„Tiere sind auch nur Menschen. Skulpturen von August Gaul“. Das Liebieghaus präsentiert Skulpturen von August Gaul
Faszinierende Formensprache des beliebtesten Tierbildhauers
Von Hans-Bernd Heier
Die Liebieghaus Skulpturensammlung widmet dem Bildhauer August Gaul eine große Sonderausstellung, die den Künstler als einen der ersten modernen Bildhauer Deutschlands in seiner ganzen Bandbreite präsentiert. Unter dem Titel „Tiere sind auch nur Menschen. Skulpturen von August Gaul“ zeigt das Museum rund hundert Tierplastiken Gauls im Dialog mit Skulpturen aus drei Jahrtausenden. Die Themen reichen von der Tierverehrung im Alten Ägypten und den Mischwesen der griechischen Mythologie über Haustiere im Alten Rom bis hin zum Tier in der christlichen Ikonografie. Erstmals und fast vollständig zeigt die Ausstellung die bedeutende Frankfurter Privatsammlung von Carlo Giersch und wird durch exzellente Leihgaben aus Berlin, Hamburg, Hanau und Leipzig ergänzt.

Adler mit seinen Schwingen derzeit am Liebieghaus, Foto: Petra Kammann
Die beeindruckende Präsentation erstreckt sich über fast alle Bereiche des Liebieghauses und setzt Gauls Werk in einen facettenreichen Dialog mit der Sammlung. Ein besonderer Höhepunkt ist der überlebensgroße Adler im Museumsgarten, den der Künstler ursprünglich für das Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmal in Berlin geschaffen hat.
Anders als die traditionellen heroischen Darstellungen ist der Vogel hier im Landeanflug auf sein Nest zu sehen – ein eindrucksvolles Beispiel für Gauls künstlerisches Programm, das natürliche Verhalten des Tieres an Stelle seiner politischen Symbolik zu setzen. Seine Arbeit knüpft dabei an zeitgenössische naturwissenschaftliche und tierpsychologische Forschungen, etwa von Charles Darwin, an. Besonders deutlich wird dies in der Gegenüberstellung von Gauls Porträt Orang-Utan-Kopf „Jumbo“ (1895) mit einem antiken Bildnis des römischen Kaisers und Philosophen Marc Aurel (169 n. Chr.).
Eigenständige, bewegende Tierplastiken wie hier der Orang-Utan-Kopf, gegenüber antiken Skulpturen, Foto: Petra Kammann
Die Ausstellung zeigt Gauls Werk im Kontext seiner Verbindung von Kunst und Wissenschaft und beleuchtet zugleich gesellschaftlich relevante Fragestellungen seiner Zeit. „Das Bild des Tieres wird um 1900 zum Experimentierfeld der Moderne. Junge Bildhauer wie August Gaul suchten nach neuen Formen für ihre Kunst und erfassten Tiere nicht länger als Symbole von Mythologie, Christentum oder politischer Herrschaftsansprüche, sondern als existierende und fühlende Wesen – künstlerisch auf Grundformen reduziert, von stiller Präsenz geprägt und zugleich präzise beobachtet“, so Dr. Philipp Demandt, Direktor der Liebieghaus Skulpturensammlung.

Direktor von Liebieghaus und Städel Philipp Demandt bei der Betrachtung der Löwen, Foto: Petra Kammann
„Gauls Skulpturen verbinden Zärtlichkeit mit strenger Klarheit. Zum ersten Mal in der europäischen Kunstgeschichte zeigt er das Tier als eigenständiges Individuum“, ergänzt Prof. Vinzenz Brinkmann, Kurator der Ausstellung und Leiter der Antikensammlung des Skulpturenmuseums. „Eingebettet in die historische Sammlung des Liebieghauses spürt man die Lebendigkeit der Tiere und zugleich die meisterhafte Präzision der Formen, mit der Gaul die Natur auf moderne Weise erfasst“. Diese hat auch das Sammler-Ehepaar Karin und Carlo Giersch begeistert, die vermutlich die umfangreichste unter den zahlreichen Privatsammlungen mit Werken des Tierbildhauers besitzen. Die Kollektion wird zur großen Freude des Sammler-Paares nahezu vollständig im Liebieghaus gezeigt.
Prof. Vinzenz Brinkmann vor Gauls unmittelbar eindrucksvoller Orang-Utan-Statue, Foto: Petra Kammann
August Gaul (1869–1921) markiert den Beginn der modernen Plastik in Deutschland. Mit seinen Tierdarstellungen befreit er das Motiv von jahrhundertealter Symbolik und entwickelt eine neue bildhauerische Formensprache, die weit ins 20. Jahrhundert hineinwirkt. Die Ausstellung lädt dazu ein, Gauls Modernität anhand von rund hundert Werken aus Bronze, Keramik und Marmor zu entdecken. Neben eindrucksvollen, lebensgroßen Skulpturen von Löwen und Menschenaffen richtet Gaul den Blick auch auf Tiere, die zuvor in der Kunst kaum Beachtung fanden, wie etwa Esel, Gänse oder Enten.
Das Motiv der Nähe zwischen Mensch und Tier zieht sich wie ein roter Faden durch den gesamten Rundgang. Bereits in der Populärkultur zu Gauls Lebzeiten fand dieses Thema vielfach Niederschlag: Margarete Steiff erfindet den Teddybären, und Rudyard Kiplings „Dschungelbuch“ prägt über Generationen hinweg die Vorstellung von Mensch und Tier im Kontext von Überleben und Wildnis. All dies reflektiert die Faszination einer Epoche, in der das Tier zum Spiegelbild des Menschen wurde. Den Abschluss bildet eine mediale Installation mit Tierdarstellungen aus sozialen Netzwerken, die den Blick auf das heutige Verhältnis von Mensch und Tier eröffnet.
Eines der Zitate von Max Liebermann über August Gaul begleitet die Ausstellung, Foto: Petra Kammann
August Gaul wurde am 22. Oktober 1869 in Großauheim bei Hanau geboren und begann seine Ausbildung an der königlich-preußischen Zeichenakademie in Hanau. 1888 zog er nach Berlin, wo er als Meisterschüler des Bildhauers Reinhold Begas (1831–1911) tätig war. Sein Leben fällt in eine Zeit tiefgreifender politischer und wirtschaftlicher Umbrüche – vom Deutsch-Französischen Krieg über die Gründung des Deutschen Reiches bis zum Ersten Weltkrieg –, deren Spannungen subtil in seinem Werk mitschwingen.
Bereits 1890 gewann Gaul eine Dauerkarte für den Berliner Zoo, wo er in den frühen Morgenstunden Löwen, Orang-Utans, Pinguine und andere Tiere skizzierte. Diese präzisen Beobachtungen bilden die Grundlage seines Lebenswerks. Gaul zeigt Tiere nicht länger als Symbole von Macht oder Herrschaft, sondern als eigenständige, fühlende Wesen. Dies wird besonders in der „Stehenden Löwin“ (1899–1900) sichtbar, deren sorgender Ausdruck und harmonische Formensprache eine bisher in der europäischen Tierplastik selten gesehene emotionale Tiefe offenbaren. Mit dieser Skulptur gelang Gaul sein künstlerischer Durchbruch.

