra Kammann
Für den Abend im Arkadensaal hatte das literarisch-musikalische, sich gegenseitig ergänzende Duo Kienzle-Vetro geschickt die bekannteren und weniger bekannten pianistischen Kapriolen und Preziosen den Jean Paul’schen Romanen Siebenkäs und Flegeljahre zugeordnet und somit die im Romantik-Museum von Burkhard Bastuck konzipierte und betreute Reihe „Lied & Lyrik“ um einen erzählerischen Aspekt erweitert. In seiner Begrüßungsrede hatte der engagierte Jurist, Pianist und Vorsitzende der Frankfurter Museumsgesellschaft Bastuck zunächst einen „Literarisch-musikalischen Spaziergang“ angekündigt. Der jedoch weitete sich im Laufe des Abends förmlich zu einer musikalischen Reise aus.
Und uns, den Zuhörern und Zuhörerinnen, wurde an diesem bemerkenswerten Abend wegen der nicht so bekannten Komponisten und Kompositionen ein neuer musikalischer Kosmos eröffnet, entsprechend den anspielungsreichen Texten Jean Pauls durchaus ein ebenbürtiger. Die Poesie wie auch die Musik, sie spielen das Leben nach und zeigen das Seelendrama, das sich hinter den Maskeraden verbirgt.
