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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Eine grandiose Choreografie von Anne Teresa De Keersmaeker und Radouan Mriziga zu Vivaldis „Vier Jahreszeiten“

Fliegende Pirouetten, rhythmisches Steppen

Von Simone Hamm

Anne Teresa De Keersmaeker und Radouan Mriziga zeigen am Tanzhaus nrw ihre sehr eigenwillige Interpretationen von Vivaldis „Vier Jahreszeiten“. Sie unterlaufen die Erwartungen des Publikums an die getanzte Version dieses Barockjuwels von der ersten Minute an.

Nassim Baddag, José Paulo dos Santos, Bostjan Antoncic, Foto Anne Van Aerschot

Denn zu Beginn ist da nichts als eine kalte, leere Bühne. An den dunklen Wänden flackern helle Neonröhren. Der Tänzer Bostjan Antoncic kommt auf die Bühne, blickt starr ins Publikum, bewegt seine Arme, als wolle er fliegen, klappert laut mit den Zähnen. Nassim Baddag, Lav Crncevic und José Paulo dos Santos kommen hinzu. Sie tragen Boxer-, oder Trainingshosen und wirkten sehr sportlich. Wenn sie nicht hauchzarte Oberteile aus Gaze trügen… Sie tanzen ohne Musik.

Das tanzhaus nrw in Düsseldorf ist ein internationales Zentrum für zeitgenössischen Tanz, Akademie und Spielstätte. Das Konzept dieses Tanzhauses, junge Ensembles und bekannte Choreografen einzuladen, die Eintrittspreise moderat zu halten und eine fantastische Sicht von allen Plätzen zu bieten, geht auf.

Antonio Vivaldis „Vier Jahreszeiten“, so beschreibt Vivaldi selbst es in seinen Sonetten, das sind  zwitschernde Vögel, murmelnde Bäche und sanfte Winde im „Frühling“; erdrückende Hitze, Donner und Blitze, die das große Korn niederschlagen, im „Sommer“; Bauern, die die Ernte feiern, bis sie betrunken hinwegdämmern, eine  herbstliche Jagd, gejagte Tiere im „Herbst“; schneidender Wind, Zittern und Zähneklappern im „Winter“.

Anne Teresa De Keersmaeker und Radouan Mriziga lassen uns zunächst einmal lange warten, bis dann erst – vereinzelt – Musik aus den „Vier Jahreszeiten“ erklingt. Sie beginnen mit dem „Herbst“. Dann aber fliegt Lav Crncevic in Pirouetten und Spiralen über die Bühne. Was für ein Moment! Seine Bewegungen sind kraftvoll, wenn sich sein rosa Mantel aus Chiffon bauscht  und sehr zart, wenn er sich in kleinen Kreisen dreht. Crncevic ironisiert diesen Tanz: manchmal bellt er ein bisschen.

Boštjan Antoncic, Lav Crncevic, José Paulo dos Santos, Nassim Baddag, Foto: Anne Van Aerschot

Die französische Violinistin Amandine Beyer und das von ihr gegründete Ensemble Gli Incogniti interpretieren Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ leuchtend, schnell und sehr kraftvoll. Manchmal steppen die Tänzer mit den Füßen den Rhythmus der Musik, die erst später erklingt. An diesem Abend ist Rhythmus alles, und alles ist Rhythmus.

Nassim Baddag dreht sich auf dem Kopf und verdreht die Schultern verbiegt seinen Körper. Das sind gekonnte Artistik und fließender Tanz in einem. Streetdance trifft auf Ballett. In Vivaldis „Sommer“ ist er kühn und schnell tanzt er mehr auf dem Kopf als auf den Füßen, im darauf zum zweiten Mal erklingenden „Herbst“ verlangsamt er diese Bewegungen, bis es fast so aussieht wie ein Tanz in Zeitlupe.

José Paulo dos Santos, Lav Crncevic, Foto: Anne Van Aerschot

José Paulo de Santos mit seinem muskulösen, schönen Körper, seinem Hüpfen und Springen ist Energie pur. Und doch sind seine Schritte immer graziös.

Die Tänzer verausgaben sich vollkommen. Sie könnten unterschiedlicher nicht sein. De Keersmaeker und Mriziga setzen auf diese Individualität. Die vier Männer sähen im Sommer, ernten im „Herbst“ und gleiten im „Winter“ in Schlittschuhen übers Eis. Dort laufen sie ins Gegenlicht und ein Gedicht der dänisch-somalischen Künstlerin Asmaa Jama erklingt:

„Es ist mitten im Winter und die Sonne geht nicht unter / sie versengt den Boden, / jeder Tag ist so lang wie hundert Tage, und ich sitze auf der Erde / und warte auf die Nacht.“

Und damit endet ein sehr ungewöhnlicher, einfach atemberaubender Tanzabend, der jeden Moment spannend blieb. Und man versteht, warum Anne Teresa De Keersmaeker im Oktober mit dem Praemium Imperiale, dem „Nobelpreis“ für Künstler, ausgezeichnet wurde.

 

 

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