80 Jahre UNESCO: ein festlicher Erinnerungsakt in Kronberg
Die Akademie beschwört am Gründungstag das Vermächtnis des Welt-Musikers Pablo Casals
Von Uwe Kammann
Mit einem Festakt würdigte die Kronberg Academy am 16. November den Gründungstag der UNESCO vor genau 80 Jahren. Sie verband bei dieser Gedenkveranstaltung einen vorangehenden Gesprächspart mit einem nachfolgenden Konzert junger Studenten, das der künstlerische Leiter der Akademie, Friedemann Eichhorn, zusammengestellt hatte und in seinen Grundgedanken dem Publikum vorstellte. FeuilletonFrankfurt durfte die Veranstaltung begleiten.

v.l.n.r.: Begrüßung durch Raimund Trenkler, Jörg Süßenbach, Prof. Dr. Tiago de Oliveira Pinto, Dr. Christine Volkmann, Prof. Dr. Christoph Wulf, Foto: Petra Kammann
Höchst feierlich wurde der Gründungstag der UNESCO an diesem 16. November 1945 in London in London begangen, mit großer Würde und hohem Ernst wurde die Urkunde der Verfassung dieser Organisation der ja ebenfalls erst in der Nachkriegszeit gegründeten Vereinten Nationen, der UN, unterzeichnet. Das Buchstabenkürzel UNESCO steht für United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization, seine Großbuchstaben bilden im Logo die Säulen eines griechischen Tempels – dieses Bild ist für jeden ein so anschauliches wie prägnantes Programm, das allerdings zuerst an klassische europäische Bildung gemahnt.

Friedemann Eichhorn, der Künstlerische Leiter der Kronberg Academy, Foto: Andreas Malkmus
Dabei ist das Ziel allerdings viel weiter gefasst und gerade heute immer auch weltumspannend zu verstehen, verbunden mit der erklärten Verpflichtung, in größtmöglicher Vielfalt alle Kulturen einzubeziehen, um damit – über die Brücke einer internationalen Zusammenarbeit in Bildung, Wissenschaft, Kultur und Kommunikation – zur Erhaltung des Friedens und der Sicherheit beizutragen. „Die multilaterale Zusammenarbeit in den Mandatsbereichen der UNESCO“, so heißt es im Auftaktkapitel der Präambel der Deutschen UNESCO-Kommission, „soll weltweit die Achtung von Recht und Gerechtigkeit, die Menschenrechte und Grundfreiheiten stärken“. Die Bundesrepublik Deutschland trat übrigens am Juli 1951 der UNESCO bei, die DDR wurde 1972 Mitglied.
Bei der Kronberg Academy, die sich grundlegend auch als Brückenbauer versteht – international ausgerichtet, die universale Sprache der Musik in immer neuen Facetten fördernd und mit dem immer noch neuen Casals Forum ein hochattraktives Schaufenster bespielend – ist ein solcher Festakt sicher gut aufgehoben, zumal hier inzwischen auch einer der 16 deutschen Lehrstühle der UNESCO installiert ist, wahrgenommen von Prof. Tiago de Oliveira Pinto, der hier zu den Grundfragen des musikalischen Erbes der Welt forscht und dies lehrend vermittelt.

UNESCO-Lehrstuhlinhaber Tiago de Oliveira Pinto zitiert den Benjamintext über das Klee-Bild Angelus novus. Auf der Bühne: Oliver Neubauer, Karolina Aavik und Clara Yuna Friedensburg, Foto: Petra Kammann
Zudem hatten junge Musiker der Akademie im vergangenen November eine besondere Brücke zum heutigen Standort der UNESCO in Paris geschlagen, mit einem Young Artists Concert for Peace. Gespielt wurde dort im 1958 eingeweihten Hauptquartier, dessen damals hochmoderne Betonsprache des berühmten italienischen Architekten Pier Luigi Nervi lange mehr als umstritten war und von Parisern leidenschaftlich abgelehnt wurde.
Diese und andere Auseinandersetzungen oder umstrittene politische Entscheidungen – wie der Austritt Israels und der USA – hätten vielleicht im Diskurs-Auftakt (Motto: “Erinnerung – Dialog – Visionen“) des Festaktes zumindest angeschnitten werden können, doch erschöpfte er sich in geschlossenen Vorträgen der drei Podiumsgäste, welche die hauptsächlichen Aufgabengebiete der Organisation skizzierten.
Wer erwartet hatte, dass die seit 2018 in diesem Amt agierende Präsidentin der Deutschen UNESCO-Kommission, die ehemalige CDU-Politikerin Maria Böhmer, den Festakt beehrt hätte, sah sich enttäuscht. Dass der auf dem Podium vertretene Vizepräsident, Prof. Dr. Christoph Wolf, es versäumte, die als Gast anwesende Vorgängerin Böhmers und langjährige deutsche UNECO-Präsidentin Prof. Dr. Verena Metze-Mangold zu begrüßen, löste erkennbar manches Stirnrunzeln aus.