Spielende Bären und Katzen gehörten zu Gauls Motiven, Foto: Petra Kammann
Die Ausstellung beginnt mit der Porträtbüste von „Jumbo“ (1895), einem Orang-Utan aus dem Leipziger Zirkus, und greift so das zentrale Motiv der Nähe zwischen Mensch und Tier auf. Im Ägyptischen Saal treten Gauls Plastiken neben heilige Tiere wie den Stier (Apis) oder die Katze (Bastet). Das von Gaul entwickelte Motiv des Eselreiters (um 1907) vermittelt spielerische Nähe und unterläuft auf humorvolle Weise die heroische Tradition antiker Reiterstandbilder. Ein großer Eselsreiter kann – kostenlos – im Vorgarten des Städel-Museums bewundert werden.
Bereits in der Antike verband der Mensch Tiere mit göttlicher Kraft oder mythologischer Bedeutung, wie die heiligen Tiere des Alten Ägypten zeigen: Stiere, Paviane, Krokodile, Skarabäen, Widder, Ibisse und Falken wurden verehrt, einbalsamiert und in aufwendigen Ritualen behandelt. Die Ausstellung positioniert Gauls Skulpturen neben diese historischen Traditionen und macht deutlich, dass Tiere seit jeher sowohl als Spiegel menschlicher Vorstellungen als auch als eigenständige Wesen wahrgenommen wurden.

Dass Tiere eine Seele haben, beschäftigte den Bildhauer ebenso wie kleine Tierquäler, Foto: Petra Kammann
„Gauls Monumentalplastiken verdeutlichen seine Fähigkeit, Tiere emotional aufgeladen und gleichzeitig naturgetreu darzustellen. Während etwa die Löwen von August Kraus herrisch wirken, erscheinen Gauls Stehende Löwinnen nachdenklich, souverän und nahbar“, so Brinkmann. Auch der Adler für das Kaiser-Wilhelm Nationaldenkmal oder der Bärenbrunnen von 1904 zeigen Größe, Humor und Zuneigung und unterstreichen Gauls meisterhafte Beobachtungsgabe. „Seine Tierplastiken vereinen präzise Naturbeobachtung, historische Kenntnis, literarische Inspiration und modernen künstlerischen Ausdruck zu einem einzigartigen Erlebnis, in dem Tiere greifbar, präsent und fühlbar werden“, sagt Jakob Salzmann, Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Liebieghauses Skulpturensammlung. Mit der sehr sehenswerten Schau wird „ein bedeutender Künstler und ein vielschichtiges Sujet auf eindrucksvolle Weise neu entdeckt“, so Dr. Susanne Völker, Geschäftsführerin des Kulturfonds Frankfurt RheinMain.

Social-Media-Station – auf dem Bildschirm kann man heutigen Umgang mit Tieren verfolgen, Foto: Petra Kammann
Die großartige Schau „Tiere sind auch nur Menschen. Skulpturen von August Gaul“, die von der Stiftung Giersch, dem Kulturfonds Frankfurt RheinMain, dem Städelschen Museums-Verein, der Frankfurter Volksbank Rhein/Main, Kristine & Matthias Meckert gefördert wird, ist bis zum 3. Mai 2026 im Liebieghaus zu bewundern.