Die frühere UNESCO-Präsidentin Prof. Dr. Verena Metze-Mangold und Prof. Dr. Christoph Wulf, Foto: Petra Kammann
Ebenso, dass dieses besondere Datum des 16. November nicht in zwei weitere Zusammenhänge gestellt wurde: Es wurde nämlich von der UNESCO vor dreißig Jahren auch zum „Tag der Toleranz“ erklärt, um mit dieser Erinnerung an den Gründungstag im weltweiten Appell für ein menschenwürdiges Zusammenleben mit unterschiedlichen Kulturen, Religionen und Menschen einzutreten.
Nicht zuletzt ist der 16. November mit einem weiteren wichtigen Akt verbunden. Denn exakt an diesem Tag, und zwar 1972, wurde das Übereinkommen zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt – als World Heritage Convention – von den Mitgliedstaaten der UNESCO verabschiedet. Dieses zentrale Übereinkommen wurde inzwischen von über 190 Staaten ratifiziert, mit dem Ziel, Natur- und Kulturgüter von außergewöhnlichem universellem Wert als Teil des gemeinsamen Erbes der Menschheit für zukünftige Generationen zu erhalten.
Auch dieses Erbe-Ziel – von Christoph Wulf in seiner Aufgaben-Skizze als erster von vier Punkten genannt (dazu gehören Bildung, Wissenschaftsethik, Multilateralität) – wäre sicher eine kurze Diskussion wert gewesen. Denn es wird allgemein am häufigsten mit der UNESCO in Verbindung gebracht (oft unter touristischer Perspektive). Doch ist es nicht selten umstritten, welche Entscheidungen der zuständigen Komitees in manchen Fällen (bei Drohung des Titelentzugs) als willkürliche Bevormundung gewertet werden, so prominent in Dresden und Naumburg.

Jeffrey Ching-Uraufführung mit v.li.: Pauline van der Rest, Oliver Neubauer, Sào Soulez Larivière und Clara Yuna Friedensburg, Foto: Andreas Malkmus
Doch Umstrittenes blieb ausgespart an diesem späten Sonntagnachmittag, den Raimund Trenkler, Gründer und Intendant der Kronberg Academy, in seiner Begrüßung mit dem immer wieder berührenden Bezug zu den Grundgedanken des großen Cellisten Pablo Casals eröffnet hatte. Zu dessen humanistischem Vermächtnis die Überzeugung gehöre, dass Kunst, Menschlichkeit und der Respekt vor der Natur untrennbar verbunden seien. Wobei gerade der Musik ein besonderer Rang und Wert zuzumessen sei, als „Medium der Verständigung – über Sprachen, Kulturen und Grenzen hinweg“, so Trenkler. Der Festakt (ermöglicht durch die Kronberg Academy Stiftung in Kooperation mit der Deutschen UNESCO-Kommission) solle in diesem Sinne „ein Zeichen setzen für interkulturellen Dialog und Zukunftsvertrauen“.
Was je von Casals über Musik als universelle Menschheitssprache formuliert wurde, das lösten im zweiten Teil des Festaktes – im von Friedemann Eichholz konzipierten und erklärend begleiteten, dazu mit philosophischen Zitaten angereicherten Konzert – die fünf jungen Musikerinnen und Musiker in einer Weise ein, die das Publikum sicht- und hörbar beglückte. Ja, so uneingeschränkt euphorisch muss man es sagen, um die eindrückliche Wirkung dieser knapp eineinhalbstündigen künstlerischen Darbietung zu würdigen.
Speziell die langsamen (Largo-)Sätze aus je einem Beethoven- und Schostakovic-Klaviertrio (opus 70 Nr. 1; Ne. 2 e-moll opus 67) verströmten eine geradezu überirdische Schönheit, ließen gebannt den Atem anhalten. Die Interpretation durch Oliver Neubauer (Violine), Clara Yuna Friedensburg (Violoncello) und Carolina Aavik (Piano) hätte nicht intensiver sein können, feinfühlig bis in die kleinste Nuance – und ungewöhnlich „reif“ für diese so jungen Absolventen der Akademie.
Diese Attribute galten und gelten aber auch für die anderen Ensemble-Solisten (ist der Ausdruck gestattet?), die mit einer ungewöhnlichen Piazolla-Version, einer gleichsam schwebenden Uraufführung des 60jährigen Jeffrey Ching und dem abschließenden berühmten „Song of the Birds“ von Pablo Casals das Konzert des Festaktes zu einem wahren, zu einem unvergesslichen Fest für die Ohren machten. Kein Zweifel, auch die weiteren beiden Namen werden in Zukunft mit großer Sicherheit auf den Plakaten internationaler Konzertsäle zu lesen sein: Pauline van der Rest (Violine) und Sào Soulez Larivière (Viola). Es scheint, als gehe von der Akademie-Ausbildung in Kronberg ein Zauber aus, der die Musik von innen heraus strahlen lässt, im großen Spektrum von anmutig bis feurig.
Erstaunt waren dabei sicher manche Gäste, dass der Bechstein-Saal – im Unterschied zum instrumental geschwungenen Konzert-Herzstück des Forums der oft zitierten ‚Schuhkarton‘-Form gehorchend – einen ebenso überzeugenden Raumklang vermittelt: mit einer einzigartigen Präsenz, die analytische Klarheit mit intensiver Wärme verbindet.

Eine Rose für die fabelhaften Nachwuchsmusiker und -Musikerinnen, Foto: Petra Kammann
Die Kombination solcher Eigenschaften ist auch dauerhaft der Arbeit der UNESCO zu wünschen – in einer Zeit, die an vielen Orten der Welt den Gedanken multilateral geteilter Werte und der internationalen Verständigung vermissen lässt, in der Brücken zerstört und Menschenrechte mit Füßen getreten werden.
Unter diesen sich noch verstärkenden negativen Vorzeichen bot die jetzige Gründungsfeier in Kronberg – also nicht im politisch weit repräsentativerem Berlin – eine Zuversichts-Utopie in einer kleinen feinen Nussschale. Anscheinend so klein und fein, dass die Deutsche UNESCO-Kommission sie auf ihrer Webseite nicht einmal als besondere Feier zum Gründungstag erwähnte. Doch das werden die Kronberger Festgäste verschmerzt haben. Nicht zuletzt, weil das musikalische Festmenü noch lange nachwirken wird.
